Dystopia von Patrick Lee

Buchvorstellungund Rezension

Dystopia von Patrick Lee

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Ghost Country“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 416 Seiten.ISBN 3-499-25479-4.Übersetzung ins Deutsche von Ulrike Thiesmeyer.

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In Kürze:

Spring in die Zukunft! Rette die Welt! Ein unscheinbares Gerät mit ungeheurer Macht: Es stellt eine Schleuse in die Zukunft her. Forscherin Paige Campbell wagt als erste den Blick ins Morgen. Und sieht nichts als eine tote Einöde: Ruinenstädte und Knochenberge. Offenbar steht das Ende der Menschheit schon in wenigen Wochen bevor – es sei denn, Paige und ihr Partner Travis finden heraus, welche Kräfte unsere Zivilisation zu zerstören drohen. Die beiden müssen den Sprung wagen, sie müssen in die Zukunft. Auch auf die Gefahr hin, nicht mehr zurückzukehren.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die(se) Zukunft darf nicht stattfinden!“85

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Mitglieder eines Forschungsteams geraten einer bizarren Verschwörung auf die Spur: Um die Welt zu „retten“, soll sie für einen Neustart von Menschen ´gereinigt´ werden. Der Kampf gegen die drohende Apokalypse wird mit ungewöhnlichen Methoden und u. a. in der Zukunft des Jahres 2084 geführt ... – Auch der zweite Teil der Travis-Chase-Trilogie mischt gekonnt ´realistische´ Thriller-Action und Science Fiction. Das Ergebnis ist knallige, bildstarke Unterhaltung, die Klischees in der Figurenzeichnung verzeihen lässt.

1978 öffnete sich unter der Erde des US-Staates Wyoming das „Portal“. Es führt in eine fremde, womöglich außerirdische Welt und entlässt in regelmäßigen Abständen seltsame Artefakte, die nur zum Teil verstanden oder genutzt werden können. Um das Portal (für die USA) zu schützen, entstand die ultrageheime „Tangent“-Organisation.

Aktuell hat das Portal zwei Geräte ausgespuckt, mit deren Hilfe es nicht nur möglich ist, genau 73 Jahre in die Zukunft zu blicken, sondern diese Zukunft sogar zu betreten. Was „Tangent“-Mitarbeiterin Paige Campbell dabei entdeckt, lässt sie umgehend beim US-Präsidenten Alarm schlagen: 2084 sind die Vereinigten Staaten menschenleer, die Städte zerfallen. Hinweise deuten eine globale Katastrophe im Jahre 2011 an. In der Gegenwart wird sie sich in vier Monate ereignen.

Statt Gegenmaßnahmen zu ergreifen, lässt der Präsident Paige entführen: Er ist Teil einer Verschwörung, die auf die Schaffung einer neuen, ´besseren´ Welt dringt. Um Kriege oder Rebellionen zu vermeiden, soll ein Großteil der Menschheit ausgelöscht werden. Nur einige Auserwählte sollen die Erde anschließend in Besitz nehmen und wieder bevölkern.

Kopf des Projektes „Umbra“ ist Isaac Finn, ein enttäuschter Idealist und Multimilliardär. Er ist in seinem Cäsarenwahn bereit, Milliarden Menschen umzubringen, weshalb er sich von Paige Campbell erst recht nicht aufhalten lässt. Doch Paige konnte vor der Entführung einen Notruf absetzen. Ihre Assistentin Bethany Stewart flüchtet mit einem der beiden Zeitreise-Aggregate. Sie aktiviert den ehemaligen „Tangent“-Agentin Travis Chase. Das Duo beschließt, Paige und die Welt über einen Umweg aus dem Jahr 2084 zu retten, obwohl man sie dort bereits erwartet, denn Finn konnte das Gegenstück zum genannten Gerät an sich bringen …

Frisch gewagt & tatsächlich gewonnen

Der Science-Thriller ist dank Michael Crichton zum erfolgreichen Genre der Unterhaltungsliteratur geworden, die Science Fiction gehört schon seit den 1930er Jahren zu den Verkaufsschlagern. Die Grenze ist denkbar schmal, denn längst gibt es lupenreine Thriller, die in der (nahen) Zukunft spielen. In der Regel setzt der Science Thriller ein Quäntchen stärker auf den Faktor Realität, obwohl diese natürlich für die Handlung zurechtgebogen wird.

Patrick Lee gehört zu den Autoren, die auf den kleinen Unterschied pfeifen. Er kombiniert Science Thriller und SF mit einer unbekümmerten Frechheit, die entweder im Desaster oder siegreich enden muss. Zum Glück für den Leser trifft letzteres zu: Selten konnte eine aus sattsam bekannten aber neu verzwirnten Zutaten weniger geschaffene als konstruierte Geschichte so gut unterhalten wie die Trilogie um die mysteriöse „Pforte“.

Außer dem schon genannten Crichton wagte bisher vor allem Stephen King erfolgreich den Genre-Mix. Romane wie Tommyknockers oder Duddits weisen starke SF-Elemente auf, ohne als „echte“ SF vermarktet zu werden. Die Realität dient als Anker für Leser, die ihre Lektüre zwar aufregend aber lieber lebensechter wünschen.

