Zeit aus den Fugen von Philip K. Dick

Buchvorstellungund Rezension

Zeit aus den Fugen von Philip K. Dick

Originalausgabe erschienen 1959unter dem Titel „Time Out of Joint“,deutsche Ausgabe erstmals 1962, 288 Seiten.ISBN 3-453-21730-6.Übersetzung ins Deutsche von Gerd Burger, Barbara Krohn / Tony Westermayr.

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In Kürze:

Eine Kleinstadt wie jede andere, irgendwo im Amerika der späten Fünfziger. Ragle Gumm, sechundvierzig Jahre alt, ledig, verdient seinen Lebensunterhalt seit Jahren durch die Gewinne, die er bei einem sonderbaren Zeitungswettbewerb macht. Bis merkwürdige Entdeckungen ihn davon überzeugen, daß etwas nicht stimmt. Nicht mit den Menschen, nicht mit den Autos, den Häusern, der Stadt. Und nicht mit der Zeit.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Auf der Suche nach der Wirklichkeit“90

Science-Fiction-Rezension von Holger Wacker

Ragle Gumm ist eine Berühmtheit, weil er in der Lokalzeitung „Gazette“ seit zwei Jahren Dauergewinner und nationaler Champion im Wettbewerb „Wo taucht das grüne Männchen als nächstes auf?“ ist. Verwandte und Freunde finden seinen Lebenswandel zwar seltsam, aber immerhin verdient er damit mehr als sie, weshalb sich Kritik in engen Grenzen hält.

Kleinstadtparanoia

Dick verbindet auf intelligente Weise zwei einander gegenüber wohnende Gruppen von Charakteren. Vic Nielson arbeitet im Lebensmittelgeschäft, seine Frau Margo kümmert sich um Sohn Sammy und Haushalt, die typische Kleinfamilie in den Suburbs der USA während der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Zahlender Mitbewohner ist Margos Bruder Ragle, ein Mann Mitte vierzig, der einer obskuren Beschäftigung nachgeht. Er verlässt nicht jeden Morgen das Haus und kehrt nach der Arbeit wieder zurück, sondern er macht „irgendwas im Wohnzimmer“. Und das als Mann, in einer reinen Wohngegend, in der nur die Ehefrauen tagsüber daheim sein sollten.

Gegenüber wohnen Bill und Junie Black. Man lädt sich gegenseitig ein und ist befreundet. Bill gibt vor, für die Stadt zu arbeiten und ist auffällig an Ragle interessiert. Ragle und Junie wiederum stehen in einem Verhältnis zueinander, das sich in Richtung Ehebruch entwickelt. Die Beziehung dieser beiden Gruppen inszeniert Dick in verschiedenen Szenen, die ein nachvollziehbares Gefühl vermitteln, wie an Orten mit sozialer Kontrolle Paranoia entstehen kann. In einer der gelungensten dieser Szenen befinden sich Ragle und seine Verwandten im Gartenhaus und empfangen über ein von Sammy gebautes Radio den Funkverkehr eines über ihnen befindlichen Flugzeugs, in dem der Pilot über Ragle spricht, während die Blacks im Nielson-Haus schnüffeln und anschließend die Familie im Garten suchen.

Ein Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ragle glaubt zu Beginn des Romans, dass er in einem beschaulichen Vorort im Jahr 1959 lebt. Seine Welt weist einige ungewöhnliche Merkmale auf: die Limousine Tucker „Torpedo“ von 1948, nur in 51 Exemplaren gebaut und nie in Serie gegangen, wird in Ragles Welt produziert; „Onkel Toms Hütte“ wurde gerade veröffentlicht; in einer Zeitschrift lesen Ragle und Freunde einen Artikel über Marilyn Monroe, die es in ihrer Welt nicht gibt. Als die Nachbarin Mrs. Keitelbein Ragle zum Zivilschutz einlädt, sieht er dort das Modell einer angeblich nicht existenten militärischen Anlage, an die er sich aber in Details erinnert. Er ist überzeugt, dort schon einmal gewesen zu sein.

Ragle nimmt zunehmend seltsame Dinge wahr, seine Verwirrung steigert sich, er weiß nicht mehr, ob er psychisch gesund ist. Er verlässt die Stadt, findet eine Zeitschrift, deren Titelseite ihn in Uniform zeigt. Morgens wacht er wieder zuhause auf. Ragle ist entschieden zu fliehen und weiht Victor ein.

In der Romanmitte zweifelt er an seinem Verstand, glaubt sich einzubilden, er sei das Zentrum gigantischer Anstrengungen von Millionen Menschen, ein Universum zu erhalten, das sich um ihn dreht: „Ragle Gumm, das Objekt des gesamten kosmischen Wirkens, vom Anbeginn bis hin zur endgültigen Entropie.“

Wird Ragle wahnsinnig? Wird er erkennen, dass er in eine gigantische Täuschung eingebettet ist? Wird er ihr zu entkommen versuchen? Geschickt nutzt Dick die Idee einer eingebildeten Reise in den Wahnsinn, um zu zeigen, dass eben diese Reise die Voraussetzung dafür sein kann, dem realen Wahnsinn zu entkommen.

