Diagnose: Exitus von Karl Edward Wagner

Buchvorstellungund Rezension

Diagnose: Exitus von Karl Edward Wagner

Originalausgabe erschienen 1990unter dem Titel „Intensive Scare“,deutsche Ausgabe erstmals 1992, 350 Seiten.ISBN 3-442-08101-7.

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In Kürze:

13 Storys erzählen von bibbernden Patienten, irren Ärzten, medizinischen Abartigkeiten u. a. Schrecken, die sich nicht nur der kranke Mensch im Umfeld von Spritzen & Skalpellen vorstellen kann ... – Herausgeber Wagner, selbst Mediziner, sammelt einschlägige Geschichten aus 100 Jahren, wobei er jenseits abgehangener Klassiker weniger bekannte aber ebenso unterhaltsame Autoren heranzieht: eine überdurchschnittliche Kollektion.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Begründete Ängste vor & hinter weißen Kitteln“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

13 Storys erzählen von bibbernden Patienten, irren Ärzten, medizinischen Abartigkeiten u. a. Schrecken, die sich nicht nur der kranke Mensch im Umfeld von Spritzen & Skalpellen vorstellen kann:

  • Karl Edward Wagner: Einleitung – Vertrauen Sie mir, ich bin Arzt (Introduction: Trust Me, I’m a Doctor), S. 9-12
  • Dennis Etchison: Die Grenze (The Dead Line, 1979): S. 13-27: Wie definiert man die Grenze zwischen Organspende und Leichenschändung?
  • Seabury Quinn: Haus des Schreckens (The House of Horror, 1926), S. 28-53: Der wahnsinnige Arzt findet einen Weg, den Tod seines verschmähten Sohnes möglichst grausig zu rächen.
  • Richard McKenna: Casey (Casey Antagonistes, 1958), S. 54-68: Ein Geist hilft einigen unheilbaren Patienten, den alltäglichen Krankenhaus-Horror zu überstehen.
  • Robert Louis Stevenson: Der Leichendieb (The Body-Snatcher, 1884), S. 69-91: Zwei Grabräuber erleben bei der Arbeit den Schrecken ihres Lebens.
  • Michael Shea: Die Autopsie (The Autopsy, 1980), S. 92-145: Der entsetzte Arzt findet im Inneren einer Leiche einen quicklebendigen, bösartigen Schmarotzer.
  • Manly Wade Wellman: Zurück zum wilden Tier (Back to the Beast, 1927), S. 146-154: Der Versuch, die Evolution quasi umzukehren, gelingt diesem Forscher allzu gut.
  • M. John Harrison: Die Anrufung (The Incalling, 1978), S. 155-187: Statt eine tödliche Krankheit einzudämmen, sorgt eine missratene Beschwörung für Enttäuschung und Leid.
  • Arthur Conan Doyle: Der Fall der Lady Sannox (The Case of Lady Sannox, S. 1893), S. 188-200: Der scheinbar gleichgültige Lord findet einen finsteren Weg, sich an der ehebrecherischen Gattin und am Nebenbuhler gleichzeitig zu rächen.
  • George R. R. Martin: Die Männer mit den Spritzen (The Needle Men, S. 1981), S. 201-225: Für den jungen Reporter rächt es sich, dass er den unheimlichen Jägern menschlicher Ersatzteile auf die Schliche kommt.
  • Edgar Jephson/John Gawsworth: Der Wandertumor (The Shifting Growth, 1962), S. 226-231: Im Inneren einer jungen Frau macht sich ein grässlicher Eindringling breit.
  • Jack Dann: Lager (Camps, 1979), S. 232-266: Der Schmerz seiner Krankheit versetzt den Patientin in die Vergangenheit, wo er eine für die Zukunft wichtige Aufgabe zu erfüllen hat.
  • H. P. Lovecraft: Herbert West – Reanimator (Herbert West, Reanimator, 1922), S. 267-308: Im jahrelangen Bemühen, die Toten wiederzuerwecken, zieht Herbert West einen Rattenschwanz nur unzureichend reanimierter und sehr gefährlicher Leichen hinter sich her.
  • C. M. Kornbluth: Die kleine schwarze Tasche (The Little Black Bag, 1950), S. 309-347: Ein Versehen in der Zukunft sorgt in der Gegenwart erst für ein Wunder und dann für eine Tragödie.
  • Bibliographie: S. 349/50

Vor und hinter dem Skalpell

„Vertrauen Sie mir, ich bin Arzt“: So überschreibt Herausgeber Karl Edward Wagner sein Vorwort für diese Sammlung kürzerer und längerer Storys, die mal mehr, mal weniger im Umfeld der Medizin spielen. Er outet sich dabei, hat er doch selbst Medizin studiert und als Arzt gearbeitet, bevor er sich für die (Populär-) Literatur entschied.

Der Grund dafür ist ein Problem, das Wagner für sich nicht hat lösen können: Die Medizin kann ein grausamer Job sein. Der Arzt will helfen, ist dazu jedoch oft nicht in der Lage. Selbst wenn er heilen kann, muss er dazu seinen Patienten nicht selten Schmerzen zufügen. Weil diese das wissen, wird er zur Angstgestalt, muss aber Autorität ausstrahlen, um seinen ‚Opfern’ Zuversicht zu vermitteln – eine Gratwanderung, die manchen Arzt, der auch nur Mensch ist, überfordert.

Auf der anderen Seite steht der Patient, den nicht nur seine Krankheit und Schmerzen, sondern auch Ungewissheit und Angst quälen. Nicht selten scheint die Behandlung, die man ohnehin nicht wirklich versteht, peinvoller als das Leiden selbst zu sein (Dennis Etchison, *1943; Richard Milton McKenna, 1913-1964). Hinzu kommt der abrupte Verlust eines Alltagslebens, das im Rückblick wesentlich erfreulicher scheint als die nun fremdbestimmte Gegenwart.

