Wenn der Krake erwacht von John Wyndham

Buchvorstellungund Rezension

Wenn der Krake erwacht von John Wyndham

Originalausgabe erschienen 1953unter dem Titel „The Kraken Waves“,deutsche Ausgabe erstmals 1961, 169 Seiten.ISBN 3518380354.Übersetzung ins Deutsche von Lothar Heinecke.

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In Kürze:

Die Invasion aus dem All beginnt dieses Mal in den Tiefen der Ozeane, wo sich die Fremden formieren, bis sie zum Schlag gegen die Menschheit ausholen ... – Spannende aber unverkennbare Nachschöpfung des Wellsches Klassikers „Krieg der Welten“, die als betont sachlich gehaltener Bericht den dargestellten Schrecken erfolgreich verstärkt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Fremde ist böse und lauert überall“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Wie viele andere außerirdischen Invasionen spielt sich auch diese zunächst im Verborgenen ab. Kein Wunder, halten sich die unerwünschten Besucher doch bevorzugt dort auf, wohin es den Menschen selten zieht – in die Abgründe der Weltmeere, wo sie sich in aller Ruhe häuslich einzurichten beginnen.

Nur zufällig gehört das Journalisten-Ehepaar Mike und Phyllis zu den Zeugen, die rund um den Globus Raumschiffe wassern sehen. Obwohl auch ihnen weder Politiker noch die Medien und nicht einmal die eigenen Kollegen Glauben schenken, halten die beiden in den nächsten Jahren Augen und Ohren offen, wenn sich auf den Ozeanen Seltsames ereignet. Daher rücken sie, die bisher heimlich oder offen verspottet wurden, plötzlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, als sich nicht länger leugnen lässt, dass Rätselhaftes vorgeht: Immer öfter verschwinden Schiffe spurlos auf hoher See, werden U-Boote und Kamerasonden in den Tiefen des Meeres offensichtlich systematisch ausgeschaltet, bevor sie etwas registrieren, und Unterwasser-Bomben unschädlich gemacht, bevor sie explodieren können.

Aus Verdacht wird dennoch erst Gewissheit, als gepanzerte, halborganische Maschinen aus dem Wasser steigen und Inseln und Küstenstädte überfallen. Fürchterlich rächen sich die Versäumnisse der Vergangenheit, als sich herausstellt, dass die Fremden sie konstruiert haben, um gezielt Menschen zu ´fischen´, die dann als schmackhafte Beute ins Meer verschleppt werden. Nach einer kurzen Schreckstarre beginnt die Menschheit sich erfolgreich wehren.

Zunächst sieht es aus, als könne man die Angreifer zurücktreiben. Tatsächlich ist es längst zu spät, die Invasion im Keim zu ersticken. Die Außerirdischen lernen rasch und meiden das für sie gefährliche Festland. Stattdessen zapfen sie das flüssige Feuer des Erdinneren an und beginnen damit, die Polkappen der Erde abzuschmelzen. Der Wasserspiegel der Weltmeere steigt, ganze Landstriche versinken, Millionen Menschen sind auf der Flucht, während sich der unsichtbare Feind erstarkt erneut aus den Fluten erhebt …

Moderner Krieg der Welten

„Wenn der Krake erwacht“ ist ein ´kleiner´ Klassiker der Science Fiction. John Wyndhams Roman erregte zu seiner Zeit Aufsehen erregte, fand in der lesenden Welt begeisterte Aufnahme und hinterließ darüber hinaus literaturhistorische Spuren, ohne allerdings in jene eher kleine Gruppe von Titeln zu zählen, die man als echte literarische Meilensteine des Genres bezeichnen und gelesen haben muss.

„Krieg der Welten“, 1898 von Herbert George Wells verfasst, war ein solcher Meilenstein. Er wird hier nicht ohne Grund genannt, ließ sich doch John Wyndham durch dieses Werk außerordentlich ´inspirieren´. Trotzdem ist „Wenn der Krake erwacht“ weit mehr als eine aktualisierte Neufassung des Invasions-Klassikers. Ohne dessen literarischen Qualitäten zu erreichen – H. G. Wells war nicht nur ein brillanter Geschichtenerzähler, sondern beherrschte das Schriftsteller-Handwerk deutlich besser als die meisten seiner Epigonen -, greift Wyndham die auch 1953 schon tüchtig strapazierte Mär von der Invasion aus dem All auf, um ihr zurückzugeben, was ihr nach allzu vielen „Bug-Eyed-Monster“-Groschengarnen verlorengegangen war: Ernst und (in angenehm erträglichen Maßen) Tiefgang.

