Horror 3 von Kurt Singer (Hg.)

Buchvorstellungund Rezension

Horror 3 von Kurt Singer (Hg.)

deutsche Ausgabe erstmals 1970, 243 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Joachim A. Frank.

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In Kürze:

Acht Gruselgeschichten, die ursprünglich meist in klassischen „Pulp“-Magazinen erschienen und deshalb mehr auf den Knalleffekt als auf Stimmung setzen. Da auch gute Schriftsteller in diesem Metier tätig waren, konnten einige Storys ihren Unterhaltungswert gut konservieren; wirklich schlecht ist keines dieser oft längst vergessenen Geister-Garne.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Achtmal jenseitiger Zorn mit diesseitigen Todesfolgen“70

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Isaac Asimov u. James McCreagh: Der Gespensterprozeß (Legal Rites, 1950), S. 7-32: Ein bodenständiges Gespenst gedenkt nicht, einem Erbschleicher sein Spukhaus zu überlassen, und zieht gegen ihn vor Gericht.
  • Robert Barbour Johnson: Das Leben nach dem Tode des Thaddeus Warde (The Life-After-Death of Mr. Thaddeus Warde, 1964), S. 33-47: Mr. Warde war ein sanftmütiger Zeitgenosse, den erst seine Ermordung in höchsten Zorn versetzt.
  • E. F. Benson: Mrs. Amworth (Mrs. Amworth, 1923), S. 48-59: Sie ist ein wenig zu freundlich, und älter als sie zugibt ist sie auch, aber vor allem ist sie kein Mensch.
  • August Derleth u. Mark Schorer: Sie sollen auferstehen (They Shall Rise, 1931), S. 60-77: Dr. Brock ernennt sich zum Sprecher der Toten, und sie folgen seinem Aufruf zur Rebellion gegen die Lebenden.
  • Emil Petaja: Der rachsüchtige Geist (The Insistent Ghost, 1965), S. 78-91: Der böse Herb will sich für seine Ermordung rächen, aber er unterschätzt seine Witwe und seine Kurzsichtigkeit.
  • Paul Ernst: Der Fluch der Hexe (A Witch’s Curse, 1929), S. 92-110: Für einen grausam geendeten Streich muss die Nachfahrin sieben Generationen später bitter büßen.
  • Harold Lawlor: Welch winkendes Gespenst (What Beckoning Ghost?, 1948), S. 111-126: Sie war nicht die Hellste, aber nach ihrem Tod hat Sharon endlich begriffen, wie übel ihr vom mitgiftgierigen Gatten mitgespielt wurde.
  • A. W. Calder: Das Lied des Todes (Song of Death, 1938), S. 127-140: Ein ganz besonderer Song lässt jene, die ihn singen oder spielen, tot umfallen, was verhängnisvoll wird, als er ins Programm eines Radiosenders gerät.

Grusel mit Nostalgie-Glanz

Vor allem zwischen den beiden Weltkriegen sowie noch einige Jahre nach 1945 beherrschten „Pulp“-Magazine die von der Kritik ignorierten Niederungen der Trivialliteratur. Sie war vornehmlich auf Unterhaltung zugeschnitten. Weil das Medium – billig aus holzigem Papier hergestellt und mit grellen Covern versehen – auf eine möglichst breite Lesermasse zielte, wurden Experimente von den meisten Herausgebern weder gern gesehen noch gar entlohnt: Am liebsten wurde gedruckt, was sich thematisch und formal bewährt hatte. Variationen waren kein Problem, sondern die Regel. Ansonsten galt es höchstens, jenen schmalen Grat, der das gierende Publikum von der misstrauischen Zensur trennte, so trittsicher wie möglich zu beschreiten: Gewalt und Sex waren ausdrücklich erlaubt, solange sich a) das Gesetz und b) zu viele andere Leser = Käufer nicht beschwerten.

Aus heutiger Sicht wirken natürlich auch einst „gewagte“ Garne eher komisch als erschreckend oder gar erotisierend. Das Wirkungsspektrum hat sich verschoben: Gerade ihr Alter sorgt für einen Unterhaltungseffekt, die ohne den Nostalgie-Faktor nie zustande käme. Die offensichtliche Harmlosigkeit ursprünglich „gruseliger“ Storys kann durch das Talent ihrer Autoren ausgeglichen werden – oder eben nicht. Die hier vorgestellte Sammlung belegt beides, wobei die von Alter und Untalent eingeholten Ausfälle erfreulicherweise rar bleiben.

