Insel ohne Meer von John Christopher

Buchvorstellungund Rezension

Insel ohne Meer von John Christopher

Originalausgabe erschienen 1965unter dem Titel „A Wrinkle in the Skin“,deutsche Ausgabe erstmals 1966, 192 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Hans-Ulrich Nichau.

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In Kürze:

Erdbeben gigantischen Ausmaßes verändern über Nacht das Gesicht der Erde. Eine Katastrophe bricht über die Menschheit herein.Matthew Cotter auf der britischen Kanalinsel Guernsey überlebt. Er stellt bei seinem ersten Erkundungsgang fest: Städte und Dörfer sind in Trümmer gesunken – kein Stein blieb auf dem anderen. Schließlich kommt er an die Küste der Insel. Aber wo ist das Meer? Er sieht nur Felsen und Sand. Das Meer ist verschwunden.Cotter macht sich auf den Weg ins Unbekannte. Er will hinüber nach England, mitten durch den Kanal. Damit beginnt für ihn eine Reihe gefährlicher Abenteuer.Es ist eine Zeit, wo jeder für jeden zum mörderischen Feind wird. Cotter muß um seine bloße Existenz kämpfen. Aber er kämpft auch dafür, daß in einer Zeit des Chaos die Menschlichkeit nicht untergeht.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Nach der Apokalypse: die Barbarei“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Guernsey ist die zweitgrößte jener Inseln, die als Besitz der britischen Krone vor der englischen Küste und schon in Sichtweite Frankreichs im Kanal liegen. Hier hat sich Matthew Cotter eine Existenz als Gärtner aufgebaut. Sein ruhiges Leben wird eines Nachts beendet, als ein gewaltiges Erdbeben die Insel erschüttert. Nicht nur Guernsey ist betroffen. Als Cotter sich aus den Trümmern seines Hauses befreit hat, muss er feststellen, dass sich das Meer zurückgezogen hat und das Festland zu Fuß erreicht werden könnte.

Die meisten Inselbewohner sind umgekommen. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten; offensichtlich wurde die gesamte Erde durch die Naturkatastrophe verheert. Die wenigen Überlebenden auf Guernsey versammeln sich um Joe Miller, der rücksichtslos das Kommando an sich reißt und schon für eine Zukunft nach dem großen Knall plant. Wie ein vorzeitlicher Häuptling organisiert Miller seinen ´Stamm´, teilt die gebärfähigen Frauen kräftigen Männern zu und duldet keinen Widerstand.

Cotter, der zunächst froh darüber war, nicht allein dazustehen, beginnt Miller zu verabscheuen. Zusammen mit dem 10-jährigen Billy Tullis, der bei dem Erdbeben seine Familie verlor und von Miller gerettet wurde, will er den Marsch aufs Festland wagen, seine Tochter suchen und dem Despoten Miller entkommen. Die Flucht gelingt, aber die bizarren und grausamen Erlebnissen auf dieser Reise in ein in die Barbarei zurückgefallenes England lassen Cotter bald wünschen, den zweifelhaften Schutz von Guernsey niemals aufgegeben zu haben …

Die Welt geht immer wieder unter

Die Briten sind ein Volk, das stolz auf seine Eigenheiten ist. Dazu gehören ein besonders trockener bis schwarzer Humor und die Liebe zu Untergangs-Szenarien. Seit H. G. Wells die Marsianer über England herfallen ließ, wiederholte sich die Apokalypse quasi regelmäßig. Mal fiel der Mond in den Ozean, der daraufhin die Zivilisation von den britischen Inseln spülte (R. C. Sheriffs, „The Hopkins Manuscript“, dt. „Der Mond fällt auf Europa“), dann wuselten genmutierte Mordpflanzen durch ehrwürdige Grafschaften (John Wyndham, „The Day of the Triffids“, dt. „Die Triffids“), oder Außerirdische kletterten mit finsteren Absichten aus den Tiefen des Atlantiks (noch einmal John Wyndham, „The Kraken Wakes“, dt. „Kolonie im Meer“ / „Der Krake erwacht“).

John Christopher versuchte gleich mehrfach und mit einer Getreidepest („The Death of Grass“, dt. „Das Tal des Lebens“), einer neuen Eiszeit („The World in Winter“) oder – im vorliegenden Roman – mit einem monströsen Erdbeben seinen Landsleuten den Garaus zu machen. In der Tradition dessen, was Brian W. Aldiss als „gemütliche Katastrophengeschichte“ bezeichnete, bricht das Verderben erstens plötzlich und zweitens über ganz normale Durchschnittsmenschen herein. Zwar lebendig aber praktisch mit leeren Händen stehen sie nun da und müssen die Krise meistern.

Wobei Christopher das „gemütlich“ aus seinen apokalyptischen Visionen energisch streicht. Wie er, der Weltwirtschaftskrise, Zweiten Weltkrieg und Kalten Krieg als Zeitgenosse und teilweise hautnah miterlebte, das Lern- und Anpassungsverhalten des Menschen beurteilt, wirft ein düsteres Licht auf unsere Spezies.

