Die Gebannte von Kai Meyer

Buchvorstellungund Rezension

Die Gebannte von Kai Meyer

Originalausgabe erschienen 2012, 550 Seiten.ISBN 3-453-26809-1.

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In Kürze:

Prag, die Hauptstadt der Alchimie, ist fest in der Hand von Okkultisten und Scharlatanen, die mit raffinierten Theatertricks und kunstvollen Automaten Reichtümer anhäufen. Doch zwischen Kommerz und Dekadenz schmieden unsterbliche Verschwörer einen tödlichen Plan, um an das Geheimnis der ewigen Jugend zu gelangen. Als die Alchimistin Aura Institoris erfährt, dass ihre große Liebe Gillian entführt wurde und gefangen gehalten wird, macht sie sich auf den Weg in die Goldene Stadt und stößt auf die dunklen Mysterien einer uralten Dynastie.

Als Aura Institoris ihre große Liebe Gillian aus einer Pariser Heilanstalt befreit, gerät sie in ein finsteres Ränkespiel. Die Spur der Verschwörer führt sie nach Prag, jene rätselhafte Stadt mit ihren Traditionen in Alchimie und Mystik. Doch Prag ist in der Hand von Geisterbeschwörern und Betrügern, die mit der Inszenierung magischer Tricks ihr Geld verdienen. Aura stößt auf die mächtige Familie Octavian, deren dekadente Mitglieder finstere Geheimnisse hüten. Zudem verschwinden immer wieder junge Mädchen aus den Gassen der Altstadt, und Aura wird unangenehm an die Verbrechen ihres toten Vaters erinnert. Derweil stößt Gillian in Venedig auf die Spuren eines alten Feindes. Über Wien gelangt auch er nach Prag, wo Aura in den Bann der schönen Sophia Luminique geraten ist. Es geht um nichts Geringeres als das Geheimnis der ewigen Jugend. Sie ist der Preis für Gillians Leben, und Aura würde alles tun, um ihn zu retten – und sich mit ihrem entfremdeten Sohn Gian zu versöhnen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Familiensaga geht in ihre dritte Runde“80

Fantasy-Rezension von Carsten Kuhr

Zum nunmehr dritten Mal widmet sich der Meister des magischen Realismus, wie man Kai Meyer respektvoll nennt, einer seiner liebsten Figuren. Die unsterbliche Alchimistin Institoris betritt erneut die Bühne, die das Leben ihr schrieb, und muss ein weiteres Mal mit den Fährnissen ihrer Familie und ihrem Schicksal hadern.

Vor Jahrzehnten verabreichte sie – ohne dessen Wissen und Zustimmung – ihrer wahren Liebe, dem hermaphroditischen Gillian, das Kraut, das den Alterungsprozess dauerhaft aufhält. Gedankt hat es ihr ihr damaliger Liebhaber nicht. Seitdem sind Jahre ins Land gegangen, in denen sie – alleine und von Mann und Sohn verlassen – Europa bereist und erforscht hat. Nun kehrt sie zur Bestattung ihrer Mutter auf den Stammsitz ihrer Familie zurück.

Aus einem Brief ihres Sohnes, der mit seiner Familie gebrochenen hat, erfährt sie, dass Gillian in einer privaten Nervenheilanstalt nahe Paris eingekerkert ist und dort gefoltert wird. Sie zögert keine Sekunde, ihm zu Hilfe zu eilen. Die Befreiung gelingt, doch dann zieht sie sich, noch bevor Gillian zu sich kommt und sie erkennen kann, zurück. Zu schwer wiegt ihr Vertrauensbruch, als dass sie auf Vergebung hoffen könnte. Ihr bleibt allein die Rache an demjenigen, der für das Leid, das Gillian widerfahren ist, verantwortlich ist.

Die Spur führt nach Prag – dem Mekka aller Okkultisten und Alchimisten der 20er Jahre. Hier lernt sie die Entfesselungskünstlerin und Tänzerin Sophia kennen, ebenso wie sie eine der Unsterblichen und Familienoberhaupt des mächtigen Octavian-Clans. Nur zu bald merkt sie, dass sie in eine raffiniert aufgestellte Falle getappt ist – eine Falle, die sie und Gillian mit den Taten der Vergangenheit konfrontiert, aber auch ein neues Licht auf die Bestie wirft, als die sie ihren Vater ansieht …

Der Puppenspieler in der Hauptstadt der Alchimie

Lange hat Kai Meyer sich Zeit gelassen, bis er sich mit Aura erneut einer der Figuren zugewandt hat, die er selbst zu seinen interessantesten Gestalten zählt. Angesiedelt in den wilden 20ern führt er die Familienchronik um die Alchimistendynastie der Insistoris fort. Und, wie nicht anders zu erwarten war, folgen Leid, Verzweiflung und Hass auch dieses Mal Aura auf dem Fuße.

Während andere, weniger versierte Autoren uns von strahlenden Helden berichten, von Glückskindern und Hasardeuren, wagt Meyer es, uns Gestalten vorzusetzen, die außerhalb der üblichen Moral handeln, die Macht besitzen und mehren, Wissen anhäufen, dafür aber einen herben Preis zu entrichten haben. Das sind – und hier sind weder Aura noch Sophia eine Ausnahme – allesamt Charaktere, die leiden, die viel, wenn nicht alles für ein wenig persönliches Glück hergeben würden. Bei aller Macht, die ihnen eigen ist, bei der Zeit, die sie in einem Übermaß zur Verfügung haben, sind das zutiefst einsame, ja verlorene Gestalten.

Marcel Reich-Ranicki hat einst im Literarischen Quartett in seiner bekannt direkten Art gesagt, dass er sich nur für Charaktere interessieren würde, die leiden. Einzig diese seien interessant, ihnen würde man ihre Gefühle abnehmen. Würde er zu der »Gebannten« greifen, er würde genau das finden, was er sucht. Personen, die ihre Historie prägt, die ihre Taten bitter bereuen müssen, die leiden.

Wie ein Puppenspieler zieht Meyer an den Fäden seiner Personen, offenbart uns immer wieder Hinweise, Schnipsel nur, die das Interesse wachhalten, die die Leser miträtseln lassen, was hinter den Vorkommnissen steckt. So ist dies auch die Geschichte einer Suche nach der Auflösung von Geheimnissen, nach Tätern und Motiven. Geschickt hat der Autor dies in die faszinierende, wenngleich unauffällige Kulisse Prags Anfang der 20er Jahre eingebettet. Mit Prag hat er dabei die Stadt ausgewählt, die damals als Hauptstadt des Okkultismus und der Alchimie galt, die eine lange Tradition in den geheimen Lehren aufweist, und an deren Gebäude sich auch heute noch für den Kundigen entsprechende Hinweise finden lassen.

Stilistisch gewohnt versiert erwarten Drama und große Gefühle den Leser, Geheimnisse und emotionale Abgründe, die ihn das Buch kaum aus der Hand legen lassen – ein echter Kai Meyer eben.

(Carsten Kuhr, März 2012)

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