Sämtliche Geistergeschichten - Band 2 von Montague Rhodes James

Buchvorstellungund Rezension

Sämtliche Geistergeschichten - Band 2 von Montague Rhodes James

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Curious Warnings: The Great Ghost Stories of M. R. James“,deutsche Ausgabe erstmals 2016, 464 Seiten.ISBN 3865524842.Übersetzung ins Deutsche von Usch Kiausch.

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In Kürze:

43 unheimlichen Erzählungen des englischen Meisters Montague Rhodes James. Stephen Jones hat diese Ausgabe in 2 Bänden zusammengestellt und ein ausführliches Nachwort hinzugefügt.

24 weitere Geistergeschichten – einige nur Fragmente – zeugen abermals von einem jenseitigen (Nach-) Leben, das für jene, die seinen Bewohnern zu nahe kommen, üble Folgen zeitigt. Dazu kommen eher fantasylastige Storys, die den Einfallsreichtum des Verfassers unterhaltsam unterstreichen, zwei kurze Essays, in denen James über das Horror-Genre sinniert, sowie ein Nachwort, das die multimediale Bedeutung von M. R. James im und für das 21. Jahrhundert definiert – Wiederum fabelhaft übersetzt und schlicht aber fein gestaltet, sorgt auch der zweite Band dieser Gesamtausgabe für Stunden nostalgischer und positiv altmodischer Grusel-Spannung: Endlich ist die Überlieferungslücke in Sachen M. R. James auch in Deutschland geschlossen!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Gesucht & gefunden aber nie froh darüber“100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Einige Bemerkungen zu Gespenstergeschichten (Some Remarks on Ghost Stories, 1929), S. 11-21.
  • Zwei Ärzte (Two Doctors, 1919), S. 24-35: Ein Arzt ist genug für das kleine Dorf, denkt sich dieser Doktor, der deshalb schwarzmagisch gegen seinen Konkurrenten vorgeht.
  • Die ungewöhnlichen Gebetbücher (The Uncommon Prayer-books, 1921), S. 36-56: Sie war eine fanatische Anhängerin ihrer Kirche, weshalb sie auch nach dem Tode keine Gnade mit denen kennt, die sich diebisch in ihre Kapelle schleichen.
  • Fünf Flakons (The Five Jars, 1923), S. 57-139: Der Inhalt besagter Flakons gestattet den Blick auf eine sonst unsichtbare Welt voller Wunder, ruft allerdings auch Wesen mit finsteren Absichten auf den Plan.
  • Das Puppenhaus (The Haunted Doll’s House, 1923), S. 140-156: Jede Nacht spielt sich im besagten Puppenhaus eine düstere Tragödie en miniature aber dennoch gruselig ab.
  • Landnahme (A Neighbour’s Landmark, 1924), S. 157-174: Für ihre kreative aber kriminelle Neusetzung von Grenzsteinen wird die gierige Grundbesitzerin nach ihrem Tod hart bestraft.
  • Mittsommernacht auf Etons Spielfeldern (After Dark in the Playing Fields, 1924), S. 175-180: In dieser besonderen Nacht ist es möglich – aber nicht ratsam -, Elfen und anderen mythologischen Wesen zu begegnen.
  • Es war einmal ein Mann, der wohnte am Friedhof (The Was a Man Dwelt by a Churchyard, 1924), S. 181-186: Wird jemand mit seinem Geld begraben, sollte dies Warnung genug sein, des Nachts keinesfalls das Grab zu öffnen.
  • Blick von einem Hügel (A View from a Hill, 1925), S. 187-211: Der seltsam erfolgreiche Archäologe bedient sich gänzlich unchristlicher Suchmethoden, was ihm schließ- und buchstäblich das Genick bricht.
  • Eine Warnung für die Neugierigen (A Warning to the Curious, 1925), S. 212-237: Der zunächst glückliche Finder einer uralten Krone wird seines Lebens nicht mehr froh, als ihn der schauerliche Hüter des Schatzes unbarmherzig zur Rechenschaft zieht.
  • Eine Abendunterhaltung (An Evening’s Entertainment, 1925), S. 238-252: Die Ausübung schwarzer Magie bringt zwei verderbten Männern ein verdientes aber grässliches Ende.
  • Zwei Pfadfinder (Wailing Well, 1928), S. 253-267: Ein ungehorsamer Pfadfinder erfährt zu spät, wieso man ihn gewarnt hat, diesen unheimlichen Ort zu betreten.
  • Ratten (Rats, 1929), S. 268-277: Neugierig öffnet der Gast eine Tür des uralten Hauses, hinter der sich der sehr unansehnlich gewordene Erstbesitzer verbirgt.
  • Das Experiment. Eine Gespenstergeschichte für den Silvesterabend (The Experiment. A New Year’s Eve Ghost Story, 1931), S. 278-287: Wenn man einen Mord begeht, sollte man später keineswegs das Opfer nach dem Versteck des nicht aufzufindenden Vermögens fragen.
  • Die Tücke des Objekts (The Malice of Inanimate Objects, 1933), S. 288-294: Den Grund dafür, wieso sich alles gegen ihn zu verschwören scheint, kennt der unentdeckte Mörder, doch die bösen Folgen unterschätzt er.
  • Eine Skizze (A Vignette, 1936), S. 295-302: Nie konnte der Erzähler herausfinden, was in dem dunklen Wald hinter seinem Haus (auf ihn) wartete.
  • Der Haarvogel und der Kuckuck (The Bulbul and the Cuckoo. An Indian Folk Tale, 1917), S. 303/04
  • Eine Nacht in der Universitätskapelle (A Night in King’s College Chapel), S. 305-312: Als man ihn versehentlich in einer alten Kapelle einschließt, wird der unfreiwillige Gast Zeuge furioser nächtlicher Umtriebe.
  • Die Hexe von Fenstanton (The Fenstanton Witch), S. 313-328: Als zwei von ihren Fähigkeiten allzu überzeugte ‚Magier’ ausgerechnet das Grab einer Hexe schänden, ist die Strafe mehr als schrecklich.
  • John Humphreys (John Humphreys)*, S. 329-347
  • Marcilly-Le-Hayer (Marcilly-le-Hayer)*, S. 348-352
  • Das Bärenspiel (The Game of Bear)*, S. 353-358
  • Das Grabmal des Unterhaussprechers Lenthall (Speaker Lenthall’s Tomb)*, S. 359-373
  • Merfield House (Merfield House)*, S. 374-379
  • Nächtliches Leben (Living Night)*, S. 380-383
  • Geschichten, die ich zu schreiben versucht habe (Stories I Have Tried to Write, 1929), S. 384-390
  • Stephen Jones: Nachwort – „Das versteinerte Grinsen schauerlicher Bosheit“ („The Stony Grin of Unearthley Malice“, 2012), S. 391-455
  • Quellenverzeichnis, S. 457-460
    * Fragmente

