Der Prinz aus Atrithau von R. Scott Bakker

Buchvorstellungund Rezension

Der Prinz aus Atrithau von R. Scott Bakker

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „The Warrior Prophet“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 703 Seiten.ISBN 3-608-93784-6.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Heckmann.

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In Kürze:

Der Heilige Krieg steht auf Messers Schneide: Wie ein Lauffeuer breitet sich das Gerücht von einem „Kriegerpropheten“ unter den Gläubigen aus. Ist er ein gefährlicher Ketzer? Oder der einzige, der die Zweite Apokalypse abwenden kann?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der heilige Krieg geht weiter“85

Fantasy-Rezension von Carsten Kuhr

R. Scott Bakkers anspruchvolle und aufsehenerregenede Fantasy-Trilogie um den „Krieg des Propheten“ geht nach „Schattenfall“ in die zweite Runde. Der Anführer des religiösen Ordens der Inrithi hat zum heiligen Krieg gegen die Fanim aufgerufen. Ziel des Streitzugs ist vorgeblich die Befreiung der heiligen Stadt Shimeh aus der Hand der Ungläubigen. Eine riesige Streitmacht hat sich im Herrschaftsbereich der Nansur versammelt. Einige der angesehensten Adeligen und Anführer haben sich dem Zug angeschlossen. Doch wie sagt das Sprichwort so treffend: „Viele Köche verderben den Brei“. Der Aufbruch des Heeres verzögerte sich aufgrund interner Streitigkeiten und Machtspiele. Anführer spinnen ihre Ränke, suchen ihre Verbündeten zu protegieren. Statt wie erwartet den viel gepriesenen Neffen des Ikurei-Fürsten an die Spitze des Heerzuges zu setzen, entschied sich die Versammlung für einen Überraschungskandidaten, einen Häuptling des Nomadenvolks der Scylvendi.

Drucas, Spion und Hexer in Diensten seines Ordens hat seine Geliebte, die Hure Esmet wieder gefunden. Trotz des drohenden Feldzugs findet er in ihren Armen Geborgenheit und ein wenig Glück. Doch beiden ist klar, dass ihr Frieden nur von kurzer Dauer sein kann. An der Seite von Prinz Kellhus, von dem Drucas annimmt, dass es sich bei diesem um den geweissagten Boten der zweiten Apokalypse handelt, ziehen sie mit dem Heer. Steht das Ende der Welt, wie wir sie kennen, unmittelbar bevor? Und ist der ebenso brillante wie einnehmende Kellhus wirklich das Böse selbst oder vielleicht die einzige Chance auf Rettung vor dem Untergang?

Anführer, Prophet, Heilsbringer oder das Böse?

Zweifelnd nimmt Drucas den Prinzen als Schüler an, lernt aber in den folgenden Wochen aufgrund der messerscharfen Analysen seines Schülers selbst mehr als in all den Jahren davor. Doch für Kellhus ist der Heilige Krieg zunächst nur Mittel zum Zweck. Seit Vater hat ihn in seinen Träumen in die heilige Stadt Shimeh gerufen, und die vereinten Heere sollen ihm den Weg dahin ebnen. Als Einziger vermag er es aufgrund seiner Fähigkeiten die Kundschafter der Rathgeber zu enttarnen, doch noch scheut er sich davor, seine überragenden Fähigkeiten zu offenbaren.

Nur zu bald scharen sich Anhänger um ihn, lauschen gebannt seinen Worten, lassen sich von ihm leiten. Ist er mehr als ein brillanter Denker, mehr als ein Mann, der es wie kaum ein anderer versteht, Menschen zu manipulieren, aus ihrer Körpersprache zu lesen – ist er die letzte Hoffnung, ist er der Prophet? Während die Kämpfer des Kreuzzuges ihren Weg quer über die karge Ebene mit Blut und Verlusten erkaufen, gehen die Intrigen weiter, sterben mutige Männer, gebären Frauen und leiden Kranke – denn noch ist die Apokalypse weit …

Das ungeheuer komplexe Bild einer archaischen Welt

Nach seinem Debutroman überschlugen sich die Kommentatoren mit Lobpreisungen. Bakker, so die einhellige Meinung, hat mit dem ersten Teil der Trilogie einen umfassenden Weltentwurf voller minutiös erdachter Details und Zusammenhängen vorgelegt, in dem er stilistisch versiert eine ebenso vielschichtige wie packende Handlung und detailreiche Personen angesiedelt hat. Üblicherweise zeichnen sich Mittelromane einer Trilogie meist dadurch aus, dass die Handlung selbst kaum vorankommt, dass Hintergrundbeschreibungen und Nebenschauplätze abgehandelt werden. Allenfalls erhalten wir einmal einen vertiefenden Eindruck in die Motivation unserer Protagonisten, doch wirklich Entscheidendes passiert kaum einmal. Bakker überrascht auch in dieser Hinsicht und offeriert uns einen noch packenderen, noch mitreissenderen Plot.

