Der verbotene Schlüssel von Ralf Isau

Buchvorstellungund Rezension

Der verbotene Schlüssel von Ralf Isau

Originalausgabe erschienen 2010, 508 Seiten.ISBN 3-570-13834-8.

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In Kürze:

»Manche Dinge bleiben besser für immer unentdeckt.« Nur kurz denkt die 14-jährige Sophia an diesen Rat, als sie das Erbe ihres geheimnisvollen Großvaters annimmt: Der alte Mann, den sie nie selbst gekannt hat, vermacht ihr eine komplexe kleine Maschine, die wie ein Uhrwerk voller Zahnrädchen und Halbkugeln aussieht. Und dazu einen Schlüssel – vor dem ein Brief des Großvaters eindringlich warnt. Der verbotene Schlüssel – Sophia kann ihm nicht widerstehen: Sie zieht das Uhrwerk auf und findet sich in einem bizarren, gefährlichen Reich wieder. Mekanis, das perfekte, gefühllose Land, erwacht durch sie zu neuem Leben. Und Sophia ist keineswegs allein: Theo, ein ebenso rätselhafter wie anziehender Junge, ist seit Jahrhunderten in dieser Welt gefangen. Und der dunkle Herrscher des fremden Reichs lauert mindestens ebenso lange auf die unheilvolle Chance, die Sophia ihm jetzt eröffnet.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Willkommen in einer Welt, die nicht rund läuft“63

Fantasy-Rezension von Verena Wolf

Ralf Isau ist ein fantastischer Vielschreiber. Und er liebt es – zur Freude der Leser – gekonnt (historische) Fakten und Fiktion zu neuer Fantasy zusammen zu schmieden. Hier hat er sich als großes Thema Zeit, Uhren und Mechanik geschnappt. Die Natur der Zeit ist ein dankbares, vielschichtiges Thema, eine Parallelwelt birgt per se unendliche Möglichkeiten. Das reichert Isau mit dem Mythos Atlantis an und stellt ins Zentrum seiner Geschichte ein antikes Kleinod: ein Fabergé-Ei, das ein komplexes Universum in Form einer Uhr verbirgt. Die Zutaten stimmen. Was macht Isau also daraus?

Wilde Verfolgungsjagden und Wechsel zwischen zwei Welten

Was Sophia erst nach und nach herausfindet: sobald der geheimnisvolle Mechanismus läuft, kann die mechanische Welt Mekanis aus dem Ei schlüpfen und die Menschenwelt wird in das Ei gesogen und erstarrt. Aber das in Gang gesetzte Uhrwerk läuft nicht mehr fehlerfrei, dementsprechend sitzt bei jedem Stocken abwechselnd die mechanische Welt im Ei fest oder die Menschenwelt wird dort hineingezogen und erstarrt, während Mekanis unsere Welt ersetzt. Aber Sophia und Theo, der ihr zur Seite steht und die Historie des Mechanismus am eigenen Leib erfahren hat, haben noch ein Problem. Der Herrscher von Mekanis namens Oros ist in die Menschenwelt geflüchtet. Dementsprechend muss Sophia ihn zuerst zurück in die mechanische Welt locken, dann die Menschenwelt befreien und Oros plus Mekanis im Ei festsetzen. Aber der Herrscher ist ihnen auf den Fersen und diesmal will er endgültig gewinnen. Sophia und Theo müssen viele Kämpfe und Verfolgungsjagden bestehen, während sie Freunde um sich scharren, um Oros zu bekämpfen.

Es ist ein fantastischer, sehr faszinierender Grundgedanke. Es schwingt vom Grundgerüst „Momo“ mit, genau so wie „Der goldene Kompass“ und recht viel „Der Herrscher von Oz“. Genug Stoff für eine faszinierend neue Geschichte. Aber leider bleibt sie ähnlich wie Mekanis etwas blutleer. Die Geschichte des Uhrwerks wird in langen Rückblenden von Theo erzählt. Da Theo aus seiner Perspektive schlichtweg kein allwissender Erzähler sein kann, hat Isau dazu erfunden, dass er, egal wie eingefroren er war, alles mitbekam, was in der Nähe des Eis passierte. Oder es wurde ihm erzählt. Das hakt wie eine Uhr mit Schluckauf. Leider beschränkt sich das Thema Zeit darauf, dass Oros durch sein Einmischen in unserer Welt die Kalender durcheinanderbrachte, da Tage fehlten, sobald die Menschenwelt im Lauf der Geschichte mal im Ei fest steckte. Auch der ewige Wechsel rein ins Ei, raus aus dem Ei ist zwar rasant, lässt aber das Potenzial der Geschichte zu bloßer Action verhungern. Es fehlen die liebevoll durchdachten, warmherzig klugen Details, die „Momo“, „Der goldene Kompass“ oder eben „Der Herrscher von Oz“ erst zu den großen Werken machten.

Mechanische Figuren

Schön erdacht ist die mechanische Welt wie z.B. die Insekten, die immer im Viereck laufen. Aber leider bleiben die menschlichen Hauptfiguren einen Tick zu leblos im Vergleich. Sophia muss den Tod ihrer Eltern und jetzt den ihres Großvaters verkraften. Dadurch ist sie als Vollwaise sehr reich, aber sehr einsam, wirkt aber in dem Buch seltsam unberührt davon. Es wird behauptet, dass sie das schlimm findet, aber nicht gezeigt. Dann verliebt sie sich in Theo. Auch mit dieser ersten großen Liebe geht sie gespenstisch souverän und abgeklärt um, als wäre sie keine Vierzehnjährige aus Fleisch und Blut, sondern ein Roboter. Auch Theo wirkt nicht sehr glaubwürdig. Er ist Jahrhunderte alt, auch wenn er jung aussieht, benimmt sich aber wie ein kindlicher Springinsfeld, der gutgelaunt Maschinen zum Leben erweckt und ansonsten Sophia kindlich anschmachtet. Das ist nicht stimmig. Da wirkt jede Kampfmaschine, die ihnen folgt, lebendiger und hat mehr Tiefe.

Insgesamt hat das Buch wirklich eine tolle Idee und man lernt viel über vergangene Epochen. Isau hat spürbar viel recherchiert und sein Wissen über Uhren, Mechanik und Gelehrte einfließen lassen. Aber das ist alles eine Spur zu sachlich und manchmal ein wenig langatmig. Natürlich sind die Bilder und die philosophischen Gedanken in Richtung: „Wie automatisiert ist eigentlich schon unsere eigene Welt“, geistreich und denkenswert, aber die Figuren und die Geschichte wuchsen nicht wirklich ans Herz. Das passt zwar zu dem Thema „Automatismus“ versus „echtes Leben“, aber die Begeisterung bleibt darum unauffällig wie das gleichförmige Ticken einer verlässlichen Uhr.

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