Die gleißende Welt von Margaret Cavendish

Buchvorstellungund Rezension

Die gleißende Welt von Margaret Cavendish

Originalausgabe erschienen 1666unter dem Titel „The Description of a New World, Called the Blazing-World“,deutsche Ausgabe erstmals 2001, 136 Seiten.ISBN 3892351155.Übersetzung ins Deutsche von Virginia Richter.

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In Kürze:

Fast 350 Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung liegt diese klassische Utopie endlich auch auf Deutsch vor. Eine edle Dame zeigt es allen: Ihrem kaiserlichen Gemahl, ihren Untertanen und den Feinden ihres Heimatlandes. Mit Witz, Intelligenz und mutigen Entscheidungen erringt sie die Herrschaft über eine neue Welt und rettet eine alte – und hat zwischendurch noch Zeit für die Liebe. Die Geschichte der Science Fiction muss (teilweise) neu geschrieben werden.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Proto-Science-Fiction und Feminismus vor 350 Jahren“92

Science-Fiction-Rezension von Horst Illmer

Die deutsche Ausgabe dieses frühen utopisch-phantastischen Romans (von 1666) ist eine literaturhistorische Großtat und verdient mehr als nur lobende Erwähnung. Das auch in England lange Zeit vergessene oder geringgeschätzte Werk von Margaret Cavendisch, Herzogin von Newcastle (1623-1673), überrascht heutige Leserinnen und Leser durch seine ungewöhnlich moderne Sprache ebenso sehr wie durch den bemerkenswerten Inhalt.

„Die gleißende Welt“ ist eine glückliche Verbindung zwischen Vorläufern der utopischen wie der Reiseliteratur (dabei vor allem die frühen „voyages imaginaires“ zitierend) und den überaus originellen Ideen der Autorin. Cavendishs Anspruch auf Einzigartigkeit (lieber als Cäsar oder Alexander will sie als „Margaret I.“ in die Ewigkeit eingehen) gestattet ihr, unbeeindruckt von gesellschaftlichen Konventionen der eigenen Imagination zu vertrauen. Dies kommt vor allem in ihren Begleittexten „An den Leser“ (die sie selbstbewusst vor und nach den Romantext stellt) zum Ausdruck, in denen sie ihre „Freiheit in der Erfindung eigener Welten“ ausdrücklich als höchstes Gut anspricht und verteidigt. Auch an einer zentralen Stelle im Buch, als die herbeizitierten „Geister“ ihr raten, doch lieber selbst eine Welt zu „schöpfen“, bevor sie Herrscherin in einer „realen“ werde, singt die Autorin das Hohelied der Phantasie.

Parallelwelten und Tore in andere Dimensionen

Zum Inhalt: Eine schöne junge Dame wird von einem verliebten Mann aus der Obhut ihres Vaters entführt. Das Schiff wird jedoch von ungünstigen Sturmwinden zum Nordpol ihrer Welt geblasen, wo Alle außer der Dame erfrieren. Da sich am Pol die Sphären zweier Welten berühren, treibt das besatzungslose Schiff in die andere – die „gleißende“ – Welt. Dort wird die Dame von Bären-Menschen gerettet und nach eingehender Beratung als Geschenk zum Kaiser der Welt gebracht. Auf dieser Reise begegnet sie nacheinander den Fuchs-Menschen, den Fisch-Menschen, den Vogel-Menschen usw. Auch trifft sie auf Menschen deren Haut in allen möglichen Farben (grün, purpurn, orange) erscheint, nur nicht in der „normalen“. Die Hauptstadt des Kaiserreichs heißt „Paradies“ und liegt geschützt und verborgen auf mehreren Inseln in einem klimatisch gemäßigten Bereich der Neuen Welt. Dort wird sie dem Kaiser vorgestellt, der sich sofort in sie verliebt, sie heiratet und zur absoluten Herrscherin ernennt.

Damit jedoch noch lange nicht zufrieden, lässt sie ihre Untertanen kommen und sich von ihnen die Welt erklären. Als sie damit fertig ist, ruft sie auch noch die „Geister“, um von ihnen die Beschaffenheit der übersinnlichen Welt erklärt zu bekommen. Danach will sie sich selbst in kabbalistischen Erfindungen ergehen und bekommt von den Geistern eine Schreiberin an die Seite gestellt: Die Herzogin von Newcastle! Die beiden Frauen freunden sich schnell an, werden „platonische“ Geliebte, und unternehmen danach alles gemeinsam.

