Big U von Neal Stephenson

Buchvorstellungund Rezension

Big U von Neal Stephenson

Originalausgabe erschienen 1984unter dem Titel „The Big U“,deutsche Ausgabe erstmals 2005, 346 Seiten.ISBN 3924959692.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Die amerikanische Megaversität ist eine ganz normale amerikanische Hochschule … nur größer. Viel größer. Hunderttausende Studenten, die ihren täglichen Verrichtungen nachgehen, sind in dem Arkolog-ähnlichen Gebäude untergebracht: Politische Versammlungen, Demonstrationen, Vorlesungen, Partys … alles geht seinen Gang. Wie kann es in dieser Idylle aber geschehen, dass ein Student bei einem harmlosen Spiel in der Kanalisation der Universität von mutierten Ratten zu Tode gebissen wird? Und was hat es mit den seltsamen Männern in luftdichten Schutzanzügen zu tun, die Fässer unbekannten Inhalts durch die tiefsten Kellergeschosse des Gebäudekomplexe transportieren?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Bildungsbetrieb als Heimatfront“84

Horror-Rezension von Almut Oetjen

Big U erzählt vom Leben an einer Mega-Universität (Megaversität) im Zeitraum von September bis Mai. Die Uni ist bevölkert von exzentrischen Charakteren, wie dem Physikstudenten Casimir Radon, der Vorsitzenden des Studentenausschusses Sarah Jane Johnson und dem Systemadministrator Virgil Gabrielsen. Erzähler ist der neue Assistenzprofessor Bud Redfield, promoviert in „Fern-Wahrnehmung“. Die Studenten befinden sich im Lern- und Partybetrieb und im täglichen Kleinkrieg gegen die Bildungsinstitution und ihr Lehrpersonal, andere Studenten und bizarre politische Gruppierungen. Unterschwellige Frustrationen und Aggressionen greifen Raum, verbinden sich mit Verschwörungsansätzen zu einer explosiven Melange und eskalieren in einen bewaffneten Konflikt, der absurde Ausmaße annimmt.

Neal Stephensons erster Roman

Der 1984 veröffentlichte Big U ist der erste Roman von Neal Stephenson. Er erzählt aus dem Leben von Studenten an einer Megauniversität, die gebaut ist als ein Netz miteinander verbundener Türme inmitten eines riesigen Verkehrsknotenpunktes. Technologisch erwarten die Leser ein großer Mainframe für die gesamte Universität, Rollenspiele und Live Action-Rollenspiele, an denen sich bisweilen unangenehme und gefährliche „Gastspieler“ beteiligen.

Das universitäre Umfeld ist in einer Parodie beschrieben, dramatisch überzeichnet und verzerrt. Stephenson setzt sich satirisch auseinander mit bürokratischen universitären Abläufen, der Bedeutungslosigkeit studentischer Selbstverwaltung, Vergewaltigungen auf dem Campus, aus dem Ruder laufenden Rollenspielen (Live Action), Paranoia.

Die Handlung besteht aus einer Abfolge von mehr oder weniger zufälligen Ereignissen, entwickelt sich in Richtung eines Endes, das jedoch nicht mit einer dramaturgischen Auflösung einhergeht, sondern mit der Löschung der Starteinstellungen. Das Ende hat nichts abruptes, sondern wirkt beabsichtigt als eine Situation, aus der heraus sich nichts mehr sinnvoll entwickeln kann.

Die Universität als absurder Raum

Stephenson gibt seinen Figuren seltsame Namen (Casimir Radon, Septimus Severus Krupp, Bert Nix, Fred Fine) und bevölkert die Universität mit bizarren Charakteren. Er beschreibt auf bösartige Weise den Universitätsbetrieb und widmet sich den Studierenden und den Gruppierungen, denen sich diese angeschlossen haben.

Wichtig im Universitätsgefüge sind Identität stiftende Vereinigungen, z. B. die Megaversitäts-Assoziation für Risikospiele und Simulationen (MARS), ein Konfliktsimulationsclub unter Leitung von Fred Fine, der eine seltsame Realitätssicht hat, und das Stalinistische Untergrund-Battaillon (SUB).

