Die Frau in Rot von Margot S. Baumann

Buchvorstellungund Rezension

Die Frau in Rot von Margot S. Baumann

Originalausgabe erschienen 2012, 480 Seiten.ISBN 3-426-50950-4.

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In Kürze:

Anouk, einst ein gefragtes Model, weiß nach einem Unfall, der ihre beste Freundin das Leben kostete, nicht mehr ein noch aus. Sie zieht zu ihrer Großtante in ein beschauliches Schweizer Dorf. Doch bald hat Anouk das Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, denn sie hört Stimmen, sieht Personen, die schon lange verstorben sind – und jene geheimnisvolle Frau im roten Kleid, die ihr offenbar etwas Bedeutendes mitteilen möchte …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Bergdoktor meets Fantasy“52

Mystery-Rezension von Tim König

Es gibt diese Enklaven der Behaglichkeit: In einsamen Örtchen, ehemaligen Landgütern, dort, wo die Idylle zwar auch heute wegen kollektiven Demenzerscheinungen bröckelt, sich aber doch alles fügt, wie es sich fügen muss. Das heißt: Ungebrochene Bilder, einfache Charaktere, die selbst in ihren ernthaftesten seelischen Leiden noch oberflächlich sind. In „Die Frau in Rot“ darf man 461 Seiten in einer Welt verbringen, die doch eigentlich gerecht ist. Es gibt natürlich echte Bösewichter und verzweifelte Liebe – aber nur, damit das Gute und Schöne umso heller strahlen kann.

Existenzielle Fragen darf man in diesem Buch also nicht erwarten. Stattdessen geht es um ein kleines Sommerabenteuer eines Ex-Topmodels namens Anouk, die eine Seelenverwandte im 18. Jahrhundert hat. Anouk und die Adlige aus der Vergangenheit bekommen dabei eigene Erzählstränge spendiert, die sich (womöglich) aufgrund von parapsychologischen Gründen nicht wenig gleichen. Auch bekommt Anouk seltsame Visionen und Gedichte übermittelt, die irgendwie mit einer Dame aus der frühen Neuzeit zusammenhängen – mysteriös.

Allerdings nicht viel mysteriöser als die meisten Frauen- und Männermagazine, denn zu beiden Zeiten stehen Frisuren, Aussehen und mal mehr, mal weniger erfüllender Sex im Vordergrund. Unterschiede zu den Beauty-Magazinen entstehen höchstens dadurch, dass Übersinnliches, bösartige Zaubersprüche und gruselige Krähen im Buch auftauchen. Ansonsten: Belanglosigkeit auf allen Seiten. Wenn den Protagonistinnen zum zehnten mal die Schweißtropfen zwischen den Brüsten herunterlaufen, besteht kein himmelweiter Unterschied mehr zwischen schweißtreibender Beckenbodengymnastik und „Die Frau in Rot“.

Wie kurz angedeutet, ist die Liebe ein ganz großes Thema in „Die Frau in Rot“. Und würde ich die Cosmopolitan lesen, könnte ich die Beziehungsprobleme der Hauptpersonen vielleicht verstehen. Ich schmachte auch nicht meinem Hausarzt hinterher, weshalb die Lektüre eher eine kleine Nachhilfestunde in veralteten Geschlechterrollen als purer Lesespaß war – abgesehen von den sozialwissenschaftlichen Freuden. Tragisch ist aber dennoch die Tatsache, dass sich das Verhalten der beiden Protagonistinnen – zwischen denen knapp 300 Jahre Emanzipationsgeschichte liegt, nicht wirklich unterscheidet. Das heißt: Es ist tragisch für das Frauenbild der Gegenwart. Tragisch für die Bewertung des Buches ist hingegen, dass das kaum hinterfragt wird.

Was hingegen gefällt, ist, dass Anouk, das Ex-Topmodel, Alkoholikerin ist – und der Alkoholismus ziemlich treffend dargestellt wird: top! Dass die erschaffene Welt heimelig ist, ist eine befremdliche, aber ebenso eine Leistung. Abgesehen von den genannten Redundanzen in erotischen Darstellungen gibt es keinen Anlass, sich an irgendeiner Stelle wirklich zu langweilen. Man fühlt sich einigermaßen wohl in Seengen, dem Gebiet, indem die Geschehnisse von statten gehen. Selbst die historischen Anspielungen wirken nicht zu sehr gekünstelt. Die Pflicht ist also erfüllt. Aber darüber hinaus gibt es keinen besonderen Grund, „Die Frau in Rot“ zu lesen.

Fazit: Die Frau in Rot ist in allen denkbaren Qualitäten mittelmäßig. Wer Mittelmäßigkeit nicht mit Belanglosigkeit gleichsetzt, wird unterhalten. Genauso, wie die Gala-, Bild- und Glamour-Leser Woche für Woche unterhalten werden. Aber man sollte sich bewusst sein, dass man sich mit diesem Buch einen gestreckten Groschenroman kauft, der ein bisschen fantastisch daherkommt. Zwei Extra-Punkte und Respekt verdient aber, dass hier die Volksdroge Alkohol eine ziemlich treffende, ambivalente Darstellung erfährt.

(Tim König, September 2012)

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