Planet der Sonnen von Karl Schroeder

Buchvorstellungund Rezension

Planet der Sonnen von Karl Schroeder

Originalausgabe erschienen 2006unter dem Titel „Sun of Suns“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 448 Seiten.ISBN 3-453-52626-0.Übersetzung ins Deutsche von Irene Holicki.

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In Kürze:

In den Weiten des Weltalls ist dieser Traum zur Realität geworden: Im Inneren einer gigantischen Sphäre haben sich die Menschen auf umherfliegenden Asteroiden künstliche Sonnen und Gravitationsfelder errichtet. Doch Licht und Schwerkraft werden von mächtigen Imperien hart umkämpft. Das muss auch der junge Hayden Griffin erfahren, dessen Eltern bei einer Strafexpedition getötet werden. Um Rache zu üben, macht sich Hayden auf eine abenteuerliche Reise, die ihn für immer verändern wird …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Virga, eine Welt wie in einer Luftblase“74

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

Es ist die alte Geschichte von der rebellischen Minderheit, die sich gegen ihre mächtigen Unterdrücker auflehnt. Die Nation Aerie wurde von Slipstream annektiert, ihr letzter Aufstand zerschlagen. Der junge Hayden ist einer der wenigen Überlebenden aus dem Volk der Aerier und stammt aus einer Familie von Sonnenbauern. Sein Vater und seine Mutter standen an der Spitze der Widerstandsbewegung; beide opferten ihr Leben dem Kampf für die Unabhängigkeit. Haydens Mutter ging gar glorios mit der künstlichen Sonne unter, welche sie für Aerie konstruierte und die im letzten Moment vor der Inbetriebnahme von Slipstream zerstört wurde. Denn diese mächtige Nation möchte sich um jeden Preis ihre eigene Vormacht und die Abhängigkeiten der anderen Staaten bewahren. Und der heimatlose Hayden flüchtet sich mitten ins Herz des feindlichen Territoriums. Auf Hale (einem Teil von Slipstreams Hauptstadt Rush) erlangt er durch geschickte Verschleierung seiner Vergangenheit, eine Anstellung im Haus Admiral Fannings, der beim vernichtenden Schlag auf Aerie das Kommando gehabt hatte. Die Rache für den Tod seiner Eltern scheint nicht mehr allzu fern.

Hayden sinnt auf Rache

Die Welt, die der kanadische Autor Karl Schroeder in „Planet der Sonnen“ entwirft, heisst Virga, ein etwa „planetengrosser“ Ballon (die Wissenschaft spricht von einer Dyson-Blase: einem Stern in einer Sphäre, deren Aussenhülle vom Sonnenwind gestützt wird), gefüllt mit ungefestigter Materie und Luft, worin wiederum ein paar kleine (künstliche) Sonnen, Asteroiden, Wasserkugeln und Habitate schweben. Die Habitate sind eine Art Inseln in Form von Fahrradfelgen oder Hohlzylindern, die in Drehung versetzt werden und somit Schwerkraft bewirken. Denn Gravitation und Sonnenlicht sind auf Virga vom Menschen künstlich erschaffene Lebensgrundlagen. Der deutsche Titel des Romans, der den Auftakt zu einer bis jetzt vierteiligen Serie darstellt, ist nicht ganz korrekt, denn einen eigentlichen Planeten gibt es in dieser Geschichte nicht.

Virga ist keine starre Welt, alles darin ist in Bewegung. Die Völkerbünde mit ihren Habitaten treiben in komplexen Bahnen aufeinander zu oder voneinander weg. Und somit ist auch die Politik dieser Nationen geprägt von „konstellationsbedingten“ Interessen, die schon morgen wieder andere sein können. Virga, als künstlich erschaffene Welt, erinnert stark an Larry Nivens Ringwelt. Die Bewohner Virgas haben wenig Bezug zu ihrer Schöpfungsgeschichte und wissen nicht so genau, was ausserhalb ihres Kosmos existiert. Wer hat diese Welt erbaut? Diese – laut Klappentext zentrale – Frage wird in dem Roman allerdings nur andeutungsweise aufgeworfen und nicht beantwortet.