Radikales Weltende ohne Lehreffekt

Dass England in der Realität jemals von Erdbeben der vom Verfasser beschriebenen Stärke heimgesucht wird, ist denkbar unwahrscheinlich. Dies war in den 1960er Jahren längst und auch Christopher bei der Niederschrift seines Romans bekannt – ein Indiz dafür, dass für ihn die eigentliche Katastrophe Nebensache ist. Dafür spricht ebenfalls, dass Christopher sich eine Beschreibung der wohl weltweiten Verwüstungen spart und sich auf einen kleinen Ausschnitt beschränkt. (Guernsey wählte der Autor übrigens als Handlungsort, weil er viele Jahre auf dieser Insel gelebt hat.) Der Untergang ist ihm MacGuffin im Hitchcockschen Sinn – ein Vorwand, der den Rahmen für die Darstellung dessen schafft, was den Autoren eigentlich interessiert.

Christopher geht es um das Verhalten von Menschen. Er nimmt sich die Zeit, das Leben vor dem Ende zu beschreiben. Im Wissen um den Untergang wirken die Rituale des modernen Alltagslebens ebenso nichtig wie liebenswert. Matthew Cotter ist kein ´Macher´, sondern ein kleiner Gärtner, den seine Nachbar gern mit einer alleinstehenden Witwe verkuppeln mochten. Auf sein Überleben nach dem Zusammenbruch würde man nicht unbedingt wetten.

Aber Cotter verfügt über eine Eigenschaft – oder besser: Nicht-Eigenschaft -, die ihn retten wird: Er hängt nicht allzu sehr an den Werten der ´alten´ Welt, die er deshalb abschütteln kann, wo andere Menschen erstarren, der Vergangenheit nachtrauen und auf Hilfe von außen warten, bis es zu spät ist. Nur seine Liebe zur verschollenen Tochter kann Cotter nicht aufgeben, und exakt dies wird ihn mit einem Grauen konfrontieren, das er sich durch den endgültigen Schnitt hätte ersparen können.

Anpassen – herrschen – unterwerfen

Das Überleben folgt nach Christopher archaischen Regeln. Der Mensch ist unter einer dünnen zivilisatorischen Tünche immer noch das Produkt einer Vorzeit, in der das Wort und die Waffe des Stärkeren die Primär-Geltung hatte. Ohne Kultur und Technik bricht die Bestie auf breiter Front wieder durch.

Während Cotter auch in der Krise menschliche Werte hochhält, schlägt nach der Tag X die Stunde der Despoten. Christopher unterscheidet zwischen brutalen Egoisten, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen, und dabei schwächere Personen unter ihre Gewalt bringen, und wohlwollenden Tyrannen, die einen ´Stamm´ um sich scharen und das Weiterleben nach ihren Vorstellungen organisieren.

Cotter steht zwischen Herrschern und Untertanen. Obwohl er die Zügel in die Hand nehmen könnte, weigert er sich, ein Lager zu wählen. Durch Intelligenz und ein Einfühlungsvermögen, in das sich eine hohe Dosis Opportunismus mischt, kann Cotter sich die neuen Häuptlinge und Warlords eine Weile vom Hals halten. Die Entscheidung wird dadurch nur aufgeschoben – irgendwann muss Cotter Farbe bekennen.

Ein nicht goldener aber möglicher Mittelweg

Dieser Lernprozess wird ihn zeichnen. Christopher stellt Cotter nie als klassischen Helden dar. In eindeutiger Kenntnis des Zwangs, mit dem „König Miller I.“, wie er ihn ironisch nennt, über ´seine´ Untertanen herrscht, verweigert Cotter die Konfrontation. Stattdessen setzt er sich in der Nacht heimlich ab und nimmt darüber hinaus ein Kind mit auf eine gefährliche Odyssee mit ungewissem Ausgang.

Billy ist nicht nur Identifikationsfigur für jüngere Leser. Er begleitet und verkörpert Cotters Weg zur Erkenntnis. Auf seiner von Anfang an sinnlosen Suche nach der Tochter setzt er das Leben eines buchstäblich greifbaren Menschen, der auf seine Solidarität angewiesen ist, aufs Spiel. In der ultimativen Krise sind keine Visionäre, sondern Realisten gefragt, die sich mit den Gegebenheiten arrangieren. Am Ende hat Cotter seine Lektion gelernt und seinen eigenen Weg in die Zukunft gefunden. Er wird der Not gehorchen, sich ihr jedoch nicht beugen. Auf diese Weise verbindet er Realitätssinn mit Zivilisation, schafft sich eine Lebensperspektive und erspart dem Leser ein unrealistisches Happy-End, sondern schließt eine trotz des Themas ´stille´ aber spannende Geschichte zufriedenstellend ab.

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