Die Schamanenbrücke von Robin Hobb

Buchvorstellungund Rezension

Die Schamanenbrücke von Robin Hobb

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „Shaman’s Crossing“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 670 Seiten.ISBN 3-453-53220-1.Übersetzung ins Deutsche von Joachim Pente.

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In Kürze:

Nevares Lebensweg ist vorgezeichnet. Als Zweitgeborener eines Edelmannes ist er dazu bestimmt, Soldat zu werden, wie sein Vater es einst war, bevor der König ihn für seine Tapferkeit mit dem Adelstitel und einem Stück Land im Osten belohnte – im Osten, wo einst die Flachländer ihre Heimat hatten, jene »wilden« nomadischen Ureinwohner, die in Einklang und Harmonie mit der Natur lebten, und deren uralte Zauberei wundersame Dinge vermochte. Doch gegen die übermächtige Technologie der westlichen Zivilisation standen sie auf verlorenem Posten – sie wurden zurückgedrängt in die tiefen, undurchdringlichen Wälder.

Aber die Zauberkunst der Flachländer – der »Fleck«, wie sie sich selbst nennen – lebt. Dewara, ein Kidona-Häuptling, von dem Nevare lernen soll, wie man in der Wildnis überleben kann, nutzt die Gelegenheit und bringt Nevare mit der Magie seines Volkes in Berührung.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Eine nicht ganz trittfeste Brücke“61

Fantasy-Rezension von Marcel Buelles

Als zweiter Sohn eines Edelmannes im Königreich Gernien ist Nevare Burvelle dazu auserkoren, Soldat zu werden. Das hohe Ziel seines Vaters ist ihn zu einem Kavallaoffizier ausbilden zu lassen. Die ersten achtzehn Jahre seines Lebens gibt es nichts anderes als die Vorbereitung, um an der Kavalla-Akademie in der Hauptstadt Alt-Thares studieren zu dürfen. Die wohl behüteten Jahre seiner Kindheit finden ihr abruptes Ende, als Nevare den Schikanen der Kadetten ausgesetzt ist, die zum alten Adel des Königreichs gehören und ihn als Mitglied der neuen Edlen vertreiben wollen. Was niemand weiß ist, dass Nevare von einem magischen Wesen besessen ist, dass die Niederlage des Volkes der Fleck gegen die Gernier wieder rückgängig machen will – und eine tödliche Seuche in der Hauptstadt ausbrechen lässt.

Robin Hobb hat sich eine packende Geschichte für ihre aktuelle Trilogie einfallen lassen. Sie ist seit vielen Jahren als Autorin epischer Fantasy bekannt und geschätzt, auch unter ihrem zweiten Pseudonym Megan Lindholm. Mit ihrem Weitseher-Zyklus hat sie sich im Lauf mehrerer Jahre und etlicher Bände einen Namen gemacht. Die Erwartungen an die neue Trilogie, „;The Soldier Son“, waren dementsprechend hoch, und der Erfolg schien ihr Recht zu geben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein deutscher Verlag zuschlagen und „;Shaman’s Crossing“ ins Deutsche übertragen würde. Trotz unzähliger positiver Rezensionen und den Vorschusslorbeeren im Huckepack ist der erste Band allerdings nur mit Vorsicht zu genießen. Die weitläufige Meinung, gerade unter etlichen Hobb-Fans, ist für Neueinsteiger nicht mit „;Soldier Son“ zu beginnen, sondern sich eher an Romanen aus dem Weitseher-Universum zu erfreuen.

Weniger scheint mehr

Knapp siebenhundert Seiten ist das Buch lang. Gut zweihundert Seiten lang widmet sich Hobb der Ausbildung Nevares in den östlichen Grenzgebieten, die der König den Flachländern und den Fleck in harten Kriegsjahren entrissen hat. Die Flachländer sind Nomaden mit magischen Kräften, die erst durch Schußwaffen mit Eisenkugeln besiegt werden konnten, die ihre Magie binden. Die Fleck sind Waldwesen, deren Magie für die Menschen Gerniens schlimmere Ausmaße hat: Sie entfesseln eine tödliche Seuche, die nur die Gernier dahinrafft. Nevare lernt bei einem der besiegten Flachländer die Traum- und Anderwelt dieser magischen Wesen kennen und wird von den Fleck zu einem der ihren gemacht, um als Verräter die Seuche nach Alt-Thares zu tragen – natürlich ohne dies zu wissen. Gut dreihundert Seiten lang beschreibt Hobb den militärischen Alltag in der Kavalla-Akademie, die die politischen und sozialen Begebenheiten und vor allem Machtkämpfe im Königreich widerspiegelt. Die restlichen Kapitel sind spannend und lassen auf den zweiten Band hoffen, wenn auch mit großer Skepsis.

