Reise nach Kalino von Radek Knapp

Buchvorstellungund Rezension

Reise nach Kalino von Radek Knapp

Originalausgabe erschienen 2012, 256 Seiten.ISBN 3-492-05472-2.

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In Kürze:

Julius Werkazy, billige Stoffhosen und braunes Jackett, ist ein Detektiv alten Schlages. Er gehört zu den eher Unerfolgreichen seines Gewerbes. Warum also bittet der mysteriöse Landesgründer von Kalino ausgerechnet ihn um Hilfe? – Radek Knapps neuer Roman gehört in eine Reihe mit den Büchern eines Paul Auster und Philip K. Dick.
Der Anruf, den Julius Werkazy eines Morgens entgegennimmt, setzt die Ereignisse wie ein großes Schwungrad in Gang. Wenig später befindet Werkazysich im Zug nach Kalino, das kaum jemand vor ihm hat betreten dürfen. Wie ein rollender Tresor fahren die vier Waggons in den Bahnhof ein. Und sogleichnach seiner Ankunft stellt sich ihm der Landesgründer vor: »Die Wahlist nicht zufällig auf Sie gefallen«, sagt F. Osmos, »aber lassen Sie mich aufden Kern meines Anliegens kommen: Vor einigen Tagen hat es den ersten Todesfall in Kalino gegeben.« Werkazy erhält den Auftrag, schleunigst dieses Unglück aufzuklären. Dazu muss er hinter das Geheimnis der Kalinianer kommen: Niemand dort scheint älter als dreißig zu sein. Doch F. Osmos hat Julius Werkazy nicht die ganze Wahrheit gesagt …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Stringenter SF-Krimi weit abseits waffenstarrender Raumschiffe“78

Science-Fiction-Rezension von Carsten Kuhr

Julius Werkatzy ist das, was man in alten Filmen als Privat Eye, als Privatdetektiv bezeichnet. Ein äußerlich etwas heruntergekommener, scheidungsgeschädigter Mann in den besten Jahren, der ein wenig zu tief ins Glas schaut. Um so erstaunlicher, dass ausgerechnet er von F. Osmos verpflichtet wird, einen Mord aufzuklären.

Dazu sollte man wissen, dass Osmos nicht nur unermesslich reich ist, sondern sich seinen eigenen, hermetisch abgeschotteten Staat, Kalino genannt, geschaffen hat. Wie es dort aussieht, was dort überhaupt geschieht, ahnt niemand.

Ein eigener Zug, der nur mit ihm besetzt ist, bringt Werkatzy nach Kalino. Osmos selbst eröffnet ihm, dass einer der ganz wenigen in Kalino lebenden normalen Menschen ermordet wurde. Die 2344 Kalinianer können nicht hinter dem Verbrechen stecken. Als potentiell Unsterbliche haben sie ganz anderes im Kopf, als sich um die Papiergesichter, wie die normalen Menschen angesichts ihrer Falten abschätzig genannt werden, zu kümmern.

So macht sich Werkatzy auf die Suche nach Motiv und Täter. Dass er dabei geschickt das enge Korsett, mit dem Osmos seinen Aufenthalt eingeengt hat, abstreift und seine Spürnase einsetzt, bringt ihn nur zu bald auf die Fährte – aber nicht etwa die des Täters! Nein, etwas viel Wichtigeres, Bedrohlicheres zeichnet sich ab, etwas, das die ganze Welt verändern kann …

Liebevolles Spiel mit bekannten Charakteren in einer interessanten Umgebung

Der verlagsseitige Waschzettel verspricht dem Leser einen „einnehmend altmodischen Detektivroman“. Und wirklich hat der Autor erfolgreich im Repertoire des klassischen Detektivromans gewildert. Mit Werkatzy stellt er uns einen sehr sympathisch gezeichneten Schnüffler der alten Schule vor, der sämtliche gängigen Klischees erfüllt. Dass er zudem nicht eben auf den Kopf gefallen ist, dass er neben pointiert-sarkastischen Anmerkungen auch jede Menge Intuition sein Eigen nennt, hilft ihm nicht nur bei seinen Aufträgen sondern macht ihn auch für den Leser interessant. Durch seine neugierigen Augen erforschen wir den scheinbar so perfekten Staat mit seinen unsterblichen Bewohnern.

