Malevil von Robert Merle

Buchvorstellungund Rezension

Malevil von Robert Merle

Originalausgabe erschienen 1972unter dem Titel „Malevil“,deutsche Ausgabe erstmals 1975, 551 Seiten.ISBN 3-7466-1224-1.Übersetzung ins Deutsche von Eduard Zak.

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In Kürze:

Eine utopische Robinsonade. Im Schutze einer hohen Felswand gelegen, hat die mittelalterliche Burg Malevil die atomare Verwüstung der Erde überdauert. Ihre Bewohner haben für begrenzte Zeit noch Lebensmittel, etwas Vieh, Saatgut. Sie müssen sich der Bedrohung durch Plünderer und Söldnerbanden erwehren, und der Rückfall in eine durch Mangel bedingte Barbarei stellt ihr Überleben täglich aufs neue in Frage. Doch mit der dem Menschengeschlecht eigenen Unverdrossenheit und Energie wagen sie das Abenteuer eines neuen Anfangs.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Auf den großen Krieg folgen die kleinen Kriege“89

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

Der Grundbesitzer Emmanuel Comte hat im Alter von 35 Jahren die Burgruine Malevil gekauft und für den Tourismus saniert. Irgendwann im Jahr 1977 befindet sich Emmanuel mit seinen Freunden Meyssonnier, Peyssou, Colin, Thomas, seiner Haushälterin Menou und deren Sohn Momo im Weinkeller der Burg. Sie sprechen über die bevorstehende Bürgermeisterwahl im Ort Malejac, als der Dritte Weltkrieg zur atomaren Katastrophe wird.

Aufgrund der geschützten Lage der Burg überleben sie und ein paar Tiere. Vorräte für einen gewissen Zeitraum haben sie in den Lagerstätten. Als Bewohner eines benachbarten Bauernhofs die Stute Amarante stehlen wollen, zeigt sich, dass es noch andere Überlebende gibt. Emmanuel und Thomas folgen der Spur des Pferdes in den Nachbarort La Roque, wo der selbsternannte Bischof Fulbert eine Diktatur etabliert hat. Jaquet, der das Pferd gestohlen hat, soll zur Strafe eine Zeitlang auf Malevil arbeiten. Jaquets stumme Stiefschwester Miette und deren Großmutter, die Falvine, folgen ihm. Malevil und La Roque nehmen Handelsbeziehungen auf. Später fliehen Miettes Schwester Catie und die Waise Evelyne auf die Burg. Catie und Thomas verlieben sich ineinander und heiraten.
Emmanuel will die Herrschaft Fulberts beenden und den Menschen ihre Freiheit wiedergeben. Dies erweist sich jedoch als sehr schwierig, weil Fulbert sich mit Vilmain, der sich als ehemaliger Offizier der Fallschirmjäger ausgibt und eine schwer bewaffnete Bande um sich geschart hat, gegen Malevil wendet.

Das Böse und das Böse

Robert Merle hat seinen Roman 1972 geschrieben und die Handlung um wenige Jahre (1977-1979) in die Zukunft datiert. Wesentlich handelt es sich um einen Bericht des Erzählers Emmanuel, der die gegenwärtigen Ereignisse beschreibt und reflektiert, Rückblicke in die Vergangenheit sowie ein paar Briefe und kürzere Notizen enthält. Ein weiterer Erzähler ist Thomas. Dieser kommentiert den Bericht Emmanuels in Fußnoten und in Anmerkungen, die als eigenständige längere Abschnitte in den Bericht eingefügt sind.

Der Titel des Romans verbindet den französischen (mal) mit dem englischen (evil) Begriff für „böse“. Der Handlungsort ist eine Burg aus dem 13. Jahrhundert, gebaut von den Engländern, gelegen im Perigord, dem Zuhause der Helden aus Merles Reihe „Fortune de France“ (s. Histo-Couch). Im Rückblick Emmanuels auf das Jahr 1948 erfahren wir, dass es ihm als Ort des zeitweiligen Rückzugs von seinen Eltern diente. Die Rückblicke sind nicht einfach nur Erinnerungen an die Zeit nach der Apokalypse, sondern helfen auch, diese Zeit zu verstehen.

