Golem von Matthew Delaney

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Genome, Inc.“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 557 Seiten.ISBN 3-7857-6037-X.Übersetzung ins Deutsche von Rainer Schumacher.

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In Kürze:

Naturkatastrophen verwüsten die Erde. Pandemien töten Hunderttausende. In einer sterbenden Welt gelingt dem Forscher George Saxton das Unmögliche: Er entwickelt Medikamente, die alle Krankheiten heilen. Doch nur Reiche können sie sich leisten. Die Armen sterben. Mit seinem Reichtum erschafft Saxton die Genico AG. Genico kennt kein Gewissen, nur Rendite. Genico bestimmt, wer lebt und wer stirbt. Als Saxton bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kommt, tritt sein Sohn Roosevelt das Erbe an. Im Nachlass entdeckt er den Schlüssel zu einem Schließfach und eine mysteriöse Notiz. Bevor Roosevelt mehr herausfinden kann, wird er festgenommen. Er soll seinen Vater ermordet haben. Er hat nur eine Chance: Er muss das Schließfach finden. Beinhaltet es den Schlüssel, mit dem er sich selbst und die Menschheit retten kann?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Spartacus im Blade-Runner-Gewand“55

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Im New York des Jahres 2049 stellen Biotechnologie-Konzerne die neue ökonomische Elite dar. Seit das menschliche Genom entschlüsselt und somit manipulierbar wurde, können einst tödliche Krankheiten geheilt und der Alterungsprozess radikal verlangsamt werden. Den Patienten werden sogenannte „Samps“ eingepflanzt, die für die gewünschte Abhilfe sorgen. Andere Firmen stellen künstliche Menschen – Transkriptoren – her, die als Arbeitssklaven eingesetzt werden.

Transkriptoren und Samps sind begehrte Spekulationsobjekte geworden. Sie werden wie einst Devisen gehandelt. Dieses Geschäft hat eine eigene Börse geschaffen und generiert astronomische Gewinne. Ganz oben spielt die Firma Genico mit. Als George Saxton, der Gründer und Präsident, in den Ruhestand tritt, verfolgt die Branche dies mit Argusaugen. Wider Erwarten übergibt George die Zügel nicht an Phillip, seinen Sohn und Vizepräsidenten, den er für gierig und moralisch schwach hält, sondern an dessen Stiefbruder Thomas Roosevelt, der Genicos Macht und Geld zum Wohle der Menschheit einsetzen soll.

Damit zieht sich Thomas den Hass des Jüngeren zu. Phillip findet einen Verbündeten in Harold Lieberman, Genicos Geschäftsführer, dem der Profit über alles geht. Skrupellos missbraucht Lieberman das Geheimnis, das Phillip ihm offenbarte: Ohne dass er selbst es wusste, ist Thomas ein Transkriptor! Als solcher gilt er plötzlich als rechtloses Objekt. In einer der Arenen, in denen künstliche Gladiatoren kämpfen, soll der lästige Rivale sein Leben lassen. Aber Thomas gelingt es, sich den Transkriptor-Rebellen anzuschließen, die für ihre Freiheit kämpfen. Gemeinsam mit einem mutigen Polizisten, der einem weiteren Komplott des kriminell umtriebigen Phillip auf die Spur gekommen ist, will Thomas nicht nur den Genicos Machenschaften, sondern auch der Unterdrückung der Transkriptoren ein Ende bereiten …

Kein Ratespiel: Woher kommt diese Geschichte?

Möchte man die Inspirationsquellen nennen, aus denen „Golem“ sich speist, kann man diese vier Filme der jüngeren Gegenwart listen:

 – „Blade Runner“ (1981) bzw. „Die Insel“ („The Island“, 2005) – Künstliche Menschen werden als Sklaven missbraucht, begehren gegen ihr Schicksal auf und finden einen Anführer, der sich selbst als Kunstmensch erkennen muss und auf die Seite seiner Brüder & Schwestern schlägt.

