Sandman Slim. Höllendämmerung von Richard Kadrey

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Sandman Slim“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 336 Seiten.ISBN 3862520137.Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Kleinschmidt.

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In Kürze:

Früher war Stark der beste Magier von Los Angeles. Bis ein neidischer Konkurrent seine Freundin ermordet und ihn – im Wortsinn – zur Hölle schickt. Als Stark nach zehn Jahren die Flucht gelingt, kennt er nur ein Ziel: Rache. Und wer in der Unterwelt überlebt, ist eigentlich gegen jeden Gegner gewappnet. Doch neben Menschen, Engeln und Teufeln treibt noch eine weitere übermenschliche Spezies in L.A. ihr Unwesen, vor deren Macht und Bosheit alle Höllenfeuer verblassen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Magisches B-Movie made in Hollywood“70

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

Sandman Slim heisst eigentlich James Stark und ist der einzige Mensch, der je lebend in die Hölle kam und wieder zurückkehrte. Da leuchtet es ein, dass er ein bisschen was zu erzählen hat und darüber hinaus eine ziemlich Wut im Bauch verspürt. Wut auf seine angeblichen Freunde, die ihn damals verrieten und ihm eine Schar Dämonen auf den Hals hetzten. Obwohl Stark seine neu erlangte Freiheit durchaus geniessen könnte, will er nur eines: Rache nehmen an denen, die seine Höllenfahrt zu verantworten haben. Stark wurde damals leichtes Opfer einer Verschwörung um den ehrgeizigen Magier Mason Faim. Denn es kann, – wie so oft in der Welt zwischen zwei Buchdeckeln und auch im richtigen Leben -, nur ein paar wenige geben, die echte Macht besitzen. Und Mason Faim ist heute zweifellos einer der mächtigsten Magier in L.A. Ohne Umschweife macht sich Stark auf die Suche nach Mason. Das ist leichter gesagt als getan, denn der umgibt sich mit wirkungsvollen Schutzzaubern. Doch Stark bekommt bald Unterstützung von ein paar ´Verschwiegenen´, dem Doktor Kinski etwa (seines Zeichens Spezialist für esoterische Heilmethoden) und seiner bestialischen Praxisassistentin Candy, einem vampirähnlichen Wesen, das auf vegetarische Diät gesetzt wurde. Und da wäre auch noch Vidocq, der französische Alchemist, der durch einen ´erfolgreichen Unfall´ vor ein paar Jahrhunderten unsterblich geworden war und seither nach einem Gegenmittel sucht.

In der Welt von heute muss sich Stark erst mal orientieren. Seine Sitten sind verständlicherweise etwas verlottert vom verlängerten Urlaub im Keller der Schöpfung. Selber sieht er sich als ein dreissigjähriger Desperado auf dem geistigen und hormonellen Stand eines Neunzehnjährigen. Zehn Jahre in der Hölle haben aber nicht nur Narben, sondern auch mentale Spuren hinterlassen. Was Umgangsformen und Vertrautheit mit modernen Kommunikationsmethoden betrifft, besteht durchaus Nachholbedarf. Um das erstgenannte Manko kümmert sich Stark gar nicht, zweiteres behebt er, indem er seiner neuen Bekanntschaft aus der Videothek, Allegra, aufträgt, ihm ein BlackBerry zu besorgen. Was so harmlos beginnt, kommt schnell ins Fahrwasser eines süffigen Comic-Blockbusters. Und einmal mehr dämmert dem geneigten Leser auf den kommenden Seiten buchstäblich das Weltende entgegen. Etwa so locker-flockig und amerikanisch wie ein Donut mit Zuckerguss. Wir erfahren, dass die Menschheit seit Jahrtausenden unterwandert wird von Magiern, Vampiren, Zombies, Werwölfen und sogar von Angehörigen von Gottes Armee, den Engeln. Und doch gibt es scheinbar auch Geschöpfe, bei denen Gott nicht seine Finger im Spiel hatte und die eine dunkle Bedrohung für das ganze Universum darstellen. Die ´Kissi´ sind eine Art Anti-Engel, die angeblich besonderen Geschmack am Chaos finden. All diese Geschöpfe bewegen sich frei und unerkannt unter den dummgläubigen Menschen. Das mag unter anderem daran liegen, dass die (amerikanische) Regierung Organe gebildet hat, um das übernatürliche Treiben auf Erden zu kontrollieren und die Öffentlichkeit in Unwissenheit zu belassen.

Der ehrgeizige Magier Faim und seine Anhänger haben sich derweil kein geringeres Ziel gesetzt, als die Schleusen der Hölle zu öffnen, um herauszulassen, was für alle Ewigkeit unten bleiben sollte. Und der Flüchtling Stark stellt unfreiwillig den Schlüssel für dieses Unterfangen dar. Ihm ist vorerst aber nicht klar, was Mason bewirken will. Denn würde erst die Höllenbrut auf Erden wandeln, wäre es auch für einen Magier wie Faim nicht mehr so gemütlich. Ein Widerspruch, der dem Protagonisten zu denken (und zu schaffen) gibt. Wie es kommen muss, steht gerade niemand anderer zur Verfügung, um das irre Projekt der Magier zu verhindern. Und so ölt James Stark, alias Sandman Slim, der angeblich in direkter Linie von dem berühmten Revolverhelden Wild Bill (Hickok) abstammt, schon mal seine Kanonen und tränkt die Kugeln in Weihwasser. Wenn das kein Versprechen ist!

