Das Gespenst von Killingly Hall von Paul Finch

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „In a Deep, Dark December“,deutsche Ausgabe erstmals 2016, 233 Seiten.ISBN 3-492-30973-9.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Vier Storys und eine Novelle lassen die Tradition der weihnachtlichen Gruselgeschichte aufleben; dass dieses Fest einen frühzeitlich ‚heidnischen’ Ursprung besitzt, lässt der Autor diverse Pechvögel spüren, die nur den „Friede-auf-Erden“-Aspekt kennen und böse bis tödliche Überraschungen erleben. Leider ist der Krimi-Autor Paul Finch dem Schöpfer von Geistergeschichten deutlich überlegen; er erzählt gut, wärmt aber eher altbackene Plots auf und setzt auf finale ‚Überraschungen', die sich nicht einstellen wollen: Lesefutter für Winterabende.

Das meint phantastik-couch.de: Weihnachten ist Grusel-Zeit60

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Das Weihnachtsgeschenk (The Christmas Toys; 2012), S. 7-29: Zwei Gauner brechen in ein Haus ein, das einen Geist der Weihnacht beherbergt, der ungebetene Gäste zum Fressen gern hat.
  • Mitternachtsgottesdienst (Midnight Service; 2012), S. 30-50: Als man ihn bittet, an einem weihnachtlichen Mysterienspiel teilzunehmen, willigt der gutmütige Capstick ein; er merkt zu spät, dass es sich um eine Opferrolle handelt.
  • Das verzauberte Haus (The Faerie; 2008), S. 51-80: Mit seiner kleinen Tochter flüchtet Arthur vor seiner dominanten Gattin – und tappt in die Falle einer ebenfalls böswilligen ‚Frau'.
  • Die Mummenschanz-Spieler (The Mummers; 2000), S. 81-113: Phil und Eric locken jene Widerlinge, die ihnen das Leben zur Hölle machen, in ein Spukhaus, wo die Geister sie erledigen sollen, doch der Plan ist nicht wirklich gut durchdacht.
  • Das Gespenst von Killingly Hall (The Killing Ground; 2008), S. 114-232: Das Detektiv-Paar Alec und Ruth soll feststellen, ob ein uralter Landsitz tatsächlich von einer Kreatur heimgesucht wird, die es auf Kinder abgesehen hat.

Gespenster-Furcht als Feiertags-Ventil

Im Zeitalter des Klimawandels ist ein wenig in Vergessenheit geraten, was „Winter“ eigentlich bzw. in früheren Zeiten bedeutete. Einerseits lagen die Durchschnittstemperaturen deutlich tiefer, während die Schneedecke dicker und dauerhafter war, andererseits waren die zeitgenössischen Häuser nicht annähernd so gut geheizt und gedämmt wie heute. Selbst die Reichen & Schönen waren es gewohnt, in ihren feudalen Häusern zu frieren, denn Kamin- und Ofenfeuer konnte die buchstäblich klirrende Kälte nicht wirklich fernhalten. Meist versammelte man sich deshalb in einem möglichst warmen Raum, während es ansonsten ungemütlich kühl im Haus blieb.

Das Weihnachtsfest sorgte für eine Verschärfung der Situation: Zum „Fest der Liebe“ versammelten sich Familienangehörige und Verwandte, was stets eine potenzielle Quelle für Krisen darstellte. Nach draußen flüchten war nicht möglich, während innen Langeweile und Alkohol dafür sorgten, dass uralte Konflikte aufflackerten und ausgefochten wurden.

Um diese Gefahrenquelle auszutrocknen, suchte man nach kollektiver Ablenkung. In der Ära vor der Erfindung des Fernsehens und Internets war man in dieser Hinsicht auf den Vortrag von Geschichten angewiesen. Wie schon in der legendären Steinzeithöhle hockte man am (Kamin-) Feuer und lauschte vorgetragenen oder vorgelesenen Erzählungen. Dabei setzte man durchaus auf weihnachtliche Erbaulichkeit, ließ sich aber ebenso gern in Angst und Schrecken versetzen, was als angenehmes Vergnügen galt, weil man satt und sicher in warmer Geborgenheit saß.

