Peter H. Geißen: Heidi und die Monster von

Buchvorstellungund Rezension

Peter H. Geißen: Heidi und die Monster von

Originalausgabe erschienen 2010, 288 Seiten.ISBN 3-442-31244-2.

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In Kürze:

Vorbei die Zeiten, in denen dunkle Tannen und grüne Wiesen im Sonnenschein die heile Welt von Heidi waren! Nun verbreitet sich ein Virus in der Idylle der schönen Alpenwelt. Menschen werden zu Zombies, die besonders gern in den abgeschiedenen Bergdörfern ihr Unwesen treiben. Und so muss Heidi erfahren, dass ihre Mutter Adelheid gar nicht tot ist, sondern als Vampir auf nächtliche Streifzüge geht! Beherzt greift Heidi zum Pflock und befreit mit Hilfe des Großvaters Almöhi die Untote von der Unsterblichkeit. Doch es gibt jemanden, dem das gar nicht gefällt: Marus, dem Blutsauger. Er war es, der sich Adelheid einst mit einem Biss gesichert hat und den es nun nach Rache dürstet für seinen Verlust. Und wenn er die Mutter schon nicht bekommen kann, dann doch vielleicht das Kind …

Das meint Phantastk-Couch.de: „Auf der Alm da gibts koa Sünd’ – dafür aber wandelnde Tote“73

Horror-Rezension von Tom Orgel

'Nicht noch ein Literatur-Mash-up!', das war ganz ehrlich mein Gedanke, als ich von diesem „Alpendrama“ das erste Mal gehört habe. Aber gut, ich wollte Pratchetts „I shall wear midnight“ unbedingt rezensieren – da war dieses Stück mein Zugeständnis. Davon abgesehen hatte ich ja schon Pranges „Winnetou unter Werwölfen“ und „Pride, Prejudice and Zombies“ rezensiert (und mich erfolgreich gegen die vampirjagende Sissi gewehrt), war also dazu quasi zwangsverpflichtet. Das Pseudonym Peter H. Geißen für einen Heidi-Roman ließ mich jedenfalls Schlimmstes befürchten. Noch dazu, dass ich wohl nicht einmal als Kind ein Heidi-Fan war und mein letztes filmisches Erlebnis dazu sicherlich auch deutlich mehr als zwei Jahrzehnte zurück liegt.

Ich wurde enttäuscht. Ich bekam nicht 'Schlimmstes', sondern ein im Rahmen des Untoten-Mash-Up-Trends erstaunlich Gelungenes. Sicherlich keine Weltliteratur, aber ich habe mich auch nicht vor inneren Schmerzen winden müssen (was ich wiederum nicht von allen Vertretern der so genannten Weltliteratur behauten kann). Um ehrlich zu sein: Ich habe sogar an mehr als einer Stelle gegrinst. Aber der Reihe nach.

Das Heidi, der Öhi, die Rottenmeier und die Niänenüütli

Die Geschichte dürfte bekannt sein. Die, bzw. „Das Heidi“ wird von ihrer Tante Dete bei ihrem Großvater auf der Schweizer Almhütte abgeliefert. Hier erschleicht sich das sonnige Gemüt schnell das Herz des grantigen Einsiedlers und lebt mit ihrem Freund, dem Ziegenhirten-Jungen Geißen-Peter fröhlich auf den Almen und Matten im Sonnenschein. Zumindest, bis sie von ihrer Tante nach Frankfurt am Main verpachtet und verfrachtet wird, um der kränklichen Klara als Gesellschafterin zu dienen. Eine Weile leidet sie unter der gestrengen Gouvernante Frl. Rottenmeier und lernt beim weniger gestrengen Herrn Kanditaten ihre Buchstaben, um schließlich als vollendet kleine Dame auf die Alm zurück zu kehren.

