Ascheherz von Nina Blazon

Buchvorstellungund Rezension

Ascheherz von Nina Blazon

Originalausgabe erschienen 2011, 544 Seiten.ISBN 3-570-16065-3.

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In Kürze:

Seit einem Unfall ist Summers Gedächtnis wie ausgelöscht. Sie weiß nur eines: Der Blutmann, der sie in ihren Albträumen verfolgt, ist nun in ihr Leben getreten und will sie töten. Und er scheint nicht der Einzige zu sein, der sie verfolgt. Der geheimnisvolle, engelhaft schöne Anzej rettet ihr das Leben. Auf ihrer gemeinsamen Flucht in das ferne Nordland muss Summer erkennen, welchen Verrat sie vor Jahrhunderten begangen hat: Einst gehörte sie zu den Zorya, deren Kuss den Sterblichen den Tod bringt. Doch einem Mann mit sanften Augen, der in ihren Armen sterben sollte, schenkte sie die Ewigkeit. Nun fordert Lady Mars, die Herrin des Todes, das Leben zurück, um das sie betrogen wurde. Kann Summer den Tod ein weiteres Mal überlisten oder muss sie ihre Liebe opfern, um selbst Lady Mars tödlichem Kuss zu entgehen?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Zum Sterben schön!“90

Fantasy-Rezension von Anja Helmers

Summer weiß weder ihren wirklichen Namen, noch kennt sie ihre Vergangenheit. Seit sie bei einem Erdbeben von den Mauern eines einstürzenden Gebäudes begraben wurde, sind ihre Erinnerungen verschüttet. Jede Nacht plagen sie Albträume vom Blutmann mit seinen Lederhandschuhen und seinem tödlichen Schwert. Immer mit dem vagen Gefühl, verfolgt zu werden, zieht sie von Stadt zu Stadt und verdingt sich bei Theater- und Zirkustruppen. In Maymar verpatzt sie ihren Auftritt, weil sie glaubt, den Blutmann im Publikum entdeckt zu haben. Sie reagiert panisch, nur mühsam bekommt sie sich wieder in den Griff.

Nach einem nächtlichen Überfall, der eindeutig ihr gegolten hatte, steht Summers Entschluss fest, sie wird erneut fliehen. Sie verkriecht sich in einer leerstehenden Wohnung ihres Hochhauses. Am nächsten Morgen sitzt eine schlanke Gestalt auf dem Balkon. Nackt, mit einer grauen Schmutzschicht überzogen, wirkt er nicht wie eine Bedrohung. Mehr noch, er behandelt sie, als wäre er ein vertrauter Freund. Aber sie versteht seine Sprache nicht, deswegen kann sie ihm keinerlei Auskünfte entlocken. Zusammen mit ihm begibt sie sich auf die Flucht vor ihrem bedrohlichen Verfolger. Innerhalb kürzester Zeit erlernt Anzej ihre Sprache, er wird zu einem Freund und so lässt sie sich von ihm zu einer Schiffsreise in seine Heimat im Norden überreden.

Das doppelgesichtige Mädchen, das vor allem und jedem Angst hat

Das Buch beginnt mit einem Traum, keine besonders neue Idee. Dann folgt im nächsten Kapitel eine Szene, deren Vielschichtigkeit sich erst nach Beendigung des Buches erschließt. Die Einführung in Summers Welt ist Kopfkino in bester Manier. Ein farbiges, fantasievolles Theater der Nacht, das ich gerne auf der großen Leinwand sehen, weniger in Natura erleben möchte. Oder wer hätte schon gerne Dutzende von echten Schlangen, die auf die Köpfe des Publikums regnen? Die Autorin beschreibt die Stimmung des Theaters sehr bildhaft und versieht gleichzeitig Summer mit einer geheimnisvollen Aura, die Interesse weckt.

Wer ist diese spröde junge Frau, die vor Berührungen zurückzuckt, die nicht weiß, wer Freund oder Feind ist? Die schamlos lügt, und sich ständig neu erfindet. Vor der Pferde und Hunde instinktiv zurückscheuen, die bei jeder Witterung lieber barfuss läuft, ohne je kalte Füße zu bekommen. Immer wieder tauchen Erinnerungssplitter im Verlauf der Handlung auf, die ausschließlich aus der Sicht der Hauptprotagonistin erzählt wird. Aber Erinnerungen können trügerisch sein, – nutzlose Funken, aber kein Licht im Dunkeln-, wie sie feststellen muss.

Mit Feingefühl geschriebene Szenen bringen das Verwirrspiel um die Wirklichkeit und Summers Ambivalenz hervorragend zum Ausdruck. Sie zweifelt an sich, an ihrer Lauterkeit, und manches feststehende Bild bekommt feine Risse. Ab der Hälfte des Buches verdichtet sich die Geschichte und man klebt förmlich an den Seiten, bangt und leidet mit ihr. Obwohl man selbst im Ungewissen gelassen wird, ob sie diese Sympathie wirklich verdient. Aber Steinchen für Steinchen fügt sich das Ende dann zu einem schlüssigen Gesamtbild.

