Der schwarze Vorhang von Joseph Sheridan Le Fanu

Buchvorstellungund Rezension

Der schwarze Vorhang von Joseph Sheridan Le Fanu

Originalausgabe erschienen 2009, 120 Seiten.ISBN 3940350095.Übersetzung ins Deutsche von Alexander Pechmann.

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In Kürze:

Drei bisher in Deutschland nicht veröffentlichte unheimliche Geschichten des Schriftsteller Le Fanu (1814-1873) erzählen von Unrecht und Leidenschaften in einer Intensität, der selbst der Tod kein Ende setzen kann. Irische Heimatfolklore, Phantastik und früher Krimi gehen eine heutzutage seltsam anmutende aber weiterhin spannende Verbindung ein: eine rundum erfreuliche Veröffentlichung!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Böse Menschen & rächende Geister“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

 – Der schwarze Vorhang. Ein Kapitel aus der Geschichte einer Familie aus Tyrone („A Chapter in the History of a Tyrone Family“, 1839), S. 7-56: Wie es in dieser vergangenen Zeit üblich ist, wird eine junge Frau mit einem älteren Lord zwangsverheiratet. Der hütet nicht nur das Geheimnis finanzieller Nöte, die durch die Mitgift der Ehefrau gelindert werden könnten, sondern auch die Existenz einer quicklebendigen Erstgattin, die ihren Status als Herrin des Hauses mit dem Dolch zu wahren gedenkt …

 – Aus den geheimen Aufzeichnungen einer irischen Gräfin („A Passage in the Secret History of an Irish Countess“, 1839/„The Murdered Cousin“, 1851), S. 57-100: Als der Vater stirbt, wird sein Bruder, ein ruinierter Spieler und (allerdings nie verurteilter) Mörder, zum Vormund der einzigen Tochter und Erbin. Als diese sich weigert, ihren Cousin, einen Wüstling, zu ehelichen, lässt der Onkel die Maske fallen; nun soll ein zweiter perfekter Mord ihn in den Besitz des brüderlichen Vermögens bringen …

 – Abenteuer eines Totengräbers („The Sexton’s Adventure“, 1851), S. 101-109: Nachdem sich Saufkumpan Slaney ruiniert eine Kugel in den Schädel jagte, ist Totengräber Martin schlagartig abstinent geworden. Eines Nacht muss er feststellen, dass Slaney ihn für sein Ende verantwortlich macht und zu sich in die Hölle nehmen will, in die ihn sein Selbstmord gebracht hat …

 – Nachwort von Alexander Pechmann: Joseph Sheridan Le Fanu – Der unsichtbare Prinz, S. 111-119

Das Böse ist stärker als der Tod

Joseph Sheridan Le Fanu ist der frühe Meister gleich mehrerer Literaturgenres. Er schrieb Gruselgeschichten, die sich der irischen Folklore ebenso kundig bedienten wie der profunden Kenntnis jener dunklen Seiten der menschlichen Psyche, die eher noch unheimlicher als Gespenster, Kobolde oder andere Nachtmahre wirken können. Auch die Kriminalliteratur darf Le Fanu zu ihren Ahnen zählen, denn entkleidet man Erzählungen wie „Aus den geheimen Aufzeichnungen einer irischen Gräfin“ ihrer übernatürlichen Elemente, bleibt ein lupenreines „Locked Room Mystery“ zurück: Der scheinbar unmögliche Mord im von innen verschlossenen Raum ist beileibe keine Schöpfung von Arthur Conan Doyle & Co.! Le Fanu war ihnen um Jahrzehnte voraus, und er wusste bereits, worauf es ankam: Zwar mag es im Haus des bösen Onkels spuken, doch was das präparierte Mordzimmer betrifft, gestattet Le Fanu keine übernatürlichen Tricks! Wie der ‚perfekte‘ Mord gelingen konnte, wird offen und logisch enthüllt, und als besonders perfiden aber die Spannungsschraube ordentlich anziehenden Einfall lässt der Verfasser die unglückliche Gräfin die Vorbereitungen zur eigenen Ermordung machtlos beobachten.

