Ubik von Philip K. Dick

Buchvorstellungund Rezension

Ubik von Philip K. Dick

Originalausgabe erschienen 1969unter dem Titel „Ubik“,deutsche Ausgabe erstmals 1977, 427 Seiten.ISBN 3-453-87336-X.Übersetzung ins Deutsche von Renate Laux, ALexander Martin.

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In Kürze:

Joe Chip ist Angestellter bei Runciters Anti-PSI-Gesellschaft, deren Telepathen engagiert werden, um andere Telepathen zu überwachen, sie davon abzuhalten, die Konsumwelt einer nahen Zukunft mit schmutzigen Tricks zu manipulieren. Runciter selbst vertraut noch immer auf den Rat seiner verstorbenen Frau Ella, die er regelmäßig aus ihrer Stasis in eine Art Halbleben zurückruft. Jetzt steckt er allerdings in Schwierigkeiten: Anscheindend verschwinden die Telepathen weltweit, und niemand weiß wohin. Runciters Ermittlungen stoßen jedoch auf wenig Gegenliebe: Bei einer Explosion kommt er ums Leben, eindeutig kein Unfall. Von diesem Zeitpunkt an gerät die Welt für Joe Chip aus den Fugen. Die Zeit scheint rückwärts zu laufen, und immer wieder tauchen rätselhafte Botschaften seines verstobenen Arbeitgebers auf. Das wiederkehrende Schlüssewort ist Ubik -- doch was ist Ubik?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Wahrnehmung der Welt“92

Science-Fiction-Rezension von Holger Wacker

Joe Chip arbeitet als Feldtester für die Runciter Associates, die Anti-Psi-Organisation seines Freundes Glen Runciter. Es stellt mit übernatürlichen Fähigkeiten begabte Abwehrtalente bereit, zum Schutz sich von Telepathen oder anderen Talenten bedroht fühlender Auftraggeber. Raymond Hollis leitet ein Unternehmen, das solche Talente vermietet.

Runciter erhält den personalintensiven Auftrag, Einrichtungen auf dem Mond vor Telepathen zu schützen. Die Mission ist jedoch eine Falle, auf das Team wird ein Bombenattentat verübt. Runciter wird scheinbar getötet, in einer Kaltpackung zur Erde gebracht und in einem Moratorium abgeliefert, in dem sein Körper in Kältestarre aufbewahrt wird, solange das Gehirn funktionsfähig gehalten werden kann.

Joe Chip und seine Kollegen nehmen Veränderungen in der Realität wahr: Lebensmittel und Zigaretten altern in Hochgeschwindigkeit, Runciters Gesicht ist plötzlich auf Münzgeld abgebildet, sie erhalten gedruckt und im Fernsehen kryptische Botschaften von Runciter. Bald glauben sie, dass Runciter noch lebt, sie hingegen auf dem Mond getötet wurden und im Moratorium liegen. Ihre Umwelt entwickelt sich zurück bis in die 1930er Jahre. Teammitglieder sterben, indem sie degenerieren und am Ende ein Häufchen Staub zurücklassen. Nur das Produkt Ubik scheint in der Lage, diesen Prozess aufzuhalten oder zu verlangsamen.

Zukunftstechnologien

„Ubik“ spielt in einer Zukunft, die für uns längst Vergangenheit ist. Im Jahr 1969 hat Dick seinen Roman veröffentlicht und die Handlung nach 1992 verschoben. Der Mond ist besiedelt, die Entfernung zwischen ihm und der Erde ist schnell zurückzulegen. Die Technologien, über die die Menschheit der Zukunft verfügt, gibt es heute nicht. Aber hieraus eine Kritik an Dicks Entwurf abzuleiten, wäre nicht viel mehr als uninteressant. Zwei Technologien sind in ihren Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft von besonderer Bedeutung.