Der Tod bringt vieles, doch keinen Frieden

Als Montague Rhodes James, geachteter Gelehrter und geschätzter Universitätsdozent, mit der meist vorweihnachtlichen Verlesung von ihm verfasster Gespenstergeschichten begann, weckte er einen Dämonen, dem er nicht mehr entkommen konnte: So gut verstand James das Handwerk, unterhaltsam Angst zu schüren, dass sein Publikum geradezu süchtig nach solchem Schrecken wurde. Zu seinen Lebzeiten erschienen schließlich vier Bücher, in denen James jene Storys sammelte, die er spannend, witzig und selbstverständlich gruselig genug für eine Veröffentlichung fand.

James stellte nicht nur an seine wissenschaftlichen Werke hohe Ansprüche. Der Autor selbst informierte über Entwürfe und Manuskripte, die er für nicht gelungen hielt oder nie vollendet hatte, weil ihn die Schreiblust verlassen hatte („Geschichten, die ich zu schreiben versucht habe“). Zu Lebzeiten hütete James in seinem Schreibtisch, was zumindest seine Leser für einen Schatz hielten. Nach seinem Tod wurde viel vom Nachlass verkauft und verstreut. Erst allmählich ergab sich ein Eindruck vom Gesamtwerk, und es tauchten hier und da in Vergessenheit geratene James-Storys auf. Auch die Fragmente wurden gedruckt. (Die Irrfahrt des James-Nachlasses erläutert Herausgeber Stephen Jones in seinem Nachwort.)