 – „Robocop“ (1987) – Die eigentliche Staatsmacht liegt schon in naher Zukunft nicht mehr bei der Regierung. Globale Konzerne haben sie übernommen und setzen sie unter Ignorierung von Gesetz und Moral ein, um möglichst hohe Profite zu erzielen.

 – „Gladiator“ (2000) – Zwei Brüder buhlen um die Gunst des übermächtigen Vaters; als der ´Gute´ zum Erben des Reiches ausgerufen wird, raubt ihm der ´Böse´ Status und Familie und lässt ihn anonym im Elend verschwinden, aus dem der ´Gute´ sich nicht nur erhebt, sondern auch allerlei Unrecht gutmacht und sich an dem Verräter rächt.

Aus diesen Bausteinen also setzt Matthew Delaney seinen neuen, zumindest in Deutschland sehnlich erwarteten Thriller zusammen. Sieben Jahre hat er sich seit „Dämon“ Zeit gelassen; fünf Jahre waren es hierzulande. Die Fans dieses Erstlings werden auch „Golem“ lieben und die eklatanten Fehler des Nachfolgers entweder ignorieren oder gar nicht bemerken.

Bestseller vom Reißbrett

Das größte Manko ist gleichzeitig das schwerste Pfund, mit dem Delaney wuchern kann: „Golem“ ist ein kühles Konstrukt aus Elementen, die sich anderweitig als unterhaltsam bewährt haben. Dieses Buch soll unterhalten. Originelle Einfälle oder raffinierte Schriftstellerkunst sind dabei sekundär bzw. völlig unwichtig. Bücher wie „Golem“ liest ´man´ am Urlaubsstrand, während einer Zugfahrt oder nach einem langen Arbeitstag im Bett kurz vor dem Einschlafen: Ein- und Mitdenken ist überflüssig, die Handlung ist vertraut und gleichzeitig so abgewandelt, dass sie dennoch interessiert. Eine stringente Lektüre ist unnötig, „Golem“ lässt sich auch in kleinen Lesehäppchen goutieren.

Abgeschmeckt wird die nur behutsam durch die Mangel gedrehte Mischung aus bekannten Vorbildern mit aktuellen Reiz-Klischees, unter denen das vom bitterbösen Kapitalisten dank spekulationsbedingter Weltwirtschaftskrise am besten sticht. Serviert wird das Ganze in einem Tempo, das die Handlung über manchen toten Punkt trägt, denn obwohl Delaney sich dieses Mal kürzer fasst als in „Dämon“, drischt er weiterhin gern Buchstaben-Stroh, mit dem sich manche Seite füllen lässt. So tragen Roosevelts Arena-Eskapaden wenig zum Fortschritt der Ereignisse bei, bieten aber jenes atemlose Kampfgetümmel, das sich quasi selbst produziert und in Gang hält.

Thriller-Koloss auf papiernen Füßen

Das Reißbrett als Hintergrund irritiert vor allem den kritischen Leser (und den Rezensenten). Die weiter oben skizzierte und weniger Ansprüche an die Lektüre stellende Klientel wird sich dem sicherlich nicht anschließen, sondern „Golem“ durchaus legitim als rasanten Pageturner verschlingen. Action und Drama können freilich nicht durchweg von Elementen ablenken, die Delaney objektiv nicht in den Griff bekam.

Dazu gehört in erster Linie die Figurenzeichnung, die dem Verfasser nicht wirklich vielschichtiger als in „Dämon“ gelungen ist. „Gut“ und „böse“ markieren die beiden Pole, um die sich die Protagonisten scharen. Dazwischen herrscht gähnende Leere, Schattierungen sind Delaneys Sache nicht. Was im Film funktioniert, wird in einem Roman dieser Länge erst deutlich und wirkt dann störend. Phillip Saxton beginnt als skrupelloser aber glaubwürdiger Spekulant. Im Finale ist er zum dauerkoksenden Monster und zur Karikatur eines Bösewichts verkommen. Umgekehrt wird Thomas Roosevelt – schon zu Beginn ein schwer erträglicher Gutmensch – erst zur Kampfmaschine und schließlich zum Messias der Kunstmenschen.