Hayden Griffin, der anfänglich nur ein Ziel verfolgt, nämlich Rache nehmen am Tod seiner Eltern, tritt auf Hale in die Dienste von Venera Fanning, der Frau des Admirals, durch den Hayden zum Waisen wurde. Noch nie ist er dem verhassten Mörder so nahe gewesen. Doch bald wird sein simples Rachemotiv erweicht. Die letzten und schon längst tot geglaubten Rebellen von Aerie versuchen Hayden für ihre Sache zu gewinnen. Es gilt, die Habitate Slipstreams zu unterwandern, um im geeigneten Moment zurückschlagen zu können. Noch immer glaubt man in den Reihen der Rebellen, dass die alte Freiheit kein Traum ist. Doch Hayden ist sich nicht sicher, ob Widerstand überhaupt Sinn macht.

Inzwischen lässt sich Slipstream in einen Grenzkonflikt mit dem Nachbarstaat Mavery verwickeln. Ein Angriff auf Slipstreams Hauptstadt Rush lässt aber durchblicken, dass der wahre Urheber des Attentats die Formation der Falken ist. Slipstream schickt deshalb eine Armada nach Mavery, und eine zweite, kleinere Flotte zu den Falken, um diese zu überraschen. Die Flotte soll sich dabei durch den Winter (die nebligen Randgebiete Virgas) an den Gegner heranpirschen, um bei diesem gewissermassen mit der Hintertür ins Haus zu fallen.

Auch Hayden schliesst sich der Flotte von Admiral Fanning an, da er noch immer in den Diensten von dessen Frau Venera steht. Sie begleitet ihren Mann aus anfänglich nicht ganz klaren Motiven. Dabei ist dem Admiral sehr wohl bewusst, dass seine Angetraute ohne seine Erlaubnis ein Spionage-Netzwerk aufgebaut hat und sich nicht scheut, ihre eigenen Pläne zu verfolgen. Und die bestehen darin, ein verschollenes Artefakt zu finden, das in dem bevorstehenden Krieg Slipstream einen klaren technologischen Vorteil verschaffen soll.

Unterwegs wird Fannings Flotte in Kämpfe mit Piraten und Exil-Aeriern verwickelt. Und ab da kommt alles anders, als es sich Hayden ausgemalt hatte. Er ist sich plötzlich nicht mehr sicher, wer denn jetzt Freund und wer noch Feind ist. Selbst Admiral Fanning erweist sich als mutiger und ehrlicher Mann, der möglicherweise die einzige Hoffnung für das fast verlorene Erbe Aeries darstellt. Denn ist Slipstream erst einmal von der Falkenformation besiegt, wird Aerie erst gar nie existiert haben.

Science Fiction, selbstgemacht

Schroeder präsentiert uns Science Fiction in einem luftigen, erfrischend schwerelosen Universum. Seine Welt Virga atmet ein wenig den Geist der Gründerzeit, wo Flugpioniere wie Lilienthal und die Gebrüder Wright sich mit bizarr-fragilen Konstruktionen in die Lüfte erhoben und auch mal abstürzten. Bei den Habitaten aus Holz, Metall und Seilen denkt man an abenteuerliche Baumhaus-Konstruktionen, von denen man lieber nicht wissen will, wie sie zusammenhalten. Diese Konstruktionen, die vor „selbstgebasteltem“ Charme sprühen, heben sich erfrischend von durchgestylter Hightech ab.

