Traveler - Im Auge des Bösen von John Twelve Hawks

Buchvorstellungund Rezension

Traveler - Im Auge des Bösen von John Twelve Hawks

Originalausgabe erschienen 2012, 1406 Seiten.ISBN 3-442-47818-9.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Die Brüder Gabriel und Michael Corrigan sind Traveler, die letzten Nachkommen einer Riege von Propheten, die für die Freiheit und Unabhängigkeit der Menschen kämpfen. Doch Michael ist zur Bruderschaft der Tabula übergelaufen, die die gesamte Menschheit mit Hilfe eines globalen Überwachungssystems kontrollieren will. In einem atemberaubenden Showdown entscheidet sich schließlich der dramatische Kampf der Brüder, der Traveler gegen die Bruderschaft, für immer.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Immer tiefer in die lückenlose Überwachung“86

Mystery-Rezension von Eva Bergschneider

„Traveler – Im Auge des Bösen“ ist der Sammelband zur Verschwörungsthriller-Serie „Traveler“, „Das Duell der Traveler“ und „Das Finale“, den der Goldmann Verlag nun heraus gebracht hat. Erschienen ist die Trilogie bereits vor einigen Jahren, im Zeitraum 2005 – 2009. Doch bei der Lektüre dieses fast 1500 Seiten starken Werks beschleicht einen gerade in der jetzigen Zeit das Gefühl, dass dieser Stoff an Aktualität noch dazu gewonnen hat. Allein das ist Grund genug, noch einmal einen Blick auf das Gesamtwerk zu werfen, obschon wir bereits vor einigen Jahren eine Rezension zum Auftaktband veröffentlicht haben.

Ein aussichtsloser Kampf für die Freiheit

Harlequin Maya ist Kämpferin und Beschützerin der „Traveler“, jener Menschen, die sich in Parallelwelten begeben und so der Kontrolle des „Systems“ entgehen können. Sie steht allein, nachdem ihr Vater und ein „Doppelagent“ ermordet wurden und weitere Harlequin zum Feind übergelaufen oder abgetaucht sind. Am Ende des ersten Bandes ist es dem Traveler Gabriel nicht gelungen, seinen Bruder Michael, der ebenfalls in die anderen Sphären wechseln kann, auf die Seite der Rebellen zu ziehen. In letzter Sekunde entkommen er und seine Mitstreiter aus dem Firmenkomplex der Tabula, der selbsterklärten Überwacher der Menschheit. Nach der Flucht schließt sich Gabriel in London den „Freerunnern“ an, einer Gruppe von Menschen, die über Gebäude klettern und außerhalb des Systemrasters leben. Zugleich macht er sich auf die Suche nach seinem Vater, einem weiteren Traveler, der einst die kibbuzartige Gemeinschaft „New Harmony“ gründete. Doch mit Michaels Hilfe sind die Tabula kaum aufzuhalten. Sie vernichten diejenigen, die sich ihnen zu entziehen versuchen, sorgen dafür, dass in den Medien diese Morde als Suizide veröffentlicht werden. Zudem bauen sie ein „Schattensystem“ auf, in dem der Alltag eines jedes Menschen als digitale Simulation im Computer angelegt wird. Michael erhält in der Sphäre den Bauplan zu einem Quantencomputer, der derart riesige Datenmengen verarbeiten kann. Die Tabula schüren zudem Angst und das mit allen Mitteln.

Warum wir Verschwörungsthriller hinterfragen und lieben

Verschwörungsthriller funktionieren immer dann besonders gut, wenn wir uns, trotz mystisch verzerrter Historie oder phantastischer Zukunft, fragen: „Könnte ein wahrer Kern in der Verschwörungstheorie stecken?“

Nun, der Autor John Twelve Hawks scheint davon auszugehen, dass an den Machenschaften der Tabula etwas dran ist – oder er zelebriert eine wahrhaft abgefahrene Selbstdarstellung. Wie man in seinem Autorenportrait nachlesen kann, lebt auch er außerhalb des Systems und vermeidet jeglichen nachvollziehbaren Kontakt zur Außenwelt.

Die „Traveler“-Romane beinhalten im wesentlichen drei Kernhandlungen und drei Hauptprotagonisten stehen im Mittelpunkt: die Harlequin-Kämpferin Maya und die Traveler-Brüder Michael und Gabriel. Im Auftaktband erfahren wir ihre Lebensgeschichten, wie Maya von frühester Kindheit an von ihrem Vater mit nicht gerade sanften Methoden zum Harlequin erzogen wird und wie das ihre Persönlichkeit prägt. Eine ähnliche Kindheit erleben Michael und Gabriel, die mit ihren Eltern ständig auf der Flucht sind, bis sie ein einsames Farmhaus in Dakota beziehen. Dort leben sie ohne Strom und mit nur minimaler Verbindung zu anderen Menschen. Michael leidet darunter und wird später alles dafür tun, um anerkannt und erfolgreich zu werden, Gabriel flüchtet sich in Extremsportarten und existiert weiterhin außerhalb des Rasters.

