Steif vor Angst von Ramsey Campbell

Buchvorstellungund Rezension

Steif vor Angst von Ramsey Campbell

Originalausgabe erschienen 1986unter dem Titel „Scared Stiff: Tales of Sex and Death“,deutsche Ausgabe erstmals 2002, 241 Seiten.ISBN 3924959587.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Eros und Thanatos, die Liebe und der Tod, haben seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte Maler und Schriftsteller in ihren Bann gezogen. Die Geschichte vom Tod und der Jungfrau – wer kennt sie nicht in der einen oder anderen Form? Ramsey Campbell, der unbestrittene britische Großmeister der unheimlichen Literatur, präsentiert sieben Versionen in seinem eigenen unnachahmlichen Stil. Heiner Stiller ließ sich von den Geschichten zu sieben kongenialen farbigen Illustrationen inspirieren; das Vorwort schrieb Clive Barker.

Inhalt:

  • Vorwort von Clive Barker: Die nackten Gebeine
  • Puppen
    Dolls
  • Die andere Frau
    The Other Woman
  • Lilith
    Lilith’s
  • Die Verführerin
    The Seductress
  • Bühnen
    Stages
  • Lovemans Wiederkehr
    Loveman’s Comeback
  • Wonnemonat Mai
    Merry May

Das meint Phantastik-Couch.de: „Literarische Schäferstündchen mit dem Grauen im Nacken“94

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

Clive Barker stellt in seinem Vorwort zu „Steif vor Angst“ berechtigt fest, dass gerade die Horrorliteratur, – die wie kaum ein anderes Genre vom Tabubruch lebt -, das Thema Sex lange stiefmütterlich behandelte. Oder bestenfalls als billiges Mittel um den Leser bei der Stange zu halten. Sexualität ist Barkers Meinung nach oft das Gebiet des Pornografischen und Sentimentalen, aber nur selten das des Visionären. Dass das Leben, die Liebe und der Tod spannende Kontraste sind, weiss man schon seit der Antike. Der Barock hat diese Gegensätze erstmals blumig in Bilder und Worte gefasst. In einem memento mori sehen wir die schöne Jungfrau, mitten im Leben vom Tod umfangen. Denk ans Sterben! heisst die Botschaft und: Geniess das Leben!

Man fragt sich also ernsthaft, weshalb gerade Horrorschreiber das Erotische mit Handschuhen anfassen. Denn, dass man Sexualität durchaus zu einem Programm von Horror-Erzählungen machen kann, ohne dabei ins Schlüpfrig-Eindeutige zu geraten, beweist uns Ramsey Campbell mit „Scared Stiff: Tales of Sex and Death“.

Die erste Erzählung „Puppen“ spielt in einem englischen Dorf Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Anne Norton und ihr Mann John leben in einer gottesfürchtigen ländlichen Gemeinde. Und doch trifft sich ein guter Teil der braven Herde gerne bei Vollmond zu orgiastischen Ritualen. Dort geben sie sich ungehemmt ihrer Sexualität und letztlich dem Teufel hin. Klar, dass dieses bunte Treiben im grellen Kontrast zur Herrschaft Pfarrer Jenners steht, der im Dorf das puritanische Zepter schwingt und fürs schlechte Gewissen sorgt. Und auch John spielt eine besondere Rolle. Seine geschnitzten Puppen belegen all jene mit einem Fluch, die sich zu sehr in die Belange der Teufelsanbeter einmischen. Als die Disharmonie im Dorf immer grösser wird, läuft manches aus dem Ruder …

Ein Illustrator für Horrorbuchumschläge erlebt unverhofft eine kreative Phase. Wie in einem Rausch gelingt ihm plötzlich eine Serie von Titelbildern, die alle eine Unbekannte zeigen. „Die andere Frau“ ist sein neues Objekt der Begierde und auch das einer plötzlich erwachten Mordlust, denn auf immer wieder neue Weise befördert der Illustrator das Mädchen auf den Umschlägen ins Jenseits. Stagnierte zuvor seine Arbeit (als ihm noch seine Frau Modell stand), so erweist sich jetzt sein unbekanntes Modell als echte Obsession. Und auch seine angeschlagene Potenz erlebt im Ehebett einen neuen Höhenflug, bis sich die sexuellen Fantasien immer mehr der rohen Gewalt annähern.

Eine Liebespuppe im Schaufenster eines Geschäfts verdreht dem Protagonisten in „Lilith“ den Kopf. Kaum hat der beziehungs-frustrierte junge Mann das Ding erstanden, da erscheint ihm die Figur eigentümlich belebt. Ihr schöner, überhaupt nicht puppenhafter Körper verspricht ihm immer mehr die Erfüllung seiner Gelüste. Und auch den Umstand, dass die Puppe gesichtslos ist, empfindet er nicht länger als störend. Eher beflügelt es seine Vorstellung. Doch wie weit liegen Fantasie und Wahn auseinander? Kann er sich letztlich von seiner Obsession befreien?

