Die Pforte von Patrick Lee

Buchvorstellungund Rezension

Die Pforte von Patrick Lee

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „The Breach“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 379 Seiten.ISBN 3-499-25478-6.Übersetzung ins Deutsche von Ulrike Thiesmeyer.

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In Kürze:

Countdown zum Weltuntergang. Ein Forschungszentrum in der Einöde Wyomings Mitte der siebziger Jahre. In einem Laboratorium tief unter der Prärie beginnt ein Experiment. Doch das geht anders aus als geplant. Und unerwartet öffnet sich die Tür zu einer anderen Welt. Es wird das bestgehütete Geheimnis des Planeten. Und auch das gefährlichste. Über dreißig Jahre später stößt Expolizist Travis Chase mitten in der eisigen Gebirgslandschaft Alaskas auf ein riesiges Flugzeugwrack. Es ist voller Leichen. Todesursache: Kopfschuss. Unter den Opfern: die First Lady der USA. Unvermittelt sieht sich Travis als wichtigste Figur in einem apokalyptischen Spiel. Der Einsatz: die Zukunft der Erde.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Unerwünschte Gaben außerirdischer Gönner“85

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Nach langen Jahren im Gefängnis schlägt sich Ex-Polizist Travis Chase als Bauarbeiter durch. Seinen Jahresurlaub verbringt er auf einer Wanderung durch die Urwälder des US-Staates Alaska. Dabei stößt er auf eine bruchgelandete Passagiermaschine der US-Regierung. An Bord: viele tote Geheimdienstler und die First Lady der USA. Sie schrieb mit letzter Kraft einen Brief, in dem sie den Finder zur patriotischen Pflichterfüllung aufruft. Die Maschine transportierte das „Flüstern“, eine außerirdische Entität, die Schurken unbedingt in ihren Besitz bringen wollen. Unweit der Absturzstelle foltern sie die Agentin Paige Campbell (jung, hübsch, Single), die das „Flüstern“ verstecken konnte, bevor sie geschnappt wurde.

Chase befreit Paige, die sich als Mitarbeiterin der ultrageheimen „Tangent“-Organisation zu erkennen gibt. Diese bewacht das „Portal“, das sich 1978 tief unter der Erdoberfläche des US-Staates Wyoming in einem fehlerhaft funktionierenden Teilchenbeschleuniger öffnete. Aus fremder Welt sickern seither seltsame, oft gefährliche Artefakte in die irdische Gegenwart. Das „Flüstern“ ist eine akute Bedrohung, seit es 1995 den Tangent-Wissenschaftler Aaron Pilgrim geistig unterjochte. Es strebt aus unerfindlichen Gründen den Weltuntergang an, den es mit einer Doomsday-Maschine starten will, die Pilgrim heimlich in der Schweiz bauen konnte.

Nachdem Chase im Zuge der weiter oben erwähnten Rettungsaktion in Kontakt mit dem „Flüstern“ kam (das kurz darauf von Pilgrims Schergen zurückerobert werden konnte) ist er in der Lage, die Funktion der Maschine zu begreifen. Er darf deshalb mit in die Schweiz, als Tangent einen Stoßtrupp dorthin in Bewegung setzt. Sie werden erwartet, was den Countdown zur Ewigkeit drastisch beschleunigt …

Charmante Rumpel-Pumpel-Mystery

Der phantastische Thriller ist ein Grenzgänger zwischen den Genres. Komplizierte Verschwörungen zeigen entschlossene Einzelkämpfer im Gefecht mit selbsternannten Welteroberern, dazu kommen Elemente des Übernatürlichen. Gemeinsamer Nenner ist das höllische Tempo, in dem diese Mixtur serviert wird. Wie Patrick Lee beweist, kann sie selbst dann munden, wenn die einzelnen Zutaten identifiziert und als ziemlich altbacken erkannt werden.

Sicherlich findet der Leser die dreiste Unbekümmertheit sympathisch, mit der Neuling Lee zu Werk geht. Die macht sich zwar zeitweise negativ bemerkbar, wenn dem Verfasser das Timing entgleitet. Wiederholt sprudeln die Einfälle zudem so rasch aus dem Autorenhirn, dass sie sich gegenseitig ausheben. Manche Verfolgungsjagd, manche Folter und mancher Schurkentod ist zudem reiner Selbstzweck und wird allzu detailfroh zelebriert.

