Späte Gäste von Ramsey Campbell

Buchvorstellungund Rezension

Späte Gäste von Ramsey Campbell

Originalausgabe erschienen 1982unter dem Titel „Dark Companions“,deutsche Ausgabe erstmals 1987, 320 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Irene Paetzold (13), Ingrid Herrmann (3), Regine Miosga (3).

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In Kürze:

19 Gruselgeschichten transportieren meisterhaft klassische Horrorthemen in die Gegenwart und decken dabei vom sehr ´körperlichen´ Gespenst bis zum Geist, der vor allem oder nur im Hirn seines Opfers lauert, das gesamte Spektrum der Phantastik ab: einfach grauenhaft – und das im uneingeschränkt positiven Sinn!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Leben ist qualvoll, Entkommen unmöglich“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

19 Gruselgeschichten transportieren meisterhaft klassische Horrorthemen in die Gegenwart:

 – Aus dem Kamin (The Chimney), S. 7-30: Was in der Weihnachtsnacht aus dem Kamin kriecht, schenkt einem unglücklichen Kind vor allem Albträume.

 – Die Ratten im Schacht (Down There), S. 31-48: Als die vom verrückt gestorbenen Hauseigentümer im Keller gehorteten Lebensmittel entsorgt sind, kommt hungrig zum Vorschein, was sich bisher von ihnen genährt hat.

 – Über der Welt (Above the World), S. 49-64: Frisch geschieden erfreut sich Knox seiner Freiheit, bis er auf einer Wanderung an seine unglücklich geendete Ex-Gattin und deren ´Lebens´-Partner gerät.

 – Napier Court (Napier Court), S. 65--86: Im Fieberwahn wähnt sich die junge Frau nicht allein im Haus; sie erfährt sehr rasch, wie recht sie hat.

 – Nachdruck verboten (Out of Copyright), S. 87-96: Der geizige Verleger hat sich nie um Druckrechte gekümmert, weshalb ein lange toter Autor seine Sache selbst in die Klauenhand nimmt.

 – Mörderische Träume (The Depths), S. 97-126: Seine scheußlichen Albträume werden real, bis die Realität diesen Fehler und seinen Verursacher radikal tilgt.

 – Der Untermieter (Vacant Possesion), S. 127-133: Die böse Hexe hat ihn versklavt, aber es kommt ein Tag, an dem sie unachtsam ist.

 – Eine leise Stimme (The Little Voice), S. 135-159: Einst hat sie einen Fehler begangen – und der verfolgt sie jetzt und treibt sie in den Wahnsinn.

 – Die Erholung (Drawing In), S. 161-171: Dass sein Vermieter Spinnen sammelt, missfällt dem Feriengast sehr, und das Exemplar aus Transsylvanien gibt ihm den Rest.

 – Grober Unfug (The Trick), S. 173-193: Die böse Hexe unterschätzt ihre kleinen Widersacherinnen, aber auch diese müssen lernen, dass nicht jeder Sieg vollkommen ist.

 – Nicht den Kopf verlieren! (Heading Home), S. 195-201: Der verrückte Wissenschaftler gedenkt nicht, den Mord an seiner Person auf sich beruhen zu lassen.

 – Die letzte Vorstellung (The Show Goes On), S. 203-219: Zu spät erinnert sich Lee daran, wieso er in dem alten Kino einst Todesängste ausstand.

 – Wer mit den Wölfen heult! (The Change), S. 221-237: In das Thema seines neuen Grusel-Romans hat sich Don deutlich zu intensiv eingearbeitet.

 – Neujahrsgrüße (Calling Card), S. 239-246: Ihm wurde übel mitgespielt, doch da er nie der Hellste war, kommt er erst nach seinem Tod dazu, sich zu rächen.

 – Baby (Baby), S. 247-270: Die exzentrische Alte führe ihr Vermögen in einem alten Kinderwagen bei sich, heißt es; Dutton findet heraus, was wirklich dort nistet.

 – Die Verwandlung (Conversion), S. 271-276: Der rachedurstige Schwager wird von Graf Dracula nicht nur über den Tisch gezogen.

 – Mackintosh Willy (Mackintosh Willy), S. 277-298: Der von den Kindern gefürchtete Tramp ist tot, was ihn keineswegs sanftmütiger gestimmt hat.

 – Ruf doch mal an! (Call First), S. 299-306: Zu seinem Unglück findet Ned heraus, wie der alten Hexenmeister sein Haus gegen Einbrecher schützt.

 – Der Begleiter (The Companion), S. 307-320: Stone liebt Rummelplätze, doch um diesen hätte er einen großen Bogen schlagen sollen.

Unglück und Grauen

Gruselgeschichten von Ramsey Campbell sind mit Vorsicht zu genießen. Sie gehen ans Gemüt, und man sollte nicht allzu viele davon hintereinander lesen. Dies zu beherzigen ist allerdings schwierig, weil dieser Mann ein Meister seines Faches ist und seit vielen Jahrzehnten sein Publikum in Angst & Schrecken zu versetzen versteht. Darin erschöpft sich sein Talent nicht. Selbst dort, wo er sehr handfesten Spuk entfesselt, macht Campbell deutlich, dass der in der Regel Schrecken von Menschen mitgestaltet wird.

Dabei erwischt es nicht unbedingt jene Zeitgenossen, die etwas klassisch Böses getan haben. In „Ruf doch mal an!“ packt der Hausgeist nicht den Hexenmeister, sondern den tumben Ned, der wenigstens einmal seinem langweiligen Job entkommen und nur seine Neugier befriedigen wollte. Auch der unglückliche Stone hat sich in „Der Begleiter“ nichts zu Schulden kommen lassen, dass sein grausiges Ende ´gerecht´ wirken ließe. Oft spürt man echtes Mitleid mit denen, die Campbell dem Grauen vorwirft, werden sie doch im bzw. vom Leben genug gebeutelt. Die einsame Lehrerin in „Eine leise Stimme“, die unterdrückte Tochter in „Napier Court“ oder der Säufer Dutton in „Baby“ sind bereits Opfer, bevor der Schrecken in ihre Leben tritt.