Warum ein guter Mensch sein, wenn es auch anders geht

Robert Merle gestaltet eine postapokalyptische Gesellschaft, in der die schlechtesten Seiten des Menschen die Oberhand gewinnen, wenn er nicht bewusst und ständig daran arbeitet, im positiven Sinne menschlich zu sein. Nicht jeder ist dieser Herausforderung an das Selbst gewachsen. Und von denen, die gut zu sein versuchen, scheitern viele. Der Ort des Bösen ist jedenfalls nicht die Welt oder eine andere abstrakte Größe, ist auch nicht ein konkreter Ort wie die Burg. Der Ort des Bösen ist in „Malevil“ der Mensch. Merle verhandelt diese Problematik in seinem Roman in vielfältiger Weise, lässt seine Figuren auch interessante Diskussionen über alttestamentarische Geschichten führen. Ist die grundlegende Logik, gewissermaßen die Blaupause für menschliche Interaktion, die Geschichte von Kain und Abel? Was ist mit der Zwangsläufigkeit, die das bekannte Mordergebnis und die Bestrafung herbeiführt? Wie ordnet sich das Massaker in diese Vorstellungswelt ein, das die Bewohner Malevils an Hungernden begehen?

Merle zeigt im Fortgang der Geschichte, wie wenige Menschen sich in einer Gemeinschaft einrichten und daran arbeiten, fair miteinander umzugehen. Emmanuel gibt gleich zu Beginn das Eigentum an Malevil auf, und damit auch gewisse Bestimmungsrechte, weil nach seiner Vorstellung in der kaputten Welt Eigentum keine Rolle mehr spielt. Gleichwohl erheben sich außerhalb der Burg unter den wenigen Überlebenden manche Menschen über die anderen, beginnen wieder, Macht zu erlangen und zu ihrem persönlichen Vorteil auszuüben, dies als Interesse der Gemeinschaft auszugeben – kurz: Politik zu machen.

Allerdings sind auch die Burgbewohner nicht ganz ohne. Schon früh in der neuen Situation haben sie festgestellt, dass sie keine Frau haben. Zwar ist die ältere Bedienstete Menou unter ihnen, aber deshalb wird auch schnell klar, was sie meinen. Mit Miette kommt bald ein sexuell attraktives Mädchen in die Burg. Miette wird von den Männern in der Burg gemeinschaftlich benutzt. Von Miette wird zwar gesagt, sie handle freiwillig, aber ein Kommentar von Thomas relativiert dies, weil daraus hervorgeht, dass sie geistig behindert ist, weshalb die Verantwortung für das Tun der Männer bei diesen allein liegt. Merle zeigt hier sehr eindrücklich, wie problematisch der eigene hehre Anspruch an menschliches Verhalten sich gestalten kann, wenn er mit dem Triebleben konfligiert. Später kommen andere Frauen auf die Burg, mit ihnen das Mädchen Evelyne, für das Emmanuel, zur teilweisen Irritation mancher seiner Freunde, schon erotische Gefühle in der Warteschleife entwickelt.

Wer in „Malevil“ nach den Grenzen der menschlichen Dummheit und Niedertracht suchen will, wird sich verirren. Der Kern dieses Satzes steht im Roman selbst auf S. 528. Wer aber etwas darüber erfahren will, warum dieser Planet auch seit den Leichenbergen und den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges keinen Tag ohne Krieg kennt, im Großen wie im Kleinen, der sollte Robert Merles „Malevil“ lesen, einen spannenden und intellektuell anspruchsvollen Endzeitroman.

(Almut Oetjen, Oktober 2011)

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