Lady Tod

„Ascheherz“ ist der Nachfolger von „Faunblut“. Die Geschichte spielt in derselben Welt, ungefähr neun Jahre später und dem Leser begegnen einige bekannte Gesichter. Die Frau mit der eisernen Maske ist zurück. Und wie ich es mir nach der Lektüre von „Faunblut“ gewünscht habe, erfährt man endlich mehr über diese geheimnisvolle Person.

Hinter der eisernen Maske verbirgt sich eine Figur mit vielen Aspekten, nicht einfach nur eine grausame Herrscherin. Nina Blazon verwendet uralte Märchenmotive und Mythen in ihrer Geschichte, aber sie verleiht ihrer Todesgöttin Lady Mar eine eigenständige Ausprägung. Hel, die Todesgöttin der nordischen Mythologie, ist die Herrscherin über das Totenreich, sie wohnt in der Unterwelt. Im Gegensatz zu ihr besitzt Lady Mar kein eigenes Reich. Sie weilt unter den Menschen, sie sucht sich immer neue Orte, an denen sie ihre Macht ausüben kann. Ihre Macht kann sie nur indirekt ausüben, über menschliche Diener, und sie kann aus den Menschen nur das hervorlocken, was sie in sich tragen.

Die eiskalte Lady ist nicht menschlich, aber auch nicht allmächtig wie ein Gott. Ihre Existenz ist an die Existenz von Menschen gebunden. So wie Leben auch den Tod bedingt. Jeder flieht den Tod, hat Angst vor ihm, und in den meisten Fällen, wenn er in einer Geschichte personifiziert wird, bekommt er ein hässliches oder dämonisches Aussehen. Mir gefällt dieses andere Aussehen, nicht schön im menschlichen Sinne, aber auch nicht hässlich, so wie Lady Tod geschildert wird. Nina Blazon hat eine sichere Hand für die Wirkung von kleinen Details, die insgesamt ein sehr stimmiges Bild ergeben.

Der Roman ist ein Jugendbuch, Mädchen sind sicher die Hauptzielgruppe. Zum Glück geht die Autorin differenzierter an die Liebesgeschichte heran als einige andere Teenager-Autoren. Das Liebespaar schmachtet sich nicht an, verfällt nicht in gegenseitige Beweihräucherung a la Bella und Edward. Die Liebe erfährt die gesamte Palette an menschlichen Gefühlen: Hass, Begierde, Misstrauen, Leidenschaft, Verlangen, Zärtlichkeit, Vertrauen. Das Motiv des Kusses wird in allen seinen Facetten ausgelotet. Sehr schön, wie Summer sich an vergangene Küsse erinnert, wie unterschiedlich diese Empfindungen sind.

Moderne Welt

Ascheherz spielt wie „Faunblut“ in einer Welt, in der es Filmprojektoren, Pistolen, Fahrstühle und noch so einige moderne Gerätschaften gibt. Ungewöhnlich, aber alles passt und wirkt durchdacht. Die Hochhäuser sind nur achtstöckig. Die Eisenbahn wird von einer Dampflokomotive gezogen. Die Reise übers Meer in den Norden geschieht mit einem großen Segler. Es ist keine moderne Welt wie unsere heutige mit Flugzeugen, Autos usw., aber technisch gesehen ähnlich wie unsere Welt zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Das ist eine angenehme Abwechslung zu den üblichen Mittelalterszenarien.

Die Autorin ist eine Meisterin im Aufbau von Spannung und stilistisch begibt sie sich nicht auf ausgetretene Pfade. Sie benutzt meistens treffende, aber nicht ausgelutschte Metaphern, schreibt bildhaft, aber keine ausgewalzten Landschaftsbeschreibungen. Sie benutzt eine moderne Sprache, mit der sie starke, poetische Momente ebenso erschaffen kann wie amüsante oder aktionsgeladene Szenen. Gelegentliche, -sehr seltene-, sprachliche Ausrutscher sind meine einzigen Kritikpunkte, und zeigen, dass selbst eine so versierte Autorin nicht perfekt ist.

Nina Blazon gelingt mit „Ascheherz“ das Kunststück, einen „zum Sterben schönen“ Liebesroman vorzulegen, ohne in Kitsch abzugleiten. Eine Liebesgeschichte, die die Nähe zwischen Liebe und Tod thematisiert. Düster, romantisch, mit fantasievollen Schauplätzen und glaubwürdig gezeichneten Charakteren, deren Vergangenheit einiges an Dramatik zu bieten hat.

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