Nocturnes von John Connolly

Buchvorstellungund Rezension

Nocturnes von John Connolly

Originalausgabe erschienen 2004unter dem Titel „Nocturnes“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 413 Seiten.ISBN 3-548-26412-3.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

In zwei Novellen und 13 Kurzgeschichten erkundet Connolly, sonst als Meister des psychologischen Thrillers bekannt, die Abgründe nicht nur menschlicher Seelen. Klassische Schreckensgestalten werden neu interpretiert, neue Kreaturen gesellen sich zu ihnen, zwischen ihnen sitzen überforderte Durchschnittsmenschen in der Falle und müssen sich dem Horror stellen. Das geschieht erschreckend überzeugend und gerät so spannend, dass ";Nocturnes” schon jetzt zu den Buchhöhepunkten des phantastischen Lesejahres 2007 gezählt werden kann.

Das meint phantastik-couch.de: „Das Böse hat unendlich viele Gesichter“95

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • „;Der Krebscowboy reitet” (The Cancer Cowboy Rides), S. 5-83: Die moderne Pest hat Köpfchen und lässt ihren unglücklichen Wirt dafür sorgen, dass stets frische Opfer ihren tödlichen Weg kreuzen …
  • “;Mr. Pettingers Dämon” (Mr. Pettinger’s Daemon), S. 84-99: Gräbst du unter einer alten Kirche nach einem Geheimnis, kann es sein, dass es sich dir entgegen wühlt …
  • „;Der Erlkönig” (The Erlking), S. 100-110: Er haust im Wald, hat Kinder zum Fressen gern und lässt sich gar nicht gern um sein Opfer betrügen …
  • “;Die neue Tochter” (The New Daughter), S. 111-125: Elfen mögen klein sein, sind aber gar nicht niedlich & gehen des Nachts gern auf Kinderfang …
  • „;Das Ritual der Knochen” (The Ritual of the Bones), S. 126-140): Der englische Arbeiter ist nicht nur das Salz, sondern auch das Blut der Erde, das die Oberschicht zur Wahrung ihrer Privilegien lieber vergießt als den eigenen Lebenssaft …
  • “;Der Heizungskeller” (The Furnace Room), S. 141-154: Der Eingang zur Hölle ist für manchen Sünder näher, als er sich vorstellen mag – bis es zu spät ist …
  • „;Die Hexen von Underbury” (The Underbury Witches), S. 155-198: Eine echte Hexe ist durch ihren Tod nicht aufzuhalten …
  • “;Der Affe auf dem Tintenfass” (The Inkpot Monkey), S. 199-210: Ein bisschen Blut im Austausch gegen Tinte, die Bestseller entstehen lässt? Der erfolglose Schriftsteller denkt nicht lange nach, doch sein dämonischer Helfer hat eigene Pläne …
  • „;Treibsand” (The Shifting of the Sands), S. 211-225: In diesem Küstenstädtchen halten sich die Bürger lieber an ihre seit Urzeiten bekannten Götter, auch wenn hier und da ein Menschenopfer fällig wird …
  • “;Manche Kinder laufen aus Versehen weg” (Some Children Wander by Mistake), S. 226-237: Der Zirkus kommt in die Stadt, und als er sie verlässt, hat er eine neue Attraktion …
  • „;Dunkles Grün” (Deep Dark Green), S. 238-247: Manches Übel ist nicht dadurch zu stoppen, dass man es zu ertränken versucht …
  • “;Miss Froom, Vampirin” (Miss Froom, Vampire), S. 248-260: Vampire sind gar keine garstigen Untoten, erfährt ein verliebter Jüngling; nur neigen sie leider zur Lüge …
  • „;Nocturne” (Nocturne), S. 261-273: Wie kämpft man gegen einen Mörder, wenn dieser längst tot ist aber nicht in Frieden ruhen mag?
  • “;Die Wakefordschlucht” (The Wakeford Abyss), S. 274-288: Meidet diesen Ort, warnt der alte Bauersmann, was zwei wackere Wanderer natürlich nicht abhält, genau dorthin zu gehen – mit den üblichen Folgen …
  • „;Das spiegelnde Auge” (The Reflecting Eye: A Charlie Parker Novella), S. 289-410: Ein ertappter Kindermörder meint den idealen Zufluchtsort gefunden zu haben, doch der Teufel ist einfallsreich, wenn es gilt, ihm zustehende Sünderseelen einzutreiben …

“Böse„ bedeutet zunächst einmal “anders„

John Connolly gehört zu den großen Stars des aktuellen Buchthrillers. Seine Romane um den vom Schicksal hart geprüften Privatdetektiv Charlie “;Bird” Parker gehören zu den modernen Klassikern ihres Genres. Selten gelingt es einem Schriftsteller – zumal auf dem gern verachteten Sektor der Unterhaltung – so gut, die dunklen Seiten der Psyche in Worte zu fassen.

