Die Erbin der Welt von N. K. Jemisin

Buchvorstellungund Rezension

Die Erbin der Welt von N. K. Jemisin

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „The Hundred Thousand Kingdoms“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 448 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Helga Parmiter.

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In Kürze:

Natürlich befolgt Yeine Darr den Befehl ihres Großvaters, sich unverzüglich aus der Provinz zu seinem Palast zu begeben. Schließlich ist er der Herrscher über die ganze Welt. Doch als er sie zu seiner dritten Erbin ernennt, befindet sie sich unvermutet inmitten tödlicher Palastintrigen. Ihre einzige Hoffnung auf Überleben ist ein Bündnis mit Nahadoth – dem zwar versklavten, aber immer noch ebenso mörderischen wie verführerischen Gott der Finsternis.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein hochinteressanter Wettkampf“86

Fantasy-Rezension von Anja Helmers

Yeine, die junge, erst neunzehnjährige Stammesfürstin des Volkes Darre, lebt im hohen Norden, fern von der Schaltzentrale der Welt. Kurz nach dem Tod ihrer Mutter erhält sie eine Einladung nach Elysium, in den Palast ihres Großvaters. Wenn der oberste Arameri und inoffizielle Herrscher der Welt ruft, gibt es keine Möglichkeit der Ablehnung, und so begibt Yeine sich auf die lange Reise.

Im Audienzzimmer ihres Großvaters erwartet sie eine Überraschung. Dekarta Arameri ernennt seine Enkelin Yeine vor den entsetzten Höflingen zu seiner Erbin. Auf ihren Einwand, dass er bereits über zwei Erben verfüge und damit die Anzahl der überflüssigen Erben sich auf zwei erhöhe, entgegnet er gelassen: „Gerade genug für einen interessanten Wettkampf“.

Lord Relad und Lady Scimina sind mächtig und reich, vor allem aber hatten sie jahrelange Übung im Wettkampf um die zukünftige Weltherrschaft. Yeine, mittellos, ohne Verbündete und Freunde, hat kaum Chancen, diesen Wettstreit auch nur wenige Tage zu überleben. Ihr bleibt kaum Zeit, ihre Fassungslosigkeit über diesen wahnsinnigen Wettstreit zu verarbeiten, als sie ihrer mörderischen Cousine Scimina über den Weg läuft. Scimina hat ihre liebste Waffe dabei: Nahadoth, der Gott der Finsternis. Als Scimina den Gott von ihrer silbernen Leine lässt und auf Yeine hetzt, scheint ihr Schicksal besiegelt. Denn Yeine fehlt noch das Blutsiegel auf der Stirn, dass alle Arameri im Palast vor den nächtlichen Gestalten der Götter schützt.

Die Erbin der Welt ist ein ungewöhnliches und interessantes Debüt einer amerikanischen Autorin, das eben keine Liebesromanze ist, wie man vielleicht nach der Lektüre des Klappentextes vermuten könnte. Obwohl Teil Eins einer Trilogie, ist „The Hundred Thousand Kingdoms“, wie es im Original heißt, in sich abgeschlossen. Alle drei Bände spielen in einer Welt, in der die Menschen ihre Götter bis auf einen versklavt haben. Die Familie, die die Kontrolle über diese Götter besitzt, hat sich zu den Herrschern der Welt aufgeschwungen. Im vorliegenden Band wird Yeine, eine entfremdete Tochter der mächtigsten Familie der Welt, an den Hof zurückgerufen und in familiäre und göttliche Intrigen verwickelt.

Interessante Charaktere, allen voran die Hauptprotagonistin, ein eigenständiges Götterkonzept und geschickt zusammengeführte Fäden sind die Träger der komplexen Handlung.

Hörbuch im Kopf

Der ungewöhnliche Schreibstil der Autorin fällt als erstes ins Auge. Viele kurze Rückblenden, eingeschobene Erklärungen, Wertungen wie „Das ist besser“ und Einwürfe wie: „Doch halt“, „Was habe ich...? Ah ja. Die Götter“ adressieren den Leser direkt. Die Autorin nimmt augenzwinkernd ihre eigene Zunft aufs Korn, wenn sie ihrer Ich-Erzählerin Yeine folgende Sätze unterschiebt: „Sollte ich eine Erklärung einschieben? Das wäre erbärmliche Erzählkunst. Aber ich muss mich an alles erinnern, erinnern, erinnern und erinnern, um es ganz festzuhalten. Also.“

Dann folgt mit den Worten: „Es gab einmal drei Götter“ eine Erklärung, die witzig und sprachgewandt weitere Informationen über die Götterwelt liefert, und gleichzeitig Bezug nimmt auf eine Stelle zwanzig Seiten zuvor, die ebenfalls mit „Es gab einmal drei Götter“ beginnt und Yeines respektlose Einstellung zur Religion bestens zum Ausdruck bringt.