Grusel-Hilfe durch Spezialisten

Da nicht zu jeder Weihnachtsgesellschaft ein tauglicher Erzähler gehörte, sprangen ersatzweise Profis in diese Bresche. Sie schrieben eigens entsprechende Geschichten für die Weihnachtszeit, die oft an alte Legenden und Märchen anknüpften sowie daran erinnerten, dass dieses Weihnachten eine vorchristliche Historie mit teilweise grimmigen Riten und Bräuchen besaß. Zeitungen und Zeitschriften legten Sonderdrucke mit einschlägigen Texten bei, von denen einige zu ewigen Klassikern aufstiegen: Charles Dickens’ „A Christmas Carol“ („Eine Weihnachtsgeschichte“) von 1843 ist quasi global bekannt.

Da Weihnachten auch die Zeit (meist vergeblicher) nostalgischer Besinnlichkeit ist, hat sich die Tradition der (gruseligen) Festtagsgeschichte in eine Nische retten können. Dort ist sie bis heute präsent, was einerseits funktionieren und andererseits für Ernüchterung sorgen kann. Paul Finch ist ein ausgewiesener Freund der ‚kurzen’ Phantastik und auf X-mas-Grusel praktisch spezialisiert. Die alten Meister hat er sichtlich studiert – weniger Dickens als M. R. James oder Joseph Sheridan LeFanu, die ein wenig handfester zur Sache gingen: Wenn sie es spuken ließen, hatte sich final kein Widerling zum Gutmenschen geläutert, sondern lag nach einer grauslichen Begegnung mit dem Jenseits meist mausetot auf der schaurigen Walstatt.

Hier möchte Finch einhaken, doch das gelingt ihm nur ansatzweise. Vor allem die kurzen Storys üben nicht die geplante Wirkung aus. Dies liegt keineswegs daran, dass es Finch an Talent fehlt. Er hat ein Gespür für (winterliche) Stimmung, und schreiben kann er auch. Allerdings hat sich die Welt weitergedreht, seit die genannten Altmeister ihre Werke schrieben. Während ihre Erzählungen, die in der Entstehungszeit haften, über eine ‚natürliche’ Nostalgie verfügen, müssen moderne Autoren damit leben, dass „Angst“ heute anders und weniger naiv definiert wird. Dass Weihnachts-Grusel sehr modern und wirklich erschreckend geweckt werden kann, hat u. a. Ramsey Campbell, ebenfalls ein Brite, mehrfach unter Beweis gestellt. Finch setzt lieber auf Bewährtes, das eben leider auch vergilbt wirkt.

Spuk um des Spukes willen

Zu monieren ist ein Erzähl-Modus, der allzu sehr auf finale Überraschung setzt. In dieser Hinsicht ist Finch entweder überfordert oder nicht inspiriert: Seine Storys enden, ohne die Leser zu erschrecken. Aus dem Text geht hervor, dass der Autor genau das Gegenteil erwartet. Umso peinlicher ist deshalb das Ausbleiben dieser Reaktion.

Zudem will man nie warm mit den Figuren werden. Das mag gewollt sein, hilft aber nicht, sich in die jeweilige Story einzufinden. Gleichzeitig lassen die Gespenster zu wünschen übrig. Sie wirken wie einer jener nur unfreiwillig schauerlichen Horror-Anthologien entsprungen, die exklusiv für den Videomarkt gedreht werden. Man kennt sie und ihre plumpen Buh!-Effekte, und Finch schafft es nicht, ihren Spukgestalten überzeugende Schattenseiten anzudichten.

Dass er es durchaus kann, zeigt Finch in „Die Mummenschanz-Spieler“. Unterhaltsam ist außerdem die Titelstory geraten, die eigentlich ein Kurzroman ist. Womöglich ist Finch ein Mann der vielen Worte, die bei ihm nicht lange Texte bilden, sondern einen Hintergrund schaffen, vor dem die Handlung besser zum Tragen kommt. Hier ist es die geschickt durch ‚historische’ Quelle unterfütterte Legende vom „Gespenst“, das Killingly Hall und Umgebung nach unbeaufsichtigten Kindern durchkämmt. Zudem weicht Finch vom üblichen Weihnachts-Grusel ab und präsentiert uns eine echte Schreckensgestalt, die nichts mit der klassischen Geistererscheinung gemein hat.

Freilich macht gerade diese Story deutlich, dass der Weihnachts-Aspekt faktisch behauptet wird. Es gibt keine ‚festliche’ Tradition, in welcher der von Finch heraufbeschworene Spuk wurzelt. So bleibt sein Publikum letztlich zwar nicht enttäuscht, aber doch nur bedingt zufrieden zurück.

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