Chronic City von Jonathan Lethem

Buchvorstellungund Rezension

Chronic City von Jonathan Lethem

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Chronic City“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 490 Seiten.ISBN 3-608-50107-X.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Chase Insteadman, ein ehemaliger Kinderstar, ist fester Bestandteil der New Yorker High Society. Sein soziales Ansehen verdankt er einem Unglück, das in der Klatschpresse für Furore sorgt: Seine Verlobte Janice Trumbull schwebt manövrierunfähig im Weltraum, von wo sie ihm herzzerreißende Liebesbriefe schreibt. Auch Chase treibt haltlos durch seinen Alltag, bis er den schielenden Kulturkritiker Perkus Tooth kennenlernt. Zwischen Migräne und durchkifften Nächten scheint er als Einziger durch die glitzernde Oberfläche auf die Realitätzu blicken. Gemeinsam versuchen sie das Rätsel um einen Tiger, die Nebelschwaden über der Wall Street und den Schokoladengeruch in Manhattan zu lösen. Dabei entdecken sie auf der Insel, auf der alles käuflich ist, etwas äußerst Seltenes: die Wahrheit.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine Nebenbemerkung zur profanen Existenz des Lesers“80

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

Der frühere Kinderstar aus der Fernsehserie Martyr & Pesty, Chase Insteadman, lebt von den Tantiemen aus seiner Fernsehzeit. Er ist verlobt mit der Astronautin Janice Trumbull, die auf einer Raumstation festsitzt und ihm Liebesbriefe schreibt, die in der kriegsberichtsfreien Fassung der New York Times veröffentlicht werden. Durch die öffentliche Romanze ist Chase ein gern gesehener Gast auf Partys und anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Sein Leben erfährt einen Einschnitt, als er Perkus Tooth kennenlernt. Perkus, der in einem „Kaninchenstall in der 84th Street“ wohnt, hat einmal einen Beitrag für den Rolling Stone geschrieben und verdient nun sein Geld als Autor von Begleitheften für obskure DVDs. Meist aber ist er zugedröhnt mit Designer-Marihuana und philosophiert. Er leidet unter chronischen Kopfschmerzen (Cluster-Kopfschmerz) und ist eine unerschöpfliche Quelle von Wissen zu allen möglichen Themen, sei es real oder erfunden. Er führt Chase in die Welt der Werke seiner Säulenheiligen Marlon Brando und Norman Mailer ein. Er entdeckt Kaldrone, begehrte Keramiken, die auf Auktionen bei ebay versteigert werden, deren Erwerb ihm jedoch nie gelingt. Chase beginnt eine Affäre mit Oona Laszlo, die als Ghostwriterin „Autobiographien“ Prominenter schreibt. In welcher Welt leben Perkus, Chase und die anderen? Ist sie ein Simulacrum? Sind die Kaldrone, die auch in der Computersimulation Yet Another World eine Rolle spielen, und der riesige Tiger, der durch New York streifen soll, Illusionen? Ist die Stadt selbst vielleicht eine Illusion?

Zitat: „Woher nimmst du das Recht, zu bestimmen, wer auf welcher Insel lebt?“

Bizarre Namen und Elemente aus Fantasy und Science Fiction

In der Welt von Chronic City gibt es keine Handlung, die als Geschichte zielführend erzählt wird. Auch Suspense und Spektakel sucht man vergeblich. Aber wie in manchen sehr schönen, zumeist französischen, Filmen, kommen Menschen an Orten zusammen, Essen und Trinken oder auch nicht und geben sich endlosen Gesprächen hin. Die Namen dieser Menschen sind Chiffren, von denen manche keineswegs offensichtlich, andere hingegen intuitiv sind: wie Chase Insteadman, Sadie Zapping, Laird Noteless, Stanley Toothbrush, Georgina Hawkmanaji. In einer herrlichen Referenz zockt Thatcher Woodrow mit George Soros: Margaret Thatcher hat während ihrer Regierungszeit vieles erreicht, so auch die materielle Spaltung Englands, zum Vorteil einiger weniger Menschen, die sie dafür heute noch lieben, Soros hat das britische Pfund im September 1992 durch Spekulation aus dem Europäischen Währungssystem herausgezwungen.

Chronic City ist kein in der Anlage phantastischer Roman, enthält jedoch einige Elemente aus Fantasy und Science Fiction. So schickt Lethem einen überdimensionierten Tiger durch die Straßen von New York, der vielleicht kein Tiger ist. Janice Trumbull sitzt mit russischen Kosmonauten in einer Raumstation fest und wird von einem chinesischen Minenfeld an der Rückkehr zur Erde gehindert. Krater schlucken fortwährend Teile der Stadt. Richard, ein Insider aus dem Rathaus, erklärt Chase und Perkus die seltsamen Vorkommnisse der Kraterbildung damit, dass ein einsamer Grabungsroboter für den Tunnelbau nachts an die Oberfläche kommt und marodierend durch die Stadt zieht. Aber wenn es schon keine traditionelle Handlung gibt, gibt es es in Chronic City dann wenigstens die traditionelle Welt?

