Lucas Edel: Uhrwerk Venedig von Lucas Edel

Buchvorstellungund Rezension

Lucas Edel: Uhrwerk Venedig von Lucas Edel

Originalausgabe erschienen 2011, 220 Seiten.ISBN 3943378012.

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Das meint Phantastik-Couch.de: „Von aufziehbaren Herzen und mechanischen Heilmitteln“62

Science-Fiction-Rezension von Michael Scheck

Clockpunk – das ist eine relativ neue Spielart der Science-Fiction, verwandt mit dem Steampunk, allerdings ohne Dampfantrieb, dafür mit Uhrwerken. Die beiden Modeströmungen beschreiben in der Regel eine alternative Vergangenheit, in welcher eine bestimmte technische Neuerung (hier Uhrwerke, dort Dampfmaschinen) größeres Gewicht bekommen hat, als dies in der Realität tatsächlich der Fall war.

Die Mechanik in der Renaissance

Uhrwerk Venedig heisst eine kürzlich erschienene deutschsprachige Clockpunk-Anthologie – die erste, wie auf dem Buchcover vermerkt ist. Sechs Autoren aus dem deutschsprachigen Raum steuerten Kurzgeschichten bei, in welchen aufziehbare mechanische Antriebe und Uhrwerke im Zentrum stehen, und die alle im Venedig der Renaissance angesiedelt sind. Keine der Geschichten geht dabei der Frage nach, wie der Lauf der Welt ausgesehen hätte, wären Da Vincis Erfindungen damals tatsächlich gebaut worden und erfolgreich gewesen. Vielmehr steht in jeder Erzählung eine bestimmte Erfindung im Mittelpunkt – meist Errungenschaften der heutigen Zeit, die in die Renaissance verpflanzt wurden. In dreien davon wird die Mechanik mit der Medizin verbunden.

„Flieg, Goliath“ von Emilia Dux, eine Miniatur von 13 Seiten, eröffnet den Reigen. Im Mittelpunkt steht ein Wettbewerb, die Erfinder jener Zeit wetteifern um den besten aufziehbaren Automaten. Am Ende steht für die Hauptfigur die Erkenntnis, dass der Mensch wichtiger sei als die Maschine. Mit dieser „Moral“ hebt sich Emilia Dux’ Geschichte von jenen der anderen hier versammelten Autoren ab, welche deutlich die Maschinen ins Zentrum des Interesses stellen.

Leonardo Da Vinci – mal Actionheld, mal Trottel

Etwa Dirk Ganser, der in „Das Tor“ einen Adepten Leonardo Da Vincis die Zeitmaschine erfinden lässt, die dann allerdings das Tor zur Hölle öffnet. Diese Geschichte ist flüssig geschrieben und von atmosphärischer Dichte; doch leider stellt Ganser Leonardo Da Vinci als unfähigen Trottel dar, was nicht zuletzt dank der wenigen Seiten, die er dafür verwendet, recht plump und gewollt wirkt. Soll das „unverkrampfter Umgang mit historischen Fakten“ signalisieren? In dieser kurzen Form bleibt es im Oberflächlichen stecken und wirkt effekthascherisch.

Leonardo kommt auch in Tom Wilhelms „Tränensplitter“ vor. Hier wird er gar zum Actionhelden stilisiert – ebenso oberflächlich. Angetan mit einer selbsterfundenen Kampfausrüstung macht er sich auf, die Werkstatt seines Rivalen in Murano zu stürmen, der in grässlichen Experimenten versucht, den menschlichen Organismus mit Maschinen zu verbinden.

Wenig originelle Ideen

Die Brüder Thomas und Stephan Orgel machen in „Narrheiten“, der längsten Geschichte des Bandes, einen Ausflug ins Krimigenre und lassen einen Inspektor der „vatikanischen Kommission zur Sicherstellung mechanischer Teufelswerke“ den Mord an einem Vigilanten untersuchen, der ihn mit mechanischen Waffen aller Art konfrontiert.

„Die zwei Seiten der Medallie“ von Susanne Wilhelm erzählt von einem mechanischen Wunderwerk, das in der Lage ist, im menschlichen Körper umherzuwandern und entweder Nierensteine zu entfernen – oder den Körper zu zerstören.

Und in „Der Schlüssel“, geschrieben vom Anthologie-Herausgeber Lucas Edel wird einem Menschen gar ein künstliches (mechanisches) Herz eingepflanzt, das in regelmässigen Abständen aufgezogen werden muss.