Geändert hat sich daran nichts. Es sind einfach nur ein paar Zombies und ein oder drei Vampire dazu gekommen. An den Zombies (auf gut graubündnerisch „Niänenüütli“ – oder auch Glaarige, von „glaare – ins Leere starren“) liegt es, dass Heidi auf die Alm kommt. Dete liefert das Kind dort oben ab, da die tiefer gelegenen Ortschaften bereits von den Horden der dumpfen Untoten belagert oder überrannt sind. Und das Auftauchen eines Vampirherrn ist der wahre Grund, warum sie in das zur Festung ausgebaute Frankfurt (und später wieder zurück), reisen muss.

Frischzellenkur mit Untotenblut

Die Sentimentalität und Erinnerung an vorpubertäre Kindertage, mit denen man sich gern auf einen der ersten Anime im deutschen Fernsehen zurückbesinnt, dürften für die wenigsten Leute ein Grund sein, sich eine wie auch immer geartete Neuauflage von Spyris Kinderbuch zu kaufen. Insofern ist eine „Frischzellen“-Kur mit reichlich Untotenblut nicht die schlechteste aller Ideen, um den alten Stoff an neue Käuferschichten heran zu tragen.

Das wirklich Schöne an „Heidi und die Monster“ ist aber, dass es dem Neuinterpreten Peter H. Geißen gelungen ist, Spyris leichten, um nicht zu sagen naiv-fröhlichen Erzählton auch inklusive Zombies und grausigen Untotentaten zu erhalten. Heidi ist und bleibt das bis zum Erbrechen gut gelaunte, nie Böses ahnende Kind, das fröhlich über die Alm springt und zum Abendessen daheim ist, bevor die Glaarigen ihre Löcher verlassen. Die Unaussprechlichen, die Niänenüütli selbst werden von den reisetüchtigen und handfesten Einheimischen mit dem Pfyffeli, dem Kurzschwert, niedergemacht, wo man ihnen nicht mit Fatalismus und gepanzerten Eisenbahnwaggons begegnet. Gelegentlich wird zwar ein Dorf überrannt oder eine Postkutsche samt Pferden gefressen, doch im Allgemeinen wird weniger geklagt und mehr gemetzelt. Die Städte selbst sind zu Bastionen der Menschen mit Untoten-Abfuhr geworden und ansonsten ist es eben nur hoch oben in den Alpen noch sicher. Aber gleich wo sich das Heidi nun befindet, nichts und niemand ist in der Lage, diesem Kind seine glückselige Naivität auszutreiben. Dabei verliert die Neuinterpretation das Original nie völlig aus den Augen, sondern folgt (sehen wir von der großen Endschlacht ab) dem ursprünglichen Plot so weit es eben möglich ist. Trotzdem schafft sie es, eine ganz eigene Originalität zu entwickeln, die die des ursprünglichen Stoffes teilweise zu überschreiben vermag.

Morbider Spaß auf dem Sentimental-Trip

Darin liegt eben der größte Spaß: Man ist nach Lektüre dieses Büchleins (das ja mit nur 284 Seiten wirklich schnell mal weggelesen ist) gewillt, sich Sonntag Nachmittags mit seinen Kindern eine Heidi-Verfilmung anzusehen. Nur um dann zum völligen Unverständnis der restlichen Familie pausenlos vor sich hin zu kichern, sei es über den Namen der Rottenmeier, der plötzlich eine ganz neue Bedeutung bekommt oder aber, weil vor dem geistigen Auge in den unmöglichsten Szenen ständig „Glaarä“ um die Ecke schlurfen. Und man wird den mürrischen Alpen-Guerilla Öhi nie wieder sehen können, ohne an seine untote Geliebte im Schuppen hinter dem Haus zu denken.

Gelungene Wiederbelebung

Dass das Ganze dann auch noch handwerklich gut geschrieben und eben mit vielen liebevoll eingepassten Details (wie eben den passenden Ausdrücken der Einheimischen für die „Widernatürlichen“) aufgewertet ist, rundet das Leseerlebnis ab.
Die eigentümliche Mischung aus liebevoll-altmodischer Heile-Welt-Literatur und morbidem Splatterspaß kann also nur als durchweg gelungen bezeichnet werden. Natürlich muss man Heidi irgendwann mal gesehen haben und sich auf eine gründliche Verhackstückung der Jugenderinnerungen einlassen können – aber dann kann man das Büchlein gerade als Erwachsener durchaus genießen.