Stell Dir vor, zwei Welten verschmelzen – Kaninchenlöcher

In Chronic City ist alles miteinander verbunden, die Grundstruktur ist bestimmt durch Dopplungen. Es gibt zwei Welten, die reale physische und die digitale Parallelwelt Yet Another World, eine fiktionalisierte Version des in der Leserwirklichkeit existierenden Second Life. Auf einer anderen Ebene leben die Figuren in zwei Versionen von New York beziehungsweise Manhattan. Schließlich gibt es weitere Dopplungen auf einer tiefer liegenden Ebene. Marlon Brandos Filme sind häufiger Gegenstand von Gesprächen, seine realen Filme, die (auch) in der Leserwelt tatsächlich existieren, und Filme, die reine Fiktion sind – ob nur in der Leserwelt oder auch der des Romans, bleibt ungeklärt. Die New York Times erscheint in zwei Versionen, einer traditionellen und einer kriegsberichtfreien, die alle Nachrichten über einen militärischen Konflikt ausblendet: befinden sich die USA im Krieg? Vielleicht mit China, was das Minenfeld in der Erdumlaufbahn erklären würde?

Das Verschmelzen von Welten findet einen tieferen Ausdruck in den Verweisen auf Carl Reiners Kinofilm Tote tragen keine Karos (1982), in dem Originalszenen aus Hollywoodfilmen der Schwarzen Serie (Film Noir) mit Stars wie Barbara Stanwyck, Humphrey Bogart, Cary Grant und Ava Gardner mit neu gedrehtem Filmmaterial kombiniert wurden, zumeist durch Überlagerungen. Der Film erzählt eine Verschwörungsgeschichte, in der Nazis unter Einsatz überreifen Schimmelkäses die Welt erobern wollen, wobei so ziemlich alle Fragen geklärt werden, nur nicht die nach dem Sinn des Titels.

Das Buch ist voller popkultureller Verweise, auf Filme, Songs, Werke der bildenden Kunst, auf Prominente. Einige der Verweise adressieren reale, andere fiktionale Werke und Personen. Beim Lesen gibt es gefühlt nicht eine Seite ohne mindestens einen derartigen Verweis. Lethem setzt die von ihm erzeugten Bezugspunkte als bekannt voraus und spielt geschickt mit ihnen. Leser können diese Verweise als Kaninchenlöcher benutzen, durch die sie in Chronic City eintauchen und sich in einer alternativen Welt bewegen, vielleicht gar sie erschließen können. Chronic City verhandelt Themen, die Lethem auch in früheren Büchern beschäftigt haben: die Konstruktion von Realität, die Frage, wodurch Aussehen, Regelsystem und Wahrnehmung der Welt bestimmt werden. Durchstreift der Autor diesen Denkwald nur, betreibt er vielleicht eine nachvollziehbare und konsistente Forstwirtschaft? Darüber lässt sich beim einmaligen Lesen allenfalls spekulieren.

Lernen Sie einen Mann kennen, der im Verdacht steht, Humpty Dumpty wieder zusammensetzen zu wollen

Liebende missverstehen sich, Familien und Freunde lassen sich im Stich, Kommunikation basiert auf falschen Annahmen, ebenso die Wahrnehmung der Welt. Da ist es konsequent, dass eine der Hauptfiguren sich in die Hündin Ava verliebt. Mensch und Hund, die einzige Beziehung, die nicht nur eigennützig ist – eine erlebenswerte Konstante in einer Welt der beschleunigten Veränderung.

Leser, die bis hierhin gekommen sind, hat der Titel der Rezension offenbar nicht abgeschreckt: er findet sich ähnlich im Roman. Leser, denen zudem diese Textpassagen gefallen: „Die Beatles zu sein hat auch etwas von 'Unter Null'; sie sind nicht ganz die Beatniks. Das ganze Beatle-Phänomen hat etwas von Bret Easton Ellis, und das hat mit John Lennons Tragödie zu tun. Eine Art Beetle zu sein, eine Art Insekt, gewissermaßen.“ oder „Hast du dich nie gefragt, warum dem durchschnittlichen Konsumenten Spielfilme mit schwarzen Balken nicht behagen?“, dürften an diesem Roman ihre Freude haben. Chronic City wirkt beim Lesen auf das Gehirn wie das Spätwerk von Philip K. Dick.

Ihre Meinung zu »Jonathan Lethem: Chronic City«

CosmicHardtack zu »Jonathan Lethem: Chronic City«09.06.2011
Als Fan von SciFi und ausgetickter Literatur, die das Buch laut Werbung und Kritik sein soll, habe ich mir Chronic City gekauft. Diue Scifi-Elemente sind zwar unterhaltsam, aber spielen nur am Rand eine Rolle.
Es wird tatsächlich keine Geschichte erzählt, was mir persönlich nicht so gefällt, sondern viele kleine Stories. Eine Entwicklung macht Perkus Tooth durch, die ist aber immer nur im Ergebnis beschrieben und nicht nachzuvollziehen. Insgesamt finde ich das Buch zu lang, vor allem, weil es keine durchgehende handlung hat. Und was in den Stories erzählt wird, wird oft nur variiert. Nach ungefähr 300 Seiten hatte ich das Gefühl, jetzt nur noch mehr oder weniger das Gleiche zu lesen. Trotz mancher guter Einfälle, die "Affäre mit dem Hund" ist am besten, nur 33 Grad. Zum Hinweis in der Rezension auf Dick will ich noch sagen, dass der Mann zeigt, wie man ähnlich mehr auf viel weniger Seiten erzählen kann.
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