Dabei sieht Connolly das Böse als reale Kraft, die nicht zwangsläufig dem menschlichen Hirn entspringt, sondern in einer Sphäre außerhalb der Welt, wie wir sie kennen, beheimatet ist. Immer wieder entstehen „;Portale”, durch die es in Gestalt von Dämonen und anderen Kreaturen der Finsternis ins Diesseits vordringen, wobei diese Durchgänge oft in den Köpfen derjenigen Zeitgenossen entstehen, die wir als Sadisten oder Serienmörder bezeichnen. Hier scheint der Durchbruch einfacher zu sein, da es zwischen diesen Unmenschen und den Kräften von “;draußen” eine eigene Affinität zu geben scheint: „;Es gibt Mythen, und es gibt die Realität. Wir erschaffen Ungeheuer und hoffen, dass die Moral, die in den Geschichten verpackt ist, uns leiten wird, wenn wir dem größten Schrecken im Leben begegnen. Wir geben unseren Ängsten falsche Namen und beten, dass wir möglichst nichts Schlimmes erleben werden als das, was wir selbst erschaffen haben.” (S. 101) Was geschieht, wenn diese Rechnung nicht aufgeht, beschreibt der Autor in den hier vorgelegten Storys.

Diese eigenwillige Definition des Bösen belegt, dass Connolly den Thriller mindestens so liebt wie die Phantastik. In der Tat schreibt er schon seit vielen Jahren Kurzgeschichten um Gespenster und Gruselwesen, die er u. a. auf seine Website gestellt hat. Mit dem Erfolg der Charlie-Parker-Serie wuchs das Interesse an diesen Storys, aus denen sich womöglich ebenfalls Profit schlagen ließ. In seinem Nachwort erläutert Connolly, wie die ehrwürdige BBC ihn beauftragte, für eine Reihe von Grusel-Hörspielen Vorlagen zu schreiben – ein Vorhaben, das von großem Erfolg gekrönt und wiederholt wurde. Neun der hier versammelten Geschichten gehen auf diese Projekte zurück. (Eine Forderung scheint übrigens gewesen zu sein, dass diese Storys in den Jahren nach dem “;Großen”, d. h. dem I. Weltkrieg von 1914-18, spielen, als die klassische angelsächsische Geistergeschichte ihre letzten Höhepunkte erreichte.)

Horror klassisch & modern

„;Erinnert an Stephen King – aber Connolly schreibt besser”, liest man auf der Rückseite des Buchumschlags. Es ist eine dieser wie gekauft wirkenden, völlig nutzlosen “;Kritiken”, der man in einem Punkt indes zustimmen kann: Storys wie „;Der Krebscowboy reitet” oder “;Der Erlkönig” lesen sich in der Tat wie vom Horrorkönig aus Maine verfasst. Das bedeutet freilich nicht, dass Connolly diesen imitiert, sondern bezieht sich auf die Meisterschaft, mit der es ihm gelingt, das Grauen in einer ansonsten fast aufdringlich durchschnittlichen Alltagswelt zu erden. Connollys Kreaturen drängt es nicht zur Weltherrschaft. Sie tun, was sie tun müssen, und haben die Regeln der Welt, in die es sie verschlagen hat, gut begriffen: Verhalte dich unauffällig, meide das Licht der Öffentlichkeit, vergreife dich an denen, die niemand vermisst.

In unserer unmittelbaren Nachbarschaft gibt es diffuse aber sehr aktive Wesen, die unsere Ahnen noch sehr gut kannten und fürchteten, während wir „;modernen” Menschen nicht mehr an sie glauben. Eine Ausnahme gibt es: Kinder besitzen in ihrer “;irrationalen” Unschuld einen besonderen Sinn für diese Eindringlinge. Deshalb schweben vor allem sie in Gefahr. Nicht weil sie „;wissen”: Diesen Kreaturen ist es gleichgültig, ob man an sie “;glaubt”. Sie „;sind” – und sie nutzen die Chancen, die ihnen die ihre Anonymität bietet (“;Treibsand”, „;Dunkles Grün”, “;Die Wakefordschlucht”). So breitet sich das Böse nicht unbedingt aus; es fristet sein Dasein und richtet örtlich begrenzt seinen Schaden an, bis es entdeckt aber nicht unbedingt unschädlich gemacht wird.

