Die Stadt der unaussprechlichen Freuden von Michael Siefener

Buchvorstellungund Rezension

Die Stadt der unaussprechlichen Freuden von Michael Siefener

Originalausgabe erschienen 2010, 158 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Kann es sein, dass sich hinter der uns bekannten, sichtbaren Realität eine andere Wirklichkeit verbirgt, eine Stadt jenseits der Stadt – die Stadt der unaussprechlichen Freuden, die Kraft unserer kollektiven Wünsche, Sehnsüchte und Gedanken Form annimmt? Die Buchhändlerin Alexandra und der Antiquar Bernd entdecken als Vermächtnis eines verschollenen Freundes Video- und Textdateien auf seinem Computer, die eine unglaubliche Geschichte erzählen. Hat Julian durch rätselhafte Texte, die als Fehldrucke in Büchern auftauchen, tatsächlich den Weg in jene andere Wirklichkeit gefunden, oder handelt es sich um Fieberphantasien eines überhitzten Verstandes?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Es ist ein Labyrinth“100

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Der Infizierte sieht die Spiegelstadt immer öfter an Stellen, wo er sie nie vermutet hätte, doch wenn er sich daran macht, sie erforschen zu wollen, so weicht sie vor ihm zurück und entschwindet seinem Blick.“

Eine zufällige Entdeckung – ein vermeintlicher Fehldruck – verändert das Leben von Julian. Ein fremder Text hat sich eingeschlichen in eine Ausgabe von „Höllenengel“. Scheinbar der Beginn einer Novelle mit dem Titel „Die Stadt der unaussprechlichen Freuden“. Der zweite Teil des Textes ist in einem weiteren Buch des selben Verlages versteckt. Die Jagd nach weiteren Fragmenten des Textes lässt Julian und die Buchverkäuferin Alexandra einander näher kommen, bis Julian eines Tages verschwunden ist und ihr eine rätselhafte Nachricht hinterlassen hat. Alexandra und der befreundete Antiquar Bernd folgen Julians Anweisungen und werden Zeuge von dessen Suche nach der Stadt der unaussprechlichen Freuden.

„Mit dem Wissen um sie ist eine Gier verbunden, die den Suchenden immer weiter treibt. Dort zu wohnen, wo jeder Schmerz, jeder Hohn, jeder Ekel, jede Bosheit der anderen ein Ende findet!“

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Nonnen“ realisiert Michael Siefener Julians Suche nach den geheimnisvollen Textfragmenten als Geschichte in der Geschichte. Doch damit nicht genug, denn auch die geheimnisvolle Novelle, die Julian zufällig entdeckt, handelt von einem Suchenden, Reinhold von Waldorff, der ein Buch erwirbt, das von einer geheimen Stadt hinter der realen Stadt kündet.

Zunächst sucht Julians Freundin Alexandra den befreundeten Antiquar Bernd auf, der ihr mit Julians Computer helfen soll. Laut einer Nachricht von Julian befindet sich darauf ein Hinweis auf sein Verschwinden und seinen Aufenthaltsort. Dabei handelt es sich um ein Videotagebuch, das das zufällige Auffinden der geheimen Geschichte beschreibt und die Jagd Julians nach weiteren Fragmenten der Novelle protokolliert. In dieser versteckten Novelle wiederum ist es Reinhold, der das Buch eines verschwundenen Autors erhält und sich anschickt, dessen Schritte zu wiederholen.
Dabei beweist Michael Siefener durchaus Sinn für Humor, denn die Fragmente der Novelle „Die Stadt der unaussprechlichen Freuden“ versteckt er in seinen eigenen Büchern, die er jedoch anderen Autoren andichtet („Die Entdeckung der Nachtseite“, „Nonnen“, „Der Teufelspakt“).