Wie meist, wenn man hinter die Fassade schaut, hat auch dieses Utopia seine Makel, gibt es Abgründe und Befindlichkeiten, die gerade die Lenker im Hintergrund umtreiben. Dass einer aus ihrer erleuchteten Garde ermordet wurde, scheint undenkbar.

Auf der Suche nach dem Motiv nimmt die futuristische Welt der Kalinianer immer deutlicher Kontur an. Gespickt mit faszinierenden Einfällen gelingt es dem Autor trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Kürze des Romans, dem Leser ein eindringliches Bild einer Kultur zu vermitteln, die gefangen ist in ihrer Gleichförmigkeit und ihrer steril wirkenden Umgebung. Kreativität, Gefühle, Spontanität bleiben auf der Strecke, statt dessen herrscht Einförmigkeit. – Bitte mehr davon!

(Carsten Kuhr, Oktober 2012)

Ihre Meinung zu »Radek Knapp: Reise nach Kalino«

Volker M. zu »Radek Knapp: Reise nach Kalino«16.12.2014
Julius Werkazy ist als Detektiv ein ziemlich kleines Licht. Umso mehr überrascht ihn sein neuer Auftraggeber: Osmos, der unermesslich reiche Gründer von Kalino, einer seit 30 Jahren hermetisch abgeschotteten Siedlung, über die kaum etwas bekannt ist. Werkazy wird der erste Außenstehende sein, der Kalino besuchen darf, und was er zu sehen bekommt, verschlägt ihm den Atem. In Kalino züchtet Osmos eine Menschenrasse, die über ungeheure geistige und körperliche Kräfte verfügt und dabei noch blendend aussieht. Ein geradezu perfektes Utopia, in dem die Menschen friedlich und ewig jung ein Leben ohne Sorgen führen. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Denn Osmos hat ein Problem: Einer seiner wichtigsten Mitarbeiter wurde ermordet. Aber von wem? Sind die Kalinianer doch nicht so friedfertig, wie behauptet? Oder steckt ein noch viel dunkleres Geheimnis dahinter? Und warum eigentlich hat Osmos den erfolglosen Detektiv Werkazy engagiert?

Radek Knapp erschafft in seinem Roman eine faszinierend fremde Welt, hochtechnisiert und utopisch, oberflächlich strahlend aber unter der Oberfläche gnadenlos autoritär und menschenverachtend. Seine Einfälle sind brillant, manchmal beklemmend und trotz aller Phantasie erstaunlich realistisch. Knapps Ideen haben immer ein solides wissenschaftliches Fundament. Eine futuristische Technologie dieser Art ist durchaus denkbar.

Die Geschichte ist bis zum Schluss spannend, wenngleich die eigentliche Pointe irgendwann vorhersehbar wird. Leider nimmt die Handlung danach eine etwas unlogische Wendung und der Schurke wird wieder einmal überwunden, weil er seinem Opfer lang und breit seine Motive erklärt, anstatt es zügig zu erledigen. Das etwas konventionelle Ende steht damit leider im Kontrast zur feingestrickten, brillant erdachten Konstruktion von Kalino. Bis dahin (und das sind immerhin 3/4 des Buches) ist die Story allerdings hochgradig fesselnd und strotzt geradezu vor kreativen Ideen.

Markus Boysen liest routiniert, aber manchmal mit etwas stockender Phrasierung und das nicht nur, wenn er die androidenhaften Kalinianer sprechen lässt. Das wirkt oft so, als läse er den Text gerade zum ersten Mal und tastete sich noch ein wenig hindurch. Als Vielhörer ist mir das eher unangenehm aufgefallen.

Insgesamt ist die Geschichte ein wunderbarer SciFi-Krimi mit fabelhaften Einfällen und schillernden Charakteren. Hoffentlich wird unsere schöne neue Welt nicht auch irgendwann so glatt und faltenlos wie Kalino.
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