Zerbrechliche Dinge von Neil Gaiman

Buchvorstellung und Rezension

  • Fantasy
  • Science-Fiction
  • Horror
  • Mystery

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Fragile Things: Short Fictions And Wonders, deutsche Ausgabe erstmals 2010 , 330 Seiten. ISBN 3-608-93876-1. Übersetzung ins Deutsche von Hans und Sara Riffel.

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In Kürze:

Ein liegengebliebener Leihwagen auf einem einsamen Highway, ein düsteres Zirkuszelt voller versteckter Geheimnisse, die flirrende Hitze der ägyptischen Wüste in ihrer menschenfeindlichen Schönheit – egal, wohin Neil Gaiman seine Figuren führt, sie werden stets mit der Zerbrechlichkeit ihrer eigenen Welt konfrontiert – Abgründen, in denen manch Unglücklicher verloren ging.

Wo zum Beispiel bleibt die Vermisstenanzeige für die unglückliche Misses Finch, die während einer Zirkusnummer für immer verschwand? Und wer hat die Mitglieder des Clubs der Epikuräer je wieder gesehen, die sich der Suche nach noch nie gekosteten kulinarischen Genüssen verschrieben haben? Wohin ist der Junge auf der Party verschwunden, der endlich seine Angst vor Mädchen überwinden wollte?

Inhalt:

  • Kies auf der Straße der Erinnerung
    The Flints Of Memory Lane
  • Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste
    Forbidden Brides Of The Faceless Slaves In The Secret House Of The Night Of Dread Desire
  • Bitterer Kaffeesatz
    Bitter Grounds
  • Gustav hat den Frack an
    Good Boys Deserve Favors
  • Wie man auf Partys Mädchen anspricht
    How To Talk To Girls At Parties
  • Eine Studie in Smaragdgrün
    A Study In Emerald
  • Die wahren Umstände im Fall des Verschwindens von Miss Finch
    The Facts In The Case Of The Departure Of Miss Finch
  • Sonnenvogel
    Sunbird
  • Fressen und gefressen werden
    Feeders And Eaters
  • Virusproduzentenkrupp
    Diseasemaker’s Croup
  • Goliath
    Goliath
  • Oktober hat den Vorsitz
    October In The Chair
  • Der Herr des Tals
    The Monarch Of The Glen
  • Am Ende
    In The End

Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine Schatztruhe fantastischer Kleinode“ 92

Fantasy-Rezension von Verena Wolf

Neil Gaiman ist schon lange kein Unbekannter mehr. Zuerst machte er sich mit seinen fantastischen Sandman-Comics einen Namen in der Fantasy- und Comicszene, später wurde er dem breiten englischsprachigen Publikum und knapp danach auch dem deutschen z.B. mit seinen Romanen „Niemalsland“, „American Gods“ und „Anansi Boys“ ein Begriff für fantastische Literatur mit Format. Einige seiner Bücher, wie das Kinderbuch „Caroline“ und „Sternenwanderer“ wurden verfilmt, und das mit beachtlichen Erfolg. Allerdings ist es trotzdem eine Besonderheit, wenn in Deutschland eine Kurzgeschichtensammlung eines Autors veröffentlich wird. Mit „Zerbrechliche Dinge – Geschichten & Wunder“ liegt jetzt endlich ein zweiter Storyband von Gaiman mit 14 erstmals auf deutsch erschienenen Kurzgeschichten vor. Der letzte Band mit dem etwas seltsam gewählten deutschen Titel „Die Messerkönigin“ (das Original „Smoke and Mirrors“ traf die zauberhafte Raffinesse weit besser) ist schon vor fast zehn Jahren auf den Markt gekommen, das englische Original „Fragile Things“ ist immerhin schon seit 2006 zu haben.

Zwischen Tag und Traum, bizarr und brillant

Neil Gaiman ist deswegen ein Fantasy-Autor der Extraklasse, weil er nicht einfach bestehende Muster wiederkaut, sondern stets etwas Außergewöhnliches und Einzigartiges schafft, weit weg von Elfen und Vampir-Romantik. Das erlebt man in seinen Romanen, aber Gaiman „kann auch kurz“. Jede der vorliegenden Kurzgeschichten ist für sich einmalig, aber rund und abgeschlossen und bleibt lange im Gedächtnis. In Klappentext steht: „Gaimans Geschichten spielen an den Übergängen von Traum und Wirklichkeit“ und ausnahmsweise trifft das den Nagel auf den Kopf. Fast alle Geschichten beginnen so, dass der Leser glaubt, sich in der Wirklichkeit, in unserer Welt zu befinden, sei es im Heute, in der Vergangenheit oder in einer späteren Zeit. Ganz allmählich, zuerst oft unbemerkt, durchdringt das Phantastische das Reale, so elegant und meisterhaft konstruiert, dass man dem Geschehen glaubt, sogar dann, wenn es objektiv längst behutsam geführt die Grenze zum scheinbar „Unmöglichen“ überschritten hat. Wie in einem Traum stellt man nicht das Geschriebene in Frage, sondern eher das, was man – bisher – als in Stein gemeißelt, als real, hingenommen hat. Dementsprechend extrem gut für Einsteiger geeignet, die sonst eher „Fantasy“ als irrealen Mumpitz ablehnen oder Kurzgeschichten als solches eher misstrauisch umgehen. Die Stories sind extrem gut konstruiert, wie sehr merkt man oft verblüfft erst zum Schluss, aber trotzdem fließen sie elegant dahin, sind warmherzig, humorvoll und schlichtweg intelligent in ihrer Unvorhersehbarkeit. Man bekommt einen extrem guten Eindruck von Gaimans Phantasie und außergewöhnlicher Vorstellungskraft. Kurzgesagt: einfach lesenswert