Während Delaney sehr anschaulich jene Atmosphäre aus Gier, Hybris und Gleichgültigkeit zu beschwören weiß, die über den modernen Finanzzentren der Welt wabert, bleibt die Geschichte, die er erzählt, logikfernes Stückwerk. Zum perfekten Funktionieren der geschilderten Geschäftswelt passt nicht, dass sie schließlich durch einen einzigen Menschen zu Fall gebracht werden kann. Zwar ist dies ebenfalls ein bekanntes Konzept – viele Geschichten singen das Lob des wider alle Erwartungen obsiegenden Einzelgängers -, aber es muss sorgfältig konzipiert werden und zumindest im gewählten Rahmen stimmig sein.

Überhaupt ist die Auflösung schwach (und wieder nur aus zweiter Hand: Delaney ließ sich vom Finale des Films „Fight Club“ ´inspirieren´). Der Kampf gegen ein realiter global verknüpftes und somit stabil in sich ruhenden Systems wird eleganzfrei versimpelt: Als Genico fällt und die Herkunft der Transkriptoren gelöscht wird, ist die Macht des Kapitals gebrochen, und bessere Zeiten brechen an. So geht’s nicht, und eigentlich wird es jetzt erst interessant – aber Vorsicht: Setzen wir dem Verfasser keinen Floh ins Ohr; sonst beglückt er seine Fans womöglich mit einer Fortsetzung!

Delaneys treue deutsche Fans

Zumindest in den USA scheint man auf Delaneys zweiten Roman nicht gewartet zu haben. Der Verfasser legte ihn ohnehin verspätet erst 2009 vor, doch kein Verlag griff zu. So stellte die deutsche Veröffentlichung von 2010 auch die Erstveröffentlichung dar. Hierzulande gelang Delaney mit seinem Erstling „Dämon“ ein auflagenstarker Überraschungserfolg, an den sich der Bastei-Lübbe-Verlag nicht nur gern erinnert, sondern an den er mit „Golem“ anknüpfen möchte. Also erschien „Golem“ – dieser Titel hat zwar keinerlei Bezug zur Handlung, klingt aber zugegebenermaßen besser als das originale „Genome, Inc.“ – nicht als Taschenbuch, sondern wurde in ein Paperback gekleidet, das nicht nur stattlicher aussieht, sondern sich vor allem hochpreisiger verkaufen lässt. Erst Anfang 2011 wird eine erste originalsprachige Ausgabe folgen.

Ihre Meinung zu »Matthew Delaney: Golem«

Bär zu »Matthew Delaney: Golem«02.06.2015
Ich fand' Dämon über viele Seiten Langweilig. Delaney holt sehr weit aus. Man hat den Eindruck er versucht krampfhaft Seiten vollzuschreiben. Stellenweise tritt dann doch Spannung auf. Diese setzt abrupt bei jedem neuen Kapitel wieder aus und man muss sich mühsam durch 10 Seiten quälen ehe der Spannungsbogen wieder ansteigt. Ich hab' oft Absätze und Seiten überschlagen. In meinen Augen ist Dämon ein Flop!

