Die Kinder der Nacht von Robert E. Howard

Buchvorstellungund Rezension

Die Kinder der Nacht von Robert E. Howard

Originalausgabe erschienen 2015deutsche Ausgabe erstmals 2015, 398 Seiten.ISBN 3865523188.Übersetzung ins Deutsche von Manfred Sanders, Klaus Schmitz u. Frank Festa.

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In Kürze:

14 Storys eines Meisters der klassischen „Pulp“-Phantastik und des Abenteuers; der unerhörte Schwung eines geborenen Geschichtenerzählers trägt über Logiklücken, Flachfiguren oder Inhaltsklischees mühelos hinweg und lässt vor den Leseraugen versunkene Welten und archaische Gräuel quicklebendig werden: Auch Band 5 der Howard-Edition bietet hohen Lektüregenuss!

Das meint phantastik-couch.de: Uralte Schrecken schlagen allgegenwärtig zu95

Fantasy-Rezension von Michael Drewniok

  • Die Kinder der Nacht (The Children of the Night; 1931), S. 7-27: Eine uralte Fehde zwischen vorzeitlichen Völkern überdauert den Tod und lebt in der Gegenwart wieder auf.
  • Schwarzes Canaan (Black Canaan; 1936), S. 28-71: In den Sümpfen Louisianas wollen ein Schwarzmagier und seine Hexenbraut mit dämonischer Unterstützung ein Reich des Bösen gründen.
  • Der Messingpfau (The Brazen Peacock; 1975), S. 72-96: Der Raub eines arabischen Heiligtums bringt dem Dieb keine Freude, da ihm sämtliche Mordschergen des Kultes auf den Fersen sind.
  • Die Götter von Bal-Sagoth (The Gods of Bal-Sagoth; 1931), S. 97-144: Nachdem ein Gäle und ein Sachse Schiffbruch auf einer von der Zeit vergessenen Insel erlitten haben, geraten sie in einen brutalen, auch mit Magie ausgefochtenen Streit um den Thron eines archaischen Stadtkönigreiches.
  • Der schwarze Stein (The Black Stone; 1931), S. 145-167: In einer abgelegenen Region des Balkans wird ein Forscher Zeuge höllischen Spukes einer furchtbaren Vergangenheit.
  • Das Haus zwischen den Eichen (The House in the Oaks; 1971 [mit August Derleth]), S. 168-191: Es wurde auf einer Grenze zwischen Raum und Zeit errichtet und gestattet denen, die es betreten, schnell bereute Blicke auf ferne, schreckliche Welten.
  • „For the Love of Barbara Allen“ („For the Love of Barbara Allen“; 1966), S. 192-201: Vor vielen Jahren verliebte sie sich in einen Mann, der in ihrer Todesstunde aus der Vergangenheit zu ihr zurückkehrt.
  • Der Schatz der Tartaren (Gold from Tartary/The Treasure of Tartary; 1935), S. 202-226: Der geplante Raubzug führt den Abenteurer Kirby O’Donnell in die Mitte eines Komplotts, das ganz Asien in einen mörderischen Krieg stürzen könnte.
  • Die Bewohner der Schwarzen Küste (People of the Black Coast; 1969), S. 227-239: Sie wollen den Überlebenden eines Flugzeugabsturzes töten, müssen aber feststellen, dass sie dessen Kampfkraft unterschätzt haben.
  • Herr der Toten (Lord of the Dead; 1978), S. 240-281: Tief unter der Stadt will Möchtegern-Dschingis-Khan Erlik das Mongolenreich wiedererstehen lassen, doch ein furchtloser Polizeibeamter kommt ihm auf die Schliche.
  • Garten der Furcht (The Garden of Fear; 1934), S. 282-302: Ein flüchtiges Liebespaar gerät in die Gewalt einer bösartigen Kreatur, die mit ihren Opfern wie die Katze mit der Maus ‚spielen’ möchte.
  • Namen im schwarzen Buch (Names in the Black Book; 1934), S. 303-348: Der „Herr der Toten“ kehrt zurück – und trifft abermals auf jenen Polizisten, der ihm bereits erfolgreich einen Strich durch die Rechnung machen konnte.
  • Im Wald von Villefère (In the Forest of Villefère; 1925), S. 349-353: Im verwunschenen Wald gerät der ahnungslose Wanderer an dessen größten Schrecken.
  • Der Graue Gott vergeht (The Twilight oft the Grey God/The Grey God Passes; 1962), S. 354-395: Eine Entscheidungsschlacht zwischen Wikingern und Gälen wird das Schicksal der alten nordischen Götter besiegeln.
  • Originaltitel- und Copyrightangaben, S. 397/98

