Principia von Neal Stephenson

Buchvorstellungund Rezension

Principia von Neal Stephenson

Originalausgabe erschienen 2004unter dem Titel „The System of the World“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 1024 Seiten.ISBN 3-442-54607-9.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

London, 1714: Der Naturphilosoph, Puritaner und Querdenker Daniel Waterhouse kehrt als alter Mann nach England zurück. Er hat der hohen See und berüchtigten Piraten getrotzt, um in der Heimat im erbitterten Streit zwischen Newton und Leibniz zu vermitteln. Doch kaum angekommen, sieht Waterhouse sich bereits in ein Komplott verstrickt. Ein wahrhaft teuflischer Anschlag auf den Londoner Tower zielt auf die Vernichtung der sich entwickelnden modernen Geldwirtschaft im Empire, und damit letztlich auf die Zerstörung der neuen Weltordnung. Im Zentrum dieser Umtriebe steht Jack Shaftoe, König der Vagabunden und Newtons Nemesis. Allerdings treibt ihn nicht sein Hang zu perfiden Schurkenstreichen in dieses finstere Spiel, sondern seine Liebe zu der einzigartigen Eliza. Deren Lebensweg führte von einem türkischen Harem erst an den Hof des Sonnenkönigs und schließlich sogar zu einer eigenen Grafschaft. Nun aber setzt Ludwig XIV. Eliza als lebendes Unterpfand in seinem Ringen um die Macht in Europa ein …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Detailgetreue Reise in die Vergangenheit“78

Science-Fiction-Rezension von Verena Wolf

Mit „;Principia“ endet der Barock-Zyklus, das Mammutwerk von über 3200 Seiten des Kultautors Neal Stephenson, der mit visionären Werken wie „;Snowcrash“ bekannt wurde. Wie die Vorgänger „;Quicksilver“ und „;Confusion“, mit denen es zusammen den Barockzyklus bildet, ist „;Principia“ ein historischer Roman, allerdings kann man es auch im wörtlichen Sinn als „;Science Fiction“ bezeichnen, denn genau darum geht es: es ist ein fiktionales Werk – wenn auch sehr an die historischen Begebenheiten und „;echte“ Charaktere angelehnt -, das sich mit den historischen Wurzeln unserer heutigen Wissenschaft beschäftigt. Es bildet sich im Barock eine neue Weltsicht, eine neue „;Ordnung“ heraus, die die Prinzipien für unsere heutige Sicht der Medizin, Mathematik, Wissenschaft, Religion und Wirtschaft legt. Darum – mit Schwerpunkt auf Bank- und Geldwesen – geht es in „;Principia“.

Die Geschichte der Wissenschaft

Es ist das Jahr 1714. Als alter Knabe kehrt der Gelehrte Daniel Waterhouse – bekannt aus den anderen Büchern, wenn auch nicht aus der Weltgeschichte – nach England zurück. Zurück in der Heimat bekommt er gleich einiges zu tun. Die Zeiten sind unruhig, die Erbfolge der englischen Krone ist ungeklärt, die Whigs und die Tories sind sich spinnefeind und Waterhouse stolpert mitten hinein in einen Mordanschlag. Außerdem soll und will Waterhouse den ewigen Streit zwischen den genialen Gelehrten Leibniz und Newton schlichten. Newton leitet die staatliche Prägeanstalt, die „;Münze“, durch die die moderne Geldwirtschaft des Reiches erst überhaupt möglich wird. Der König der Vagabunden, der schillernde „;Jack Shaftoe“ will genau diese jedoch durch einen Anschlag vernichten. Allerdings tut er dies nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Geheiß des französischen Königs Ludwig den XIV., denn der setzt Eliza als Druckmittel ein.

Die Hauptcharaktere Waterhouse, Shaftoe und Eliza dienen dazu, die eigentliche Geschichte, nämlich die genaue Beschreibung der Zeit, des Umbruchs und der Ideen, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts bildeten, aufzublättern. Eine ganze Epoche erwacht so in den Seiten zum Leben und man lernt unglaublich viel über die damalige Zeit, die die Basis für viele „;moderne“ Entwicklungen waren, den Zwistreit zwischen Philosophie, Religion und Wissenschaft und deren Gemeinsamkeiten. Es gibt äußerst amüsante Episoden, zum Beispiel, wie wenn der Zar „;seinen“ Vulkan ausbrechen lässt, wie der erkrankte Waterhouse aus der Not zum passionierten Zeitungsleser wird oder eine halbe Phosphorfabrik durch einen übereilten Schuss in die Luft fliegt. Alles ist äußerst sorgfältig recherchiert und bis ins kleinste Detail genau und liebevoll ausgeschmückt. Man fragt sich beim Lesen, wie Stephenson dieses Werk gestemmt hat, gerade weil er alles per Hand schrieb. Es kann nicht schaden, wenn man sich in der Zeit des Barock schon ein wenig auskennt und die vielen erwähnten Persönlichkeiten und Ereignisse bereits einordnen kann, ansonsten hilft ein vernünftiges Geschichtsbuch oder Wikipedia.

