Das Avatar von Poul Anderson

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Das Avatar von Poul Anderson

Originalausgabe erschienen 1978unter dem Titel „The Avatar“,deutsche Ausgabe erstmals 1981, 503 Seiten.ISBN 3-404-24022-7.Übersetzung ins Deutsche von Harro Christensen.

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Ihre Meinung zu »Poul Anderson: Das Avatar«

Michael Haul zu »Poul Anderson: Das Avatar«20.02.2010
Der Roman handelt von klassischen Space-Opera-Themen: der Aufbruch der Menschheit ins All und der first contact mit einer hochentwickelten, fast gottgleichen interstellaren Rasse, den „Anderen“. Wie die meisten Space Operas ist sie eine positive Utopie: Sie feiert die Neugier und den Wissensdurst des ins All vorstoßenden Menschen, transportiert dabei die Faszination für die Schönheit des Weltraums, der Sterne und fremder Planeten, und erzählt von nahezu allmächtigen, wohlgesonnenen Außerirdischen, in deren Schoß sich die Menschheit geborgen fühlen darf.

In nicht allzu ferner Zukunft haben die Menschen am anderen Ende der Erdumlaufbahn einen schmalen, mehrere Kilometer langen, schnell rotierenden Zylinder entdeckt, der aus superdichter Materie besteht. Der Artefakt ist eine Schöpfung der „Anderen“. Der Zylinder, den die Menschen bald Tipler- oder einfach T-Maschine nennen, ist ein Sternentor, durch das man Sprünge zu anderen Orten in der Raumzeit der Galaxis vollziehen kann. Die Anderen haben, wie bald klar wird, in der gesamten Galaxis unzählige Sternentore installiert. Die Kurse, mit denen man zwischen ihnen springen kann, sind jedoch bis auf einen einzigen alle unbekannt.

Anfangs besiedelt die Menschheit mithilfe der T-Maschine dieses einzige, nahegelegene Sonnensystem. Auf der Erde wird jedoch bald ein politischer Zirkel von Verschwörern aktiv, der verhindern will, dass sich die Menschheit noch weiter ins All ausbreitet – stattdessen soll die Menschheit sich auf ihre Probleme auf der Erde selbst konzentrieren.

Als der Raumfahrtunternehmer Dan Brodersen mit einem eigenen Schiff die Pläne der Verschwörer durchkreuzen will, führt dies zu seiner Verfolgung, seiner Flucht und am Ende zum Sprung durch das Sternentor aufs Geratewohl. Dies ist der Anfang einer phantastischen Odyssee, Sprung um Sprung, Sternentor um Sternentor, kreuz und quer durch die Raumzeit der Galaxis, denn die einzige Hoffnung von Brodersen und seiner Mannschaft ist, die „Anderen“ zu finden und von ihnen den Rückweg zur Erde zu erfahren ...

Der Plot klingt interessant und spannend, und das ist er meistenteils auch, sobald Brodersens Odyssee durch unsere Galaxis begonnen hat. Manche der fremden Welten, die das Raumschiff besucht, werden sehr schön und wundervoll geschildert. Besonders fesselnd und spannend ist der Besuch auf Pandora geschrieben, einer erdähnlichen, belebten Welt unter einer alten, sterbenden Sonne. Andere Welten dagegen sind zu sehr von theoretischer Spekulation geprägt und eher von abstrakter Langweiligkeit, so etwa die Absurdität einer intelligenten Rasse auf einem Neutronenstern (!). Die verzweifelte Suche der Besatzung nach einem Weg zur Erde zurück hält den Leser bei der Stange.

Leider beginnt die Odyssee durchs All erst in der Mitte (!) des Buches. Die gesamte erste Hälfte erzählt dagegen langatmig die uninteressante Verschwörung auf der Erde und Dan Brodersens Versuch, diese zu konterkarieren.

Problematisch sind auch die zum Teil unsympathischen Figuren. Sie atmen auf Schritt und Tritt die Siebzigerjahre und stellen dementsprechend eine eigenartige Mischung aus freiheitlichem Denken und Verklemmtheit dar. So regiert die „freie Liebe“: Jede mit jedem und umgekehrt. Ständig und ständig wird gevögelt – wenn nicht gerade geraucht oder Whiskey getrunken wird.

Die Krone gewinnt in diesem fröhlichen Reigen eindeutig die weibliche Hauptfigur Caitlin. Sie ist – na, wie wohl? Richtig geraten: Eine umwerfend aussehende Sexbombe, schlank, mit tollen Brüsten und überhaupt so aufregend, dass alle ihr zu Füßen liegen, was weiter kein Problem ist, da sie auch mit allen ins Bett geht. Ihr Herz aber gehört? Richtig: Natürlich dem stereotyp gezeichneten Alphatier der Truppe, dem Haudegen Brodersen, der seine Vorrechte auch weidlich auslebt. Brodersen ist zwar schon fünfzig, stämmig, hat eine Wampe und wird auch sonst nicht besonders sexy dargestellt. Warum Caitlin nur ihn liebt, weiß der Teufel – schlüssig geschildert wird’s nicht.

Monogame Beziehungen sollen in dieser Zukunft wohl der rückständigen Vergangenheit angehören. Verklemmt wirkt das Ganze trotzdem, weil die Figuren sich ständig gegenseitig erklären müssen, warum sie nun miteinander schlafen und dass das ja völlig in Ordnung sei so. Captain Brodersen hat allerdings gleichzeitig eine angeblich von ihm zärtlich geliebte, aber nicht annähernd so attraktive Ehefrau, die zuhause geblieben ist, um die zwei Kinder zu hüten. Selbstredend, dass sein Eheweib freiwillig völlig monogam bleibt, weil sie ihren Göttergatten ja so sehr liebt – während Brodersen die Puppen tanzen lässt. Wie praktisch! Genau so stellten sich chauvinistische Science-fiction-Autoren in den Siebzigerjahren die „freie Liebe“ vor! Verklemmt und verlogen bis zum Erbrechen.

Hinzu tritt das ewige Psychologisieren. Bei der Zigarette danach werden Probleme gewälzt, dass man sich in einer zweitklassigen Seifenoper wähnt. Caitlin geht einem dabei am meisten auf den Zeiger mit ihrer stets gleichbleibenden Güte, ihrem ewigen Verständnis und ihrer ständigen Hilfe für die Probleme der anderen Schiffsgenossen. Sie ist nicht nur Hure, sondern auch Heilige, und bietet jedem ihren mütterlichen Busen, um sich auszuweinen.

Alles in allem: Die Space Opera ist recht nett gelungen, die Soap Opera nervtötend und überflüssig, der Verschwörungskrimi zu Beginn unglaubwürdig und langweilig. Durchwachsen.
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