Dementsprechend überrascht mich die Rezension zu Golem wenig und bestärkt mich in meiner Meinung: Finger weg!
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
AltersEgo zu »Matthew Delaney: Golem«06.02.2014
Vorab erstmal, die Anleihen an Bladerunner sind nicht zu leugnen, ebensowenig, dass die Idee einer Dystopie, in der Konzerne das Sagen haben schon mehrfach dagewesen ist, ebensowenig. Anleihen, aber speziell an Robocop , die der Rezensent hier unterstellt, sind meiner Meinung nach ein wenig an den Haaren herbeigezogen.
Meiner Meinung nach ist Golem sehr spannend und unterhaltsam geschrieben und die Bewertung mit 55 Punkten in der Rezension empfinde ich schon als etwas unverschämt, insbesondere mit dem Hinweis (Zitat): 'Die Fans dieses Erstlings werden auch „Golem“ lieben und die eklatanten Fehler des Nachfolgers entweder ignorieren oder gar nicht bemerken.' Nach dem Motto, wer dieses Buch gut findet, hat keinen Geschmack bzw. ist zu blöd inhaltliche Fehler zu bemerken. Ich finde das geht eindeutig zu weit!
Von mir gibts für Golem 75 Punkte
Janko zu »Matthew Delaney: Golem«08.10.2010
Die Lektüre von Matthew Delaney’s Golem hat mich etwas zwiegespalten zurückgelassen. Ist der Anfang doch sehr konfus und wirr verfasst, entwickelt sich das Ding zur Mitte und gerade auch zum Ende hin zu einer echt abgefahrenen, rasanten Achterbahnfahrt mit richtig gut umgesetzten Ideen. Allerdings gibt es immer wieder dermaßen Widersprüchliches, dass ich mich ein manches mal sogar ein wenig „geärgert“ und gefragt habe, warum fährt Delaney das Teil immer wieder so gnadenlos gegen die Wand?

Ich fand zum Beispiel merkwürdig, dass die Story im Jahr 2049 angesiedelt ist, aber es sich irgendwie nicht wirklich nach 2049 anfühlen will. O.k., aufgrund der Transkriptoren stellt sich vielleicht ein wenig Zukunftsmusik ein, aber wo sind die sonstigen Elemente aus dem Jahr 2049? Hätte Delaney nicht von Anfang an darauf hingewiesen…hey wir schreiben hier und jetzt das Jahr 2049, wäre mir vollkommen entgangen, dass es sich bei „Golem“ um Sci-Fi handelt. Um „Fi“ ja, aber Sci-Fi? Ständig werden Elemente aus der Gegenwart oder gar der Vergangenheit eingeworfen. Das hat mich schon ein wenig gestört, denn wer interessiert sich schon in vierzig Jahren für Dinge, die heute schon zwanzig bis dreißig Jahre her sind?

Meine Wertung liegt bei 75°. Diese aber auch nur, weil die Story an sich wirklich grandios ist…
Alexi1000 zu »Matthew Delaney: Golem«27.09.2010
Junge was ein feines "Ding"! Hatte ich schon nach DER DÄMON Hoffnung, das in Delaney Potenzial steckt, hat er mich mit dem Golem voll in seinen Bann gezogen.
Der Roman ist ein sehr guter Sci - Fi - Thriller.
Handlungsort ist New York in nicht allzuweit entfernter Zukunft.
Die Menschheit hat sich technologisch weiterentwickelt, vor allem Gentechnisch; man ist in der Lage fast alle (tödlichen) Krankheiten zu heilen.
Das birgt natürlich auch die Gefahr des Machtmissbrauchs, da die Firma Genico fast alle Patente hält.
Wir lernen Roosevelt kennen, der mit seinem Stiefbruder schon seit frühester Kindheit ein "Machtduell" um die Gunst des Vaters ausfechten.
Der Vater, der die Firmenleitung hat verstirbt, und damit geht das Unheil los...

OK, diese Zukunftsvision ist vollgestopft mit BLADE RUNNER - Zitaten, bis der Arzt kommt, in einer Szene nennt Delaney die "Vorlage" sogar offen beim Namen.
Sieht man davon ab, hat man es hier evtl. mit dem besten zu tun, was die Sci - Fi in letzter Zeit zustande gebracht hat!

Viel mehr zu verraten wäre extremes spoilern, das Buch ist einfach ein Genuss.
Hervorheben möchte ich auch, die aktualität: die Wurzel des Übels entspringt in mehren Teilen nämlich aus heutzutage wirklichen Problemen/Machtgebahren...

also, nicht maulen die Sci - Fi wäre tot, LESEN!

mir hat es sehr gut gefallen...90°.

junge, junge...was Delaney uns wohl als nächstes präsentiert???

ich freu mich drauf!
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