Die Genialität von Schroeders Welt liegt in den Details. Wunderbar beschreibt er eine kurze Szene, in der ein Schwarm Flugfische ins Gravitationsfeld von Hale gerät und auf die Strasse klatscht. Die begeisterten Bürger müssen die Delikatessen nur noch einsammeln. In einer anderen Szene wird ein dreidimensionales Modell beschrieben, mit dem die Luftschiffe im Raum navigieren: Ein gläserner Kasten, den Haare und Drähte durchziehen, woran Juwelen, Diamanten, Saphire hängen. Das sind eindrückliche kleine Bilder, die mich vor allen anderen Handlungssträngen überzeugten. Ein weiteres Faszinosum ist Virgas erste Sonne Candesce, die aus tausenden einzelnen Leuchteinheiten besteht und für den künstlichen Tag- und Nachtrhythmus sorgt.

Die Figuren des Romans sind weniger vielschichtig geraten. Die Charaktere wirken in dieser bizarren Welt oft etwas befangen. Sie als Schablonen zu bezeichnen, wäre dann aber nicht gerechtfertigt. Schroeder hat seine Hausaufgaben grundsätzlich erfüllt, wenn es darum geht, eine abwechslungsreiche und zwischendrin auch humorvolle und actiongeladene Geschichte zu erzählen. Dabei hatte ich immer das Gefühl, dass ich mich in einem Abenteuerfilm von Disney befinde, irgendwo zwischen infantilen Peinlichkeiten und guter Unterhaltung. Was für die einen Anlass zur Freude ist, kam mir aber etwas kitschig vor: als Schroeder das Stichwort „Piraten“ gab, schwebten mir gleich bärtige Typen mit Augenklappe und Holzbein vorm inneren Auge. Und der Autor unternimmt nicht gerade viel, um dieses Bild zu korrigieren. Aber das ist sicherlich Geschmackssache. Die Geschichte entwickelt genügend Eigendynamik, dass sich dem Leser stets neue Sichtweisen der Geschehnisse auftun. Wer hegt gute Absichten und wer verfolgt bloss eigene Interessen? Diese Fragen lassen sich im Verlauf der Handlung immer weniger beantworten. Das einflussreiche Slipstream, das der Protagonist Hayden zu hassen lernte, ist bald nicht länger allmächtig und muss sich selber gegen mächtige Feinde behaupten. Und Hayden erkennt schliesslich, dass es auch an ihm liegt, was mit seiner Welt geschieht und auf wessen Seite er sich schlägt.

Abenteuer ohne Ende

Ein weiterer Wermutstropfen ist, dass Schroeder seiner Geschichte nicht genügend Raum widmet. Die Handlung verläuft manchmal etwas sprunghaft, so dass es einem nicht ganz leicht fällt, das alles aufzunehmen. Wo bei anderen Autoren gerade mal ein bis zwei Schauplätze als Bühne dienen, ist es bei Schroeder eine Achterbahnfahrt vom einen Szenario zum nächsten, ohne dass er dem Leser den Atem lässt, das Gelesene zu verwerten. Die knapp 450 Seiten sind somit schnell konsumiert, aber einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt die Geschichte nicht. Das liegt auch daran, dass die Handlung in „Planet der Sonnen“ keinen Abschluss findet. Wer also wissen, will, wie es Hayden und seinen Komparsen ergeht, muss gezwungenermassen zum zweiten Teil der Virga-Saga greifen. Das Ende ist ein offensichtlicher Cliffhanger, der den Kauf des Nachfolgebandes nahelegt.

„Planet der Sonnen“ ist keine gewichtige oder tiefgründige SF. Dafür bekommt man eine luftige Abenteuergeschichte serviert, vorausgesetzt man findet Gefallen an bunten Anderswelten, irgendwo zwischen einem Disney-Abenteuerfilm und Star Wars.

Ihre Meinung zu »Karl Schroeder: Planet der Sonnen«

geronimox zu »Karl Schroeder: Planet der Sonnen«26.08.2013
Ein schöner Steampunk-Roman.

