Mary Hottinger: Gespenster von Mary Hottinger

Buchvorstellungund Rezension

Mary Hottinger: Gespenster von Mary Hottinger

Originalausgabe erschienen 1956, 411 Seiten.ISBN 3-257-20497-3.Übersetzung ins Deutsche von Peter Naujack und Werner Peterich.

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In Kürze:

14 Kurzgeschichten, die um das klassische Thema der übernatürlichen Erscheinung aus dem Jenseits kreisen. Der zeitliche Rahmen spannt sich vom frühen 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhundert. Die Auswahl sammelt einige der ganz großen Beispiele der Gespenstergeschichte und hat in dem halben Jahrhundert seit ihrem Erscheinen an Unterhaltungswert nur gewonnen.

Das meint phantastik-couch.de: „Sie haben im Diesseits noch manche Rechnung offen“100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Mary Hottinger: Vorwort, S. 7-16
  • Daniel Defoe (1660-1731): Die Erscheinung der Mrs. Veal (”The Apparition of Mrs. Veal”, 1706), S. 17-34 – Eine gutherzige Frau möchte sich nach ihrem Tod von einer Freundin verabschieden – und erzeugt kein Grauen, sondern Verdruss …
  • Edward Bulwer-Lytton (1803-1873): Das verfluchte Haus in der Oxford Street (”The Haunters and the Haunted”, 1859), S. 35-84 – Der furchtlose Gentleman verbringt eine Nacht im Spukhaus, um dessen Geheimnis zu lüften – die spukigen Bewohner legen sich mächtig ins Zeug …
  • Wilkie Collins (1824-1889): Das Traumweib (”The Dream Woman”, 1855), S. 85-124 – Der verliebte Mann hört weder auf seine Mutter noch beachtet er eine gespenstische Warnung, als er die Frau seiner (Alb-)Träume entdeckt …
  • William Wymark Jacobs (1863-1943): Die Affenpfote (”The Monkey’s Paw”, 1902), S. 125-144 – Drei Wünsche erfüllt sie dir, aber sie tut es auf ihre ganz eigenwillige, grausige Weise …
  • Edward Frederic Benson (1887-1940): Das Gesicht (”The Face”, 1924), S. 145-168 – Seit ihrer Kindheit träumt sie von ihrem unheimlichen Verfolger – dass dies keine Schäume waren, muss sie in einer einsamen Nacht feststellen …
  • Richard Middleton (1882-1911): Auf der Landstraße (”On the Brighton Road”, 1912), S. 169-176 – Der Freiheit des Landstreichens kann sogar manches Gespenst kaum widerstehen …
  • William Fryer Harvey (1885-1937): Nacht über dem Moor (”Across the Moors”, 1910), S. 177-187 – Ein einsamer Spaziergang über das Moor lehrt die junge Frau, dass ausgerechnet jene Geister den größten Schrecken erzeugen, die ganz unauffällig spuken …
  • Enid Bagnold (1889-1981): Das verliebte Gespenst (”The Amorous Ghost”, 1926), S. 189-200 – Den Nachstellungen einer schon längst toten Frau kann sich ein Mann nur schwer entziehen …
  • A. J. Alan (d. i. Leslie Harrison Lambert, 1883-1940): Mein Abenteuer in Norfolk (”My Adventure in Norfolk” 1924), S. 201-214 – Ein altes Verbrechen läuft in einer Endlosschleife immer wieder ab und beschert einem Urlauber die Nacht seines Lebens …
  • Mary Hottinger (1893-1978): Der Ring (”The Ring”, 19?), S. 215-226 – Viel Freizeit, ein schönes Haus auf dem Land und Mr. Right, der alles bezahlt – da bedarf es wohl schon eines Gespenstes, Zweifel im Herzen der jungen Gattin zu säen …
  • Elizabeth Bowen (1899-1973): Der dämonische Liebhaber (”The Demon Lover”, 1941), S. 227-240 – Vorsicht mit Liebesschwüren, denn der Partner besteht womöglich auch nach dem Tode auf Einlösung …
  • Algernon Blackwood (1869-1951): Die Puppe (”The Doll”, 1946), S. 241-298 – Wer’s im Ausland kolonial brutal treibt, muss sich nicht wundern, wenn ihn die überirdische Rache bizarr auch im scheinbar sicheren britischen Mutterland erreicht.
  • Daphne du Maurier (1907-1989): Der Apfelbaum (”The Apple Tree”, 1952), S. 299-370 – Endlich ist der frustrierte Ehemann die dauernörgelnde Gattin los, da schleicht sie sich aus dem Jenseits erneut störend in sein Leben ein …
  • Montague Rhodes James (1862-1936): Die verwunschene Pfeife (”O Whistle and I’ll Come to Ye, My Lad”, 1904), S. 371-406 – Neugierig bläst der Urlauber in eine am Strand gefundene antike Pfeife, enttäuscht lässt er sie sinken, als sie stumm bleibt – scheinbar, denn was ihren Pfiff sehr wohl gehört hat, kommt erst des Nachts zum Vorschein …
  • Über die Autoren, S. 407-409

Wie definiert man ein Gespenst?

