Joseph Sheridan Le Fanu

Joseph Thomas Sheridan Le Fanu wurde am 18. August 1814 in der irischen Stadt Dublin geboren. Seine Familie war hugenottischen Ursprungs; nicht vornehm aber immerhin wohlhabend. Ein Vorfahre namens Richard Brinsley genoss einen gewissen Ruhm als Verfasser von Theaterstücken. Le Fanu selbst schätzte und förderte seine Nichte Rhoda Broughton (1840-1920), die als erfolgreiche Autorin u. a. auch Geistergeschichten verfasste.

Joseph begann schon in jungen Jahren zu schreiben. Ab 1833 studierte er Jura am Trinity College zu Dublin; er graduierte 1837. Im folgenden Jahr erschien im „Dublin University Magazin“ mit „The Ghost and the Bone-Setter“ Le Fanus erste (phantastische) Kurzgeschichte. 1845 veröffentlichte der Autor mit „The Cock and Anchor“ einen ersten (Historien-) Roman, der deutlich unter dem Einfluss des Schriftstellers Walter Scott (1771-1832) entstand, den Le Fanu sehr verehrte.

Als Jurist ist Le Fanu nie tätig geworden. Stattdessen wurde er Journalist. Ab 1837 war er Eigentümer oder Miteigentümer mehrerer Zeitschriften. Die damit verbundenen Pflichten schränkten seine schriftstellerische Tätigkeit stark ein. Erst nachdem er 1861 Besitzer und Eigentümer des „Dublin University Magazine“ geworden war, schrieb Le Fanu wieder selbst. Viele seiner Werke erschienen in Fortsetzungen in seiner Zeitschrift.

1843 oder 1844 – der genaue Zeitpunkt ist unklar – heiratete Le Fanu Susanna Bennett. Die Ehe war harmonisch; die Le Fanus bekamen vier Kinder. Als Susanne 1858 starb, fiel Witwer Joseph in eine tiefe Depression, die er nie überwand. Er zog sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück und vergrub sich in seinem Haus am Merrion Square. In Dublin nannte man ihn den „unsichtbaren Prinzen“.

Seine Produktivität wurde von diesem Lebensstil nicht beeinflusst. In den Jahren nach 1860 veröffentlichte Le Fanu ein bis zwei Romane pro Jahr sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen. Er schrieb Historienromane, Krimis und immer wieder Geistergeschichten. Das Übernatürliche faszinierte ihn; in seiner irischen Heimat wuchs er mit entsprechenden Sagen und Legenden auf. Als Phantast stand Le Fanu auf der Grenze zwischen Glauben und Skepsis. Er erkannte bereits, dass Spuk auch und vor allem das Produkt einer geistigen Störung sein konnte. In vielen Geschichten überließ er die Entscheidung, ob eine Erscheinung real oder eingebildet war, deshalb seinen Lesern.

Trotz seiner Weltflucht war Le Fanu kein weltfremder Mann. Als Journalist wurde er mit den politischen und sozialen Ungerechtigkeiten seiner Zeit konfrontiert. Dabei legte er indes eine seltsame Schizophrenie an den Tag: Obwohl er als gebürtiger Ire die Unabhängigkeit der Insel vom Großbritannien befürwortete, achtete er als Redakteur offiziell sorgfältig darauf, die Union Irlands mit dem Königreich zu befürworten. Die schrecklichen Folgen einer verfehlten Politik konnten ihn freilich nicht ungerührt lassen; so kostete die Hungersnot von 1845-1848 hundertausende Iren das Leben – eine Katastrophe, die von den davon nicht betroffenen englischen Großgrundbesitzern ungerührt zur Kenntnis genommen oder sogar begrüßt wurde, dünnte sie doch die Schar der lästigen weil auf eine Besserung ihrer Rechte pochenden irischen Störenfriede aus.

Le Fanu ließ thematisierte die Gier und die Gleichgültigkeit der Menschen in seinen Kriminalromanen, die zu den frühen Meisterwerkes dieses Genres gehören. Verrat, Verschwörungen und Betrug durchziehen diese Werke, die ihr Verfasser darüber hinaus gern mit unheimlichen Stimmungen färbte.

