Mund voll Zungen von Paul Di Filippo

Buchvorstellungund Rezension

Mund voll Zungen von Paul Di Filippo

Originalausgabe erschienen 2002unter dem Titel „A Mouthful of Tongues: Her Totipotent Tropicanalia“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 245 Seiten.ISBN 3518461834.Übersetzung ins Deutsche von Dietmar Dath und Katja Bendels.

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In Kürze:

Jede Seite, jeder Satz dieses Buches ist die Gestaltwerdung eines fiebrigen Traums. Plastisch und tabulos beschreibt Paul Di Filippo eine neue Dimension körperlicher Freuden. Ein sprachgewaltiges Buch der Offenbarung und der Erlösung, das zu den Wurzeln unseres Menschseins vordringt. Amerika im Jahr 2015. Kerry Hackett unterzieht sich einer unheimlichen Transformation. Sie verschmilzt mit einem parabiologisch erschaffenen Wesen und wird zu einer Art alchemistischer Gottheit: übermenschlich, übersexualisiert und fähig, ihrer Gestalt jede nur erdenkliche Form zu verleihen. Sie verläßt die von einem totalitären Regime beherrschten USA und zieht in den Dschungel Brasiliens. Dort erprobt sie ihre neuen Fähigkeiten an jenen, die sich ihrer für würdig erweisen, und strebt auf eine neue Daseinsstufe zu.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Pornografisches Abenteuer einer Göttin“68

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

Amerika: Die ganz nahe Zukunft. Die nordamerikanische Gesellschaft hat sich selber ad absurdum geführt. Der Sozialstaat, falls es ihn je gegeben hat, scheint am Ende. Es herrschen beinahe orwell’sche Zustände und die stete Angst vor Terroristen bietet wiederum den idealen Nährboden für paramilitärische Organisationen und private Sicherheitsfirmen.

Kerry Hacket ist Sekretärin in der Teppichetage eines Biotech-Konzerns. Ihr Chef hat soeben einem Gremium hoher politischer Würdenträger die neuste Züchtung aus den heimischen Labors vorgestellt: Das Benthos. Name und Aussehen des Dings erinnern an eine Kreatur der Tiefsee, irgendetwas Tentakliges aus den Gründen des menschlichen Unterbewusstseins. Das quirlige Monster erregt dabei sofort das Interesse der Politiker, die, – man ahnt es -, längst ihre undurchschaubaren Pläne damit verfolgen. Danach lädt die Firma zu einem Abendessen auf Geschäftskosten, worauf sich Kerry beinahe zu einem Flirt mit ihrem Chef hinreissen lässt. Im letzten Moment besinnt sie sich und flüchtet aus dessen Wohnung, bevor sie ihr Abenteuer bereuen müsste. Zuhause zeigt Kerrys Lebensgefährte, der an einer tödlichen Genkrankheit leidet, weniger Vertrauen zu seiner Freundin. Sie wird von ihm gleich des Fremdgehens beschuldigt, im Schlafzimmer vergewaltigt und vor die Tür gestellt. Und kaum an der frischen Luft, wird Kerry vom nächsten Unhold in Soldatenuniform bedrängt. Das ist selbst für eine angehende Pulp-Heroin zu viel. Verzweifelt flüchtet sie sich ins Firmengebäude des Konzerns, wo sie sich Zutritt zu den Labors verschafft. In einem der Wassertanks wartet dort schon das Benthos, um mit unserer Protagonistin willig eine Symbiose einzugehen: Frau und Kreatur verschmelzen in einer unheiligen Kopulation zu einem Wesen mit gottähnlichen Fähigkeiten.

Die neue Kerry steigt in den erstbesten Flieger und findet sich in der nächsten Szene in Brasiliens Bahia wieder, in einer entfesselten Tropenlandschaft, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Sie verbarrikadiert sich in einem Hotelzimmer um darin ihre Verwandlung abzuschliessen, die schon in den Labors begonnen hat. Aus den Laken ihres Menstruationsblutes entsteht derweil neues Leben: ein Homunkulus, der auf den einleuchtenden Namen Blutkind getauft wird. Dieses spielt im weiteren Verlauf der Geschichte leider keine Rolle mehr, ausser, dass es sich in den Schoss einer Frau flüchten darf, die bis anhin erfolglos versuchte, schwanger zu werden. Gratulation! die Dame ist soeben glückliche „Leihmutter“ geworden.