Nachdem die Geister von weiteren Versuchen esoterischen Unsinn zu produzieren gewarnt haben, geben sich beide Damen der Schöpfung von neuen Welten im eigenen Kopf hin. Als dies gelungen ist, wird die Kaiserin etwas unruhig (die Beste aller Welten ist wohl auch die Langweiligste) und will die Welt der Herzogin besuchen. In Gestalt von unsichtbaren Geistwesen gelingt der Übergang in die nächste Welt. Dort (also auf der Erde des Jahres 1666) besuchen sie London, nehmen an einer königlichen Audienz teil, gehen ins Theater und erreichen schließlich die Ländereien des Herzogs von Newcastle. Angezogen von den unzählbaren inneren und äußeren Vorzügen des Herzogs begeben sich die Damen in dessen Kopf und es beginnt eine – geistige – „menage a trois“.

Zurück in der gleißenden Welt erfährt die Kaiserin, dass die Welt aus der sie ursprünglich stammt im Krieg steht. Das Königreich in dem sie geboren wurde (ESFI), wird von den meisten anderen Nationen angegriffen. Sie beschließt – mit Hilfe der strategischen Künste ihrer Freundin – ihrer ehemaligen Heimat zur Hilfe zu eilen. Mittels der überlegenen Technik der gleißenden Welt (Unterseeboote, Napalm) und dem Einsatz ihrer unerschöpflichen humanen (Fisch- und Vogel-Menschen) und finanziellen (Gold, Diamanten) Ressourcen, gelingt es ihr nicht nur, den Krieg für ESFI zu entscheiden, sondern gleich noch alle anderen Nationen zu unterwerfen und ESFI tributpflichtig zu machen. Danach kehrt die Kaiserin in die gleißende Welt zurück und die Herzogin erinnert sich ihrer ehelichen Pflichten. Das Buch endet mit einem Bericht der Herzogin über die endlosen Feierlichkeiten am „paradiesischen“ Hof .

Moderne und post-moderne Einsichten

Diesen phantastischen und phantasievollen Rahmen füllt die Autorin mit einer Vielzahl philosophischer und naturwissenschaftlicher Betrachtungen – wobei man immer daran denken muss, dass diese Kategorien im 17. Jahrhundert nicht den gleichen Trennungsbedingungen unterlagen wie heutigentags. Cavendish nutzt die „Unterredungen“ (in denen vorwiegend „Wissenschaftler“ oder „Geister“ auf die Fragen der Kaiserin Antworten geben) um auf den Spuren Platons „Kritik“ zu üben. Hierbei entwickelt sich ein erstaunlich vielfältiger Überblick über die Bereiche der naturkundlichen und philosophischen Theorien, über Utopien, das Theater, diverse Regierungsformen usw.

Stilistisch zieht Cavendish alle Register. Ihr stehen alle damals bekannten literarischen Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung (einschließlich der äußerst post-modern wirkenden Einbeziehung der Autorin selbst in die Handlung) – und die von ihr erdachten Wunderwaffen und Fahrzeuge, die über- und unterirdischen Wesen der diversen Planeten sowie die offenen und auf Augenhöhe stattfindenden Beziehungen zwischen den Geschlechtern, sind von einer auch heute noch raren Qualität.

Dabei gelingen ihr, der Autodidaktin, vor allem dann überraschende Einsichten, wenn sie ihren weiblichen Blickwinkel in den Mittelpunkt stellt. Ihr – lange vor dem Aufkommen des Feminismus entwickeltes – weibliches Selbstbewusstsein ist enorm und lässt sich von männlicher Dominanz wenig einschüchtern. (Hier gehörte Vieles gesagt zum Umfeld, zur Zeitgeschichte und zur Biographie – das steht jedoch ausführlich im unbedingt lesenswerten Nachwort von Virginia Richter.)

Alles in Allem ist die Veröffentlichung dieses Buches außerordentlich zu Begrüßen. Die vorliegende Utopie ist in vielen Hinsichten einmalig. Vor allem der strikt weibliche Ansatz, das Beharren auf einer absolut-monarchistischen Regierungsform und der Einsatz von phantastischen Ideen (Parallelwelten, technische Wunderwaffen), die später von der Science Fiction begeistert aufgenommen wurden, sind hervorzuheben. Dazu kommt noch ein – philosophisch durchaus begründeter – Anspruch auf die Gleichwertigkeit (wenn nicht gar das Primat) der Phantasie mit (oder vor) der „ernsthaften“ wissenschaftlichen Weltbetrachtung.

In mehr als nur einer Hinsicht eine „Muss“-Lektüre!

(Horst Illmer, August 2012)

Ihre Meinung zu »Margaret Cavendish: Die gleißende Welt«

Edzard Klapp zu »Margaret Cavendish: Die gleißende Welt«13.04.2017
Es bietet sich an, in "The Blazing World" eine Art "Ur-Alice" zu sehen. Sowohl hier wie dort gerät die Heldin in eine Anderwelt und hat sich daselbst in Wortgefechten gegen die auftretenden Geschöpfe zu behaupten. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Lewis Carroll, als er "Alice in Wonderland" schuf, dabei Margaret Cavendishs "Blazing World" im Sinne hatte: eine lohnende Aufgabe für Literaturwissenschaftler !
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