Süffige Unterhaltung ohne Anspruch

Cyberpunk-Pate William Gibson soll lobende Worte für „Höllendämmerung“ gefunden und es „ein süchtig machendes, hochamüsantes, dreckiges Meisterwerk“ genannt haben. Man müsste aber fairerweise anmerken, dass Gibson und Kadrey nicht in derselben Liga spielen. Das heisst aber nicht, dass die „Höllendämmerung“ keine positiven Seiten besitzt. Schraubt man erst mal seine Ansprüche herab, wie das auf dem Sofa mit einem zweitklassigen Actionmovie geschähe, ist die Geschichte um den höllischen Rächer Sandman Slim durchaus zu geniessen. Als erwähnenswert erweisen sich dabei die rotzigen Dialoge und die markigen Sprüche, die Stark in jeder Situation auf der Zunge hat. Ein paar der Figuren aus „Höllendämmerung“ könnten ohne viel Aufwand in passable Rollen eines Drehbuchs verwandelt werden (eine Verfilmung des Sandman Slim-Stoffes ist laut Klappentext schon in Planung). Doch bei aller Liebe zum Detail, die man den Figuren und Dialogen angedeihen liess, musste ich immer wieder feststellen, dass das schräge Weltbild, das Kadrey zeichnet, gar nicht mehr so erfrischend wirkt. Zu oft wurde ähnliches in ähnlichen Szenarien bemüht. Irgendwie ist das doch alles schon mal da gewesen. Braucht es also einen weiteren Roman mit den üblichen Verdächtigen: Magiern, Vampiren und Konsorten, die in einem übernatürlichen Plot aus Verschwörungstheorie, Untergangsszenario und Mythologie irgendwas mauscheln? Die Frage mag jeder für sich beantworten, ich selber wurde durchaus schon schlechter unterhalten. Der Plot von „Höllendämmerung“ scheint mir aber im Allgemeinen etwas zu konstruiert. Man merkt, dass sich Kadrey bei allen guten Einfällen sehr an einem starren Handlungsgerüst entlanghangelte, das dann leider auch die grossen Wendungen und Überraschungen vermissen lässt. Erst auf den letzten Seiten gibt es dann noch ein paar verblüffende (und notwendige) Erklärungen.

Der Roman könnte als Hommage an die vielen ´einsamer Rächer´-Geschichten gelesen werden und er schmückt seine durch Westernfilme geprägten Bilder und Motive durch witzige und ironische Ergänzungen des Erzählers aus. Das L.A. dieser Geschichte ist dabei ein interessanter Pool menschlicher Dekadenz. Da sieht man es gerne, wenn einer wie Sandman Slim mal ein bisschen aufräumt: Nazis verprügeln, teure Luxuskarren klauen, Koksdealer ausrauben: alles, was das Leserherz begehrt, vollbringt (und erzählt uns) Sandman Slim im Plauderton, frisch von der Leber weg. Stark markiert zwar immerzu den harten Typen, ist aber letztlich ein verkappter Narzisst, der sich ständig Sorgen macht, wie blöd er in angekokelten Werbe-T-Shirts nur wieder aussieht. Er bezeichnet sich selber als „Magier“ in ironischer Abgrenzung zum „Zauberer“ Harry Potter. Und die Hölle war sein bester Lehrmeister. Dort hatte sich Stark nämlich seine Brötchen verdient, indem er in einer Kampfarena gegen allerlei (andere) Monster antrat und durch Kampfgeist sogar die Gunst eines der grossen Höllengeneräle errang. Kein geringerer als Azazel ernannte Stark darauf hin zu seinem persönlichen Meuchelmörder. Später gelang es Stark, seinen Chef zu töten und sich drei wichtige Artefakte anzueignen, wovon ihm eines (ein magischer Schlüssel), erlaubte, aus der Hölle wieder zurück an die Oberfläche zu gelangen. Und doch ist es keine eigentliche Flucht und auch keine Rückkehr nachhause, denn Starks grosse Liebe, Alice, wurde kurz nach seinem Verschwinden von Masons Leuten ermordet. Wo könnte dieser Held also hin, wenn ihm kein Ort auf Erden geblieben ist? Für Sandman Slim spielt es daher keine Rolle, ob er nun Monster in der Hölle oder oben auf der Erde ins Jenseits pustet.

Wer also wie Stark im lockeren Umgang mit kindlichen Glaubensvorstellungen an Himmel und Hölle und den Gewaltfantasien eines Quentin Tarantino-Films klarkommt, ist mit dieser Geschichte bestens bedient. „Sandman Slim: Höllendämmerung“ ist aber in erster Linie viel verpuffte Energie, wie so manches Produkt aus Hollywood.

Ihre Meinung zu »Richard Kadrey: Sandman Slim. Höllendämmerung«

RedMax zu »Richard Kadrey: Sandman Slim. Höllendämmerung«03.08.2011
Das Buch war wirklich super zu lesen und ich war auch ruck-zuck damit fertig. Freue mich schon auf die 2 weiteren Teile (wobei Teil 3 erst im Herbst erscheinen wird). Da das Buch leider nicht für EBook Reader auf Deutsch erhältlich war habe ich es im Original gelesen und hatte weniger Probleme wie ich angenommen hatte.
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