Menschen und Superhelden von Jonathan Lethem

Buchvorstellungund Rezension

Menschen und Superhelden von Jonathan Lethem

Originalausgabe erschienen 2004unter dem Titel „Men and Cartoons: Stories“,deutsche Ausgabe erstmals 2005, 172 Seiten.ISBN 3-608-50075-8.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

In neun fantastischen, urkomischen, manchmal rührenden Geschichten, seziert Lethem amerikanische Pop- und Straßenkultur um daraus mit schwindelerregender Stilvielfalt einzigartige fiktionale Welten zu erschaffen. Diejenigen, die Lethem seit langem schätzen, werden in den neuen Geschichten zuweilen auf Vertrautes stoßen: Erzähler, die nicht aufhören können zu plappern, glücklose Möchtegern-Detektive, einfache Menschen mit übernatürlichen, oft selbstzerstörerischen Kräften, neben Charakteren, deren neunmalkluge Schlagfertigkeit nur den eigenen bohrenden Liebeskummer verdecken soll, während sie wortreich über die bittersüßen Widrigkeiten der Liebe und die Verstrickungen der Freundschaft debattieren.

Inhalt:

  • Vision (S. 9-29)
  • Auffahrt Fantasie (S. 31-54)
  • Das Spray (S. 57-65)
  • Vivian Relf (S. 67-82)
  • Planet Big Zero (S. 85-99)
  • Die Brille (S. 101-113)
  • Der Dystopist, der an seinen Erzrivalen denkt, wird durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen (S. 115-128)
  • Superziegenmann (S. 131-159)
  • Die Nationalhymne (S. 161-172)

Das meint Phantastik-Couch.de: „Was ihr wollt (und was ihr bekommt)“86

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

„Menschen und Superhelden“ ist, wie der Originaltitel „Men and Cartoons“ eine Spur schärfer zeigt, ein Buch über Männer und Comics (wobei der Unterschied zwischen Cartoons und Comics für Lethem keine Rolle spielt). Die neun Erzählungen des Bandes sind in den Jahren von 1998 bis 2004 alle in Anthologien oder Literaturzeitschriften erstveröffentlicht worden.

In „Vision“ begegnet Joel Porush nach längerer Zeit seinem Kumpel aus der Schulzeit, Adam Cressner, der als Kind häufig wie Vision, ein Held aus den Marvel-Comics, gekleidet war. Heute ist er Professor. Adams Freundin Roberta lädt Joel zu einer Party ein. Zu fortgeschrittener Stunde spielen sie „Ich habe nie“, ein Trinkspiel, bei dem privates Wissen geäußert werden muss, was für eine sehr unangenehme Stimmung sorgt.

„Auffahrt Fantasie“: In einer unbestimmten Zukunft ist der Verkehrsinfarkt Realität geworden. Die Menschen stecken in nicht auflösbaren Riesenstaus fest. In ihren Autos als zentralem Lebensort haben sie sich eingerichtet, inklusive Fernsehen und Video, Dachlagerfeuern und Kofferraumgärten. In Abständen versprühen Sanitärflugzeuge über den Staus Seifenlauge zum Waschen der Autos. Staatliche Hubschrauber werfen Unterstützungsgelder vom Himmel. Die wenigen reichen Eliten und die Masse der Armen leben in Gegenwelten, abgetrennt durch eine „Monopermeable Membran“. Gelegentlich werden attraktive Arme von Robotern rekrutiert und mit Luftkissenflugzeugen in die Welt der Eliten gebracht. Sie bekommen dort Reklamepflaster aufgeklebt und werben für Produkte, die sie nicht kennen.

In der Story „Das Spray“ ist jemand in die Wohnung von Aaron und Addie eingebrochen. Polizisten machen mit einem speziellen Spray sichtbar, was gestohlen wurde. Beim Gehen vergessen sie das Spray. Aaron und Addie sprühen sich gegenseitig ein und zeigen, was ihnen fehlt.

„Vivian Relf“ ist eine junge Frau, der Doran Close in größeren zeitlichen Abständen begegnet, ohne sich daran erinnern zu können, woher er sie kennt. Irgendwann fällt ihm ein, dass sie die Frau ist, die er nicht kennt. Der Zusammenhang zwischen ihnen beruht allein auf ungeplanten Treffen.