Der menschliche Lebenszyklus kann um eine Phase verlängert werden, die als Halbleben bezeichnet wird. Der Körper wird eingefroren, der Verstand und das Bewusstsein bleiben aktiv, weshalb Kommunikation mit anderen in diesem Zustand befindlichen Menschen und, über eine technische Schnittstelle, mit Lebenden möglich ist. Es gibt wenige Institutionen, die in der Lage sind, einen Menschen in diesem Zustand zwischen Leben und Tod zu erhalten. Dazu zählt das Moratorium „Unsere lieben Anverwandten“ in der Schweiz, unter Leitung von Herbert Schönheit von Vogelsang. Vermutlich können sich nur die wenigsten Menschen einen Aufenthalt in einem Moratorium leisten.

Parapsychologische Technologien wie Telepathie und Präkognition sind in Dicks Zukunftsentwurf nicht nur Alltag, sie lassen sich auch vermarkten. Es gibt Angebot und Nachfrage, nicht nur für das Ausschalten von Konkurrenten und für Wirtschaftsspionage. Zur Neutralisierung der Fähigkeiten dieser Mutanten sind Antitalente (Inerte) in der Lage.

Die Welt, das Leben als Traum

Nach dem Bombenattentat entwickelt „Ubik“ eine traumartige Qualität. Die Umwelt der Mitarbeiter Runciters verändert sich. Artefakte werden sukzessive ersetzt durch frühere Formen oder Versionen, wie ein moderner elektrischer Fahrstuhl durch ein altes Korbmodell mit Gittertür. In einer Übergangsphase kommt es zu Überlagerungen von Artefakten, einer Art Flimmern. Dick arbeitet hier mit einem idiosynkratischen Konzept des Systemabriebs, den er auf die Figuren ausweitet. Ein magisches Allheilmittel, Ubik genannt, wird umfassend beworben. Die Anwendung erfolgt mit einer Sprayflasche, mit deren Inhalt sich Veränderungen wenigstens verzögern lassen.

Die Vorstellung, dass unsere Realität nur ein Konstrukt ist, was nicht zu verwechseln ist mit ihrer Nicht-Existenz, Peter Weirs Truman Show gibt über den Unterschied bestens Auskunft, ist heute eine etablierte Sicht. Das für sicher gehaltene Wissen über die Welt, in der Joe Chip existiert, erweist sich als unsicher. Es muss fortlaufend aktualisiert werden. In „Ubik“ bilden sich verschiedene Realitäten heraus, für die nicht unterscheidbar ist, welche ein vollständig eingebildetes Konstrukt sind, welche eine Reduktion der Lebensumwelt, ob sie den gleichen Raum beanspruchen oder Parallelwelten sind. Anders als die Technologien, die mit den Begriffen „Halbleben“ und „Mutanten“ fassbar sind, ist unklar, ob Ubik nur Einbildung ist.

Das Produkt Ubik

Jedes Kapitel bis auf das letzte wird mit einer Art Werbeanzeige eingeleitet, in der verschiedene Anwendungen für ein Produkt adressiert werden: Dieses Produkt ist immer Ubik. Ubik erscheint hier beinahe als Synonym für die Warenwelt schlechthin. Aber mit dieser Sicht ist es spätestens im zehnten Kapitel vorbei, wenn nämlich Ubik in der Erzählung selbst mitspielt, hier im Zusammenhang von Möglichkeiten der Wirklichkeitserhaltung. Also dem Kampf gegen den Verfall, den Systemabrieb.

Dem letzten Kapitel ist auch ein kurzer Text vorangestellt, jedoch nicht über, sondern von Ubik. In diesem Text, angereichert mit biblischen Versatzstücken, liefert Ubik eine kurze Selbstbeschreibung, durch die eine Gottähnlichkeit erzeugt wird.

„Ubik“ fordert dazu auf, während des Lesens Hypothesen aufzustellen und zu testen, sie im Fortgang der Lektüre wieder zu verwerfen und sich neue zu überlegen. Wir versuchen Hinweise zu entschlüsseln und Rätsel zu lösen. An das umfassende Mysterium, das wir allenfalls erahnen, kommen wir jedoch nicht heran. Nicht zuletzt, weil die Qualitäten von Kategorien wie „Realität“, „Leben“, „Tod“, „Mensch“ von Dick in Frage gestellt werden, unscharf gefasst und bisweilen höchst unklar sind.