In „Die Verführerin“ muss sich die etwas reizbare junge Autorin Betty den aufdringlichen Alastair vom Hals halten. Sie verschmäht ihn standhaft und erhält bald einen Brief Alastairs, der ihr droht, dass er Selbstmord beginge. Betty nimmt´s gelassen. Im Stadtpark trifft sie einen Mann, der etwa zwanzig Jahre älter ist als sie und der ihr zu interessanten Kontakten für ihr neues Buch verhilft. James erinnert Betty in vielerlei Hinsicht an ihren Vater. Er verspricht ihr Geborgenheit und schliesslich flüchtet sie sich ganz in seine Arme. Doch zunehmend wird Betty ihm auch sexuell hörig. Wird sie bald das Opfer ihrer eigenen Unsicherheit oder das von James undurchsichtigem Milieu?

Zu „Bühnen“ werden für den Kunststudenten Ray jene Orte, die er unter Drogeneinfluss erlebt. Man hat ihn gewarnt vor der unbekannten halluzinogenen Substanz, die ein Kollege per Zufall im Labor entdeckt hat. Doch Roy hat keine Bedenken und überlegt, ob die Droge tatsächlich einen Perspektivwechsel ermöglicht, ob es denkbar sei, dass er damit die Empfindungen fremder Leute am eigenen Leib erfahren kann. Während er ein paar der Kügelchen schluckt, erlebt er den Sexualakt eines Pärchens im gegenüberliegenden Haus nicht etwa als Voyeur, sondern als sei er Teil des Liebespiels. Aber die Droge fordert spätestens dann ihren Preis, als sich Ray davon die Rettung seiner kaputten Beziehung mit Jane erhofft.

Seit dem Tod ihrer Eltern bringt eine junge Heroinabhängige einfach nichts mehr auf die Reihe. In „Lovemans Wiederkehr“ träumt sie jede Nacht davon, in einem Schuppen in der Nähe des Friedhofs einem Phantom zu Willen sein zu müssen. Verzweifelt versucht sie sich gegen diese Inbesitznahme zu wehren. Um dem Alptraum zu entfliehen, der sie jede Nacht in den Schuppen zwingt, nimmt die junge Frau eines Abends einen anderen Drogensüchtigen mit sich nachhause. Und sie hofft vergebens, dass sie die Nähe zu dem jungen Mann vor ihrem nächtlichen Peiniger bewahrt.

Einen orientierungslosen Musikprofessor verschlägt es im „Wonnemonat Mai“ für ein paar Tage aufs Land, wo er seiner Midlifecrisis zu entkommen hofft. Jack verspricht sich allerdings nicht allzu viel von der Zeitungsannonce, die ihm das Ende seiner Einsamkeit angekündigt hat. Erst als er bei seinen Gastgebern, netten Leuten vom Land, ankommt, entspannt er sich ein wenig. Die Leute, eine gewöhnliche Familie mit einer adretten Hausherrin, machen es ihm aber auch leicht. Trotzdem schleicht sich langsam das Unbehagen in Form von Jacks Bestimmung in das beschauliche Szenario ein. Die Dorfgemeinschaft steht kurz vor dem grossen Maifest. Und man überlässt niemand anderem als Jack die buchstäbliche Qual der Wahl, welches der aufreizenden jungen Mädchen die neue Maikönigin sein soll.

Subtile, traumartige und perfekt inszenierte Erzählungen

Campbell verarbeitet in seinen Stories nicht nur das poetische Thema vom Tod der schönen Frau, sondern er wirft gleichzeitig auch einen trennscharfen Blick auf unsere Alltagswelt. Drogenkonsumenten, Künstler und Normalos sind die tragischen Helden dieser Geschichten, sie alle entkommen nicht ihren eigenen Ängsten und Unvollkommenheiten. Aber auch die klassische (freudsche) Psychologie ist Thema. Die Protagonistin in „Die Verführerin“ könnte wohl als typisches Beispiel für den Elektra-Komplex genannt werden. Bei der Adaption der biblischen Legende von „Lilith“, der ersten und eigenwilligen Frau Adams, verfolgt Campbell gleichfalls einen zeitgenössischen Ansatz. Er entwirft nicht das Bild einer männerverschlingenden Dämonin, sondern das einer Puppe, die schlicht Opfer der Unmenschlichkeit wird und sich schliesslich holt, was ihr zusteht. Sprachlich kennt Campbell keine Scheu, die Instrumente der Lust zu benennen und geizt nicht, seine Stories mit sexuellen Attributen zu spicken. Allerorts schnellen pulsierende Penisse hervor oder es locken straffe Brüste und klaffende weibliche Geschlechtsteile. Trotz all dem lockenden Fleisch sind die Erzählungen äusserst subtil, und nie platt oder pornografisch. Ja man könnte sie fast „nur“ als schlechte Träume lesen. Das liegt dran, dass Campbell vieles andeutet und niemals alles zu Ende erklärt. Somit bleibt dem Leser viel Raum für eigene Ausschmückungen. „Steif vor Angst“ ist eine durchs Band überzeugende Sammlung düster-erotischer Erzählungen für den Nachttisch! Einzig der hohe Preis der schön gemachten limitierten Ausgabe bei der Edition Phantasia ist vorab ein kleiner Lusthemmer.

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