Der „unsichtbare Prinz“ starb am 7. Februar 1873 in seiner Heimatstadt Dublin an einer Lungenentzündung. Er wurde auf dem Friedhof von Mount Jerome bestattet. Sein Werk fiel zunächst der Vergessenheit anheim, doch seine schriftstellerischen Qualitäten blieben auch den Nachgeborenen nicht verborgen. 1872 hatte Le Fanu mit „Carmilla“ nicht nur eine der ersten Geschichten um einen Vampir verfasst. Carmilla alias Mircalla Karnstein war zudem lesbisch, was Le Fanu zwar zeitgenössisch zurückhaltend aber doch eindeutig thematisierte. Knapp ein Vierteljahrhundert später veröffentlichte Bram Stoker (1847-1912), der Le Fanu sehr schätzte, „Dracula“. Der Vampir wechselte das Geschlecht, doch seine ´verbotene´ erotische Ausstrahlung übernahm und steigerte Stoker.

1923 läutete ein weiterer Verehrer die Renaissance des Le Fanuschen Werkes ein: Montague Rhodes James, seines Zeichens Historiker, Literaturwissenschaftler und selbst einer der größten Verfasser von Geistergeschichten, ließ Le Fanus verstörende Spukgeschöpfe in der Sammlung „Madame Crowl’s Ghost and Other Tales of Mystery“ wieder aufleben.

Auch Carmilla kehrte zurück. Ihre große Zeit kam, nachdem sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der moralische Kodex wandelte und ein lesbischer Vampir auch im Film seinen Neigungen nachgeben durfte. 1970 bis 1972 produzierte das legendäre „Hammer“-Studio die sog. „Karnstein-Trilogie“. Sie wurde berühmt, weil die Darstellerinnen regelmäßig nicht nur die reißzahnbewerten Kiefer, sondern auch ihre Blusen aufrissen. Dessen ungeachtet genießt Le Fanu längst den literarischen Ruhm, der ihm zusteht. [Michael Drewniok]

mehr über Joseph Sheridan Le Fanu:

Phantastisches von Joseph Sheridan Le Fanu:

  • Storysammlungen
    • (1851) Ghost Stories and Tales of Mystery
    • (1871) The Chronicles of Golden Friars
    • (1872) In a Glass Darkly
    • (1880) The Purcell Papers
    • (1894) The Watcher and Other Weird Stories
    • (1896) A Chronicle of Golden Friars: And Other Stories
    • (1907) Green Tea: And Other Ghost Stories
    • (1923) Madam Crowl’s Ghost: And Other Tales of Mystery
    • (1959) Sheridan Le Fanu: The Diabolic Genius
    • (1964) Best Ghost Stories of J. S. Le Fanu
    • (1970) The Best Horror Stories
    • (1970) The Vampire Lovers: And Other Stories
    • (1973) Ghost Stories and Mysteries
    • (1975) The Hours After Midnight
    • (1987) J. S. Le Fanu: Ghost Stories and Mysteries
    • (1990) Ghost and Horror Stories
    • (1996) Carmilla and Other Classic Tales of Mystery
    • (2001) Gothic Horror 3: The Complete Purcell Papers
    • (2002) Schalken the Painter and Others
    • (2003) The Haunted Baronet and Others
    • (2005) Mr. Justice Harbottle and Others
  • andere Bücher
    • (1843) Spalatro: from the notes of Fra Giacomo [anonym]
    • (1845) The Cock and Anchor
    • (1847) Torlogh O’Brien
    • (1865) Guy Deverell
  • Über Joseph Sheridan Le Fanu (Auswahl)
    • (1980) W. J. McCormack: Sheridan Le Fanu and Victorian England
    • (1987) Ivan Melada: Sheridan Le Fanu
    • (1991) Jochen Achilles: Sheridan Le Fanu und die Schauerromantische Tradition: Zur psychologischen Funktion der Motivik von Sensationsroman und Geistergeschichte
    • (1995) Gary William Crawford: J. Sheridan Le Fanu: A Bio-Bibliography
    • (2006) Brian J. Showers: Literary Walking Tours of Gothic Dublin
    • (2007) James Walton: Vision and Vacancy: The Fictions of J. S. Le Fanu
    • (2010) Robert N. Bloch: J. Sheridan Le Fanu. Eine kommentierte, illustrierte Bibliographie seiner Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum