Im Jahre Ragnarök von Oliver Henkel

Buchvorstellungund Rezension

Im Jahre Ragnarök von Oliver Henkel

Originalausgabe erschienen 2009, 216 Seiten.ISBN 3941258052.

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In Kürze:

Hamburg, 1962.
Er ließ den Blick zum anderen Rand der Karte hinüberwandern. Dorthin, wo sich westlich des Rheins die Rheinische Republik befand, ein Retortenstaat, den Frankreich schon 1947 auf dem Gebiet seiner Besatzungszone ins Leben gerufen hatte und der eigentlich nur dem Zweck diente, als unübersehbare Siegestrophäe in allen Atlanten aufzutauchen und so den Franzosen als Beweis dafür zu dienen, daß sie zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs gehörten. Ansonsten kümmerte sich Paris wenig um die Rheinische Republik. Der greise Präsident Adenauer, der seit seiner Einsetzung vor fünfzehn Jahren mit einem gewissen Hang zur Selbstherrlichkeit in Köln regierte, war bei der Sisyphusaufgabe, die Rheingrenze zu sichern, fast völlig auf sich gestellt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Himmler lebt – und er hat einen Plan zur Endlösung, der es in sich hat!“80

Science-Fiction-Rezension von Carsten Kuhr

Schon zweimal hat Oliver Henkel literarisch von sich reden gemacht. Im Eigenverlag (Book on Demand) erschienen 2001 „Die Zeitmaschine Karls des Großen“ dem der Autor 2002 „Kaisertag“ folgen ließ. Eine Kollektion mit sieben Kurzgeschichten unter dem Titel „Wechselwelten“ schloss sich 2004 an. Für seine beiden Alternativwelt-Romane erhielt der Autor jeweils den Deutschen Science Fiction Preis. Danach aber wurde es still um Oliver Henkel, der das intelligente Spiel mit Alternativweltgeschichten wie kaum ein anderer seiner deutschsprachigen Kollegen beherrscht.

Nun endlich, gut Ding will Weile haben, legt der umtriebige Atlantis Verlag den neuen Henkel auf. Wie nicht anders zu erwarten, bleibt der Autor sich treu. Erneut geht es um eine Welt, die in vielem der unsrigen gleicht, in der jedoch ein Ereignis für eine andere geschichtliche Entwicklung verantwortlich zeichnet. Und wieder steht eine phantastisch angehauchte Krimihandlung im Zentrum des Textes.

Nachdem Stalin mitten im Zweiten Weltkrieg einer Grippe-Epidemie erlegen ist, wurde Nazi-Deutschland von den Amerikanern überrannt. Im Oval Office sitzt mit dem FBI Hardliner Hoover ein Mann, den die öffentliche Meinung ebenso wenig anficht wie seine früheren Verbündeten. Die USA haben sich unter seiner Regierung zu einem Polizeistaat entwickelt, der zweite Morgenthau-Plan hat dafür gesorgt, dass sämtliche Produktionsstätten im ehemaligen Deutschen Reich gesprengt, die Infrastruktur vernichtet und der Lebenswille der wenigen Überlebenden gebrochen wurde. In Europa, bei Siegern wie Besiegten regiert der Hunger und die Depression gleichermaßen.

In dieses Land entsendet der Britische Geheimdienst 1962 einen seiner unfähigsten Agenten. Tubber, der bislang hauptsächlich in Asien ohne jegliche Fortune agiert hat, soll einer Schieberbande, die Kunstwerke aus deutsche Museen, also amerikanischen Besitz an reiche Kunstfreunde jenseits des Atlantik verschiebt, das Handwerk legen. Ihm zur Seite stellt die britische Verwaltung in dem Bund Deutscher Länder einen grantigen Kommissar des Ordnungsdienstes.

Ihre Suche nach den Hintermännern führt die beiden ungleichen Männer durch die menschenleeren, zerbombten Landschaften einstiger Großmachtträume. Von Hamburg über Kassel und Berlin bis nach Pirna führt sie und zwei Ex-Prostituierte ihre Jagd nach den Hintermännern und ihren Motiven. Und sie kommen dabei Unerhörtem auf die Spur – einem Plan, der alte Naziträume wahr werden lassen soll und in dem ein Reichsführer Himmler mit Hilfe einer technischen Entdeckung die Endlösung für alle Juden zu erreichen sucht. Ein Plan, dem unbedingt Einhalt geboten werden muss, koste es, was es wolle …

Intelligentes, augenzwinkerndes Spiel um „was wäre wenn“

Oliver Henkel hat erneut einen packenden Roman vorgelegt. In ergreifenden Bildern, deren Wucht den Leser schockiert, zeichnet er ein entnazifiziertes Deutschland auf, in dem die Siegermächte – eigentlich gibt es nur eine Macht, die USA – mit Arroganz ohnegleichen schalten und walten wie sie wollen. Mittels Elektroschocks wurde die Bevölkerung gefügig gemacht, die zu Staub zerbombten Fabriken und Straßen sowie Grippeerreger sorgten für weitere Dezimierung des früheren Gegners.

In dieses trostlose und erschreckend wirklichkeitsnah wirkende Szenario eines Europas, das nicht vom Wiederaufbau zum Wirtschaftswunder geleitet wurde, macht sich unser Quartett – die beiden früheren Prostituierten sorgen für durchaus intelligenten Humor – auf, das Rätsel zu lösen. Ein wenig oft muss dann Kollege Zufall in letzter Sekunde für eine Rettung aus gefährlicher Situation sorgen und das Finale zieht sich zu lange hin. Doch diese kaum ins Gewicht fallenden Schwächen werden von dem intelligenten Spiel um das „was wäre wenn“ mit den skurrilen Loosern in der Hauptrolle – die Shakespeare-Zitate fliegen nur so durch die Luft – und einer so nie vorhersehbaren Handlung mehr als kompensiert.

Unterhaltsam, originell und rasant erzählte Unterhaltung made in Germany, wie man sie gerne liest.

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