Lees Chuzpe ist dennoch amüsant: Der notgelandete Regierungsjet mit der toten Präsidentengattin ist reine Effekthascherei, das Geschehen in der dargestellten Weise absolut unrealistisch. Trotzdem erzielt Lee die geplante Wirkung. „Die Pforte“ ist Unterhaltung um der Unterhaltung willen, möchte niemals Literatur sein. Auf diesem Level funktioniert die Geschichte einwandfrei, zumal Lee über die Gabe verfügt, sein Publikum mit unerwarteten Wendungen zu überraschen.

Gut kopiert ist mehr als halb gewonnen

Ohne die forcierten Thriller-Elemente wäre „Die Pforte“ lupenreine Science Fiction. Der Tunnel zu einer anderen Welt ist ein altes und gern genutztes Motiv dieses Genres. Niemand weiß, wohin er führt oder wer und aus welchem Grund die seltsamen Artefakte durch Zeit und Raum auf die Erde schickt.

Noch nicht, denn mit „Die Pforte“ hat Patrick Lee offensichtlich eine Serie gestartet, wie eine inzwischen erschienene Fortsetzung verdeutlicht – eine Information, die auch deshalb wichtig ist, weil sie mit dem zwar spektakulären aber abrupten, wenig aussagekräftigen Finale versöhnt. Die Herkunft der zwiespältigen Gaben wird ansatzweise geklärt; sie soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. Wirklich innovativ ist sie aber nicht und kann sie wohl auch nicht sein, da die Möglichkeiten ohnehin begrenzt sind.

Bis zur Klärung darf Lee ´spielen´. Dies nutzt er abermals mit erfrischender Ignoranz der tiefen Schatten, in denen sein Garn eigentlich angesiedelt ist. Science Fiction? Dieses Genre gibt es für Lee anscheinend nicht. Er erfindet es für sich quasi neu, obwohl sein Dimensionsriss bis ins Detail einschlägigen SF-Vorbildern nachgebildet ist. Dafür muss sich Lee keineswegs schämen; Stephen King hat es ihm 2002 mit „From a Buick 8“ (dt. „Der Buick“) vorgemacht. Später wirft Lee noch einen Würfel „Terminator“-Extrakt in seine Thriller-Suppe, um die Mischung zu verfeinern.

Die Mischung macht’s!

Ein Anzug, der unsichtbar macht; eine böse blaue Kugel, die Allwissenheit schenkt; superschwere Lappen, 3D-Kopierer, schließlich Zeitschleifen und -paradoxa: Lee schüttet ein Wunderhorn über seine Leser aus. Im Grunde erzählt er uns ein Märchen. Folgerichtig gibt es einen bösen Zauberer (bzw. einen Darth Vader). Aaron Pilgrim hat sich dem Fremden zu weit genähert. Er wurde übernommen und zum Sklaven der unbekannten Macht.

Daraus entspinnt sich der turbulente Haupt-Konflikt. Dem Alaska-Handlungsstrang folgt der naht- und reibungslose Sprung in die Schweiz. Für Geheimorganisationen wie „Tangent“ gibt es weder Grenzen noch den Zoll; praktisch für Lee, der im zweiten Teil seines Thrillers jegliche Bodenhaftung fast vollständig aufgibt. Wieso es gerade in die Schweiz geht, ist wie so vieles nebensächlich; mit dem sicheren Instinkt des nicht unbedingt weltgewandten US-Bürgers wählte Lee womöglich einfach einen Ort, der ihm und der Mehrheit seiner Leser besonders exotisch in den Ohren klingt. Pilgrims Burg des Bösen könnte auch am Nordpol oder auf einer der Osterinseln stehen.

Worum geht’s hier eigentlich?

DIESE Frage sollte man besser nicht stellen. Manchmal ist der Weg das Ziel. Lees Bösewichte sind Schurken um des Schurkens willen. Bei nüchterner Betrachtung schicken die mysteriösen Absender sinnloses Zeug durch die Pforte; Lee spricht es einmal selbst aus. Die Existenz einer allwissenden Kugel, deren Existenz sich darin beschränkt, die Menschenwelt des 21. Jahrhunderts in den Untergang zu treiben, ist und bleibt reiner Vorwand für eine Hochgeschwindigkeits-Handlung, auch wenn Lee im Finale mit einer ´Erklärung´ herausrückt.