Ob inzwischen alles entdeckt wurde, muss offen bleiben. Auf jeden Fall dürfte es keine „richtigen“ James-Storys mehr geben, die der Aufmerksamkeit von Forschern und Fans entgangen sind. Die hier vorgestellte Sammlung – Teil 2 einer für die deutsche Ausgabe geteilten Edition – repräsentiert den Stand der Dinge 2012. In diesem Jahr gab Jones anlässlich des 150. Geburtstags von M. R. James diese „Anniversary Edition“ heraus. Das Werk ist nicht nur für fanatische, sondern auch für begeisterte Leser interessant. So stellt sich heraus, dass James selbst Texte, die nie für die Öffentlichkeit gedacht waren, spannend und witzig gelangen, weshalb der plötzliche Abbruch eines solchen Manuskripts echten Kummer auslöst. (Außer „Das Grabmal des Unterhaussprechers Lenthall“, denn dieses Garn hat James als „Die Ruhestätte der Lamia“ erheblich besser gesponnen.)

Blanker Knochen unter literarischer Seide

Im Lauf der Jahre nahm James’ literarische Schaffenskraft ab. Er fasste es selbst in Worte. (In einer Anmerkung zu „Das Puppenhaus“ entschuldigt sich James sogar für inhaltliche Ähnlichkeiten zur zwei Jahrzehnte früher erschienenen Erzählung „Die Mezzotinto-Radierung“; solche Asche streuen sich Horror-Autoren bekanntlich längst nicht mehr auf ihre Häupter ...) Dabei könnte ein wenig Koketterie in die Selbstkritik einfließen. Spätere Geschichten wie „Die ungewöhnlichen Gebetbücher“, „Zwei Pfadfinder“ und vor allem „Blick von einem Hügel“ zeigen James jedenfalls weiterhin auf der Höhe seiner Grusel-Kunst.

„Eine Warnung für die Neugierigen“ trägt einen Titel, der programmatisch für das Gesamtwerk stehen könnte. Tatsächlich wirken die späten James-Gespenster deutlich rachsüchtiger und bösartiger als ihre manchmal eher erschreckenden Vorgänger. James selbst fragte sich besorgt, ob er es in „Zwei Pfadfinder“ mit dem schwarzen Humor nicht übertrieben habe; zwar bekommen die untoten Knochengeister einen echten Widerling zu fassen, doch der ist eindeutig minderjährig. Richtig unheimlich und ohne lockeren Unterton ist „Das Experiment. Eine Gespenstergeschichte für den Silvesterabend“. Hier wirkt James geradezu modern, wenn er Grauen ausschließlich indirekt aber umso wirkungsstärker heraufbeschwört.

Es ist schade, dass James so wenig schrieb. Das Gute daran ist die Erkenntnis, dass es zwar schwächere Storys gibt, echte Ausfälle jedoch ausbleiben. Echte Ofenschüsse – so es sie überhaupt gab – hat James vielleicht gründlich entsorgt und damit seinen Ruf poliert. Natürlich konnten spätere Autoren nicht widerstehen; sie „vollendeten“ die wenigen Fragmente, die James hinterließ. Ansonsten schrieben sie – schon zu Lebzeiten des geschmeichelten Meisters – neue „ghost stories“ à la James und ließen James seinen Frieden.

Ein unbekannter M. R. James

Obwohl James als Literat der Phantastik treu blieb, beschränkt sich sein Werk nicht wie zumindest hierzulande bisher bekannt ausschließlich auf Geistergeschichten. Dieser zweite Teil der Sammlung stellt drei Erzählungen vor, die den Verfasser als frühen Vertreter der „urban fantasy“ zeigen. Vor allem in der für James seitenstark geratenen Novelle „Fünf Flakons“ lässt er eine zwar zeit- und ortsgleiche aber dem Menschen normalerweise verschlossene Parallelwelt erstehen. Sie wird vom „Kleinen Volk“ u. a. Geschöpfen bewohnt, die ihre Spuren sonst nur in der Mythologie hinterlassen.

