Die Stunde des Abtrünnigen von Robin Hobb

Buchvorstellungund Rezension

Die Stunde des Abtrünnigen von Robin Hobb

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Renegade Magic“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 750 Seiten.ISBN 3-453-53221-X.Übersetzung ins Deutsche von Joachim Pente.

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In Kürze:

Zu Beginn des dritten und letzten Bandes ist Nevare, der Soldatensohn, ganz unten angekommen: Er wurde im Fort der Truppen des Königs zum Friedhofswächter degradiert und schließlich wegen Mordes und Leichenschändung zum Tod am Galgen verurteilt. Erst in letzter Minute gelingt ihm die Flucht in die Wälder,wo die Magie des Fleckvolkes im Verborgenen herrscht. Vermag Nevare nun das zerstörerische Abholzen der Wälder zu verhindern? Kann er dem Vordringen der Truppen Einhalt gebieten? Und geht er in dem gefährlichen Sog unter, den Lisana, die Baumfrau, auf ihn ausübt? Oder wird er aus der Bedrängnis gestärkt hervorgehen? Für Nevare, der große Schmach erlitten hat und qualvoll um seine Reifung zur Persönlichkeit ringen musste, beginnt eine neue Zeit der Freiheit.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die etwas andere Fantasy-Trilogie einer großen Autorin“80

Fantasy-Rezension von Carsten Kuhr

Zum dritten Mal leiden wir mit unserem Ich-Erzähler Nevare, dem zweiten Sohn eines zweiten Sohnes im gerianischen Königreich. Eigentlich sollte er als forscher, talentierter Offizier im Kavalleriekorps des Königs Karriere machen, die rosige Zukunft schien ihm gewiss. Dann aber suchte die tückische Seuche der Fleck auch ihn heim, und das Unheil nahm seinen Lauf. Zwar überlebte er im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden die magisch ausgelöste Erkrankung, doch seit dieser Zeit nahm er beständig zu. Sein Übergewicht führte zunächst zu Hänseleien, dann zur Beurlaubung und letztlich zur unehrenhaften Entlassung. Sein Vater verstieß ihn, seine Braut nahm vor ihm kreischend Reißaus, und das nur, weil sein Fleck-Ich im Fett die Magie des Waldes sammelte.

Der die Trilogie abschließende Roman beginnt damit, dass Nevare für die ihm fälschlich unterstellten Verbrechen der Leichenschändung, Mord und des Verrats zum Tode verurteilt wird. Mit Hilfe seiner ungewollten Gaben gelingt es ihm nicht nur dem Gefängnis zu entfliehen, sondern auch all seine Freunde glauben zu machen, dass er vom Mob totgeprügelt wurde. Sein Weg führt ihn in die heiligen Ahnenwälder der Fleck. Hier, an der Frontlinie, an der die moderne, technisch orientierte Zivilisation des Königreiches direkt auf die mit der Natur in Einklang lebenden Waldbewohner trifft, wird sich sein Schicksal und das der Welt entscheiden.

Die Magie und sein von seinem inneren Wesen abgetrenntes Fleck-Ich trachten danach, den Ansturm der Gerianer mit allen Mitteln zu stoppen. Ein friedliches Miteinander scheint nicht möglich zu sein. Im Verlauf der Wanderung zum Winterlager der Fleck lernt Nevare nicht nur sein Wesen und seine Bestimmung näher kennen, er wandelt sich auch innerlich wie äußerlich zum Fleck. Nur wenn es ihm gelingt, sein gespaltenes Ich wieder zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen, vermag er vielleicht die drohende Vernichtung eines der beiden Völker aufzuhalten …

Schmerz, Leiden und das Schicksal – kein Fitz, sondern eine geschundene Kreatur mit Nehmerqualitäten

Robin Hobb, der Name steht für eine der eigenwilligsten und überzeugendsten Fantasy-Zyklen der letzten Jahre. Die Chroniken um „Fitz, den Weitseher“ (dt. bei Bastei-Lübbe, Neuauflage bei Heyne) und die lebenden Schiffe des Bingtowner Regenwaldes (dt. bei Blanvalet) verknüpften eine ungewöhnlich dichte und detailreiche Weltenschöpfung mit einem überzeugenden politischen Entwurf. Dabei suchte und fand die Autorin immer wieder neue Wege abseits der gängigen Plots und auch ihrer eigenen Zyklen. Wer auf der Suche nach dem x-ten Aufguss einer Questensaga a la „Herr der Ringe“ oder einem Conan-Abklatsch war, der schaute sich erstaunt um. In ihren Romanen sucht man vergebens nach altbekannten Szenarien und klischeehaften Helden. Statt dessen setzte sie uns glaubwürdige Figuren vor, schuf Helden, die innerlich reiften, die in ihre Welt passten und weit abseits des Üblichen blieben.