Dem Spektakel bleibt wie die Logik auch die Figurenzeichnung untergeordnet. Travis Chase – „Travis der Verfolger“ – nennt Lee seinen männlichen Helden ebenso passend wie simpel bzw. zweckbestimmt. Wie es sich für einen modernen Helden gehört, ist Travis gebrochen; ein korrupter Ex-Cop, der seine Fehler durch Selbstjustiz korrigierte, um dann im Gefängnis zu büßen. In diesem Feuer geläutert gerät er in unsere Geschichte – so angeschmutzt aber ehrenhaft, dass man sich das Grinsen schwer verkneifen kann.

Ebenso schlicht strukturiert ist Agentin Paige Campbell, unter deren berufsmäßiger Tugendhaftigkeit selbstverständlich die gefühlsstarke Frau sehnsüchtig auf Mr. Right wartet. Zwischen diversen Rätseln und Scharmützeln bleibt ein wenig Zeit, sich näher zu kommen. Erfreulicherweise ist sich Lee der Tatsache bewusst, dass ihm das Talent fehlt, diesen Prozess glaubhaft zu illustrieren. Womöglich ist er ihm auch nicht so wichtig wie sein Verschwörungs-Epos. Auf jeden Fall kürzt er die Love-Story ab, um mit Siebenmeilenstiefeln dem finalen Knall entgegenzueilen. Wie wird es weitergehen, wenn sich der Rauch verzogen hat? Diese Frage beantwortet Lee Patrick in „Ghost Country“. Wir dürfen gespannt sein – und sind es auch!

Ihre Meinung zu »Patrick Lee: Die Pforte«

PMelittaM zu »Patrick Lee: Die Pforte«28.04.2012
In den 70er Jahren öffnet sich ein Pforte, durch die fast täglich Dinge mit besonderen Fähigkeiten kommen, sogenannte Entitäten. Da einige dieser Dinge sehr gefährlich sind, schließen sich alle Großmächte zusammen und gründen die Organisation „Tangent“, die über die Entitäten wachen und sie untersuchen soll.

Eine der Entitäten ist „das Flüstern“, dieses landet in den falschen Händen wodurch die ganze Welt bedroht ist. Es ist nun die Aufgabe von Travis Chase und Paige Campbell.

Mit hat der Roman sehr gut gefallen, er ist spannend und hat viele überraschende Wendungen. Das Ende ist etwas offen, da es einen Nachfolgeband („Dystopia“) gibt, der allerdings nur locker auf diesem aufbaut, aber einige weitere Rätsel lüftet. Ich kann beide Bücher sehr empfehlen.
Pela zu »Patrick Lee: Die Pforte«18.08.2011
Schöne Zutaten und ein spannender Anfang, aus denen Lee aber nichts gemacht hat. Unerträgliche Brutalität verwischt die an sich gute Idee mit einem Tunnel in eine andere Wirklichkeit (wird übrigens gerade im Kino bei den Schlümpfen auch gut umgesetzt) und wertet diesen Debütroman meiner Meinung nach richtig ab. Und: ich finde es uneträglich, dass anglo-amerikanische (Thriller-)Autoren stets dazu neigen, bei Handlungen, die in Staaten außerhalb des Hoheitsgebietes der USA spielen, diese Staaten immer wieder als scheinbar rechtlose, düstere und vor allem gefährliche Räume zu schildern. Der Teil des Romans, der in Zürich spielt, ist nichts weiter als überflüssige Brutalität! Mir scheint es, als hätte Lee hier zwei Ideen mit Gewalt (sic!) zu einer vermengt. Würden reguläre Einsatzkräfte einer fremden Nation das tun, was dort nun mal getan wird, und hinterher "Leichenberge" in den Straßen überbleiben, würde es zu diplomatischen Zerwürfnissen schlimmster Art kommen - ohne Ansehen der Ursache! So bleibt mir nur zu sagen: Glückwunsch für dieses gut konstruierte Ende, denn das hat es dann dafür wirklich in sich - auch wenn es den schlechten Eindruck nicht mehr ändern kann.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
HamburgBuam zu »Patrick Lee: Die Pforte«09.04.2011
Ich fand das Buch wirklich stark! Nach den ersten 100 Seiten dachte ich noch: Hm, ja. Ganz nett...
Aber dann begann Patrick Lee, seine Story besser auszutüfteln. Sobald das "Flüstern" auf den Plan tritt, entfesselt sich ein Wirbelsturm der Spannung, welchen man nur als Mischung aus Reilly und Fitzek bezeichnen kann. Action und überraschende Wendungen geben sich die Klinke in die Hand. Besonders letztere machen das Buch unberechenbar und heben es von der Masse ab. Ausnahmsweise mal intelligente Action.
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