Gespenster – Erscheinungen aus einem unbekannten Land, ”Jenseits” genannt; die Geister Verstorbener sind es meist, die uns da besuchen, aber es gibt auch andere unheimliche Gestalten, die sich darauf beschränken zu klopfen oder die Möbel zu verrücken – der Phantasie sind wenig Grenzen gesetzt.

Sind sie ”beseelt”, diese Gespenster, oder sind es einfach nur ”dreidimensionale Projektionen”, die stur eine vergangene Episode nachspielen oder nachspielen müssen? Lassen sie sich in ”böse” und ”gut” unterscheiden? Oder existieren sie quasi im rechtsfreien Raum völlig unabhängig von den Lebenden, die ihrem nächtlichen Treiben entsetzt zuschauen? Wie werden Gespenster ”geboren”? Bemerken sie uns? Lassen sie sich bannen, vertreiben, erlösen?

Das sind nur einige der Fragen, die in dieser fabelhaften Sammlung gestellt und zum Teil beantwortet werden. Knapp zweieinhalb Jahrhunderte Spuk und die Reaktionen der Zeitgenossen darauf werden literarisch oder besser unterhaltsam abgehandelt. ”Gespenster” ist nicht nur optisch eine Kollektion aus einer anderen Zeit. Die erste Auflage erschien 1956, und damals gab man sich noch große Mühe, den in Sachen Phantastik nicht gerade erfahrenen und daher skeptischen deutschen Leser vom ”Wert” einer solchen Sammlung zu überzeugen. Daher gibt es ein ausführliches, sehr kundiges und kurzweiliges Vorwort der Herausgeberin Mary Hottinger, die hier auch erläutert, dass ”Gespenster” keine willkürlich zusammengetragenen Geschichten bündelt, sondern dem Konzept folgt, möglichst viele Aspekte des gewählten Themas zu beleuchten.

Die besten Geschichten grandioser Verfasser

Die Geschichten selbst gehören zu den Höhepunkten der (englischen) Gruselliteratur. Jede könnte herausgegriffen werden (eine Ausnahme bildet ausgerechnet die Erzählung der Herausgeberin selbst), was hier unterbleiben soll, um den Umfang der Besprechung nicht ins Endlose zu treiben. Hingewiesen sei der neugierige Leser aber doch auf einige besonders faszinierende Storys. Hier ist Bulwer-Lyttons nächtlicher Ausflug in ein verwünschtes Haus zu nennen. Die Geschichte ist nicht nur höllisch spannend – diese Gespenster halten sich nicht zurück und entfesseln ein wahres Pandämonium -, sondern fesselt durch die schlüssige Auflösung, die den Spuk als durchaus natürliches, mit dem zeitgenössischen Wissen noch nicht zu erklärendes Phänomen darstellt. Die Wissenschaft beginnt um 1850 dem Glauben scheinbar endgültig den Rang abzulaufen (der anderthalb Jahrhunderte früher noch integraler Bestandteil des Alltagslebens ist, wie ”Die Erscheinung der Mrs. Veal” belegt). So ist es kein Wunder, dass der Bann gebrochen werden kann, als ein von Forschergeist beseelter und durch Wissen furchtloser Mann sich ihm stellt.

W. W. Jacobs‘ ”Die Affenpfote” fehlt zu Recht in kaum einer Anthologie älterer Gruselgeschichten. (Sogar in eine der herrlichen ”Treehouse of Horror”-Episoden der TV-Zeichentrickfamilie ”Die Simpsons” hat sie es schon geschafft.) Sie beginnt trügerisch leicht und humorvoll, was das anschließende Grauen um so stärker wirken lässt. Mit einem gekonnten Schockeffekt endet auch die ganz kurze Geschichte des in jungen Jahren tragisch geendeten Richard Middleton; ”Auf der Landstraße” erschien erst im Jahr nach seinem Selbstmord.

Dass Gespenster nicht nur Angst und Schrecken verbreiten müssen, verdeutlicht uns Enid Bagnold, die einen wackeren (und verheirateten) Ehrenmann an ”Das verliebte Gespenst” geraten lässt. Es gebärdet sich gar nicht prüde und bringt den Armen (zum Vergnügen des Publikums) in arge Verdrückungen. Wo Liebe unmerklich in Gleichgültigkeit und schließlich Zerstörung übergeht, siedelt Daphne du Maurier ihre bemerkenswerte Novelle an.

In einer Sammlung englischer Gespenstergeschichten darf ihr Meister nicht fehlen: Montague Rhodes James, Gelehrter und Menschenfreund, schrieb ”nur zum Spaß” über die Geisterwelt, an die er selbst nicht glaubte. ”Die verwunschene Pfeife” ist ein Klassiker, die das für James typische Gespenst im Einsatz zeigt: böse, rachsüchtig, den Unschuldigen wie den Schuldigen piesackend. Die Kritik nannte M. R. James lange einen begnadeten, aber seelenlosen Handwerker; in den letzten Jahren wird diese unzutreffende Ansicht endlich relativiert. An das Ende ihrer Sammlung stellt Mary Hottinger nicht ohne Grund diese Story – sie fasst mustergültig das Wesen der englischen Gespenstergeschichte noch einmal zusammen, die in diesem Band ihre verdiente Würdigung erfährt.

Die ";Gespenster”-Trilogie des Diogenes Verlags

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