Entschlossene Männer stellen sich uralten Schrecken

Auch der fünfte Band dieser „Festa“-Serie, die Kurzgeschichten von Robert E. Howard sammelt, bietet einerseits keinen wirklich repräsentativen Querschnitt durch das Werk dieses Mannes, der bis zu seinem frühen Tod immens produktiv war. Es fehlten u. a. Howards Western-Erzählungen, seine Sport-Storys oder seine (aus zeitgenössischer Sicht) ‚pornografischen’ Elaborate. Wie hierzulande üblich, stehen Howards fantastische Texte im Vordergrund. Sie spielen in diesseits wie jenseits des Atlantiks gleichermaßen farbenfrohen Niemandsländern und funktionieren auch ohne das Wissen um und die Bindung an US-lokale Realitäten.

Andererseits können die hier gesammelten 14 Storys durchaus den Schriftsteller Howard repräsentieren. Er bediente sich fixer Vorstellungsmuster, die sich durch sein Gesamtwerk ziehen und auch hier zum Tragen kommen. Stets stehen eisenharte Kerle im Zentrum des Geschehens. Sie sind primitive Barbaren, was nach Howard keine Abwertung, sondern ein Lob darstellt: Die Zivilisation hat die Menschen verweichlicht und degenerieren lassen, was einen moralischen Abstieg ausdrücklich einschließt. In „Der Messingpfau“ oder „Die Götter von Bal-Sagoth“ werden Städte – realiter Mittelpunkte der Entwicklung – zu Pfuhlen, deren Bewohner sich selbst ein Gefängnis geschaffen haben, das durch die Religion einen letzten, mörderischen Schliff erhält.

Organisierte Religion ist für Howard etwas Widernatürliches. Zwar verneint er die Existenz von „Göttern“ nicht, hebt diese jedoch keineswegs über den kosmischen Überlebenskampf. Als sich Odin nicht mehr gegen den Christengott halten kann, muss er ins Exil gehen und verschwindet damit aus dieser Welt („Der graue Gott verweht“). Bis es soweit ist, mischt er sich gar nicht scheu unter die Menschen, die ihn zwar fürchten, ansonsten aber ihren eigenen Angelegenheiten nachgehen: Götter sind potenziell gefährlich, doch für den Menschen zählt, was er auf Erden aus seinem Leben macht.

Schatten einer (kosmischen) Vergangenheit

Als Schriftsteller durchlief Howard kurze aber intensive Entwicklungsschübe. Sein Ehrgeiz wuchs mit seinen Fähigkeiten. Zu seinen Brieffreunden gehörte H. P. Lovecraft (1890-1937), der ihn – die Story „Das Haus zwischen den Eichen“ macht es deutlich – einerseits prägte, während sich Howard bald zu emanzipieren begann: Howards Protagonisten befällt im Angesicht des Grauens weder lähmende Furcht, noch werden sie gar ohnmächtig! Ebenfalls keine Option ist die Flucht, stattdessen folgt der frontale Angriff.

Howard faszinierte Lovecrafts (und Clark Ashton Smith') Vorstellung einer Historie, die jenseits niedergeschriebener oder archäologisch belegbarer Quellen in einer Vergangenheit wurzelte, in der Fakten und Fiktionen ineinander über- und aufgingen. „Garten der Furcht“ stellt ein gutes Beispiel dar. Die Geschichte spielt in einer Urzeit, in der die Menschen den Planeten mit Höhlenbären, Säbelzahntigern und Mammuts teilen. Daneben ist jedoch auch etwas präsent, das mit „Magie“ nur umschrieben werden kann. Die geflügelte Kreatur, aus deren Klauen Ur-Mann Hunwulf seine Maid befreit, ist nicht der im Horror-Genre obligatorische Dämon, der ins Jenseits zurückgetrieben werden muss, sondern der Überlebende einer noch älteren, untergegangenen, hoch entwickelten Kultur und damit ein ‚Zeuge’ für Howards Vorstellung einer (Menschheits-) Geschichte, die durch globale Katastrophen erst vernichtet und dann neu gestartet wird. Dabei bleiben Überlebende, die quasi aus der Zeit gefallen sind und aus der Gegenwart getilgt gehören: Howard schildert in „Die Kinder der Nacht“ oder „Die Bewohner der Schwarzen Küste“ drastisch, dass er dies wörtlich meint.