Kaum ist Kerrys Transformation beendet, gelüstet es sie, ihre Reize der Tropenwelt auszusetzen. Den einarmigen Hotelier Quinca bezahlt Kerry nur zu gerne „in Naturalien“ und ein kleiner Bonus besteht darin, dass sie dessen fehlenden Arm nachwachsen lässt. Die Kunde von der wundertätigen „Hexe“ – inzwischen nennt sich Kerry selber „She-Beast“ – hat sich bald überall herumgesprochen. Auch der skrupellose Gangster Reymoa hat das Mirakel des nachgewachsenen Arms vernommen und setzt nun alles daran, um She-Beast in seine Gewalt zu bringen. Denn schon vor Jahren war Reymoa von einem Hund entmannt worden und jetzt erhofft er sich von der Bruja (portug.: „Hexe“) natürlichen Ersatz seiner angeknabberten Potenz. Er hätte wahrscheinlich bloss „bitte“ sagen müssen, doch Reymoa besteht auf seine Mafia-Methoden und versucht die Liebesgöttin mit Gewalt zu einer weiteren Wunderheilung zu bewegen. Dabei verkennt der Brutalo die Allmacht von Kerrys Wesen und bald dreht sich der Spiess um, bis zuletzt die Dynastie Reymoa samt Herrenhaus im brodelnden Sumpf höllischer Körperflüssigkeiten versinkt.

Und Kerry/She-Beast, die entfesselte und männerverschlingende Halbgöttin, die sich in ein Bordell geflüchtet hat, steht kurz davor, sich in einem wahnsinnigen Liebesrausch selber kurzuschliessen.

Eine fiebrige Herrenfantasie

„Mund voll Zungen“ ist Band Nummer zwei aus der optisch gefälligen Reihe „Newgothic“, herausgegeben von Diethmar Dath. Platte Pornografie, so Dath in seinem Vorwort, bewirke lediglich, dass man die agierenden „Puppen“ für ein paar Augenblicke begehre. Mit der Protagonistin Kerry aus „Mund voll Zungen“ aber ginge der Leser eine echte Bindung ein. Kunst, die etwas auf sich halte, imitiere und ersetze nicht das Leben, sondern steigere es. Der Roman zielt allerdings eher auf eine Überreizung der Sinne ab und unterliegt dabei einem Konzept, das Di Filippo mit dem Begriff Ribofunk (man beachte die gleichnamige Story-Sammlung von 1996) geprägt hat. Ribofunk (auch gelegentlich Biopunk genannt) ist eine Anleihe an den Cyberpunk, der wiederum das Technische (Kybernetik) mit dem Anarchistischen (Punk) verbindet. Beim Ribofunk geht es aber eher um das Organische (von Ribosomen, den protein-generierenden Organellen einer Zelle) in Verknüpfung mit dem Funk, einem Musikstil, der für Kreativität und erdige Sinnlichkeit steht. Die Symbiose von Erotik und fremdartigen Organismen erinnert dann konzeptuell auch an H. R. Gigers Biomechanoiden und besonders an den Film „Species“, nur dass bei „Mund voll Zungen“ nicht Horror, sondern eben die Erotik im Vordergrund steht. Man darf also grundsätzlich nichts als eine Aneinanderreihung schlüpfriger Szenen erwarten, wenn auch der Text zwischendurch immer wieder literarische Klasse aufblitzen lässt. Allerdings wird es Leute geben, die mit plakativem Sex im 5-Seiten-Takt nichts anfangen können. Romantisch Veranlagte sollten daher die Finger von diesem Buch lassen. Sodomie, Gruppensex, Inzest, Ferkeleien mit Lebensmitteln: keine gewöhnliche und noch so abwegige Sexualpraktik sind dem Autor heilig. Wie bereits erwähnt: Stilistisch ist „Mund voll Zungen“ zwischendurch durchaus überzeugend; einige Szenen im behäbig-schwülen Bahia erinnern gar an die beste Literatur des tropischen Lateinamerikas, wo die Gedanken in flirrender Hitze schweben und eigenartige Träume gebären. Aber irgendwann geschieht es, dass sich bei aller Virtuosität des Geschilderten die sexuelle Aufreizung abnutzt. Und dann kehrt sich die Fleischeslust eher in Langeweile um. Worin, so fragt man sich, besteht denn der Mehrwert, der beim Lesen dieser Geschichte entstehen soll?

Auf den letzten Seiten des Buches findet dann Di Filippo doch noch so etwas wie den narrativen Faden seiner Geschichte. Ein Stamm brasilianischer Indios nimmt sich der „entarteten“ Prophetin/Göttin Kerry an, um mit ihr zu verschmelzen und sie auf den „richtigen Pfad“ zu bringen. Und man bekommt letztlich den Eindruck, dass eine verwandelte und entmenschlichte Welt eine bessere sei (das Tierreich treibt es ja mitunter nicht weniger bunt). Aber was ist denn „Mund voll Zungen“ über diese Erkenntnis hinaus anderes als eine ausufernde Herrenfantasie? Ist es purer Schund? Ist es Kunst? Schwer zu sagen, die Geschichte lässt den Leser überfressen, aber dennoch ratlos zurück.

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