Julian findet heraus, dass die geheimnisvolle Novelle auf realen Begebenheiten aus der Vergangenheit in der Stadt verweist. Je mehr er eintaucht, je mehr er über die Geschehnisse, die der Novelle zu Grunde liegen, erfahren will, desto mehr scheint die Wirklichkeit sich zu verändern. Gebäude haben plötzlich mehr Stockwerke als zuvor, Häuser zeigen Fenster, die am nächsten Tag wieder verschwunden sind. Die Geschichte scheint sich einen Weg in die Wirklichkeit zu bahnen und Novelle und Realität beginnen zu verschmelzen. Oder ist es nur Julians Verstand, der ihn die Ereignisse aus Bertolds Geschichte nachahmen lässt?

„Es ist ein Labyrinth, (...). Mein eigens Labyrinth, das unendlich verzweigt ist und in dem wir hinter jeder Biegung einer neuen Überraschung begegnen können. (...) Wirklich begegnen wir in diesem Labyrinthen nur uns selbst – in welcher Gestalt auch immer.“

Als Leser muss man unbedingt aufmerksam bei der Sache bleiben, um die einzelnen Ebenen der Geschichte auseinander halten zu können. Zum einen sind da Alexandra und Bernd, die sich fast ausschließlich in Julians Wohnung aufhalten und per Videotagebuch nachträgliche Zeugen seiner Suche werden. Die Hauptfigur dagegen ist der vermisste Julian, auf der Jagd nach den Fragmenten der unbekannten Novelle. Für ihn werden die Ereignisse der Novelle lebendig, wiederholen sich und er erhascht immer öfter Blicke auf die Spiegelstadt, die hinter der realen Stadt zu existieren scheint. In der Novelle ist es Reinhold von Waldorff, der die Übergänge in die Spiegelstadt an den Orten sucht, die in dem Buch beschrieben sind, welches der Antiquar ihm empfohlen hat.

Etwas erleichtert wird die Trennung durch die unterschiedlichen Typografien der einzelnen Geschichtsebenen.
Ich habe schon „Nonnen“ so genannt, doch auch „Die Stadt der unaussprechlichen Freuden“ ist ohne Übertreibung ein phantastisches Kabinettstück; Eine Art kafkaeske Unendliche Geschichte mit deutlichen Anleihen am Expressionismus und durchzogen von einer Symbolik (Namensähnlichkeiten, Spiegelmotiv), die die Handlungsebene unbewusst verstärkt.

Mit Julian hat Siefener zwar wieder einen seiner typischen introvertierten und menschenscheuen Helden geschaffen, die dem Mainstreampublikum wenig Identifikationsfläche bieten. Doch der Kniff, die Protagonisten der Rahmenhandlung gefälliger zu gestalten, lässt „Die Stadt der unaussprechlichen Freuden“ sehr viel zugänglicher und weniger sperrig als das ähnlich gelagerte „Nonnen“ erscheinen. Bestimmt spielt hier auch die recht große Schreiberfahrung eine Rolle, die sich Michael Siefener in den vergangenen Jahren angeeignet hat. Schließlich ist er einer der produktivsten Autoren deutscher Phantastik, auch wenn seine Geschichten immer noch vorwiegend in Kleinverlagen erscheinen. Bekannt dürfte er einem größeren Publikum durch seine historischen Kriminalromane „Tod im Weinkontor“ und „Totentanz“ (mit Silke Urbanski) und seine phantastischen Eifel-Romane sein.

Die Sammlerausgabe der Edition Phantasia ist auf 250 Exemplare limitiert und verfügt über eine bibliophile Ausstattung. Gelbes Vorsatzblatt, ein Signaturblatt aus dickerem Papier mit den Unterschriften von Michael Siefener und dem Künstler Heinrich Kleist, dessen Zeichnungen auch im Innenteil zu finden sind. Der handliche Hardcoverband mit Schutzumschlag und Lesebändchen steckt in einem dunkelgrauen Samtschuber.

Eine außergewöhnliche Novelle in der Tradition klassischer deutscher Phantastik als liebevoll ausgestattetes Sammlerexemplar.

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