In „Planet Big Zero“ trifft der Erzähler, ein Comiczeichner, seinen Kumpel Matthew aus der Zeit an der High School wieder. Matthew zieht bei ihm ein, wohnt irgendwann als Dauergast in der Garage und wird durchsichtig. Langsam wird deutlich, dass die Lebenswege beider sich trotz Abweichungen ähneln.

In „Die Brille“ kommt ein zorniger Kunde ins Brillengeschäft und behauptet, seine neue Brille würde nichts taugen und ständig verschmutzen. Die beiden Optiker beseitigen den Fleck auf dem Glas, der jedes Mal wieder auftaucht, wenn der Kunde die Brille trägt. Sie wollen herausfinden, wie der Kunde dies macht.

In „Der Dystopist, der an seinen Erzrivalen denkt, wird durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen“ schreibt die Titelfigur für Zeitschriften Erzählungen über negative Zukunftsentwürfe. Hassobjekt des Dystopisten ist ein Utopist, ein ehemaliger Mitschüler, den er für einen verkappten Dystopisten hält. Das Klopfen an der Tür, auf das der Titel hinweist, verursacht ein Suizid-Schaf, das mit dem Dystopisten sprechen will.

In „Superziegenmann“ lernen wir einen traurigen und durchschnittlichen Superhelden kennen, der eng verbunden mit der Protestbewegung der sechziger Jahre ist, vom Olymp der Comichelden herabgefallen ist und nun in einer Kommune lebt. Als Superheld von nebenan bringt er heiße Sommertage damit zu, auf den Stufen zu sitzen und dabei zuzuschauen, wie das Leben an ihm vorbeizieht. Everett, der Erzähler, lernt ihn als Kind kennen und studiert später am Corcoran College, an dem Superziegenmann auf einen Lehrstuhl für Geistesgeschichte berufen wurde.

Die Geschichte „Die Nationalhymne“ besteht aus einem Brief, den E an M schreibt, seinen Freund aus Jugendtagen. Anlass ist die Trennung Es von seiner Freundin A. Der Brief ist auch an Es kindliches Selbst gerichtet.

Jonathan Lethem verwendet verschiedene Erzählformen: die konsequente Ich-Perspektive; die dritte Person, teils mit Momenten des inneren Monologes; multiple Stimmen in Gestalt von Briefen und Dialogfetzen. Zusammengehalten wird all dies durch die Protagonisten, Jungen und Männer, die zum Teil festsitzen in der Welt der Comics oder der Lebensvorstellungen aus der Jugend.

„Vision“, „Big Planet Zero“, „Vivian Relf“, „Superziegenmann“, „Der Dystopist...“ und „Die Nationalhymne“ bilden eine thematische Einheit. In allen sechs Geschichten treffen zwei ehemalige Freunde oder Bekannte sich Jahre später wieder (oder schreiben sich). Das alles erinnert in Momenten an diese berühmt-berüchtigten Klassentreffen nach zehn oder zwanzig Jahren Trennung. Vergangenheit wird immer als Ballast mitgeschleppt, ist auf dem weiteren Lebensweg eher hinderlich, im Regelfall baut man in der Jugend eine Anspruchswelt auf, der man als Erwachsener nicht entspricht. Begonnen haben die Figuren seinerzeit mit der Revolte gegen die Erstarrung der Erwachsenenwelt. Was hat man sich damals geschworen? Was wollte man nicht verlieren? In der Gegenwart der Erzählungen sind sie Repräsentanten der verpassten Gelegenheiten und Chancen des eigenen Lebens.

Lethem ist auch interessiert an den Fragen, was einen Menschen bedeutsam macht und ob ein Leben wichtig ist, wenn es nicht durch einen anderen Menschen wahrgenommen und gewürdigt wird. Die Hauptfiguren der Erzählungen haben eine tief verwurzelte Unsicherheit und die Tendenz, sich in die Unsichtbarkeit zu entwickeln, gemeinsam. Sie sind seltsame und einsame Charaktere, die Geschichten selbst sind oft auf dunkle Weise komisch.

Menschen und Superhelden ist, wie der Verlag im Klappentext schreibt, „der perfekte Einstieg in das imaginäre Universum des Jonathan Lethem“. Mit seinen 172 Seiten ist das Buch nicht so umfangreich, geschweige denn komplex, wie Lethems Romane. Aber die Wirkung der Geschichten wird durch ihre Kürze verstärkt.

 

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