Ein wenig blutleer

Klar, das Buch ist keine leichte Urlaubslektüre für Groschenromanleser. Es ist ein Werk! Man sollte Konzentration und Liebe für historische Romane oder Geschichte an sich mitbringen. Die Handlungsstränge, auch die, die in den vorherigen Büchern aufgeworfen wurden, werden jetzt zusammengefügt und zu einem vernünftigen schönen Ende gebracht. Alles sehr gekonnt, keine Frage. Allerdings tut es „;Principia“ nicht gut, dass Stephenson den sympathischen, aber nicht mitreißenden Charakter Waterhouse als zentrale Figur gewählt hat. Wie Waterhouse selbst wirkt dadurch der Erzählstil gebildet, aber auch gesetzt und langsam. Zu langsam. Die Handlung schleppt sich oft wortreich dahin, die Beschreibungen sind ausufernd, die Dialoge insgesamt – auch die zwischen Leipniz und Newton – zu langatmig und die Handlung als Gerüst dafür oft zu dünn. Vielleicht wollte Stephenson auch so die Stimmung der Zeit nachzeichnen, aber so wurde zu oft aus einer Geschichte eine Geschichtsstunde, die die früheren Abenteuer von Jack und Eliza schmerzlich missen lässt. Fazit: wer die anderen zwei Bände und das Thema liebt, reinlesen, aber eingefleischte SF- und Fantasyfans werden es zäh finden.

Ihre Meinung zu »Neal Stephenson: Principia«

Cocktailschirmchen zu »Neal Stephenson: Principia«09.01.2009
Ich gehöre auch zu denen, die dem dritten Teil entgegengefiebert haben. Die beiden Vorgänger „Quicksilver“ und „Confusion“ waren dermaßen mitreißend, spannend und klug, dass meine Erwartungen an „Principia“ ziemlich groß waren. Zumal der zweite Band in meinen Augen sogar noch besser war als der erste.

Und das lag nicht zuletzt an Jack Shaftoe. Betrat Jack die Bühne, entwickelten sich die Bücher zu waschechten Abenteuerromanen, die es allemal mit Größen des Genres wie Alexandre Dumas aufnehmen konnten. Nichts gegen Daniel Waterhouse mit seinem trockenen Humor, aber Jack ist eben Jack: clever, mutig, witzig und manchmal einfach unfassbar dämlich. Kann mich nicht erinnern, jemals mit einer literarischen Figur so mitgefiebert zu haben.

Nur kommen leider im dritten Band der liebe Jack und die ebenfalls gelungene Eliza (endlich mal ein weiblicher Charakter, der nicht nur Anhängsel ist, sondern selbst was auf dem Kasten hat) viel zu kurz. Elizas Sohn und Caroline von Hannover, die wohl so eine Art Nachfolger des Traum-Duos sein sollten, waren leider nur ein schwacher Ersatz.

Dafür gibt es (wieder) teilweise recht erschöpfende Ausflüge in die Naturphilosophie, in die Vorläufer des Computers etc. Klasse geschrieben ist das Ganze immer noch und mit der neuen Clique um Daniel Waterhouse werden einmal mehr herrlich skurrile Figuren eingeführt, die es aber leider mit der Galeerensklaventruppe aus dem zweiten Band nicht aufnehmen können, so dass ich mir beim Lesen immer wieder die Frage stellte: „Wann kommt Jack?“

Als wenn der Autor mit der dieser Frage irgendwie gerechnet hätte, schickt er den Leser auch noch auf falsche Fährten, was ich persönlich fast schon ein bisschen gemein fand;-) Immerhin gönnt Stephenson ihm ein furioses Finale, das so spannend war, dass ich ungelogen ins Kissen gebissen habe.

Insgesamt gesehen hebt sich die Barock-Trilogie haushoch von anderen historischen Romanen ab, ist aber in meinen Augen nicht wirklich Stoff für ungeübte Leser. Wer sich aber den Wälzern stellt, wird mit jeder Menge Lesespaß belohnt und lernt ganz nebenbei auch noch ungeheuer viel. Und wer die beiden Vorgänger gelesen hat, sollte auch auf „Principia“ nicht verzichten. Allein schon, um zu erfahren, wie die Geschichte von Jack und Eliza ausgeht.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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