Und als Mash-Up und Parodie ist es auf jeden Fall gelungener als Pride, Prejudice and Zombies. Danke, Peter H. Geißen, wer immer du bist. Ich habe das Erlebnis genossen. Einziger Wermutstropfen – ich konnte schon wieder keinen Verriss schreiben. Dabei hatte ich mich schon darauf gefreut.

Ihre Meinung zu »Peter H. Geißen: Heidi und die Monster«

Dominik Wieser zu »Peter H. Geißen: Heidi und die Monster«10.02.2016
Dominik Wieser
Zu: Heidi und die Monster
Das Buch lässt uns leer schlucken und stolpern, während wir den Weg zum grossen Amüsement finden. Wo ist die heile Heidi - Welt hingekommen? Aus den postkartenschönen Figuranten werden stich- und schlagfeste Killer, die sich wehren müssen um nicht von den Monstren der Untotenepidemie überrannt zu werden! Der heile Grossvater wird auch mal gezaust und gezeuselt. Das lichtvolle Heidi schrammt knapp an der Vampir – Verdammnis entlang…
Über den Wilhelm Tell rümpfen die Historiker die Nase, über das Heidi eher die feinen Literaten. Und doch sind dies die beiden einzigen schweizerischen Symbolfiguren, die auf der ganzen Welt so einmalig affektiv abgestützt sind und - zugegebenermassen clichéhafte - Schweizer Assoziationen auslösen. Bei uns hält das Heidi unerschütterlich seinen Grund, ein neuer Film erweist der Gestalt die Reverenz und findet grosses Interesse.
Also Heidi nach Jahrzehnten wieder einmal lesen, gründlich, beide Bände! Und Johanna Spyri bewundern! Ihre Meisterschaft wird dem zur Freude, der bereit ist, das Eintauchen in die historischen Bedingtheiten aufmerksam anzunehmen.
Aber: Ein Gefühl des weltanschaulichen „Zuviel“ baut sich auf. Jeder Satz versichert uns der Schönheit aller Aspekte der heilen Welt. Der offenbar zeitgemässe Heile Welt -Zuckerguss, der jeden Satz garniert führt sogar beim E – Reader zu Diabetes.. Nun, es geht um ein Kinderbuch! Deshalb soll nicht die Geradlinigkeit des Inhalts und der Erzählstil kritisiert werden. Spyri ist eine Meisterin. Aber dass für die kleinen Leser die Zuckerdiät damals offenbar normal war können wir nicht mehr nachvollziehen Das Happy End möglichst mit dem Eintritt in die vermögende Grossbürgerklasse als Apotheose. Eine Übersättigung an positiven, euphorischen Stimmungen stellt sich beim Leser ein, eine gewisse subliminale skeptische Unwilligkeit. Weltanschauliche Zuckerübersättigung?
Kein Wunder, dass man mit einem eigenartigen Erleichterungsgefühl auf einen Titel wie „Heidi und die Monster“ zugreift. Und das Zucker - Malaise vor Erstaunen und Schmunzeln vergisst. Die grausige Vampirgeschichte kann auch erfahrenen Transsylvaniern noch ein Zusatzgruseln abringen. Das Einweben von Spyri - Stil fesselt uns hinterhältig durch die geschaffene Verbindung wobei das Werk trotzdem völlig eigenständig erscheint. Der schnurrige Peter H. Geissen will der mehr denn je untoten Autorin keineswegs einen Pfahl ins Herz treiben. Das ist nicht ein Anti- sondert ein ausgalopperendes Parallelheidi. Mit seiner Un –Variante ehrt er als Hofnarr das Werk der Königin. Das kindgerechte Epos aus der Gründerzeit wird zur glänzend erzählten Schauermär.
Dürfen wir auf „Tell und die Monster“ von Friedrich W. Teller hoffen? Friedrich und Johanna haben unsere beiden globalen Mythenfiguren geschaffen. Wir warten darauf, dass Wolfgang der Johanna seinen Platz neben Friedrich auf dem Denkmal in Weimar kurz für ein Doppelselfie überlässt.
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