Tief - Warnung aus dem Ozean von Mike Croft

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „Down Deep“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 381 Seiten.ISBN 3832161228.Übersetzung ins Deutsche von Theda Krohm-Linke.

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In Kürze:

Zuerst ist es nur ein Pottwal, der an der englischen Küste strandet. Doch kurz darauf schwimmen Hunderte von aggressiven Walen auf die Badestrände zu und bringen auf hoher See Schiffe zum Kentern. Meeresbiologe Roddy Ormond glaubt, dass sie die Menschen warnen wollen. Aber wovor? Die Antwort liegt in der Tiefe des Ozeans begraben.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Wale schlagen Umwelt-Alarm“80

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Als sich ein Pottwal ausgerechnet an den Strand des südenglischen Seebades Brighton wirft, wird Dr. Roderick „Roddy“ Ormond, Direktor des Instituts für Meeressäugetiere in London, alarmiert. Obwohl Ormond ein klassischer, nur auf seine Forschungen fixierter Wissenschaftler ist, der die Medien ignoriert und vor den Kopf stößt, gelingt es ihm, den riesigen Säuger mit Hilfe einer Strandschmierung durch Spülmittel zurück in den Ärmelkanal zu befördern.

Aber der Wal hat eine Mission: Er will die Menschen vor einem Unheil warnen, das in den Tiefen des nördlichen Atlantiks lauert. Dort hat Großbritannien nach dem II. Weltkrieg eine „Special Operations No Access Zone“ – kurz SONAZ – eingerichtet, die der Erprobung experimenteller Waffen meist atomarer Natur diente. Zwar hat man dort seit vielen Jahren keine Tests mehr durchgeführt, doch die Sünden bzw. Gift- und Kampfstoffe der Vergangenheit haben ein Eigenleben entwickelt und sich zu gruseligen, der Forschung gänzlich unbekannten Mixturen verbunden.

Hinzu kommt regelmäßiger Nachschub, denn der skrupellose Reeder Tony Rattigan missbraucht SONAZ, um dort illegal Giftmüll aus der ehemaligen Sowjetunion zu verklappen. Jetzt haben zumindest die Wale die Nase voll. Sie rammen und versenken Schiffe, die in die Zone eindringen wollen, und schicken Botschafter nach Großbritannien.

Da der oben erwähnte Pottwal sich nicht verständlich machen kann, alarmiert er 77 Walgenossen, die sich erneut an den genannten Strand werfen. Allmählich ahnt Ormond, worum es den Tieren geht. Mit Hilfe einiger Forscher-Kollegen sowie der Journalistin Kate Gunning löst er das SONAZ-Geheimnis, was freilich weder Rattigan noch die britische Regierung erfreut, sondern zu Gegenmaßnahmen provoziert …

Wale und Gutmenschen gegen Umwelt-Sünder

Zwar wird es für die potenzielle Leserschaft vorsichtshalber nicht explizit ausgedrückt, doch schon nach weniger Lektüre-Seiten keimt ein gewisses Misstrauen auf: Haben wir es hier etwa mit einem dieser ´ökologischen´ Mystery-Thriller zu tun, die ihre Botschaft als Unterhaltung verpacken und dabei erst recht den erhobenen Zeigefinger sehen lassen? Hinzu kommen Ereignisse wie diese: Wale werfen sich vor oder gegen Schiffe, um sie am Entladen von Giftmüll zu hindern, dann springen sie aus dem Wasser, um ein Signal zu setzen, und schließlich krault ein Rudel Killerwale die Themse hinauf, um in London unterhalb des Parlamentsgebäudes auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam zu machen.

Was hier ein wenig spöttisch skizziert wird, sind nur Elemente einer insgesamt wüsten Geschichte. Trotzdem ist „Tief“ weder grüner Hieb mit dem Zaunpfahl auf die Schädel gleichgültiger Öko-Ferkel noch Allmacht-Fantasie realiter machtloser Gutmenschen, die wenigstens im Roman ihren umweltzersetzenden Gegnern in Vertretung der leider stummen Mutter Gäa die Rechnung präsentieren können. „Tief“ bewegt sich in der sicheren Mitte zwischen diesen Polen und scheut sogar vor milden Sarkasmus nicht zurück, der in sämtliche politischen Richtungen ausstrahlt.

Selbstverständlich träufelt Autor Mike Croft ein wenig Mahnung und Warnung zwischen die Zeilen, was ja völlig legitim ist, solange die Primärfunktion nicht beeinträchtigt wird. Dies ist keineswegs der Fall: „Tief“ bietet ungeachtet des kruden Plots Spannung, einige gegen den Strich gebürstete Klischees und einen Schriftsteller, der – unterstützt von einer inspirierten Übersetzerin – seinen Job beherrscht.

Was unter der Oberfläche schwappt …

Was uns zum Plot zurückbringt, der es wahrlich in sich hat! An sich ist die Story ziemlich simpel. Croft zündet jedoch ein ganzes Bündel Nebelkerzen, das sein Publikum lange im Nebel tappen lässt, bis es merkt, in welche Richtung der Spuk gehen wird. Dabei verzichtet der Autor nicht nur auf Predigten, sondern meidet auch den Schritt zu viel in die andere Richtung: „Tief“ ist kein Frank-Schätzing/Michael-Crichton-Klon. Hightech und Naturwissenschaft werden nicht effektvoll – oder übertrieben – miteinander verquirlt, Technobabbel fällt aus. Was uns Croft in diesen Richtungen zu sagen hat, baut er in die Handlung ein und erspart sich & uns kluge aber abschweifende Kommentare.

