Echoes von Richard Matheson

Buchvorstellungund Rezension

Echoes von Richard Matheson

Originalausgabe erschienen 1958unter dem Titel „A Stir of Echoes“,deutsche Ausgabe erstmals 2000, 253 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Bettina Zeller.

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In Kürze:

Die Wallaces sind eine ganz normale amerikanische Familie – bis der junge Vater Tom sich zum Spaß hypnotisieren läßt. Fortan lassen düstere Visionen Tom nicht mehr zur Ruhe kommen, die Grenzen zwischen Realität und Albtraum verschwimmen.

Das meint phantastik-couch.de: „Geister wissen auch nicht alles!“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Es beginnt als Spiel unter Nachbarn und Freunden, die eine lahme Party in Gang bringen möchten: Tom Wallace, Mitarbeiter einer Werbeagentur, erklärt sich bereit, das Versuchskaninchen für Philip, den jüngeren Bruder seiner Ehefrau Anne, zu spielen. Der junge Psychologiestudent möchte seinen Schwager hypnotisieren. Wider Erwarten gelingt das Experiment, und Tom macht sich zur Belustigung der Gäste durch allerlei suggerierte Mätzchen lächerlich.

Doch als Hypnose hat ein Fenster in Toms Geist aufgestoßen, das sich dort schon befand aber bisher geschlossen blieb. Tom entwickelt sich zum Gedankenleser, was nicht nur Anne oder Söhnchen Richard missfällt, denn wer möchte schon wissen, was seine Mitmenschen wirklich denken?

Als die Gedankenleserei in echtes Hellsehen umschlägt, beginnt für Tom ein endloser Albtraum. Des Nachts erscheint ihm der Geist einer Frau, der in ihm das lange ersehnte Instrument sieht, zu Lebzeiten erlittenes Unrecht zu sühnen. Weil die Verbindung zwischen Jenseits und Diesseits traditionell schlecht ist, versteht Tom nicht, was von ihm verlangt wird.

Wer ist oder war die Unbekannte, die ihn quält? Es könnte sich um Helen Driscoll, Harry Sentas= Schwägerin, handeln, die vor den Wallaces in ihrem Haus gewohnt hat. Aber ist Helen nicht vor über einem Jahr in den Osten gezogen? Seltsam, dass niemand sie seither gesehen hat; nicht einmal die eigene Schwester. In Tom steigt ein Verdacht auf. Trotzdem muss er die Erfahrung machen, dass auch ein hellsichtiger Amateur-Detektiv auf Abwege geraten kann, denn wieso glaubt bloß alle Welt, dass der Tod den Menschen schlauer werden lässt ...?

Das zweite Leben eines Klassikers

„;Echoes“: eines echtes Genre-Schmuckstück, das wir Freunde des Unheimlichen hierzulande womöglich nie in Übersetzung vor die Augen bekommen hätten, wäre nicht in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts ein Hollywood-Regisseur namens David Koepp (den Namen müssen wir uns nicht merken) ausgerechnet auf den vier Jahrzehnte alten, halb vergessenen Gruselthriller des Schriftsteller-Veteranen Richard Matheson aufmerksam geworden. 1999 setzte Koepp, der die Vorlage höchstpersönlich in ein Drehbuch umgegossen hatte, den gleichnamigen Film als B-Movie mit mittelgroßem Budget und ebensolchen Schauspielern in Szene. Ersteres machte keine Schwierigkeiten, weil sich dieser Horror hauptsächlich im Kopf abspielt (was teure Spezialeffekte überflüssig werden lässt), und letzteres fiel nicht weiter auf, obwohl außer Keven „;Hollow Man“ Bacon wirklich nur No-Names mitwirken, die ihren Job aber ordentlich leisteten.

Problematischer waren da schon Koepps Bemühungen, die Geschichte zu ‚modernisieren‘. Keine gute Idee, wenn der Ehrgeiz das Talent deutlich übersteigt. „;Stir of Echoes“ fiel an den Kinokassen ziemlich durch. Geplant war aber mindestens ein kleiner Blockbuster, wie der flankierende PR-Rummel deutlich macht. So verdanken wir ausgerechnet den Werbefuzzies die Neuveröffentlichung des Original-Romans. Dafür dürfen wir sie, die wir sonst mit Fußtritten von unserer Türschwelle vertreiben müssen, immerhin preisen!