Gruselige Zwischenfälle

Beide Seiten kommen phantastisch in der Figur des „verrückten Wissenschaftlers“ zusammen, der sich entweder dorthin wagt, wo der menschliche Geist nichts zu suchen hat, weil er gegen „göttliche“ Kenntnisprivilegien verstößt (Manly Wade Wellman, 1903-1986), oder sein Wissen egoistisch ausnutzt, um Menschen, die sich ihm anvertrauen, bewusst zu quälen, oder diese sogar lockt und fängt, wobei Verbrechen sich mit Horror mischt (Arthur Conan-Doyle, 1859-1930; Howard Phillips Lovecraft, 1890-1937; Seabury Quinn, 1889-1969). Wenig erfreulich ist schließlich die Vorstellung dessen, was alles schieflaufen kann während einer Behandlung oder gar Operation – für den Patienten ebenso wie für den Arzt, denn als dritte Partei des Dramas zeigt die Krankheit nicht selten ein eigenes Bewusstsein und einen eigenen, dann bösen Willen (Michael Shea, 1946-2014; Edgar Jephson, 1863-1938/John Gawsworth = Terence Ian Armstrong, 1912-1970).

Damit ist der Rahmen abgesteckt, in den Wagner 13 Erzählungen platziert, die zeitlich aus den Jahren 1884 bis 1981 stammen. Sie belegen, dass die Angst vor der Medizin so alt wie die Medizin selbst ist. Dabei hat sie die technischen Entwicklungen, die das Heilungshandwerk erfahren hat, ebenso nachvollzogen wie grundsätzliche ethische Diskussionen. So erinnert Robert Louis Stevenson (1850-1894) an eine Zeit, als so wenige Menschen ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellten, dass sich manche Universität der „Auferstehungsmänner“ bediente, die Sezier-Leichen brachten und Geld nahmen, wobei auf beiden Seiten Fragen nach deren Herkunft weder gestellt noch beantwortet wurden.

Mehr als ein Jahrhundert später stellte Dennis Etchison die Frage, ob der medizinische Fortschritt es statthaft macht, hirntote Patienten buchstäblich auszuschlachten. George R. R. Martin (*1948) zieht eine verwegene (aber allzu offensichtlich auf den Schlussgag zielende) Verbindung zwischen Grab- und Organräubern. Richard Milton McKenna (1913-1964) thematisiert in seiner Geschichte, die Ken Keseys Romanklassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“ vier Jahre vorgreift, einen Medizinapparat, der seinen Patienten jegliches Mitbestimmungsrecht und jede Würde verweigert.

Rätselhaftes und Groteskes

M. John Harrison (*1945) beschreibt symbolstark die Verzweiflung, die eine tödliche Krankheit auslöst. Der gesunde Menschenverstand gerät – ohnehin geschwächt – in Auflösung; auch obskure ‚Heilungsmethoden', die man gesund zu Recht verlacht und abgelehnt hätte, werden zum Strohhalm in größter Not. Für Jack Dann (*1945) wird der krankheitsbedingte Schmerz zum Katalysator, der den gequälten Geist buchstäblich vom Körper trennt und in eine Reise durch Zeit und Raum stürzt. Eine Zeitreise spielt auch in Cyril Kornbluths (1923-1958) Story eine Rolle. Hier steht jedoch der (latent schwarze) Humor im Vordergrund, da der medizinische Fortschritt der Zukunft in der verständnislosen aber geschäftstüchtigen Gegenwart so lange ausgenutzt wird, bis er – ebenso spektakulär wie witzig – in Verderben und Tod umschlägt.

Das übergreifende Thema scheint Humor ansonsten auszuschließen. Die schmerzhaften und blutigen Seiten der Heilkunst stehen jedenfalls im Vordergrund. Autoren wie Quinn, Wellman, Doyle, Jephson/Gawsworth und sogar der später mit seiner Fantasy-Serie „Games of Throne“ zu Weltruhm gelangte George R. R. Martin favorisieren – mal mehr, mal weniger gelungen – den finalen Knalleffekt, während andere Autoren sich dem Thema eher allegorisch nähern.

Herausgeber Wagner legt insgesamt ein gutes Gespür für ebensolche Storys an den Tag, auch wenn er auf allzu oft anthologisierte Klassiker wie Der Leichendieb oder Herbert West – Reanimator vielleicht hätte verzichten sollen. Autor Lovecraft selbst war mit seinem Werk nie zufrieden, weil er es in Fortsetzungen veröffentlichen musste und gezwungen war, jede Episode mit einer Zusammenfassung der Vorgeschichte einzuleiten, was den Erzählfluss und damit die Wirkung beeinträchtigte. Ungeachtet dessen ist dies eine (trivialisierte) Studie wissenschaftlicher Besessenheit, die ihre unheimliche Wirkung nie verloren hat. Nicht grundlos entstanden nach Lovecrafts Vorlage 1985, 1990 und 2003 drei Spielfilme, in denen Jeffrey Combs Herbert West verkörperte. Sie gelten aufgrund ihrer brachialen Splatter-Effekte als Horror-Klassiker (und waren in Deutschland lange verboten bzw. nur in grobschlächtig zensierten Fassungen sichtbar).

Insgesamt gehört Diagnose: Exitus zu den besseren Anthologien des Horror-Genres. Herausgeber Wagner zeichnet sich nicht nur als Arzt, sondern auch als Kenner der Phantastik aus. Der Leser kann sicher sein, mit diesem Werk eine auf ebenso repräsentative wie (unbehaglich) unterhaltsame Auswahl zu treffen.

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