Der Schatz des Abtes Thomas von M. R. James

Buchvorstellungund Rezension

Der Schatz des Abtes Thomas von M. R. James

Originalausgabe erschienen 1970, 197 Seiten.ISBN 3518370405.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

Böse Gespenster kommen über allzu neugierige Zeitgenossen. Auch Unschuld schützt vor solcher Heimsuchung nicht, sodass sich die geplagten Seelen allerlei einfallen lassen müssen, um – vielleicht – davonzukommen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Du findest sie – sie holen dich!“100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Zehn klassische Geschichten definieren in der perfekten Balance von Gruselspannung und Humor das Genre „ghost story“:

 – Der Schatz des Abtes Thomas („The Treasure of Abbot Thomas“, 1905), S. 7-30: Wer sein Gold einst finde, den beneide er nicht, hinterließ der Abt eine Warnung; viele Jahre später erkennt ein Schatzsucher, was – und wen – Thomas meinte …

 – Ein Herzensvetter („Lost Hearts“, 1905), S. 31-43: Der freundliche Verwandte hegt böse Pläne, als er seinen verwaisten Vetter aufnimmt, doch zwei bereits früher hässlich geendete Hausgäste machen ihm einen Strich durch die Rechnung …

 – „Ibi cubavit Lamia“ („An Episode of Cathedral History“, 1919), S. 44-65: Als die alte Kirche renoviert wird, stoßen die Bauarbeiter im Inneren auf ein Grab, das sie besser ungestört gelassen hätten …

 – Das Puppenhaus („The Haunted Doll´s House“, 1925), S. 66-81: Was einst Grässliches unter dem Dach des Vorbildes geschah, wiederholt sich nun im verfluchten Puppenhaus als mitternächtliches Miniatur-Drama …

 – Das Vermächtnis des Kanonikus Alberic („Canon Alberic’s Scrapbook“, 1905), S. 82-96: Wen der gar nicht fromme Kirchenmann einst aus der Hölle zitierte, haust noch heute in seiner Kirche, weshalb man wissen sollte, wie man ihm aus dem Weg geht …

 – Eine Pfadfinder-Geschichte („Wailing Well“, 1931), S. 97-111: Als er trotz eindringlicher Warnung ein verfluchtes Wäldchen betritt, erfährt der ungehorsame Knabe, dass Gespenster weniger nachsichtig als Erwachsene sind …

 – Der Eschenbaum („The Ashtree“, 1905), S. 112-129: „Es werden Gäste sein auf Castringham Hall“, kündigt die Hexe unter dem Galgen an, und die haben es auf den Richter und seine Nachfahren abgesehen …

 – Drei Monate Frist („Casting the Runes“, 1911), S. 130-156: Der reizbare Amateur-Historiker pflegt Kritiker mit einem tödlichen Fluch zu belegen, aber dieses Mal gedenkt sein Opfer, es ihm mit gleicher dämonischer Münze heimzuzahlen …

 – Das Chorgestühl zu Barchester („The Stalls of Barchester Cathedral“, 1911), S. 157-176: Als der alte Amtsvorgänger nicht sterben will, hilft der Nachfolger ungeduldig nach; zu seinem Pech ruft die böse Tat unheimliche Rächer auf den Plan …

 – „Liber nigrae peregrinationis“ („Count Magnus“, 1905), S. 177-194: Auch im Tod sollte man Magnus fürchten, denn noch immer hasst er Störenfriede und hetzt ihnen hinterher, was ganz sicher nicht von dieser Erde ist …

Wer zu tief schürft, trägt die Folgen!

Eigentlich sind es harmlose Zeitgenossen, die zudem zufällig dorthin geraten, wo sie ganz sicher nie landen wollten: im Reich der Gespenster, zumal diese sich von ihrer besonders unerfreulichen Seite zeigen. Sie sind böse, heimtückisch und nachtragend. Ihnen zum Opfer fallen allzu forschungseifrig Bücherwürmer, Kirchenmänner und sogar Jugendliche, die nur altersbedingt gegen die Regeln von Zucht & Ordnung verstoßen: Die Gespenster des M. R. James kennen keine Gnade!

Eher zufällig trifft es den hinterhältigen Mr. Abney („Ein Herzensvetter“), den kritikerfeindlichen Mr. Carswell („Drei Monate Frist“), den selbstgefälligen Junker Fell („Der Eschenbaum“) oder den scheinheiligen Archidiakon Haynes („Das Chorgestühl zu Barchester“), die tatsächlich Verbrechen begehen. Aber selbst mit diesen Schurken hat der Leser Mitleid, denn die Strafe für ihr unchristliches Tun ist ausnahmslos schrecklich.

Mit einiger Sicherheit ist zu erwarten, dass nicht einmal der grausige Tod ein Ende dieser Strafe bringt. Im Fall des vorwitzigen Pfadfinders Stanley Judkins („Eine Pfadfinder-Geschichte“) wissen wir es sogar genau: Er muss sich denen zugesellen, die ihm das Leben nahmen, und ist in Zukunft ebenso gefährlich für zukünftig allzu Neugierige!