Wieso guter Horror zeitlos ist

„;Echoes“, das Buch, hat sich jedenfalls erstaunlich gut gehalten. Es ist schwer zu sagen, ob dies so ist, weil Richard Matheson es womöglich überarbeitete, bevor es damals neu aufgelegt wurde. Wenn man sein Werk kennt, wird dieser Verdacht allerdings schwächer. Matheson hat es stets verstanden, als Horror- wie als Science Fiction-Autor das phantastische Genre und sein Publikum sehr ernst zu nehmen. Seine Romane und Kurzgeschichten haben Herz, nicht nur die minderen Eingeweide, seine Figuren leben und erwecken Anteilnahme, statt nur der nächste Posten auf der Speisekarte des Monsters der Stunde zu sein.

Wenn er dann kommt, der echte Horror, dann wurde er gut vorbereitet und wird dosiert eingesetzt. „;Echoes“ ist nie die bis zum Überdruss ausgewalzte Schauermär vom rächenden Gespenst, das seine Peiniger züchtigt und dabei möglichst blutrote Sauereien anrichtet. Geister sind außerdem weder allmächtig noch allwissend; Mathesons Kunst zeigt sich weiterhin daran, dass sein Gespenst sichtlich derselben amerikanischen Vorstadt-Mittelklasse angehört wie die (noch) lebendigen Figuren.

Die kleine Welt des bürgerlichen, hart arbeitenden und wacker konsumierenden Mittelstandes bildet nicht nur einen Eckpfeiler, sondern wahrscheinlich das Fundament des US-amerikanischen Selbstverständnisses. Matheson lässt seine Geschichte in derselben Umgebung spielen, die der frühe Steven Spielberg immer wieder verherrlicht hat. Wohl nicht von ungefähr kommt einem sehr schnell „;Poltergeist“ in den Sinn, der 1981 etwa dieselbe Story wie „;Echoes“ erzählte: Richard Mathesons Name hat einen sehr guten Klang in der Unterhaltungsindustrie.

Der Riss im System als wahrer Schrecken

Wie so oft wurde und wird das Original von den Epigonen gern verwässert und publikumskonform auf den größten gemeinsamen Nenner gebracht. „;Echoes“ singt beispielsweise keineswegs das notorisch-neurotische Loblied auf das patriotische Salz der Erde, und Tom und besonders seine Anne sind bestimmt nicht Rock Hudson und Doris Day. Von ihren Nachbarn und angeblichen Freunden kann man das erst recht nicht behaupten. Hier zerstört Matheson ebenso lustvoll wie gekonnt das Blendwerk der großen, glücklichen Freund-Familie, in der alle fröhlich beieinander sitzen, und zeichnet ein wesentlich realistischeres Bild. In Romanen des Horror-Genres, das nach Ansicht derer, die an ihm verdienten, angeblich den geistig schlichteren Naturen vorbehalten blieb, war das 1958 nicht gerade üblich.

Besonders die Figur der Anne ist vielschichtiger angelegt als man es zunächst bemerkt. Matheson scheint sogar mit ihrer Hilfe sacht aber sardonisch Kritik am American Way of Live Anno 1958 zu äußern. Anne, Hausfrau und Mutter (damals noch aus freien Stücken und nicht zwangsläufig Schandmal der Unterdrückung) und gerade wieder schwanger, ist die beste Ehefrau von allen, solange Tom ihre heile kleine Welt nach innen und außen zusammenhält. Als dieser dann ohne Verschulden psychisch aus der Bahn getragen wird, tritt Anne nicht an seine Seite, um ihm beizustehen. Statt dessen reagiert sie erst verständnislos, dann misstrauisch, und bald wird ihr Drängen immer energischer, Tom möge doch bitte einen Seelendoktor aufsuchen, der sicherlich mit ein paar Spritzen und Pillen dafür sorgen wird, dass ihr Mann, der Herr (und Hund) des Hauses umgehend wieder korrekt funktioniert.

Erst zum Finale hin ändert sich das, und siehe da: Der Wandel erscheint völlig logisch, wie Matheson ihn schildert. Anne fängt sich und treibt ihren Tom nicht mehr in unfreiwilliger Personalunion mit dem Geist in den Wahnsinn. (Wiederum interessant ist die Frage, ob dies schon 1958 so war oder für die überarbeitete Fassung geändert wurde.)

Gerade regelmäßige Grusel-Leser sollten auf jeden Fall zugreifen. Allzu oft erscheinen heutzutage qualitätvolle unheimliche Romane in Deutschland nicht mehr; jedenfalls nicht, wenn sie schon etwas älter sind, weil dem Zeitgeist „;alt“ und „;schlecht“ als Synonyme erscheinen.

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