Mehr noch als im ersten Teil hinterfragt der Autor die Zulässigkeit von religiös motivierten Auseinandersetzungen. Weltliche und kirchliche Mächte marschieren hier, Hand in Hand, meist zum gegenseitigen materiellen Nutzen und beuten die Religiosität der wehrhaften Wallfahrer aus. Schonungslos deckt der Autor die Motivation seiner Protagonisten auf, das Streben nach Bereicherung, ob es nun Schätze oder Machtzuwachs ist, wird angeprangert.

Blut und Schmerz – das Gesicht des Kampfes

Die Beschreibungen der grausamen Kämpfe gehört zu dem Eindringlichsten, das ich in dieser Hinsicht jemals gelesen habe. Fußend auf der umfassenden Darstellung seiner Charaktere, die jeweils ganz in Übereinstimmung mit ihrem kulturellen Background agieren, erleben wir mit diesen die Furcht vor, den Wahn während und die Leere nach dem Kampf mit. In einer seltenen Eindringlichkeit berichtet Bakker uns in einem fast an eine nüchterne Sachreportage erinnernden Stil von den Schrecken und dem Wahnsinn des Krieges, vom Blut, der Angst und dem Sterben. Die Belagerung Caraskands ist hier besonders eindringlich beschrieben. Seit Mary Gentles „Ash“ habe ich keine solch eindringlich, gleichzeitig bedrückende Schilderung der Abscheulichkeiten eines martialischen Krieges mehr gelesen, wobei Bakker in seiner Beschreibung gänzlich anders vorgeht und gewichtet als seine Kollegin. Bakker liebt es ins Detail zu gehen, nimmt uns mit in seine Gestalten, lässt uns mit diesem empfinden und leiden. Das lässt keinen aussen vor, das berührt, macht betroffen, ja entsetzt den Leser.

Bemerkenswert auch, die Darstellung der Frauen in Eärwa. Scheinbar gibt es in dieser archaischen Zivilisation von Bauern, Krieger und dem Klerus für Frauen nur zwei Rollen – die der treu sorgenden Ehefrau und Mutter oder die der Dirne. Man mag dies bedauern, doch die Darstellung ist nur folgerichtig. In der dezidiert beschriebenen und minutiös ausgearbeiteten Kultur ist kein Platz frei für emanzipierte Frauen. Hier herrscht das Recht des Stärkeren und das heisst, das Recht dessen, der mehr Muskeln hat. Die Schwachen bleiben auf der Strecke, für Sentimentalität und Mitgefühl ist hier angesichts der lebensfeindlichen Umgebung und ständiger Hinterhalte kein Platz.

Die Folgen des Krieges

Bakker zeigt uns die Fährnisse lang dauernder Expeditionen auf, schildert uns nicht nur die Beschwernisse der Reise und das Grauen der Kämpfe sondern auch die Wirkung auf die Teilnehmer des Kreuzzugs. Sie alle altern nicht nur äusserlich, ihre Seele leidet angesichts der Ereignisse, derer sie teilhaft werden, Liebschaften und Freundschaften zerbrechen, für unverrückbar gehaltene Überzeugungen werden in Frage gestellt, Bündnisse geschlossen und verraten, doch die Maschinerie des rollenden Heerzugs scheint davon unbeeindruckt. Das ergreift den Leser, macht ihn betroffen und befriedigt den voyeuristischen Zug in einem jeden von uns, bekommen wir doch einen Einblick in das Denken und die Seele unserer Protagonisten und bleiben gebannt und fasziniert angesichts der Geschehnisse zurück.

Ihre Meinung zu »R. Scott Bakker: Der Prinz aus Atrithau«

J. A. Hagen zu »R. Scott Bakker: Der Prinz aus Atrithau«30.06.2015
"Der Prinz aus Arithau" von R. Scott Bakker hat viel Licht und auch viel Schatten. Bakker schreibt seine Schlachten und Gräuel des Kreuzzuges mit unglaublicher Dichte; in wenigen Seiten passiert unglaublich viel.
Auf der anderen Seite langweilt er seinen Leser mit seitenlangen höhepunktslosen Dialogen und baut seinen Helden Kellhus zu einem faden Übermenschen auf, um den man keine Angst mehr zu haben braucht, weil er sowieso jeder Bedrohung gewachsen ist.
Von einigen Nebencharakteren abgesehen, ist Drucas für mich der interessanteste Charakter des Romans, der allerdings seine Entwicklung verwehrt wird.
Seine Loyalität zu Kellhus wirkt angesichts der Ereignisse des Romans geradezu lächerlich.

Fazit: Zwei- bis dreihundert hundert Seiten weniger hätten dem Roman gut getan und mehr Zug in die Handlung gebracht.
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