Der zunächst erschrockene aber zusehends faszinierte Erzähler erfährt außerdem, dass Tiere sprechen können. Die Phase gegenseitigen Kennenlernens schildert James fern des üblichen Grauens als spannenden und vor allem witzigen Vorgang, der von gegenseitigen Missverständnissen der primär amüsanten Art geprägt ist. Beachtlich ist ein Einfallsreichtum, der James an die Seite moderner Autoren wie Terry Pratchett oder Neil Gaiman stellt.

Vor allem letzterer rückt in den Vordergrund, wenn James doch auf bösen Spuk zurückgreift, diesen jedoch ebenfalls märchenhaft verfremdet, ohne ihm seine Bosheit zu nehmen. Das Ergebnis ist eine buchstäblich zauberhafte Stimmung, die sich in „Mittsommernacht auf Etons Spielfeldern“ wiederfindet, obwohl hier das Geschehen vor dem eigentlichen Erscheinen womöglich gar nicht freundlicher Elfen abbricht. Ebenfalls ohne „richtige“ Handlung bleibt „Eine Nacht in der Universitätskapelle“. Hier bewundert man den wahrlich geistreichen Witz, mit dem James die nächtlichen Umtriebe gar nicht vorbildlicher Heiliger in Szene setzt.

Ein Konzept für die Ewigkeit

In einem ausführlichen Nachwort beschränkt sich Stephen Jones nicht nur auf Leben und Werk des Gruselmeisters. Er geht auch auf die Wirkung ein, die James erst auf die (Unterhaltungs-) Literatur nahm. Die technische Entwicklung ließ noch zu seinen Lebzeiten neue Medien entstehen. Radio und Kino griffen die „ghost stories“ auf. Was James einem leibhaftig anwesenden Publikum vorgetragen hatte, funktionierte auch, wenn es vermittelt wurde. Später kamen der Comic und das Fernsehen hinzu, und längst hat M. R. James auch in der digitalen Welt seine Spuren hinterlassen.

Weil er die Geistergeschichte in ihrer vielleicht „reinsten“ Form repräsentierte, wurde James nicht nur zu einem Fixstern dieses Genres, sondern auch niemals altmodisch. Heute lieben wir seine Storys gerade wegen ihrer nostalgischen Verklärung einer Vergangenheit, die James paradoxerweise nie beschwören wollte. Er griff zwar gern auf alte Mysterien und (Un-) Taten zurück, doch der Spuk spielte sich in der Regel in jener Gegenwart ab, deren Zeitgenosse James war.

Der vom Kitsch-Ballast vergangener Schauergeschichten – über die sich James sanft aber deutlich lustig machte – und von melodramatisch oder „literarisch wertvollen“ bzw. modischen „zwischenmenschlichen“ (Pseudo-) Komplikationen freie, auf den Kern fokussierte Schrecken wurde und wird als solcher erkannt. Wen wundert es also, dass M. R. James bzw. sein Werk weiterhin präsent und wichtig sind? Mit der zweibändigen Gesamtausgabe ist hierzulande nicht nur (und endlich) eine Lücke in der Historie der Phantastik gefüllt: Den Lesern des 21. Jahrhunderts dürfte schlicht GEFALLEN, was ihnen präsentiert wird, weil es seine Aufgabe – die bestmögliche Unterhaltung – jederzeit erfüllt. Zudem geschieht dies in einem angemessenen Rahmen: Die Übersetzung liest sich flüssig, ohne ungebührlich zu „modernisieren“, Les Edwards steuert dezente bzw. stimmungsvolle Illustrationen bei, und zumindest der analoge Leser hält ein Buch in den Händen, das er gern und sicher nicht nur einmal aufschlagen wird – James-Grusel ist eine ideale Wiederholungs-Lektüre!

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