Zerfall einer Realität

Ragle lebt in einer Welt, die vorgefertigt für ihn ist und dem Zweck dient, ihn zu manipulieren und zum Narren zu halten. Die Stadt, Familie und Nachbarn, Arbeit und Medien – alles ein Konstrukt. Aber dieses Konstrukt ist notwendig für das Leben, vielleicht gar das Überleben von Millionen Menschen. Und Ragle, dessen Leben selbst eine Illusion ist, bildet den Mittelpunkt der Welt all dieser Menschen. Ihn zu täuschen – dies erweist sich im Verlauf der Handlung nicht als Ziel, sondern als Instrument für etwas ganz anderes.

Gelegentlich lösen sich vor Ragles Augen Bestandteile seiner Umwelt auf, darunter ein Getränkekiosk und ein Fabrikgebäude. Zurück bleibt jeweils ein Stück Papier, auf dem der Begriff für das verschwundene Objekt steht. Die Szene, in der sich der Getränkekiosk auflöst, ist die vielleicht bekannteste des Romans und eine Schlüsselszene. Das Ereignis zeigt, dass mit der Welt etwas nicht stimmt, sie aus den Fugen ist. Das Wort auf dem Zettel ersetzt den Getränkekiosk, die physische Realität, als wäre es deren Ausgangspunkt. Der erste Satz aus dem Johannesevangelium wird hier in seiner Aussage umgekehrt. Im Anfang war die Materie, und die Materie wurde Wort. Sprache strukturiert unsere Wirklichkeit, der Begriff „Getränkekiosk“ ist der Grund, warum wir das damit bezeichnete Objekt für einen Getränkekiosk halten.

„Zeit aus den Fugen“ ist auch echte Science Fiction. Der Mond ist besiedelt, es gibt einen interplanetarischen Krieg und Schönheitskliniken auf der Venus. Aber dieser Aspekt des Romans wird auf einem narrativen Nebengleis entwickelt, obwohl er katalytische Funktion für die Haupterzählung besitzt. Erst im letzten Sechstel der Geschichte gewinnt er an Bedeutung. Gegen Ende werden die offenen Fragen beantwortet, nicht jedoch, ohne einige andere aufzuwerfen.

In den typischen SF-Filmen, die in den USA in den 1950ern als Beiträge zum Kalten Krieg inszeniert wurden (Irving Pichels „Endstation Mond“, 1950; Christian Nybys „Das Ding aus einer anderen Welt“, 1951; William C. Menzies „Invasion vom Mars“, 1953; Byron Haskins „Kampf der Welten“, 1953; Don Siegels „Die Dämonischen“, 1956), sind die Außerirdischen die Sowjets. Bei Dick aber sind sie weder Außerirdische noch Sowjets, sondern US-Amerikaner. Dicks Roman ist nicht die Vorlage für Peter Weirs Truman Show, hat aber das Thema mit diesem Film gemeinsam. Heutige Leser und Leserinnen können Ähnlichkeiten zwischen dem Roman und der Matrix-Trilogie erkennen, nur dass Ragles Welt eine nicht-digitale Simulation ist.

Im Werk Philip K. Dicks schien bereits früh die Frage auf, welche die Bestimmungsgründe für Realität sein könnten. Aber erst mit seinem 1959 veröffentlichten Roman „Zeit aus den Fugen“ begann er, ihr systematisch nachzugehen. Ragle Gumm ist eine typische Dick-Figur, ein Mann, der aus der Paranoia heraus eine Verschwörung aufdeckt, in deren Zentrum er steht, und der mit Menschen zu tun hat, die mehr über ihn wissen als er selbst. Der Roman ist unterhaltsame Science Fiction und ein subversiver Kommentar zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA der 1950er Jahre.

(Holger Wacker, Februar 2013)

Ihre Meinung zu »Philip K. Dick: Zeit aus den Fugen«

Beverly zu »Philip K. Dick: Zeit aus den Fugen«05.03.2012
Ich habe den Roman vor über dreißig Jahren in einer bei Goldmann erschienenen Ausgabe unter dem Titel "Zeitlose Zeit" gelesen. Das Leben eines durchschnittlichen US-Amerikaners in einer durchschnittlichen Kleinstadt plätschert vor sich hin. Es tauchen zwar einige Ungereimtheiten auf, aber wo gibt es die nicht? Lange Zeit deutet nichts darauf hin, dass "Zeit aus den Fugen" mit einem fulminanten und dabei sehr realistischen Plot endet, zu dem Dick weder Naturgesetze außer Kraft setzen noch Supertechnik bemühen muss. Alles geschieht mit uns vertrauten Mitteln aus unserer Welt.
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