Die Schrecken des Alltags

Faktisch ist es dieser Zustand des Unglücks, der Campbells Figuren empfänglich für die Besucher aus dem Jenseits macht. In langen, quälend überzeugenden Sequenzen stellt der Verfasser Menschen dar, die an den Rand der Gesellschaft geraten sind und nun endgültig über die Kante stürzen. Einsam kann man auch in der Ehe („Wer mit den Wölfen heult“) oder in der Familie („Aus dem Kamin“) sein. Campbells Protagonisten sind in einer grauen Alltagswelt gefangen. Sie schuften freudlos in schlecht bezahlten Jobs, hausen in ungemütlichen Wohnungen oder Häusern, die niemals Heim sind, leben anonym in den hässlichen Vierteln ohnehin kalter, gleichgültiger Großstädte. Furcht und Misstrauen bestimmt diese Karikatur einer ´Gemeinschaft´. Nicht einmal die Jugend ist unschuldig („Mackintosh Willy“) oder vor dem Verderben gefeit („Grober Unfug“).

Allmählich können diese Menschen ihre Niedergeschlagenheit nicht mehr vor sich bemänteln. Der Schutzpanzer bekommt Risse, das Leben gerät aus der Bahn. Nur verdrängte, nie verarbeitete Demütigungen und Ängste, aber auch unerfüllte Triebe und unterdrückte Lüste brechen neu und stärker denn je auf. Aus Einsamkeit wird Paranoia, das Leben degeneriert zum endlosen Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Die Opfer werden zur Gefahr: für sich und für ihre Umwelt. Nicht immer ist ein ´echtes´ Monster erforderlich. Diese Figuren erschaffen ihre Monster selbst („Grober Unfug“, „Baby“, „Mackintosh Willy“). Mit dem ihm eigenen, sehr zynisch gefärbten Sinn für Ironie gestaltet Campbell das tragische Ende doppelt schaurig: Das eingebildete Grauen entpuppt sich plötzlich als real.

Die weiter oben erwähnte ´Gefahr´ lässt sich in die Frage fassen, ob der Leser für die Stimmungen absoluter Hoffnungslosigkeit empfänglich ist, die Campbell mit diabolischem Geschick zu beschwören weiß. Dunkelheit, Kälte, Feuchtigkeit, Schmutz, Verfall, Krankheit: Nicht nur das eigene Hirn, sondern auch die Natur scheint mit dem Grauen zusammenzuarbeiten. Wenn die Sonne ausnahmsweise hell am Himmel steht, sorgt sie nicht für Wärme und Behaglichkeit, sondern dörrt und blendet. Systematisch versperrt Campbell seinen Figuren jeden möglichen Ausweg. Dies zu beobachten, lässt den Leser zusätzlich schaudern.

Ein Unglück kommt niemals allein

Einen ´Sinn´ muss das Geschehen nicht zwangsläufig ergeben. Was dem Wanderer Knox in „Über der Welt“ tatsächlich zustößt, ist ebenso rätselhaft wie das Ende von „Die letzte Vorstellung“. Die „Ratten im Schacht“ sind natürlich keine Nagetiere, und die Visionen, die den unglücklichen Knaben in „Aus dem Kamin“ plagen, sind nur Schrecken, weil sich ihre Warnungen nicht erschließen.

Wenigstens manchmal gönnt uns Campbell einen Lichtblick, weil der Schrecken jene fällt, denen wir ihr Schicksal gönnen. Dem arroganten Verleger in „Nachdruck verboten“ einen toten Autor auf den Hals zu hetzen, dürfte dem Schriftsteller-Profi Campbell, der in dieser Hinsicht seine eigenen Erfahrungen machten musste, persönliches Vergnügen bereitet haben. Auch die Hexe in „Der Untermieter“ hat ihr Ende selbst herausgefordert; das Böse lässt sich vielleicht unterdrücken, aber es wartet geduldig auf jenen Moment der Schwäche, der nur allzu menschlich ist und auch für den Schurken kommen wird …Wie Campbell in „Nicht den Kopf verlieren!“ eindrucksvoll belegt, ist dieses Risiko immer aktuell, denn das scheinbar wehrlose Opfer kann mit einem gänzlich unerwarteten Trumpf aufwarten.

In diesen Geschichten stellt Campbell klar, dass nicht nur H. P. Lovecraft (1890-1937) sein großes Vorbild ist. Der stille, rabenschwarze Humor und die unendliche Rachsucht seiner Spukgestalten zeigt ihn auch als modernen Meister der „ghost story“ im Stil von Montague Rhodes James (1862-1936). Die bemerkenswert effektvolle Darstellung von Angst und Bedrohung erinnert an Algernon Blackwood (1869-1951). Lovecraft, James und Blackwood können zufrieden sein. In Ramsey Campbell haben sie nicht nur einen talentierten Epigonen, sondern einen Nachfolger mit eigener, klarer, furchterregender Stimme gefunden.

Anmerkung:

Verzichten muss der deutsche Leser übrigens auf die Storys „The Man in the Underpass“ und „In the Bag“. Für die hierzulande erscheinende Ausgabe von „Dark Companions“ war verlagsseitig ein Höchstumfang von 320 Seiten festgelegt und die Einhaltung des kalkulierten Kostenrahmens wichtiger als eine vollständig übersetzte Sammlung – schließlich ging es nur um Horror …

(Dr. Michael Drewniok, August 2012)

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