Angenehme Kurzkost

Nur eine der in dem schmalen Bändchen versammelten Geschichten vermag durch wirklich originelle Ideen zu überzeugen, nämlich Susanne Wilhelms „Kehrseite der Medallie“. Hier wird nicht einfach eine Erfindung des 20. Jahrhunderts in die Renaissance versetzt. Was ihr Protagonist da zur Heilung des Dogen erfindet, überzeugt durch eine Idee, die aus der Zeit heraus entstanden sein könnte.

Die anderen Geschichten sind zumindest gut geschrieben und interessant zu lesen. „Narrheiten“ verwirrt streckenweise durch unpassende Ausdrücke wie „nope“ und dadurch, dass die Hauptfigur einmal Hawthrone und dann wieder Cardigan heisst. Offenbar wurde der Held im letzten Moment noch unbenannt und der Name in Eile nicht überall geändert. So etwas dürfte einem gewissenhaften Lektor eigentlich nicht entgehen.

Des Weiteren wirkt „Narrheiten“ seltsam unfertig, wie ein etwas willkürlich gewählter Ausschnitt aus einem größeren Ganzen. Man erhält den Eindruck, es handle sich entweder um ein Romanfragment oder um ein Kapitel eines in der Entstehung begriffenen Romanes.

„Uhrwerk Venedig“ liest sich als angenehme Kurzkost für zwischendurch; der große Wurf ist in diesem Bändchen allerdings nicht zu finden.

(Michael Scheck, Dezember 2011)

Ihre Meinung zu »Lucas Edel: Uhrwerk Venedig«

Lefti zu »Lucas Edel: Uhrwerk Venedig«18.12.2011
Jeder Science-Fiction-Fan wäre nach dieser "Science-Fiction-Rezension" enttäuscht. Clockpunk bzw. Steampunk - seit aktuellerer Zeit vermehrt Clockfantasy und Steamfantasy genannt (der Begriff "Punk" ist seit den 1980er Jahren eigentlich überholt, außer im Bereich des "Cyberpunk") - sind eher der Fantasy zuzuordnen. Das ist sowohl an den o.g. neueren Bezeichnungen, als auch daran erkennbar, daß diese Genres in einer alternativen Vergangenheit spielen, bzw. auf Welten und/oder Zeiten spielen, die an eine alternative Vergangenheit erinnert. So ist die Eingruppierung von "Steam" und "Clock" als Sub-Genre der SF nicht korrekt.

Ich zitiere:
In diesem Zusammenhang ist eine Definition interessant, die Sam Moskowitz in seinem Buch "Explorers of the Infinite" (The World Publishing Company, 1963) so formulierte: "Als ein Zweig der FANTASY ist Science Fiction daran erkennbar, daß sie dem Leser bei der von ihm gewollten Verdrängung des Unglaubhaften entgegenkommt, indem sie sich einer Atmosphäre wissenschaftlicher Glaubhaftigkeit bedient bei ihren phantasievollen Spekulationen in Raum und Zeit, auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Sozialwissenschaften, der Philosophie."
Science Fiction als Ganzes wäre ohne Fantasy, ohne "sense of wonder", dieser verspielten Freude am Unvorstellbaren, Unvorhergesehenen, schwer denkbar.
Nachzulesen in: Ullstein 2000 Science-Fiction-Stories 20, 1973.
Nach dieser Definition ist SF ein Sub-Genres der Fantasy.
Lucas Edel zu »Lucas Edel: Uhrwerk Venedig«08.12.2011
Sehr geehrter Herr Scheck!

Ich danke für Ihre Besprechung.
Es ist immer wieder interessant zu sehen, mit welchen Erwartungen Leser an Texte herangehen. Jeder wünscht sich etwas anderes.

Unsere Interpretation des Sub-Genres "Clockpunk" war zweifellos ein gewagtes Experiment. Welchen großen Wurf sie sich allerdings gewünscht hätten, weiß ich nicht. Hätten wir, wie von Ihnen angemerkt, erklärt, wie sich die Welt weiterentwickelt hätte, wäre der Konstruktionsrahmen "Venedig" gesprengt worden. Es ging uns nicht um "theoretisch historische" Abhandlungen, sondern um die Figuren. In einer Zeit, die durch zunehmende Digitalisierung immer unpersönlicher wird eine legitime Herangehensweise, wie wir meinen.

"Narrheiten" bildet dabei für mich gerade durch seine vermeintliche "Unfertigkeit" einen abstrakten Kontrapunkt. Was bedeutet denn "fertig"?

Man darf an solche Geschichten natürlich nicht nur mit dem Verstand herangehen. Damit nimmt man sich den Zauber und das Staunen.

Mit Dank und besten Wünschen, Lucas Edel
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