Besondere Zuwendung Stephensons erfahren Naturwissenschaftler und Computerfreaks. Der Protagonist der Geschichte, wenn es denn einen gibt, ist Casimir Radon, ein älterer Physikstudent, mit wenig ausgeprägter sozialer Kompetenz, mit dem die Uni überfordert ist, weil er bis auf eine von ihm sehr geschätzte Ausnahme dem Lehrpersonal fachlich überlegen ist. Eben diese Ausnahme aber kommt auf brutale Weise ums Leben, Casimir wird zum Rächer, bekommt einen Massenbeschleuniger aus Forschungsgeldern des Pentagon finanziert. Der ist als Waffe einsetzbar, sehr zur Freude des Rektors Septimus Severus Krupp. Warum, darüber geben bereits die Initialen seines Vornamens Auskunft, die eine eindeutige Verbindung mit seinem Nachnamen herstellen: SS und Krupp.

Virgil Gabrielsen ist der einzige Mensch an der Uni, der dem Mainframe Janus 64 gewachsen ist. Dies verleiht ihm im Uni-System erhebliche Macht. Sein Alltag, sein Leben besteht großenteils aus dem Kampf gegen ein bösartiges Programm, genannt „Der Wurm“, das vom früheren Systemadministrator installiert wurde.

Die Universität als lebensfeindlicher Raum

Die Studenten begeben sich in die Isolation, um an der Universität überleben oder aber sie ertragen zu können. Fakultät und Studenten verfolgen ihre eigenen Interessen, die sich eher nicht decken. In den Eingeweiden der Universität lagern radioaktive Abfälle, und mutierte Riesenratten leben in der Kanalisation. Viele Bewohner der Universität sind unangenehme Charaktere. Die Terroristen sind dumm und gewalttätig; das Kuratorium besteht aus selbstsüchtigen Heuchlern; die Kroatobaltoslowenen sind rücksichtslose Mörder und spielen gegen die anderen Bewohner die Karte der atomaren Bedrohung aus. Das Monster ist schlussendlich der gesamte Universitätsbetrieb, der speziellen humanistischen Ansprüchen verpflichtet ist:

  • Jedem das Seine auf Kosten der Anderen.
  • Utilitarismus ist schön, solange die Benachteiligten auch darunter leiden.

Die Bewohner des Plex oder Plexus, wie der Unikomplex genannt wird, bewegen sich in einem Paranoiasystem, das nur eine Antwort kennt: Jeder braucht einen Feind.

Die Universität als apokalyptischer Raum

Mit fortschreitender Dauer des Semesters kommt es zu Vergewaltigungen, von denen eine zum Mord führt, und anderen Exzessen. Grausige Fakten über die Zusammensetzung des Mensaessens werden bekannt. Spieler von „Dungeons and Dragons“ machen böse Erfahrungen im Keller. Die Universität als zivilisierter Raum erleidet ihren völligen Zusammenbruch, als die Kroatobaltoslowenen die Kontrolle über das Atommülllager gewinnen.

„Ich erfahre die Bedeutung nicht aus meinen Büchern. Meine Bedeutung bedeutet, was sie mir bedeutet.“ (Fenrick)

Stephenson erzählt eine absurde Geschichte, die bis heute anspricht, auch wenn manche, insbesondere technische, Ausführungen und Titel von Fernsehserien (T.J. Hooker, Fantasy Island) die achtziger Jahre erkennen lassen. Für Fans von Neal Stephenson und für Leser, die intelligent geschriebene Horror-Komödien über High Schools und Universitäten in comichafter Überzeichnung mögen. Filmische Entsprechungen hat der Roman am ehesten noch in den trashigen Horrofilmen der Troma Studios.

Big U ist in der Edition Phantasia erschienen und in einer auf 250 nummerierte Exemplare beschränkten Auflage im Handel. Der Preis von 55 Euro reflektiert die exquisite Verarbeitung (hochwertiges Vorsatzpapier, Fadenbindung, Lesebändchen, attraktiver Leineneinband mit Titelillustration und ein schöner, kontrastreicher Druck) dieser Sonderedition.

 

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