Hohelied von Ken Scholes

Buchvorstellungund Rezension

Hohelied von Ken Scholes

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „Antiphon“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 512 Seiten.ISBN 3-442-26674-2.Übersetzung ins Deutsche von Simone Heller.

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In Kürze:

Endlich herrscht Friede in den Benannten Landen. Da fällt Rudolfo, der Herr der Neun Häuser der Neun Wälder, fast der trügerischen Ruhe zum Opfer. Beinahe zu spät erkennt er, dass seine Frau und sein Kind Ziel eines Mordanschlags sind. Um sie zu schützen, schickt Rudolfo sie in den vermeintlich sicheren Norden und macht sich auf, die Hintermänner der Attentäter zu stellen. Aber diese folgen einem Plan, der bereits lange vor Rudolfos Geburt in Gang gesetzt wurde. Jetzt sind sie kaum noch aufzuhalten …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Nervenaufreibend spannend“93

Fantasy-Rezension von Anja Helmers

Seit zwei Monaten reitet König Rudolfo mit seinem kleinen Sohn Jakob und seiner Frau Jin Li Tam durch die Waldresidenzen, stellt dem Volk seinem Erben vor und genießt sein Glück. Aber Jin Li Tam wird nachts wieder von finsteren Träumen geplagt und eines Tages findet sie einen mechanischen Vogel, der von einem Bundraben angegriffen wird. Auch bei Winters taucht ein Bundrabe auf und bringt mit der Stimme ihrer Schwester Winteria der Älteren eine Warnung für Rudolfo: Sein Sohn, das Kind der Verheißung, sei in Gefahr. Kurz darauf bietet die Königin des Machtvolks sogar persönlich ihre Hilfe an. Aber erst nach einem Anschlag, bei dem Lin Li Tam und Jakob nur knapp mit dem Leben davonkommen, ist Rudolfo bereit, dieses Angebot anzunehmen und seine Frau und seinen Sohn in den Norden zu schicken.

Ein Antiphon, wie der Roman im Original heißt, ist ein liturgischer Wechselgesang oder im weiteren Sinne eine Art Musik, bei der vorgegebene Elemente von anderen Stimmen oder Instrumenten beantwortet werden. Das Hohelied ist lt. Wikipedia eine Sammlung von Liebesliedern, insofern passt der deutsche Titel nicht, denn im dritten Band von Ken Scholes Reihe um Isaak, arbeiten die Mechoservitoren eifrig an ihrem Antiphon als Antwort auf den Lobgesang im zweiten Band, aber das hat nichts mit einem Liebeslied zu tun. Unabhängig davon weist der dritte Band, der nahtlos an die Ereignisse des Vorgängers anknüpft, keine Ermüdungserscheinungen auf, sondern setzt die komplexe Geschichte nervenaufreibend spannend fort. Hohelied entwickelt eine Melodie mit enormer Sogwirkung, durch schnelle Szenenwechsel, einen schönen Sprachstil, kontrastreiche Figuren und interessante Themen wie Fanatismus, Glaube und Religion.

Rudolfo: „Ich erkenne meinen Weg nicht mehr“

Im Angesicht umfassender Umwälzungen finden sich Scholes Protagonisten verstrickt in Ereignisse, die nach einem Plan verlaufen, dessen Anfänge weit in der Vergangenheit verborgen liegen und den sie nicht durchschauen können. Deswegen bleibt ihnen nur ein kleiner Handlungsspielraum, häufig können sie nichts weiter machen, als unter Druck zwischen dem Schlechten und dem noch Übleren zu wählen. Getrennt von Frau und Kind scheint König Rudolfo dem Druck nicht gewachsen, er gerät in eine Abwärtsspirale, weil er seinen Weg nicht mehr erkennen kann.

Aber Veränderung ist der Pfad, den das Leben einschlägt, und so erkennt Winters, dass sie sich aufraffen muss, um ihr Volk von seinem Irrweg abzubringen. Sie erliegt nicht den Betörungen ihrer Schwester und deren Schergen, sie will sich nicht länger in den Gewölben der Bibliothek verschanzen, sie weiß, dass die neue Heilslehre ihre Leute zu Dienern der Karmesinkaiserin macht, und darüber gerät sie in Wut. Winters ist ein wunderbarer Gegenpart zu ihrer so stark von sich selbst überzeugten älteren Schwester Winteria.

„Kultisten, die rücksichtslos morden und quälen, alles mit einem Glanz in den Augen“

Ken Scholes ist es virtuos gelungen, die Anziehungskraft von Mystizismus, verklärtem Glauben und den sich daraus ergebenden Fanatismus, darzustellen. Winteria die Ältere, erklärt mehrmals, sie wäre kein Ungeheuer, in völliger Verkennung der Abscheulichkeiten, die sie im Namen ihres Glaubens begangen hat und weiter begeht. Die Verblendung der Evangelisten, die mit missionarischem Eifer ihre Heilsversprechungen in den Neun Wäldern verbreiten, ist so greifbar und wirk so authentisch. So ekelhaft und brutal die Rituale der Karmesinkaiserin anmuten, so weit entfernt von den großen Religionen sind sie nicht, man denke da nur an die Glorifizierung von Märtyrern oder den Blutzoll, der im Namen des Glaubens geflossen ist.

„Wir leben in beispiellosen Zeiten“

Es läuft einem kalt den Rücken herunter, wenn man erlebt, wie hilflos Jin Li Tam und der rationale Petronius sind, angesichts der perfiden Instrumentalisierung ihrer Person durch die Prophezeiungen der Karmesinkaiserin. Man fiebert mit und wünscht sich, dass sie nicht nur im letzten Moment reagieren, sondern bald mehr sein können als Sand im Getriebe, um die Eroberungen der Y’Ziritischen Ungeheuer zu stoppen.

Der Mechoservitor Isaak entwickelt immer mehr menschliche Züge und handelt sogar aus eigenem Antrieb. Charles, der Androfranziner, der ihn und seinesgleichen geschaffen hat, entwickelt für Isaak Vatergefühle, obwohl ihm solche Emotionen sonst fremd waren. Die stärkste Weiterentwicklung und größte Überraschung erlebt Neb, allerdings erst im letzten Drittel des Buches. Vlad Li Tam begibt sich auf ungewöhnliche Pfade und lässt sich sehr untypisch von einem starken Gefühl leiten.

Obwohl die Geschichte einen großen Schritt vorangekommen ist und manches Rätsel gelöst wurde, wünscht man sich am Ende der 539 Seiten das baldige Erscheinen des nächsten Buches, zumal dem Leser als Appetithäppchen noch auf der vorletzten Seite ein wichtiges Detail offenbart wird. Das Erscheinen von ´Requiem. Psalms of Isaak 4´, ist für den fünfzehnten Juli 2013 angekündigt.

(Anja Helmers, April 2013)

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