Das Beste beider Welten zu einer integralen Geschichte zu kombinieren, ist keine einfache Aufgabe. Viel zu viele Möchtegern-Autoren versuchen es und produzieren Peinliches. Patrick Lee hält die Fäden dagegen fest in der Hand. Damit erfreut er ein Publikum, das sich nach „Die Pforte“ fragte, ob er seine Story überhaupt in dem vorgelegten Höllentempo halten könnte.

Nicht ins Bockshorn jagen lassen!

Faktisch schwebt Lee so hoch über der nur noch als Kulisse dienenden Wirklichkeit, dass er keine Furcht vor Übertreibungen hegen muss. Deshalb IST es zwar lächerlich, bereits auf den ersten Seiten den US-Präsidenten als Schurken zu brandmarken, der sein eigenes Volk verkauft. Bei Lee WIRKT es aber nicht lächerlich, sondern sorgt für spannende Action, die durch eingestreute Firmennamen, Kaliberstärken oder sonstigen Techobabbel geerdet wird.

Was den SF-Anteil betrifft, negiert Lee quasi die Existenz des Genres. Er beachtet zwar seine Regeln, gibt aber vor, sie selbst zu erfinden. In „Dystopia“ betrifft dies vor allem das Phänomen der Zeitreise. An ihr haben sich schon viele kluge oder wenigstens einfallsreiche Köpfe abgearbeitet. Lee kürzt ab und klärt für seine Geschichte, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Auf diese Weise ist es ´logisch´, wieso sich die Figuren wilde Schlachten auf zwei Zeitebenen liefern können, ohne das Universum aus dem Gleis springen zu lassen.

Die Schock-Effekte sind wiederum keinesfalls neu oder originell. Dank des ökonomischen Einsatzes sorgen sie jedoch für Stimmung, statt sich gegenseitig zu erschlagen. Dies ist durchaus eine stolze Leistung, beinhaltet dies doch auch die glaubwürdige Darstellung einer Pkw-Halde, die aus mehreren Millionen Fahrzeugen besteht (und später spektakulär in Flammen aufgeht).

Eine kleine Kursänderung

Obwohl Dystopia den zweiten Teil der Travis-Chase-Trilogie bildet, spielt die „Pforte“ kurioserweise dieses Mal keine Rolle. Als die Handlung einsetzt, ist sie fest versiegelt und bleibt außen vor. Lee nimmt sich die Freiheit, den Trilogie-Faden locker zu lassen, um stattdessen einen spannenden Seitenpfad einzuschlagen. Er beschränkt die zukünftige oder außerirdische Technik auf jene beiden Geräte, die den Sprung in die Zukunft (und zurück) ermöglichen. Dabei drückt er ein Exemplar dem Schurken, das andere dem Helden in die Hände. Damit startet er eine simple aber solide Handlung: die gegenseitige Jagd, die von überraschenden Erfolgen und niederschmetternden Rückschlägen charakterisiert und vorangetragen wird, um in einem grandiosen Finale zu münden.

In der Regel bieten diese Begegnungen zwischen Gut und Böse Raum für ausführliche Prügeleien und Schießereien. Dabei sorgt Lee für ein Ambiente, das primär Travis Chase und Paige Campbell in hoffnungsloser Unterlegenheit präsentiert. Bevor der tödliche Schlag oder Schuss sie trifft, gelingt eine vom Verfasser geschickt vorbereitete Flucht, die den Faktor Zufall nie aufdringlich strapaziert.

Da Lee seinen Lesern alle wichtigen Grundinformationen liefert, müssen diese den ersten Teil der Trilogie nicht kennen und können trotzdem problemlos ins Geschehen einsteigen. Es gibt nur wenige Verweise auf die Vorgeschichte. Im dritten Teil wird sich dies ändern und ändern müssen, denn die Handlung wird zur „Pforte“ zurückkehren.

Handlung über Figurenzeichnung

Die spritzige Action-Mischung wird durch einen Wermutstropfen getrübt: In der Darstellung lebensechter Figuren ist Lee seit „Die Pforte“ höchstens marginal gereift. Vor allem die Schurken verkörpern in erster Linie Klischees, die den Leser manchmal aufheulen lassen. Lees Isaac Finn nimmt man die behauptete Mischung aus Genie und aus enttäuschter Menschenliebe geborenen Wahn nie ab. Er würde auch in einen James-Bond-Thriller passen, wo der Super-Schurken sich ständig in neuen Tücken verrennt, statt sich auf die Welteroberung zu konzentrieren.

Aber auch Travis Chase, Paige Campbell oder das ihnen dieses Mal zur Seite gestellte Computer-Genie Bethany Stewart, die mit drei Tastenschlägen jede Datenbank dieser (oder der zukünftigen) Welt knackt, sind bewegliche Projektionskörper für notwendige Handlungen und Gefühle. Letztere wirken bei Lee ohnehin wie Pflichtübungen: Der anvisierte Markt fordert angeblich die Evolution eines männlichen und weiblichen Helden-Duos zum Liebes-Paar. Lees diesbezüglichen Bemühungen „angestrengt“ zu nennen, wäre eine freundliche Umschreibung.

Unabhängig davon rockt dieser denkbar triviale aber clever ausgedachte und auf höchstmögliche Spannungswirkung getrimmte Science Fiction Thriller. Lee mag seine Romane wie ein guter Handwerker bauen, aber er versteht seinen Job gut genug, um einfachen Spaß wie Kunst aussehen zu lassen.

Michael Drewniok im September 2013

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