„A damsel in distress“

Nicht nur in dieser Hinsicht wirken Le Fanus Geschichten bemerkenswert modern. Sowohl in „Der schwarze Vorhang“ als auch in den „Aufzeichnungen einer irischen Gräfin“ steht eine weibliche Figur im Mittelpunkt der Ereignisse. Es handelt sich zwar vordergründig um die klassische „Jungfrau in Nöten“, doch weitet Le Fanu dieses Klischee zum – durchaus anklagend eingesetzten – Movens einer Handlung, die nur durch die gesellschaftliche Realität des 19. Jahrhunderts möglich wird: Die Frau ist keine selbstständige Person, sondern erstens Tochter und zweiten Ehefrau und Mutter. Le Fanu arbeitet das daraus entstehende Elend in seine Erzählungen ein. Wenn die junge Frau aus „Der schwarze Vorhang“ erst von den eigenen Eltern und dann von einem ihr ausgesuchten Gatten dominiert wird, entspricht das realen Verhältnissen. Le Fanu thematisiert das persönliche Elend der hilflosen und zur Ehe gepressten Tochter, das auf seine Weise mindestens ebenso unheimlich wirkt wie der spätere Auftritt einer geistesgestörten Furie oder der Spuk des titelgebenden Vorhangs.

Auch die „irische Gräfin“ der zweiten Erzählung mag zwar von Adel und vermögend sein, doch das nützt ihr gar nichts in einer strikt maskulinen Welt. Im Gegenteil macht ihr Status sie zum idealen Opfer: Der Vater hat sie dem Onkel als Mündel unterstellt, obwohl er von dessen üblem Ruf wusste; er vertraute diesem seine Tochter auf Gedeih und Verderb an, um zu zeigen, dass er an die Unschuld des Bruders glaubte. Die Wahrheit klammerte er dabei aus. Nun ist die Tochter dem Onkel ausgeliefert: Wird sie den eigenen Cousin nicht heiraten, wodurch ihr Vermögen juristisch in seine Verfügungsgewalt übergeht, will der Onkel sie ermorden und danach beerben. Die eigene Cousine kann der jungen Gräfin nicht helfen, denn dem Vater und Vormund ist es gestattet, die beiden jungen Frauen „zu ihrem Besten“ daheim einzusperren.

Die Hölle kann warten

Irdische Gerechtigkeit ist ein Faktor, an den Le Fanu nicht glauben mag. Es gibt zwar eine Justiz, doch die ist parteiisch. Wenn jemand hängt in den hier gesammelten Geschichten, so höchstens ein Pechvogel, dessen Wort vor Gericht nichts gilt. Ein angesehener Adliger kann der übelste Unhold sein, doch seine Privilegien sichern ihm beinahe unbeschränkte Immunität. Ein Meineid ist da noch das geringste Vergehen.

Wenn es die Schurken schließlich doch erwischt, wirkt dies nicht selten wie eine Pflichtübung. In „Der schwarze Vorhang“ ist es der gute, alte Wahnsinn, der dem Schuldigen ein bitteres Ende beschert. (Freilich nimmt er seine Geheimnisse mit ins Grab; Le Fanu verweigert seinen Lesern eine Aufklärung der rätselhaften Ereignisse, die sie sich selbst zusammenreimen müssen.) In „Aus den geheimen Aufzeichnungen ...“ munkelt die Erzählerin von einem grausigen Tod, den der mörderische Vater und sein Sohn auf der Flucht erlitten, ohne Details zu nennen; das Schicksal hat sie gerichtet. Und in „Abenteuer eines Totengräbers“ ist es das Opfer persönlich, das demjenigen, der sein Ende verschuldete, hinterherjagt: Irgendwann, so Le Fanu, erwischt es den Bösewicht, und wo irdische Gerichte versagen, nehmen sich höhere Mächte letztlich der Sache an. Dass es so kommen wird, deuten oft dunkle und zunächst unerklärliche Vorzeichen an.

Ein Geschenk an die (deutschen) Leser

J. S. Le Fanu gehört zu den Autoren, dessen Werke zumindest hierzulande nur einem recht kleinen Leserkreis bekannt sind. Selten erschienen seine Romane und Erzählungen, wobei letztere meist über unzählige Sammlungen verstreut wurden. Die kleine Achilla Presse bringt mit „Der schwarze Vorhang“ nunmehr den zweiten Le-Fanu-Band heraus. Der monumentalen Ausgabe des Romans „Checkmate“ (1871, dt. „Schachmatt“) folgt dieses Bändchen mit drei zuvor unveröffentlichten Geschichten.

Als willkommene Zugabe folgt ihnen ein Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Alexander Pechmann, der über Le Fanus Leben und Werk informiert und die drei Erzählungen dort verortet. Da der Verfasser als Schriftsteller ein ökonomisch denkender Profi war, griff er eigene Ideen immer wieder neu auf, arbeitete sie um oder in spätere Werke ein.

Als Buch ist „Der schwarze Vorhang“ ein kleines aber feines Schmuckstück. Nicht nur fest, sondern auch sauber gebunden, in einem schmucken Schriftfont gedruckt und mit einem Lesebändchen versehen, wird es zweifellos ganze Lesergenerationen überdauern – und das hat es auch verdient!

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