Fazit

Dick erzählt seine Geschichte lakonisch, die Figuren sind soweit entwickelt, wie es für ihr Verständnis als Handelnde wichtig ist. Dick erklärt nicht viel, seine Vorstellungen lassen sich oft nur mit Aufwand extrahieren – Philosophie als handlungsgetriebene Erzählung. „Ubik“ ist einer der interessantesten SF-Romane über die Instabilität der empirisch erfahrbaren Welt.

(Holger Wacker, November 2012)

Ihre Meinung zu »Philip K. Dick: Ubik«

P-bot zu »Philip K. Dick: Ubik«03.01.2013
Eigentlich bin ich kein Dick-Fan und ich habe auch nichts anderes außer diesem Buch von Dick gelesen, aber es ist ja bekannt, dass jeder, der Minority Report im Kino gesehen hat, auch eine Dick-Geschichte kennt.
Fand das Buch auch nicht so prickelnd, würde aber gerade aus oben genannten Gründen Dick als Autor nicht abschreiben.
UBIK als allgegenwärtiges Allheilmittel ist natürlich manchmal etwas nervig, aber wenn wir uns heute mal Unternehmen wie Google oder Apple anschauen, finde ich das Prinzip gar nicht mehr so abwegig.
Und die Séance mit der halbtoten Ehefrau fand ich nur noch genial. Naja, die Geschmäcker sind verschieden, muss wohl jeder für sich selbst rausfinden. Vielleicht ist UBIK gerade aufgrund seiner Kürze eine gute Möglichkeit, das zu tun.
7even zu »Philip K. Dick: Ubik«20.01.2011
Sehr sehr viele Leser schwören auf Philip K. Dick und ganz besonders auf dieses Buch, sein Meisterwerk, das Glanzstück der Sci-Fi Welt usw.

Alles Quatsch! Ich kann diesem Buch nichts abgewinnen. Die Handlung ist wirr, die Zukunft von 1991 wie sie sich Dick vorstellte passt überhaupt nicht mehr zu den Vorstellungen unserer Generation, sondern lässt das Buch eher wie eine Komödie dar stehen. Die Charaktere haben kaum Tiefe und die Geschichte um die beiden Hauptpersonen und das Zaubermittel Ubik ist einfach viel zu bizarr und hat eigentlich wenig Hand und Fuß. Das Ende und somit die Auflösung ist nicht zufriedenstellend und frustriert dadurch noch mehr.

Mein Fazit: Ab jetzt Hände weg von Philip K. Dick!

Kurze Anmerkung: Ich möchte hier keinem Philip K. Dick Fan auf die Füße treten! Jeder hat andere Vorstellungen von Sci-Fi und seine Vorlieben, meine trifft er nun mal nicht.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
SordisPretiosa zu »Philip K. Dick: Ubik«21.07.2009
Also, gut. das Buch hat ja keine direkt schlechte Bewwertung von mir bekommen und war auch durchaus unterhaltsam sowie zügig und angenehm zu lesen - aber so ein wahninnig "visionäres Werk" wie angekündigt war es dann wohl auch nicht.

Ich hätte gerne mehr von den "Psi-Kräften" der Protagonisten erfahren, sowieso gerne tiefer ausgebaute Charaktere gehabt [dass die Hauptperson chronisch pleite ist, reicht mir irgendwie nicht ganz~].
Die philosophischen Ansätze sind schon eigentlich ganz nett, betreten jetzt aber auch kein Neuland, sondern stören dann vielleicht sogar ein wenig den Spannungsfluss. Ganz allgemein ist die eigentliche Handlung eher mager ausgebaut, könnte viel komplexer sein, meiner Meinung nach. Stattdessen wird philosophisch herumgeschwubbelt.
Das "große Finale" ist dann auch nicht so der wahre Mindfuck, wie teilweise angepriesen.

Das Buch halt also leider einen etwas laschen bzw. mittelmäßigen Eindruck bei mir hinterlassen - vielleicht hatte ich aber aufgrund des fetten "Sein bestes Buch!"-Aufdrucks auch zu hohe Erwartungen...
[Beste Sache im Buch: "Herbert Schönheit von Vogelsang" - was für ein bezaubernder Name für einen Schweizer, der Halbtote verwahrt. ;)]
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