Lieber schildert er den alltäglichen Wahnwitz einer Menschheit, die unbekümmert oder gierig den Ast absägt, auf dem sie selbst sitzt. Politiker wollen wiedergewählt werden und Geschäftsleute verdienen. Die Medien produzieren Schlagzeilen und inszenieren Skandale, während die ohnehin schafsdumme Mehrheit der Menschheit sich manipulieren lässt. Wer sich verweigert, wird vom System überrollt wie Roddy Ormonds unglücklicher Assistent, den ein Pottwal unter sich begräbt.

Das gar nicht so exotische Rätsel im Nordatlantik funktioniert problemlos; es klingt sogar erschreckend realistisch, was sich Croft diesbezüglich ausgedacht hat. Dass die Wale der Welt den Kanal voll haben und die Alarmglocke betätigen, ist ein riskanter Zug, der das Geschehen hart an den Rand des Lächerlichen führt. Croft hält auch hier das Gleichgewicht, obwohl er ganze Passagen aus der Sicht des Pottwals Blackfin schildert, dem damit ein Bewusstsein und menschenähnliche Intelligenz zugebilligt wird. Croft meistert die Herausforderung, diese beiden Welten glaubhaft miteinander in Kontakt zu bringen. Er extrapoliert die rudimentären aber realen Versuche, mit Walen zu kommunizieren, und belässt es klug bei einer nur ansatzweisen Verständigung, die zudem die Spannung schürt.

Je weiter das Wasser entfernt ist …

 …desto zahlreicher werden leider die Schnitzer, die sich Croft erlaubt. Wer war es, der ihm einredete, die Drohung der globalen Apokalypse sei nicht publikumswirksam genug? Jedenfalls meint der Autor den Ereignissen individuelle Gesichter zuweisen zu müssen. Roddy Ormond ist deshalb nicht nur ein geradezu vernagelt idealistischer und genialer, sondern auch ein verschrobener Forscher, der zudem nach Jahren eines verbitterten Hagestolz-Daseins die verlorene Liebe seines Lebens wiedertrifft, die sich – in großzügiger Auslegung des Elements Zufall – als Gattin genau jenes Finsterlings entpuppt, dessen Giftmüll-Versenkungen das ozeanische Fass buchstäblich zum Überlaufen bringen. Wiederum ´zufällig´ waren er und Ormond einst Nebenbuhler, woraufhin genannter Schurke zusätzlich einen Rachefeldzug gegen den immer noch verhassten Ormond einleitet.

Dann ist da noch des Übertäters hübsches Töchterlein, das den bösen Papi als Fünfte Kolonne jenes buntscheckigen Teams ausspioniert, das Ormond um sich scharen kann. Dazu gehören eine geläuterte Sensationsreporterin, ein väterlicher Freund sowie ein witzboldiger Jung-Walkundler. Gejagt werden sie von Verschwörern und Berufskillern, die ihre Jobs sämtlich beim eifrigen Studium des Vorabendfernsehens gelernt haben müssen.

Der menschliche Faktor

Dabei versteht es Croft Figuren zu zeichnen. Er vermeidet, zwischen ´Gut´ und ´Böse´ scharf zu konturieren. Der menschliche Charakter liegt nach Croft irgendwo dazwischen. Zudem ist er wandelbar, weshalb Tony Rattigan auf der einen Seite ein global aktiver Kapitalverbrecher ist, der seine Kontrahenten erpressen und umbringen lässt und die Gattin schlägt, während er andererseits anonym Millionensummen in Waisenhäuser und Schulen fließen lässt, weil er als Kind elternlos und ungeliebt aufwachsen musste und zu allem Überfluss missbraucht wurde. Vom eiskalten Verbrecher zum Menschenfreund und wieder zurück kann Rattigan in Sekunden mutieren – eine glaubwürdig begründeter Charakter, der doppelt bedrohlich wirkt, weil nie klar, ob Rattigan gerade Jekyll oder Hyde ist.

Auch Ormond ist bereit, die Linie zu überschreiten: Vor Jahren hat er bei einer Wal-Zählung die Zahlen zu niedrig angesetzt, um ein Wiedereinsetzen des Walfangs zu verhindern. Von den gestrandeten Walen schlachtet er eigenhändig sieben Tiere, um in ihren Innereien nach Ursachen für ihr eigentümliches Verhalten zu forschen. Die Medien ignoriert er mit einer Intensität, die ihn pathologisch und arrogant wirken lässt. Das Resultat gibt Croft Recht: Seine Ambivalenz verwandelt auch Ormond in eine interessantere Figur.

Kleine Meisterwerke gelingen Croft mit Randfiguren. Victoria Adlington, die feiste, schlaue, eisenharte britische Verteidigungsministerin, ist offensichtlich eine Kombination aus Queen Victoria und Margareth Thatcher. Aus wesentlich weicherem Holz ist der selbstmitleidige Kapitän Isaksson geschnitzt, der immer neue Ausreden für seine Bereitschaft findet, die Weltmeere zu verseuchen.

Insgesamt ist „Tief“ weder literarisch noch in Sachen Unterhaltung eine Offenbarung. Stattdessen bietet Croft die bestmögliche Alternative – einen Roman, der in den beiden genannten Kategorien über dem Durchschnitt sowie DEUTLICH oberhalb des Papiermülls rangiert, der auf den Verkaufstischen moderner Buchhandelsketten verklappt wird.

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