Dabei nimmt es viele Gestalten an. Viele sind klassisch: Gespenster („;Nocturne”), Hexen (“;Die Hexen von Underbury”), Vampire („;Miss Froom, Vampirin”), Dämonen (“;Mr. Pettingers Dämon”), das „;kleine Volk”, das so gar nichts gemeinsam hat mit den liebenswerten Elfen, wie wir sie heute “;kennen” („;Die neue Tochter”). “;Der Erlkönig” ist die weitere Variante einer Natur, deren Palette des Lebens weitaus breiter ist, als wir Menschen wissen oder wissen möchten. Wie es eine gute Gruselgeschichte auszeichnet, kommt der Schrecken manchmal umso besser an, wenn er mit grimmigem Humor dargeboten wird („;Miss Froom, Vampirin”, “;Der Affe auf dem Tintenfass”).

Wiedersehen mit einem guten Bekannten

Die Fans der erwähnte Charlie-Parker-Serie wird aufhorchen lassen, dass Connelly seinen „;Nachtstücken” – so die Übersetzung von “;Nocturnes” – eine bisher unbekannte, 120-seitige Novelle um seinen beliebten Anti-Helden beifügt. Sie verschärft die Neuorientierung der Reihe, die viele Leser, die Connolly als Meister des Psychothrillers schätzen, vor ein Problem stellt: Charlie Parker bekommt es als Detektiv nicht mehr nur mit „;normalen” Kriminellen, sondern mit den Ausgeburten des Jenseits’ zu tun. Diese Wendung ist nicht ohne Risiko, da Connolly damit zwischen den Stühlen steht: Rationale Krimi-Freunde und Geisterfans stehen meist in unterschiedlichen Leser-Lagern. Allerdings hält Connolly die Balance auf dieses Messers Schneide mit erstaunlicher Souveränität. “;Das spiegelnde Auge” spielt kurz nach den Ereignisse des vierten Romans (dt. „;Die weiße Straße”) und ist daher ein wichtiger Mosaikstein, der dem düsteren Universum des Charlie Parker eine weitere Fassette hinzufügt. “;Das spiegelnde Auge” ist außerdem die mit Abstand beste Geschichte dieser Sammlung. Sie spielt in der Gegenwart, der Connolly meisterhaft die Regeln der phantastischen Literatur anzupassen weiß, und komplettiert den rundum positiven Eindruck dieser ";Nocturnes”, die zu den angenehmen Überraschungen gehören, die das noch junge Buchjahr 2007 den deutschen Gruselfreunden bieten konnte.

Ihre Meinung zu »John Connolly: Nocturnes«

Stefan83 zu »John Connolly: Nocturnes«02.09.2012
Ein Abend am Lagerfeuer. Ein düsterer Wald. Ein Kreis aus nebeneinander sitzenden Freunden, welche der undurchdringlichen Dunkelheit den Rücken zukehren. Ein wirklich stimmungsvolles Bild, aber auch eins, das in Zeiten von Computerspielorgien und Facebook-Partys Seltenheitswert besitzt und an dem sich wohl nur noch Nostalgiker oder verklärte Romantiker erfreuen können. Zum Glück aber gehöre ich dieser aussterbenden Gattung an, der noch ein Fünkchen Fantasie geblieben ist und die eine gut erzählte Horrorgeschichte vor entsprechender Kulisse zu schätzen weiß. Wenn man dann gleich 15 dieses Kalibers in die Finger bekommt – umso besser.

„Nocturnes“ von John Connolly reiht sich, nachhaltig beeindruckend, in die Liste meiner Horrorfavoriten ein und nimmt damit Platz neben Genre-Größen wie Algernon Blackwood, Edgar Allan Poe oder Stephen King. Die Befürchtung, der irische Autor könne seine Wortgewalt nur über größere Distanz zur Geltung bringen, erweist sich bereits mit der ersten Geschichte aus dieser Anthologie als unbegründet. Der „Krebs-Cowboy“ ist nicht nur einer der widerlichsten Bösewichte seit langem, sondern auch derart bizarr und furchterregend, dass man sich unwillkürlich selbst nach Geschwüren abtastet und sich am Körper Gänsehaut breitmacht. Krebs als durch Berührung übertragbare Krankheit? Ein schrecklicher Gedanke und gerade wohl deswegen so beängstigend für den Leser, dem der fiktive Horror plötzlich sehr real vorkommt. Sicherlich, Connollys Stil erinnert hier (oder z.B. auch in den Geschichten „Treibsand“ oder „Manche Kinder laufen aus Versehen weg“) stark an Altmeister King, ahmt diesen vielleicht sogar stellenweise nach – Connollys eigener Ton, sein Hang zur Mystik, wird dadurch aber nicht verwässert. Im Gegenteil: Eindrücklich stellt er hier sein Können unter Beweis, seine Fähigkeit, mit den Besten des Genres auf Augenhöhe zu konkurrieren. Und dabei zeigt er sich zudem als äußerst vielseitig und wortgewandt.