Autor Schroeder hat mit dem Konzept einer planetengrossen Luftkugel irgendwo im All eine phantastische Welt erschaffen, in der menschliche Besiedlung nur auf mit primitivsten Mitteln gebauten, in der Weite der Luftkugel dahinschwebenden Plattformen (Habitaten) oder der Oberfläche kleiner Asteroiden existieren kann. Innerhalb dieser Luftkugel herrscht Schwerelosigkeit, so dass Schwerkraft nur durch Rotation der Habitate selbst erzeugt werden kann.

Auch die »Sonne« im Zentrum dieser Luftkugel ist ein künstliches Gebilde und wird, um einen Tag-Nacht-Zyklus zu schaffen, im Rhythmus ein- und ausgeschaltet.

Die Handlung – der Rachefeldzug eines jungen Mannes, dessen Eltern von einem gegnerischen Habitat getötet wurden und die Territorialkämpfe der einzelnen Habitate untereinander um den besten Platz an der Kunstsonne – ist eigentlich nur ein Transportmittel zur Beschreibung dieser phantastischen, wundervollen Welt voller physikalischer Eigentümlichkeiten und Überraschungen.

Lesenswert! 9/10
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Beverly zu »Karl Schroeder: Planet der Sonnen«02.11.2012
"Planet der Sonnen" ist für mich der Beleg, dass "Steampunk" absolut nicht mein Fall ist. Es fängt schon damit an, dass ich mit Punk diese schönen Zeilen der "Sex Pistols" verbinde:

God save the Queen
the fascist regime!

Steam"punk" verklärt jene post-/neoviktorianischen Verhältnisse, über die sich die Sex Pistols lustig gemacht hatten. Alldiweil der Punk als Musikrichtung und Lebensstil um 1980 noch aufhorchen ließ, schläfert "Punk" in der SF ein.

Dabei fing Karl Schroeder durchaus vielversprechend an. Die Geschichte um Hayden erzählt er so rasant, dass ich erst einmal nur gelesen habe. Auch die Welt Virga, in der die Menschen in Schein künstlicher Sonnen in einer riesigen Luftsphäre leben, ist durchaus interessant.
Nun ja, sie leben so wie die Menschen um 1900 in Staaten, an deren Spitze bräsige und intrigante Eliten stehen, während die einfachen Menschen ums Überleben kämpfen sollen. Dass mir der Autor auf Seite 156 ff. quasi versuchte, diese Welt als besser zu verkaufen als ein System hochentwickelter "Künstlicher Natur", ließ mich heute Morgen das Buch beiseite legen. Beim Weiterlesen hätte ich das Gefühl gehabt, mich durch das Traktat eines unverbesserlichen Reaktionärs zu quälen, der by the way nur Ideen aufbrüht, die ich schon von anderen kenne.

Für Zivilisationen in Schwerelosigkeit seien die Romane "Der schwebende Wald" und "Welt in den Lüften" von Larry Niven empfohlen. Da leben die Menschen auch nicht in einer Utopie, aber der "Rauchring" ist das Original, "Virga" entpuppt sich als Kopie.
Wie sich eine die Menschen perfekt umsorgende Zivilisation als Hölle erweist, hat Jack Williamson in der Kurzgeschichte "Wing 4" eindrucksvoll beschrieben.

Fazit: Karl Schroeder ist ein sehr guter Erzähler, der am Setting scheitert.
Steakdieb zu »Karl Schroeder: Planet der Sonnen«11.01.2011
Mir hat das Buch im Sinne der Rezension sehr gut gefallen, eine nette Abenteuergeschichte in einer originellen Welt, eine Mischung aus klassicher SF und Steampunk. Es mag kein Alastair Reynolds sein was die Charaktere angeht, aber das fand ich nie negativ. Wer sich den zweiten Band zulegen möchte und eine ähnliche bunte Abenteuergeschichte erwartet: Vorsicht! Die Fortsetzung ist eher eine Art abgespeckter Politthriller, auch gut zu lesen, aber anders als dieser Band hier.
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