Die Gefährtin des Lichts von N. K. Jemisin

Buchvorstellungund Rezension

Die Gefährtin des Lichts von N. K. Jemisin

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „The Broken Kingdoms“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 448 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Helga Parmiter.

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In Kürze:

Die junge Straßenkünstlerin Oree ist blind, doch es ist ihr gegeben, Magie zu sehen. Daher ist auch sie es, die in einer Seitenstraße Elysiums die Leiche einer Göttin entdeckt. Dabei sind Götter doch unsterblich! Bevor sie sich versieht, steckt Oree mitten in einer Verschwörung von schrecklichem Ausmaß – einem Komplott mit keinem geringeren Ziel, als die Gemeinschaft der Götter zu stürzen. Und ausgerechnet Oree ist der Schlüssel zum Erfolg der Verschwörer …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine Fortsetzung, wie sie besser nicht sein könnte“92

Fantasy-Rezension von Anja Helmers

Zehn Jahre nach der Befreiung der Götter hat Elysium sich sehr verändert. Die Bewohner der Stadt leben im Schatten des Weltenbaums, einige Gassen quellen über vor Magie und die Götter und Gottkinder sind zahlreich. In diesem Trubel lebt Oree Shoth, eine blinde Straßenkünstlerin, die mit dem Verkauf von Andenken an Auswärtige ihren Lebensunterhalt verdient. Das äußere Erscheinungsbild der Welt liegt für sie zwar im Dunkeln, aber Dank einer besonderen Gabe kann sie alles Magische sehen und sogar Götter auf Anhieb erkennen. Ihre wahre Kunst, ihre Bilder, malt sie allein für sich selbst, was sie verkauft, ist nur Ramsch.

Eines Tages stößt sie in einer Seitengasse auf ein totes Gottkind. Sie ist schockiert, ebenso wie Madding, ihr Geliebter, der kurz darauf neben ihr materialisiert. Madding, selbst ein Gottkind, hat keine Erklärung für den Tod seiner Schwester. Voller Kummer nimmt er die Leiche auf seine Arme und verschwindet mit ihr.

Oree packt daraufhin ihre Sachen zusammen und macht sich auf den Heimweg. Als sie zuhause ankommt, liegt die Leiche ihres Mitbewohners neben dem Küchentresen. Er hatte sich beim Gemüseschneiden ins Handgelenkt gestochen und ist verblutet. Sie packt ihn, schleift ihn in die Badewanne, lässt kaltes Wasser ein, und putzt dann die Sauerei in der Küche weg.

Mit heftigem Platschen erwacht die Leiche wieder zum Leben. Wütend drückt sie ihm Eimer und Bürste in die Hand, damit er den Rest putzen kann. Ihr Hausgast, den sie seit drei Monaten aus Mitleid beherbergt, ist eventuell ein Gottkind, sie ist sich nicht sicher, auf jeden Fall etwas nicht-menschliches. Er spricht nicht mit ihr.

„Von den Toten wiederauferstehen? Beim Sonnenaufgang glühen? Was war er
 – der Gott der fröhlichen Morgen und makabren Überraschungen?“

Bis Oree seine wahre Identität erfährt, ist sie längst in einen Strudel von Ereignissen hineingeraten, der sie immer tiefer in eine Verschwörung hineinreißt und ihr Leben bedroht.

Sonnenschein, der Gott aus der Mülltonne

Die Gefährtin des Lichts, -im Original „The Broken Kingsdoms“, ist der zweite Teil von N.K. Jemisins Inheritance-Trilogie. Auch dieser Band ist wie der erste Teil in sich abgeschlossen, aber er baut auf Ereignissen aus dem ersten Teil auf. Er spielt wieder in Elysium, diesmal allerdings in der Stadt unterhalb des Palastes und mit einer neuen Hauptprotagonistin.

Da das erste Buch so gelungen war, sind die Erwartungen an Nummer zwei natürlich hoch. Die Autorin enttäuscht nicht, sondern steigert sich sogar noch. Der Roman ist bewegend, raffiniert und äußerst spannend. Wieder ein begrenzter Handlungsort, ein kurzer zeitlicher Rahmen, eine Fülle von klug eingebauten Details, aber dazu kommen ein rasanteres Tempo und eine einfallsreiche, prägnante Darstellung von Orees besonderer Gabe. Man erhält eine neue Perspektive auf die Welt und das Pantheon der Götter.

Band zwei widmet sich hauptsächlich dem lichten Gott. Die Autorin baut ein stimmiges Psychogramm dieser Götterpersönlichkeit auf. Bright Itempas, der Herr des Lichts und der Ordnung, dieser arrogante, selbstgerechte Gott, der aus Eifersucht seine eigene Schwester tötete, der Chaos und Veränderung hasst, wurde seiner göttlichen Macht beraubt. Von Yeine, der gottgewordenen Nachfolgerin Enefas, und Nahadoth, dazu verdammt, als unsterblicher Mensch unter den Sterblichen zu wandeln, soll er denen dienen, die er so sehr verachtet. So geschehen Ende des ersten Bandes. Recht so, mag mancher Leser ebenso wie ich gedacht haben, die Sympathiewerte für ihn lagen bei Null.