Brutalen, blutigen Horror findet man hier ebenso vor wie klassische Gothic-Geschichten, bei dem auch Freunde des viktorianischen Zeitalters und des altmodischen Grusels voll auf ihre Kosten kommen. In „Die Hexen von Underbury“ vergisst man beinahe glatt, dass hier ein moderner Schreiberling am Werk gewesen ist, derart „very british“ wirkt diese stimmungsvolle Erzählung, die immer wieder augenzwinkernd Bezug auf Meisterdetektiv Holmes und seinen Freund Dr. Watson nimmt. Und wenn der Ermittler, wie in den Sümpfen Dartmoors, im dichten Nebel zwischen Büschen Bewegungen ausmacht, ihn unsichtbare Finger tastend im Nacken berühren, packt man die Seiten unwillkürlich fester. Connolly dosiert in richtigem Maße, setzt jeden Satz an die richtige Stelle und nimmt den Leser mit geschickt geführter Feder gefangen. Selbst Schnellleser dürften sich jetzt dabei ertappen, wie sie das Tempo drosseln, um ja kein Wort zu überlesen bzw. der angespannten Atmosphäre nicht den sehnlichst erwarteten Effekt zu nehmen.

Am Ende gibt es natürlich meist, so verlangt es das Genre, kein Happy-End. Und selbst ein kurzfristiger Triumph wird noch auf den letzten Seiten mit bitterem Geschmack versetzt. Das Gute obsiegt letztlich nie, das Böse lauert in der Finsternis nur auf eine zweite Chance, um zuzuschlagen. Sei es in der tiefen Erde eines Grabhügels oder am Grunde eines nachtschwarzen Sees.

Hätte Connolly es bei 14 Geschichten belassen, „Nocturnes“ wäre schon ohne Frage ein sicherer, wärmstens empfohlener Tipp für Horror-Freunde geworden. Mit der 15. Erzählung erwartet den Leser dann aber noch ein besonderer Leckerbissen. In „Das spiegelnde Auge“ (eigentlich schon eine Novelle, die zeitlich zwischen „Die weiße Straße“ und „Der brennende Engel“ spielt) feiern wir ein Wiedersehen mit Charlie „Bird“ Parker, der dem Geheimnis eines alten Hauses nachgeht, das einst als Unterschlupf für die blutigen Praktiken eines gnadenlosen Kindesentführers gedient hat. Der Birdman, dem natürlich auch diesmal Louis und Angel zur Seite stehen, stolpert im Fall Grady dabei über einen Gegenspieler, der in den folgenden Parker-Romanen noch von größerer Bedeutung sein wird und der bezüglich seiner boshaften Ausstrahlung, den Vergleich mit Caleb Kyle oder Mr. Pudd nicht zu scheuen braucht.

Insgesamt ist „Nocturnes“, trotz der ein oder anderen schwächeren Story, eine lesenswerte, äußerst vielseitige Anthologie, in dem der Horror uns so mühelos gefangen nimmt, wie ihn Connolly scheinbar auf Papier gebracht hat. Klasse übersetzt, sprachlich wirklich stark, atmosphärisch allererste Kajüte – was mehr kann ein Freund dieses Genres verlangen?
Zoppo.Trump zu »John Connolly: Nocturnes«21.12.2008
Als passionierter Rollenspieler ( Cthulhu )bin ich immer auf der Suche nach Ideen für Abenteuer. Dieses Buch war dafür eine wahre Fundgrube. Viele der Geschichten lassen sich mit etwas Zeit und Muse in ein interessantes Abenteuer verwandeln.
Für mich eine sehr gelungene Sammlung von Kurzgeschichten, absolut empfehlenswert.
Frank zu »John Connolly: Nocturnes«06.05.2007
Es ist immer schwierig Kurzgeschichten zu beurteilen.Letztendlich bedingt durch die schwankende Qualität.In diesem Fall mal nicht.
Es gelingt dem Autoren eine gleichbleibend hohe Qualität aufrecht zu erhalten,und den Leser immer wieder neu zu überraschen.Mein persönliches Highlight war "Das Ritual der Knochen"...aber das mag jede(r)
für sich entscheiden.
95 %.
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