Horror mit Humor

Gerecht geht es bei M. R. James also nicht zwangsläufig zu, und seine Gruselgeschichten enden keineswegs automatisch mit einer lehrreichen Moral. Dazu nahm der Verfasser die Geisterwelt nicht ernst genug. Ob James dennoch an Geister glaubte, blieb sein Geheimnis. Seine Storys bleiben ambivalent, denn sie werden mit viel schwarzem Humor dargeboten. „Eine Pfadfinder-Geschichte“ ist ganz offen als Horror-Komödie gestaltet, die zusätzlich ihren Scherz mit dem eigentlich zu erwartenden Schlussappell – Haltet euch an die Regeln! – treibt.

Auch sonst ist James immer für einen Seitenhieb gut. Wenn sich ehrwürdig aufgeblasene Kirchenfürsten gegen den Umbau einer Kirche sträuben, weil man anschließend sehen könnte, dass sie der Messe im Tiefschlaf beiwohnen, klingt das in „Ibi cubavit Lamia“ trügerisch harmlos so: „Andere wiederum bemängelten, sie würden dem Anblick der Kirchenbesucher preisgegeben sein, was, wie sie sagten, besonders während der Predigten unangenehm sein werde, denen die Domherren gern in einer Haltung lauschten, die zu Missverständnissen Anlass geben könnte.“ (S. 51)

Auf der anderen geht die Begegnung mit dem Übernatürlichen regelmäßig grimmig aus. Die Kunstfertigkeit, mit der James sein Garn spinnt, verbirgt durchaus plakative Grausamkeiten. Da werden Herzen aus dem Leib („Ein Herzensvetter“) oder gar Gesichter vom Schädel gerissen („Liber nigrae peregrinationis“), und in „Das Puppenhaus“ frisst der zum Zombie mutierte Großvater die an seinem Schicksal unschuldigen Enkelkinder. Wie im Märchen gibt James seinem Publikum, was es verlangt.

Wie der Horror überlebte

Dass sich das Vergnügen an Horror und Humor den deutschen Lesern gleichermaßen mitteilt, verdanken sie der kongenialen Übersetzung von Friedrich Polakovics. Während er seinen Hang zum künstlich antiquierten Ausdruck in anderen Story-Sammlungen manchmal bis zur Unerträglichkeit übertreibt, findet er hier stets den korrekten Tonfall. M. R. James schreibt zwar ´nur´ Gruselgeschichten, aber er ist ein akademisch hochgebildeter Autor, der daraus keinen Hehl macht.

So wird „Der Schatz des Abtes Thomas“ durch ein halbseitiges lateinisches Zitat eingeleitet. (Keine Sorge – es wird übersetzt.) Das sorgte vor 100 Jahren nicht für Entsetzen, sondern wurde als Entscheidung des Verfassers zur Kenntnis genommen. Der ebenfalls des Lateinischen mächtige Leser – solche soll es sogar noch heute geben – erfährt den doppelten Lektürelohn, wenn er verfolgt, wie präzise und doch der Story angemessen James Sprachduktus und Inhalt des Mittelalters nachahmt.

James-Grusel in anderen Medien

In England werden die Geistergeschichten von M. R. James seit Jahrzehnten nicht nur als Klassiker verehrt und gelesen, sondern auch verfilmt. 1957 setzte Jacques Tourneur (1904-1977), ein Meister des „film noir“, die Story „Drei Monate Frist“ unter ihrem Originaltitel „Casting the Runes“ (dt. „Der Fluch des Dämonen“) um. Zwar wurde er vom Studio gezwungen, jene heraufbeschworene Kreatur, die er wie James ursprünglich nur andeuten wollte, per Filmtrick zu zeigen, aber es gelang Tourneur dennoch ausgezeichnet, die bedrückende Atmosphäre einer dämonischen Bedrohung in Bilder voller trügerischer Schatten umzusetzen.

M. R. James fand natürlich auch Eingang in die TV-Serie „Mystery and Imagination“, die zwischen 1964 und 1968 als angelsächsische Variante der „Twilight Stories“ in England entstand; verfilmt wurden aus unserer Sammlung „Drei Monate Frist“ und „Ein Herzensvetter“. Eine stimmungsvolle und mit 45 Minuten Länge nicht über Gebühr gestreckte Version von „Das Chorgestühl zu Barchester“ stammt aus dem Jahre 1971. Von 1974 bzw. 1975 datieren ähnlich auf das Wesentliche konzentrierte Verfilmungen von „Der Schatz des Abtes Thomas“ bzw. „Der Eschenbaum“.

Auch heute bilden James-Storys einen Grundstock vor allem für TV-Filme. 2000 schlüpfte niemand Geringerer als Christopher Lee in die Rolle von M. R. James und erzählte vier „Ghost Stories for Christmas“. Die derzeit letzte Version von „Ein Herzensvetter“ entstand erst 2007.

 

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