So schaute der Freund anspruchsvoller Fantasy gespannt auf, als bekannt wurde, dass ihre neue Trilogie nicht bei einem der großen Taschenbuchverlage erscheinen würde, sondern sich Klett-Cotta die Rechte gesichert hatte. Und wie nicht anders zu erwarten, verblüffte die Autorin ihre Leser auch dieses Mal. Nevare, ein Held der bestimmt kein Strahlemann ist, der vom Schicksal gebeutelt durch die Handlung wankt, ohne recht zu begreifen, was ihm und mit ihm passiert, ist solch ein typischer Hobb’scher Protagonist. Durch die oftmals staunenden, dann wieder leidenden Augen des Ich-Erzählers erschließt uns die Autorin behutsam, fast zögerlich ihre Welt. Dass dabei die Eroberung und Vernichtung der Indianer durch die weißen Siedler Pate stand, ist offensichtlich. Daneben geht es aber auch um viele weitere Themen. Den Umgang mit der Natur, mit Ressourcen, der Kampf des technischen Fortschritts gegen innere Werte, Tradition und Begabungen, das Leben im Einklang mit unserer Umwelt, Eroberung und Auslöschung von Naturvölkern, die Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

Auffällig dabei, dass Hobb nie direkt wertet, sondern, dass sie den Leser fordert, sich selbst einzubringen, mitzudenken und das Bild aus den Mosaiksteinchen, die sie anbietet zusammenzusetzen. Dabei geht sie behutsam, fast zögerlich vor. Ihre Handlung entwickelt sich gemächlich, um es vornehm auszudrücken.

Das ist auch der große Unterschied zu den vorhergehenden Romanen der Autorin. Problemlos ließe sich die Handlung jedes der drei Nevare Bände auf ein Drittel des Umfanges kürzen. Doch wir würden dann nicht das Buch in Händen halten, die Erkenntnisse und Stimmungen vermittelt bekommen haben, wie es jetzt der Fall ist. Natürlich gibt es immer wieder Kulminationspunkte, in denen die Handlung dramatisch voranprescht, doch diese Momente sind rar und mit viel Überlegung platziert. Dazwischen bietet Hobb ihren Lesern einen faszinierenden und überzeugenden Einblick in die Kultur zweier Völker. Geschickt zeigt die Autorin dem Rezipienten die jeweilige Motivation beider Völker auf, doch die Entscheidung, welcher Weg der richtige ist, welche Lösung die moralischere ist, überlässt sie letztlich dem Leser.

Dazu gesellt sich das Bild einer einzelnen Person. Anhand von Nevare zeigt sie uns nicht nur ihre Welt, deren Zivilisationen und Probleme, sondern sie zeichnet auch das Bild einer geschundenen Person. Nevare ist ein Mensch, der auf gut 2000 Seiten leidet. Zunächst unter der Bevormundung durch seinen despotischen Vater, dann durch den Nomadenkrieger, der ihn brechen soll, um sein Inneres stärker zu machen. Die Zeit an der Akademie, seine platzende Verlobung, die Seuche und seine anschließende Verbannung, die Aufspaltung seines Ichs in den Spek-Schamenen – kaum ein Erzähler Hobbs hat wohl derartig viel zu ertragen wie Nevare. Das ist ein Mensch, der für jede Sekunde des Glücks mit Monaten der Verzweiflung und des Leidens bezahlen muss. Über dieses Leiden aber reift er zu der Persönlichkeit, die letztlich ausschlaggebend die Handlung zu einem befriedigenden Finale bringt. Das ist ein Charakter, von dem wir im Verlauf der Bücher wirklich jede Fassade kennengelernt haben, den wir ebenso oft für seine Dummheit und Schwäche verachtet haben, wie wir seinen Mut bewunderten.

Das macht die durch das langsame Tempo, das die Autorin anschlägt, schon manchmal etwas langwierige, ja stellenweise zähe Lektüre nicht einfacher, weckt aber gleichzeitig die Bewunderung ob des runden Bildes, das die Autorin entwickelt. Nevare ist kein Fitz, soll es auch gar nicht sein. Nevare ist ein zutiefst human gezeichneter Mensch, dessen Handlung fremdbestimmt werden, der an seinem Schicksal verzweifelt und sich doch immer wieder aufrappelt – schlicht eine beeindruckend intensiv gezeichnete Gestalt in einem selten glaubwürdigen Umfeld.

 

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