14 Fantasy-Geschichten, die zeigen, was Phantastik kann

Das Spektrum der Stories ist extrem breit gefächert. In „Der Herr der Tals“ trifft man Shadow aus „American Gods“ wieder und auch hier muss er sich wortkarg in einer zwielichtigen Welt zurechtfinden. „Bitterer Kaffeesatz“ ist eine Zombiegeschichte der besonderen Art, die die schwüle Woodoo-Atmosphäre von „Angelheart“ hat. „Sonnenvogel“ ist eine typische Gaiman-Geschichte über einen sehr seltsamen Verein von Feinschmeckern, die unterschätzen, wie sehr Magie auch ihr Leben durchdringt. „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ ist eine intelligente, liebevolle Persiflage auf die englischen romantischen Geistergeschichten des 19. Jahrhundert, nach der letzten Zeile hätte ich am liebsten meinen nicht vorhandenen Zylinder gezogen. „Goliath“ spielt im Matrixuniversum, „Gustav hat den Frack an“ mit dem Thema „Musik und Magie“ und ist trotzdem eine kleine „Erwachsen-werden-Geschichte“ voller wissender Melancholie. In eine ähnliche Richtung, allerdings voll beißendem Humor geht die Geschichte „Wie man auf Partys Mädchen“ anspricht. Hier fragt sich der jugendliche Held genau das und glaubt seinem selbstsicheren Freund nicht wirklich, dass Mädchen nicht von einem anderen Stern sind. Dass er mit diesem Zweifel nicht ganz unrecht hat, führt Gaiman höchst amüsant vor Augen. Jede der Geschichten hat ihre Berechtigung und ist zurecht endlich – und das sehr gut und sorgfältig – ins Deutsche übertragen worden.

Der einzige Wermutstropfen ist bei „Zerbrechliche Dinge“ das es nur 14 Geschichten sind, die britische Version bietet ganze 23 Kurzgeschichten plus vier Gedichte, die amerikanische noch einige mehr. Auch fehlt bei der deutschen Ausgabe das Vorwort von Gaiman, in dem er erzählt, wie es zu den einzelnen Geschichten kam, diese Hintergrundinformation wäre zumindest für Gaiman-Fans bestimmt lesenswert. Aber ansonsten: Absolute Empfehlung.

Ihre Meinung zu »Neil Gaiman: Zerbrechliche Dinge«

Alexi1000 zu »Neil Gaiman: Zerbrechliche Dinge« 07.04.2010
Eine wirklich gute Ansammlung schöner Kurzgeschichten. Es zeigt sich mal wieder Gaimans Schreibkunst, die Geschichten nehmen den geneigten Leser bei der Hand und führen Ihn in ein Phantasie-Reich, wo alles möglich ist.

Sicher halten nicht alle den hohen Level von z.B. SONNENVOGEL, aber in der Summe eine wirklich lohnenswerte Geschichtensammlung für Fantasy und vor allem Gaiman-Fans.

Das einzige, was mich etwas gestört hat, war der Vermerk im Rücken, das die Sammlung entgegen des Originals neu zusammengestellt wurde; ich hoffe da fehlt keine Geschichte!
wäre schade drum...

ansonsten sehr gute 88°.
absinthefreund zu »Neil Gaiman: Zerbrechliche Dinge« 14.01.2010
Eine Schatztruhe voller filigraner, magischer, rätselhafter Geschichten (und Gedichte), die mir diesen Winter versüßt haben. Wie üblich schafft es Neil Gaiman unsere Welt mit der des Märchens und der Mystik zu verbinden, ohne sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Manchmal ist es nicht klar, ob es ein Traum war, dem man soeben beigewohnt hat, einer wilden Vorstellungskraft oder einem tatsächlichen, unerklärlichen Geschehen. Wenn man "Fragile Things" liest, erwartet man beim nächsten Spaziergang einem Kobold zu begegnen. Oder gar einem alten Gott?

Wer "American Gods" gelesen hat und es mochte, wird in der letzten Geschichte Shadow wiedertreffen und ein paar zwielichtiger Gestalten einer vorangegangenen Geschichte dieses Bandes. Was Neil Gaiman in einem ganzen Roman geschafft hat, gelingt ihm auch in dieser - ich nenne sie mal - Novelle: eine Atmosphäre, schwer von Magie, (menschlichen?) Monstern und dunklen Geheimnissen, der man sich nicht entziehen kann.
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