Kühl aber trotzdem spannend

„Wenn der Krake erwacht“ scheint im Vergleich mit anderen Wyndham-Werken zunächst eine Sonderstellung einzunehmen. Der Tenor ist kühl, der Stil betont sachlich: „Wenn der Krake erwacht“ gleicht eher einem Tatsachenbericht als einem Roman. Andererseits wirkt das Buch durch die Distanz, die es vorgeblich zur eigenen Geschichte aufbaut, noch intensiver: Wyndham, Nachrichten-Fachmann wie seine beiden Protagonisten, weiß genau, welche Knöpfe er drücken muss, um sein Publikum in den Bann zu schlagen.

Der erste Teil mit seiner Schilderung des Tuns und Treibens außerirdischer Raumschiffe auf der Erde speist sich aus der zeitgenössischen UFO-Hysterie. Wyndham hat sehr genau recherchiert, was sich in den sechs Jahren bis zur Veröffentlichung seines Romans in Sachen „Fliegende Untertassen“ getan hatte. (Das erste UFO dieses Typs wurde bekanntlich 1947 ´gesichtet´.) Seine Zusammenfassung liest sich nicht nur spannend, sondern verschafft der Geschichte einen Start, der sie später leicht über einige Sandbänke im Erzählfluss trägt.

So lässt Wyndham uns stets im Dunkeln, wer die Erde eigentlich überfällt. Die Außerirdischen bekommen wir nie zu Gesicht. Wenn sie an Land steigen, sitzen sie in gepanzerten Kriegsgefährten. Wyndham unterstreicht einerseits das Fremde einer Lebensform, für die das Landleben tödlich ist. Mit diesem Gegner gibt es keine Gemeinsamkeiten und deshalb keine Möglichkeit einer friedlichen Verständigung. Gleichzeitig ist eine Gefahr umso furchtbarer, wenn ihr Verursacher kein ´Gesicht´ besitzt, sondern anonym und stumm bleibt: In ihn lassen sich bedrohliche Eigenschaften aller Art projizieren.

Spannung als Stütze der Warnung

Dazu kommt das in vielen zeitgenössischen Filmen konservierte Bild vom guten, alten England, das von skurrilen aber liebenswerten Menschen bevölkert wird, die dank einer guten Tasse Tee und des berühmten britischen Understatements noch jede Katastrophe überstehen: SF-Fachmann (und Landsmann) Brian W. Aldiss nannte Wyndham nicht umsonst den Meister der „gemütlichen Apokalypse“.
Diesen Begriff sollte man indes nicht gar zu wörtlich nehmen. Wyndhams Protagonisten verlassen ihre Heimatinsel, an andere Brennpunkte der Invasion zu besuchen und von dort zu berichten. Auch sonst greift Wyndham die Gegenwart (von 1953) sehr wohl auf: Briten, US-Amerikaner und Sowjets werfen nach der ersten Angriffswelle über diversen Meeresgräben Atombomben ab. Sie erzielen keinen Sieg, sondern provozieren stattdessen eine Eskalation der Gewalt. Wyndhams Sorge wird eindeutig: Ein Atomkrieg – geführt nicht mit Außerirdischen, zwischen den irdischen Atommacht – würde den bisher „kalten“ Krieg in eine globale Apokalypse umschlagen lassen.

Selbst die Vernichtung der Invasoren erweist sich bei Wyndham als Pyrrhus-Sieg: Die Erde ist verwüstet, die Menschheit auf ein Fünftel ihrer ursprünglichen Kopfstärke geschrumpft, und das Klima hat sich auf eine Weise geändert, die auch für die Zukunft keine Rückkehr zum Status Quo gestattet – eine Schlussfolgerung, die Wells 1898 mangels einschlägiger Kenntnisse noch nicht hatte ziehen können. (Der Zufall ermöglicht einen interessanten Vergleich: 1953 kam der Spielfilm „The War of the Worlds“ ins Kino. Er basierte auf Wells´ Roman, ignorierte aber nicht die Erfahrungen des Bombenkrieges, der im II. Weltkrieg zahllose Großstädte ausradiert hatte.)

Anmerkung: Welcher Krake erwacht hier?

Der Titel belegt den belesenen Engländer, der Wyndham war und den er auch deshalb herauskehrt, um seinem Werk ´seriöse´ Aufmerksamkeit zu sichern. So ist der „Krake/n“ ein mythologisches Seeungeheuer – ein gigantischer Tintenfisch oder Oktopus, der vor den Küsten Norwegens oder Grönlands Fischerbooten und Handelsschiffen auflauert, um sie mit seinen Armen zu umschlingen und mit Mann & Maus in die Meerestiefe zu ziehen. 1830 verfasste Alfred Lord Tennyson (1809-1892), verehrter „Poet Laureate“ des englischen Königshofes, mit „The Kraken“ eines jener (glücklicherweise kurzen) Gedichte, das auswendig zu lernen Generationen von Schulkindern gezwungen wurden. 1953 konnte Wyndham damit rechnen, dass seine Anspielung erkannt wurde. (Vorsichtshalber stellte er dem Roman das Gedicht voran; ein Service, auf den der deutsche Leser verzichten musste.)

(Dr. Michael Drewniok, April 2013)

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