Der zweite und dritte Band beschäftigen sich einerseits eingehender mit den Zielen der Tabula-Bruderschaft, dem Ausbau des lückenlosen Überwachungssystems und ihrem schleichenden Würgegriff nach den verbliebenen Freiräumen der Menschen. Andererseits mit dem mutigen, mit einfachen Mitteln geführten und ideologisch motivierten Kampf, den der Traveler Gabriel und seine Gefolgsleute der Bruderschaft entgegen setzen. Zudem erfahren wir mehr über die Beschaffenheit der Sphären, in die die Traveler reisen und welche metaphysische und symbolische Bedeutung ihnen zukommt.

„Traveler“ verknüpft Fiktion und Fakt auf eine Art und Weise, die den Leser in den Alltag begleitet, ihm nachhängt und gedanklich beschäftigt. Jeder elektronische Zahlungsvorgang, jeder Zugriff auf das Internet und jeder Kontakt mit einer Überwachungskamera lässt einen kurz inne halten. Man wünscht sich, dass einem nicht andauernd auf die Finger geschaut wird, dass man keine Spuren hinterlässt, die nachverfolgt werden können, ganz einfach Freiheit. Und das schafft John Twelve Hawks, indem er seinen Überwachungsstaat nicht mit utopischen Zukunftstechnologien aufbaut, sondern mit Tools und Techniken, die es entweder schon gibt (bzw. 2005 schon gab!) oder die sich in der Entwicklung befinden könnten. Man mag nachprüfen, ob der beschriebene technische Stand der Überwachungstechniken, seien es die RFID-Chips oder Spionagesoftware und Identifizierungstechniken, den Tatsachen entsprechen und wird feststellen, dass der Autor offensichtlich ein Fachmann auf dem Gebiet ist. Allein das erzeugt schon viel Spannung, aber auch der Freiheitskampf selbst weiß den Leser in Atem zu halten. Denn die Traveler-Rebellen kämpfen mitnichten nur mit übernatürlichen Kräften, sondern agieren als Untergrundkämpfer. Sie etablieren alternative Lebensentwürfe, wie „New Harmony“ oder die Freerunner-Bewegung. Auch die atem- und endlosen Verfolgungsjagden hinterlassen Gänsehaut. Immer an der Überwachung vorbei, stets mit der tödlichen Gefahr im Genick, Schusswaffe und Schwert stets einsatzbereit, und das Seite für Seite und vom Anfang bis zum Ende.

Die Charaktere sind ebenfalls ein Pluspunkt der „Traveler“ Romane. Als ein Prophet, ein Verräter und phantastischer Held wirken sie natürlich überzeichnet. Doch der Autor hat für jede seiner Figuren eine persönliche Geschichte, einen glaubwürdigen Hintergrund erdacht. Und so wirken nicht nur Maya, Gabriel und Michael, sondern auch Nebenfiguren wie Hollis und Vicky echt, man kauft ihnen ihre mutigen Taten ab. Vor allem weil ihre Aktionen nicht immer dem Harlequin-Codex entsprechen und nach Lage der Dinge unvernünftig, dafür aber menschlich sind.

Bleiben die metaphysischen Elemente, die Sphären. Oft betont der Autor, das es eigentlich nicht die Reisen in die Parallelwelten selbst sind, die den Traveler zum Heilsbringer machen, sondern die besondere Sicht auf seine eigene Welt, die er dadurch gewinnt. Diese Sphären sind keine Welten mit ganz anderen Naturgesetzen, sondern vielmehr als Resultate dessen konzipiert, was aus Gesellschaften wird, die von Neid, Angst, Hunger oder Selbstsucht determiniert werden.

So hat John Twelve Hanks diese Parallelwelten originell, mit zahlreichen kulturellen und religiösen Bezügen konzipiert, doch bleibt er hier auf halbem Weg stehen. Inwiefern, wäre zu viel verraten. Aber es sei angemerkt, dass man am Ende, nachdem sich die Traveler durch Hölle und Göttersphären hindurch gekämpft haben, als Leser etwas unbefriedigt zurückbleibt und in mancherlei Hinsicht nicht das erlebt, was der deutsche Titel des dritten Einzelbandes verspricht, ein Finale.

Und dennoch ist gerade dieses „Traveler“-Gesamtwerk wahrhaftige Kult-Mystery, ein visionäres Epos, das uns längst gläsern gewordenen Menschen der modernen Zivilisation den Spiegel vorhält. Dabei bleibt ein heutzutage äußerst populäres System, bestens geeignet zur totalen Überwachung und Aufzeichnung unserer Lebensgewohnheiten, vollkommen unerwähnt. Gemeint ist ein „Panopticon“ in Form eines sozialen Netzwerks, dem viele von uns ganz freiwillig private Daten, Kontakte und Fotos anvertrauen, dazu via Smartphone aktuelle Informationen, wo wir uns befinden, was wir dort machen und mit wem.

(Eva Bergschneider, Juni 2012)

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