Hobb macht ihren Protagonisten zum Ich-Erzähler. Alle Geschehnisse werden aus der Sicht Nevares vorgetragen, alle Schlussfolgerungen und Bewertungen entstammen seiner Gedankenwelt. Der Soldatensohn wurde sein gesamtes Leben lang militärischer Schulung unterzogen, seine Entschlüsse und sein Wertkatalog orientieren sich an seinem wohl behüteten, prinzipientreuen Zuhause. Fast sechshundert Seiten lang fragt sich Nevare, ob er seiner Aufgabe gerecht werden kann, ohne seiner Familie und dem Königreich Schande zu bereiten. Mehrfach werden diese Zweifel über seitelange Paragraphen hinweg breitgetreten und nach dem zwanzigsten Mal ist dem letzten Leser beim Wort „Soldatensohn“ klar, dass sein Schicksal das des „Zweitgeborenen“ ist, nämlich Offizier in der königlichen Kavalla zu werden, genau wie sein Vater – und nichts Anderes.

Obwohl die Erzählung viele Abenteuer für Nevare parat hält wie die Traum- und Anderwelt der Flachländer und Fleck, ihre Magie und ihm sogar ein Schuss Umweltbewusstsein abringt, als sein heimlicher Auftrag formuliert wird, die Wälder in den östlichen Grenzgebieten vor der Abholzung zu schützen, kann man ihn nur als bornierten und naiven Einfaltspinsel verstehen. Sein Wertkatalog ist so schlicht gehalten, dass es schwer fällt, ihm viele Sympathien entgegenzubringen, selbst wenn es Frauen zu schützen gilt, die als Heimchen an den Herd gehören. Widerspruchsloser Gehorsam gegenüber seinem höherrangigen Offizier ist Pflicht, Ehre das höchste Gut, niedere Rassen sind zu zivilisieren – und das zu ihrem eigenen Besten, denn sie wissen es eben nicht besser. Seine Gedankenwelt hat die Komplexität einer Dosenöffnergebrauchsanweisung.

Die Wiederholung ist ein Stilmittel, das durch Wiederholung an Nutzen verliert

Hobbs Schreibstil in diesem Band ist gewöhnungsbedürftig. Erwähnt wurden bereits die sehr langen Kapitel, die fast ins Penetrante reichende Wiederholung der rigiden, sozialen Strukturen Gerniens, die u. a. einem zweiten Sohn nur den Beruf des Soldaten ermöglichen, die Aneinanderreihung von Fragen, wenn Nevare wieder an sich selbst und an den Umständen im Land zweifelt. Ausufernde Landschaftsbeschreibungen sind Hobbs Hommage an den „;Herr der Ringe“, die aber ebenso wie die bereits aufgezählten Stilelemente nach der x-ten Wiederholung an Charme verlieren. Dies alles ist im Kontrast zu sehen zu wirklich interessanten Ansätzen, die oft wie zufällig eingestreut und wie Nebenprodukte des größeren Ziels wirken, fast siebenhundert Seiten schreiben zu können.

Hobb setzt ihre neue Fantasywelt zeitlich gegen Ende des irdischen 18. Jahrhunderts an und hatte vermutlich die später erfolgte Eroberung des Wilden Westens durch die Kavallerie der Vereinigten Staaten im Hinterkopf. Technologisch verlässt sie pseudo-mittelalterliche Verhältnisse mit Schußwaffen, weitreichender Artillerie und Abwasserrohren in der Hauptstadt, bleibt dem Genre aber mit der Ur-Magie der Flachländer und Fleck treu. Wenn sie auf den ersten zweihundert Seiten Nevare in die Traumwelt des Flachländers Dewara eintauchen lässt, wird man an die Traumwelten erinnert, die es bei den ursprünglichen Bewohnern Nordamerikas gab. Gerade für ein nordamerikanisches Publikum ist somit ein hoher Wiedererkennungswert anzunehmen, wie auch beim Mitteleuropäer, der von der keltisch-irischen Mythologie und ihren Geister- und Schattenwesen gehört hat. Nevares Aufenthalt an der Militärakademie steht in guter Tradition der 'boarding schools'- oder Internatsromane, die mit Harry Potter einen neuen Höhepunkt erlebt haben. Hobb lässt mit alledem erkennen, dass sie gut belesen ist und mit mutiger Hand Akzente in ihrer Erzählung zu setzen weiß. Aber in diesem Fall gilt klar: Weniger ist oft mehr.

Fazit

Es fällt schwer diesen ersten Band als Geheimtipp der modernen Fantasyliteratur zu bezeichnen, wenn nur ungefähr einhundertfünfzig Seiten spannend sind – und der Rest mit ruhigem Gewissen auf die Hälfte hätte zusammengestrichen werden können. Nevares Verhalten verwandelt sich zum Ende hin schlagartig, die Geschichte gewinnt plötzlich an Tempo, ein packender Cliffhanger läßt auf den zweiten Band neugierig werden. Wer sich bis zum Ende dieses Buchs vorgekämpft hat, wird vielleicht mit zwei weiteren, richtig guten Nachfolgern belohnt. Wenn Nevare mit Eisen die Magie seiner Feinde besiegen kann, kann der Leser vielleicht mit ein wenig Geduld das Gute in der Eröffnung der „;Soldier Son“-Trilogie erkennen.

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