Durch diese ungewöhnlichen Stilmittel gelingt es der Autorin, den Leser noch stärker an den Text zu fesseln, und gebannt den nicht gerade einfachen Verstrickungen zu folgen. Wer sich an dem ungewöhnlichen Stil stört, wird es vielleicht entnervt beiseite legen, aber ich habe „Die Erbin der Welt“ als intensives Hörbuch im eigenen Kopf empfunden.

Man erlebt hautnah die Gefühle und Gedankenwelt der Hauptprotagonistin. Begleitet sie auf der Spurensuche nach dem Mörder ihrer Mutter, verfolgt all ihre gedanklichen Wendungen ebenso wie ihre emotionalen Hochs und Tiefs. Von ihrer anfänglichen Fassungslosigkeit über den Wahnsinn eines solchen Wettstreits, ihre verzweifelten Frage nach dem Warum, bis zu ihrem verbissenen Willen, sich trotz aller Ausweglosigkeit nicht einfach geschlagen geben zu wollen.

Eine streitbare Außenseiterin

Yeine, klein, flachbrüstig, dunkel wie Holz im Walde, ist eine grandiose Protagonistin, die mich mit ihrem Sarkasmus, ihrem Kampfgeist und ihrem Galgenhumor sofort für sich eingenommen hat. Die Autorin, selbst eine Farbige, zeigt mit ihrer Protagonistin die Probleme auf, die sich durch ein abweichendes Äußeres sowie falsche Herkunft ergeben können, ohne dabei aufdringlich oder moralisierend zu wirken. Die weißen, hochgewachsenen Arameri blicken von Anfang an verächtlich auf die Barbarin Yeine herab. Im Palast ihres Großvaters muss sie sich ständig kontrollieren, um den Vorurteilen nicht noch mehr Nahrung zu bieten. Wenn sie sich mit ihrem Messer gegen Beleidigungen wehren würde, wie es daheim in ihrer von Frauen dominierten Kriegergesellschaft üblich wäre, würde sie mögliche Verbündete verprellen und außerdem den stereotypen Vorstellungen einer Barbarin entsprechen.

Darres matriarchalisch geführte Gesellschaftsform und das, was wir davon in den Rückblenden erfahren, ist eine erfreulich andere Idee, die zeigt, wie sehr sich Jemisin mit ihrem Stoff auseinandergesetzt hat.

Enefa, die Verräterin

Genauso interessant ist die Götterwelt, weil die Autorin auch dort eigenständige Vorstellungen entwickelt. Drei Hauptgötter, eher angelehnt an das hinduistische Konzept der Trimurti, Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung, weniger an die Dreifaltigkeit unserer christlichen Religion mit dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist. Von diesen drei Göttern schwingt sich einer, Itempas, der Gott des Tags, zum alleinigen Gott auf, ermordet seine Schwester Enefa, die Göttin der Dämmerung, und versklavt seinen Bruder Nahadoth, Gott der Finsternis.

Die Göttin Enefa ist nicht die übliche fürsorgliche Mutterfigur, sondern wie ihr Sohn Si’eh Yeine erklärt, jemand, den man fürchten muss. Ein Göttin, die ohne Gefühlsduseleien ihre eigenen Schöpfungen und auch Kinder tötet, wenn sie es für notwendig hält. Sie ist eine kühle und weitsichtig planende Schöpferin, aufgeschlossen für Neues. Ein gelungener weiblicher Gegenpart zu ihren Brüdern, von denen Itempas, der helle Gott, der Veränderungen ebenso hasst wie Chaos, viel unsympathischer wirkt als der impulsive Nahadoth, der voller Emotionen steckt, negative ebenso wie positive.

Allmächtige Götter mit menschlichen Eigenschaften auszustatten, ist sicher nichts Neues und dient sinnbildlich dem Verständnis der göttlichen Natur. Das finde ich schlüssig, allerdings frage ich mich, wieso Götter, die das Universum erschaffen haben, sich auf einen einzigen Planeten als Aufenthaltsort beschränken. Vielleicht liefert N.K. Jemisin dafür noch eine Erklärung in den nächsten Bänden. Für mich zählt „Die Erbin der Welt“ zu den Büchern, die ein wiederholtes Lesen auf jeden Fall lohnen.

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