Gnadenlos vom Sockel gestoßen

Schadenfreude ist eine weit verbreitete menschliche Eigenschaft, und die Autorin füttert diese Schadenfreude mit einigen köstlichen Szenen im zweiten Band.

„Ich wollte schon immer mal ein Loch oder zwei in ihn hineinstanzen.“

Das sagt zum Beispiel Messie, eines der Gottkinder zu Oree, und meint mit ´ihn’ seinen göttlichen Vater. Die Zahl seiner Kinder, die ihn hassen und sich rächen wollen, ist groß. Die meisten haben sich von ihm losgesagt. Niemand hat Mitleid mit ihm, egal, wie brutal er behandelt wird.

So furchtbar und zerstörerisch Nahadoth, der Gott der Finsternis, sein kann, so weckt er doch wesentlich mehr Sympathien als Itempas. Entsprechend seinem Naturell vernichtet der lichte Gott alles, was sich ihm widersetzt oder ihm bedrohlich erscheint. Eine andere Lösung kennt er nicht. Dabei geht er äußerst eiskalt und methodisch vor, während Nahadoth häufig aus dem Bauch heraus handelt, ohne die Folgen zu bedenken. Itempas ist sehr beharrend, zu keiner Veränderung bereit, auch wenn er innerlich an seiner Einsamkeit leidet.

Aber das Universum wurde von allen dreien erschaffen, wenn einer von ihnen stirbt, endet alles. Das weiß Yeine, ebenso wie sie weiß, dass Nahadoth seine Rache braucht. Also besteht die einzige Hoffnung darin, dass Itempas sich ändert, dass er durch die Abbüßung seiner Schuld dazulernt. Dieser scheinbar gegen alle Einsicht resistente egoistische Sturkopf ist trotz seiner negativen Aspekte eine der Figuren, die mich an den Text gefesselt haben. Ich wollte einfach wissen, wie der Konflikt gelöst wird.

Eine Frau, geplagt von Göttern

„Was zur Hölle machst du überhaupt hier oben?“ fragte ich. Ich sah mich außerstande, ihm irgendwelchen Respekt entgegenzubringen. „Betest du zu dir selbst?“

Mit Oree Shoth wird dem Gott der weißen Halle eine großartige Hauptprotagonistin gegenübergestellt. Eine starke Frau, selbstbestimmt, unabhängig und intelligent. Oree ist keine Adlige oder höhergestellte Frau, sie ist pragmatisch und zupackend, aber auch ungeduldig und spontan. Sie verlässt sich auf ihre Gefühle und handelt dementsprechend. Eine Figur, in die man sich leicht einfinden kann. Die so lebendig ist, dass sie eine Geburtsurkunde verdient hätte.

Alles wird aus der Sicht von Oree in der Ich-Form geschildert. Keine Kleinigkeit, da sie blind ist und die Schilderung dadurch anders ausfallen muss als bei einer sehenden Person. Aber diese Hürde nimmt Jemisin so gekonnt, dass es sich beim Lesen völlig selbstverständlich anfühlt. Der Roman ist sehr bildlich, farbig und sinnlich, trotz, oder vielleicht gerade wegen des Handicaps der Protagonistin.

N.K. Jemisin benutzt einen weiteren schriftstellerischen Kniff, der mir gut gefallen hat. Sie verleiht dem Leser, -vorausgesetzt, er hat den Vorband gelesen-, einen Wissensvorsprung gegenüber Oree. Genau wie die anderen Bewohner Elysiums weiß sie nichts über die wahren Hintergründe des plötzlichen Auftauchens so vieler neuer Götter und des Anschwellens der Magie. Niemand weiß von der Befreiung des Schattenlords noch über Itempas Verschwinden aus der Götterwelt vor zehn Jahren.

Diese Überlegenheit verleiht einigen Szenen einen zusätzlichen Kick. Dadurch bekommt die Absurdität einiger Situationen einen besonderen Reiz, und man kann sich köstlich amüsieren, im Gegensatz zu Oree, die immer mehr in Bedrängnis gerät. Erst nach ungefähr einem Drittel des Romans ist der Leser mit Oree wissenstechnisch ungefähr im Gleichstand.

Die Handlung hat einige Krimielemente. Ein Mord am Anfang, und der Auftrag von höchster Stelle, diesen Mord aufzuklären. Das Verstricken dieses klassischen ´Whodunit’ mit Itempas Konflikt und wie sich das Verhältnis von Oree und ihrem Hausgast entwickelt, sorgt für enorme Spannung. Eine Fortsetzung, wie sie besser nicht sein könnte.

Noch ein Bonbon zum Schluss: Die deutsche Ausgabe enthält einen siebenseitigen Epilog, der in der amerikanischen Ausgabe fehlt. Frau Jemisin hat den Text nachträglich geschrieben, weil sie fand, dass diese kurze Geschichte gut passen würde. Nur für die amerikanische Ausgabe war es zu spät.

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