„Garten der Furcht“ gehört zu einer Serie von acht Kurzgeschichten, die sich um den texanischen Abenteurer James Allison ranken. Eine schwere Krankheit fesselt ihn ans Bett, doch sie schenkt ihm gleichzeitig die Fähigkeit, sich in frühere Leben zurückzuversetzen. Dieser Methode bedient sich Howard auch in „Der schwarze Stein“. Wirklich wichtig im Sinne einer plausiblen ‚Erklärung’ waren ihm solche Zeitreisen nicht. Sie führten seine Protagonisten dorthin, wo sie – siehe auch „‚For the Love of Barbara Allen'“ – das Schicksal erwartete: Reinkarnation war aus Howards Sicht ein ideales Transportmittel, zumal er an ‚traumhaft’ überliefertes Wissen glaubte.

Primat der Faust

Dass Howard auch als selbstständiger Geschäftsmann tüchtig (und schmerzfrei) war, belegt die Tatsache, dass es „Der graue Gott vergeht“ auch als Version ohne übernatürliche Elemente gibt. „Spears of Clontarf“ beschränkt sich auf Fakten, die Howard durch fiktive Figuren unterhaltsam aufbereitete: In der Schlacht von Clontarf, geführt am Karfreitag, dem 23. April 1014, trafen Brian Boru, gälisch-irischer Hochkönig, und Mael Mordha, König von Leinster, zusammen, wobei letzterer von wikingisch-skandinavischen Truppen von den Orkneys und aus Dublin unterstützt wurde. Angeblich traten 15000 Mann gegeneinander an, von denen zwei Drittel auf dem Schlachtfeld blieben. Hochkönig Brian fiel, doch die Gälen trugen den Sieg davon.

Diese Erzählung verliert ohne Phantastik viel von ihrer wagnerianischen Wucht. Howard erzählt durchaus komplex auf zwei Ebenen. Der Realität der Schlacht als Mittel der politischen Entscheidung stellt er das Ringen zwischen dem ‚heidnischen’ Odin und dem Christengott gegenüber. Odins Schicksal hängt von der Verehrung ab, die ihm gezollt wird. Als seine Anhänger tot auf dem Schlachtfeld liegen, hat Odin seinen Anker und seine Existenzberechtigung in dieser Welt verloren. Eine Zeitenwende findet statt, die Karten werden global neu gemischt.

Solche Mehrschichtigkeit geht jenen Storys ab, die Howard schrieb, um Geld zu verdienen. Gerade weil sie in der Gegenwart (der 1930er Jahre) spielen, wirken Garne wie „Herr der Toten“ – fortgesetzt in „Namen im schwarzen Buch“ – altmodisch. Hier (und erst recht in „Schwarzes Canaan“) zeichnen sich zeitgenössische Vorurteile ab, die gesellschaftlich zumindest von denen, die nicht darunter leiden mussten, akzeptiert und Teil des Alltags waren. In erster Linie betrifft dies die Voreingenommenheit gegen ‚minderwertige Rassen', zu denen u. a. Asiaten und dunkelhäutige Menschen gezählt wurden. Was in den Vergangenheiten, die Howard zeichnet, als Element einer archaischen Welt nicht so nachdrücklich hervorsticht (vgl. „Der Schatz der Tartaren“), stößt außerhalb dieses Spielfelds sauer auf. Dass Frauen sich bei Howard auf die Klischees hilfloses Opfer bzw. tückische Intrigantin beschränkten, dürfte vor allem modernen Leserinnen Langmut abfordern: Howard wusste es nicht besser.

Sonstige Schrecken

Ebenfalls stark gealtert sind Howards ‚echte’ Horrorgeschichten. Während man „Im Wald von Villefère“ als Versuch eines talentierten, aber unerfahrenen, gerade 19-jährigen Nachwuchs-Autoren beurteilen sollte, zeugen „Der Messingpfau“ oder „Der schwarze Stein“ primär von Routine. Dass Howard Horror ‚konnte', stellt er jenseits der hässlichen „Neger“-Klischees in „Schwarzes Canaan“ unter Beweis. Weniger der Plot sorgt für die Spannung, sondern die stimmungsvolle Schilderung einer voodoo-verwunschenen Sumpflandschaft und ihrer Bewohner, welche – hier spricht der ‚wahre’ Howard – tief mit einer Vergangenheit verwoben sind, die eigentlich tot sein müsste.

Der Autor fasziniert durch jene Energie, die seine (erstaunlich zahlreichen) ‚guten’ Erzählungen auszeichnet. Diese Kraft kann schwach sein, doch wirklich abwesend ist sie nie. Deshalb wird auch diese fünfte Sammlung klassischer Howard-Phantastik keineswegs nur (literatur-) historisch interessierten Lesern großes Vergnügen bereiten. Robert E. Howard Werk dürfte noch manchen Schatz beinhalten, der es wert ist gehoben zu werden. Die Howard-Edition des Festa-Verlags wird fortgesetzt – eine uneingeschränkt erfreuliche Tatsache!

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