Schon die erste Geschichte ist ein gutes Beispiel für solides Handwerk, dem das Alter schmeichelt. Das sollte kaum wundern, wenn man die Autorennamen betrachtet: Isaac Asimov (1920-1992) gehörte zu den Großen der „Goldenen Ära“ der Science Fiction. Er beschränkte sich nicht auf dieses Genre, sondern schrieb auch Kriminalstorys oder – wie in diesem Fall – Gruselgeschichten. Hier tat er sich mit einem gewissen „James McCreagh“ zusammen. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich Frederik Pohl (1919-2013), der wie Asimov zu den Grundpfeilern der SF gehörte und in vielen Jahrzehnten unermüdlichen Schaffens jeden ausgelobten Genre-Preis meist mehrfach einheimste. „Der Gespensterprozeß“ ist gut umgesetzter aber nicht ernstgemeinter Horror. Er nutzt das Klischee hemdsärmeliger Alltagspraxis, die vor allem den Bewohnern der mittelwestlichen US-Provinzen – auch „Hinterwäldler“ genannt – nachgesagt wird. Vor dieser Kulisse ist es möglich, dass auch ein Gespenst sich sein Recht vor Gericht erstreiten will.

Moral als krachender Final-Effekt

Die womöglich älteste „Begründung“ für Geisterspuk basiert auf der Annahme, dass ein Mensch, der nicht durch Alter, Krankheit oder Unfall starb, zu einer Existenz als Wiedergänger verdammt ist, bis der für seinen Tod Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen wird. Schon der Gedanke eines solchen Erscheinens ist schauerlich genug, doch gehen diejenigen, die daran glauben, zusätzlich davon aus, dass besagter Geist voller Rachsucht steckt. Die Strafe für den Mörder fällt deshalb alttestamentarisch aus: Auge um Auge, Zahn um Zahn …

Horror 3 enthält gleich mehrere Geschichten, die das aufgreifen. Robert Barbour Johnson (1907-1987) und Harold Lawlor (1910-1992) machen deutlich, dass und wieso es im Tod zu einem Sinnes- bzw. Charakterwandel kommen kann: Der als Mensch noch friedliche Geist kann unsichtbar feststellen, dass man ihm nicht nur übel mitgespielt hat, sondern sich die Schuldigen womöglich über ihn lustig machen. Paul Frederick Ernst (1899-1965) betont den Ernst der Lage: Unschuld schützt keineswegs vor Strafe! Emil Petaja (1915-2000) stellt freilich fest, dass selbst ein aus dem Jenseits abgegebener Schuss nach hinten losgehen kann: Geister sind bzw. waren auch nur Menschen; sie lassen sich hereinlegen …

Der schmale Grat zwischen Routine und Erinnerung

August Derleth (1909-1971) und Mark Schorer (1908-1977) verlegen ihre Gruselmär in eine Zeit und in ein Milieu, die und das den wissbegierigen Medizinstudenten deutlich näher als heute an das Sezierobjekt Leiche band. Allerdings wirkt die auch sonst recht umständlich eingefädelte und allzu abrupt finalisierte Story wie eine Variation des Story-Klassikers „The Body Snatcher“ (1884; dt. „Der Leichenräuber“) von Robert Louis Stevenson, ergänzt durch die für Derleth typische Prise H. P. Lovecraft. Gänzlich missraten ist trotz des interessanten Umfelds – Life-Radio in den 1930er Jahren – die betulich entwickelte und eher lautstark als effektvoll aufgelöste Geschichte einer dämonischen Macht, die durch Musik tötet.

Edward Frederic Benson (1867-1940) gehörte nicht zu den „Pulp“-Autoren. Er war ein „richtiger“ Schriftsteller, den die weiter oben erwähnte Kritik lobend zur Kenntnis nahm. Dennoch passt „Mrs. Amworth“ in diese Sammlung: Benson beschreibt beinahe dokumentarisch (und eng an Brams „Dracula“ Stoker „angelehnt“) eine vampirische Besessenheit und – ohne Abblende – ihr auf dem nächtliche Friedhof bewirktes Ende per Holzpflock. Auf diese Weise schließt sich der Horror-3-Kreis unterhaltsam aber ohne Hintersinn. Gruselspaß steht auf dem Programm, und der wird geliefert.

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