Das gläserne Tor von Sabine Wassermann

Buchvorstellungund Rezension

Das gläserne Tor von Sabine Wassermann

Originalausgabe erschienen 2008, 688 Seiten.ISBN 3-453-52339-3.

»Das gläserne Tor« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

In Kürze:

Es geschehen seltsame Dinge am Ausgrabungsort des jungen Berliner Archäologen Friedrich. Nicht datierbare Schmuckstücke tauchen auf, und eines Nachts stößt seine Verlobte Gracia auf einen dunklen Fremden, der vor ihren Augen im Wasser verschwindet. Wenig später zieht es auch Gracia in den See, doch sie findet sich nicht am Grund des Sees wieder, sondern in einer fremden Welt voller Magie, Zauber und Gefahr. Während Friedrich in Berlin verzweifelt nach Gracia sucht, wird sie von Kriegern gefangen genommen und vor deren despotischen Herrscher geführt. Als ihr ein mysteriöser Sklave zur Flucht verhilft, beginnt für die junge Frau das Abenteuer ihres Lebens …

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Die züchtige Frau aus guten Verhältnissen und der Barbar“;60

Fantasy-Rezension von Carsten Kuhr

Im wilhelminischen Berlin des Jahres 1895 grassiert das Archäologie-Fieber. Nachdem Schliemann Troja aufgefunden hat, wurde nun auf der Pfaueninsel in der Havel ein vermutlich skytisches Grab entdeckt. Doch der Grabschmuck weist eine höchst ungewöhnliche Ausformung auf. Als Grazia, die junge Verlobte des Ausgrabungsleiters aus gut bürgerlichem Hause, die Ausgrabungsstätte besucht, geschieht gar Wunderliches. Tief unter dem Wasserspiegel der Havel taucht ein Licht auf, dann treibt ein nackter Mann unter Wasser. Kein Wunder, dass sie das Gleichgewicht verliert und vom Steg ins Wasser gleitet. Die vermeintliche Wasserleiche rettet sie nicht nur, der nackte Mann küsst sie, ja füllt ihren ganzen Körper mit Wasser. Kurz darauf vernimmt sie in ihrem Geist Worte der Entschuldigung. Das können doch nur Phantasien sein, und wie es sich für ein behütet aufgewachsenes, anständiges Mädchen gehört, fällt sie in Ohnmacht.

Ein innerer Zwang aber treibt sie kurz danach, entgegen der strengen Anweisung ihres Verlobten, erneut zur Ausgrabungsstätte. Als Friedrich, ihr Verlobter, sie entdeckt, gerät sie in Panik und stürzt erneut in den Fluss. Diesmal aber erwacht sie nicht behütet in ihrem Bett, sondern kommt in einer Wüste zu sich. Unzivilisierte Wilde nehmen sich ihrer an. Nur zu bald merkt sie, dass sie weit vom Deutschen Kaiserreich entfernt sein muss. Das ist bestimmt nicht Deutsch-Ostafrika, dazu ist das Verhalten der Menschen zu merkwürdig, zumal sie solch merkwürdige, große Tiere noch in keinem Lehrbuch gesehen hat. Als am Himmel zwei Monde auftauchen, wird ihr bewusst, wie weit weg von zu Hause sie sich befindet.

Anschar, ein Gefangener der Nomaden, lehrt sie die Sprache. Gemeinsam gelingt es den beiden auf die Hochebene Argad zu fliehen. Hier aber trennt das Schicksal zunächst die einstigen Verbündeten. Anschar, der als Sklave der Willkür seines Herren hilflos ausgeliefert ist, muss aufgrund einer verlorenen Wette in die Dienste des despotischen Bruders des Herrschers treten, Grazia entdeckt eine ganz andere Welt für sich. Statt verklemmter Moralvorstellungen und Fischgrätenkorsetts laufen die Menschen hier fast unbekleidet herum, Gewalt ist ebenso alltäglich wie das öffentliche Züchtigen von Sklaven und blutige Rituale.

Seit Jahrzehnten bedroht eine zunehmende Trockenheit die Zivilisation. Der Gott des Wassers, so heißt es, wurde gefangen gesetzt. Um so erstaunter sind die Herrscher, aber auch Grazia, als sie erkennen, dass das Mädchen aus der fremden Welt die Gabe hat, aus sich selbst köstliches Wasser zu schaffen und Becher wie Teiche mit dem so kostbaren Nass zu füllen. Nur zu bald entflammt ein erbitterter Wettstreit um die Gunst Grazias, die eigentlich nur eines will – zurück nach Hause. Davor aber hat ein Gott seine Befreiung und Amor seinen Pfeil gesetzt …

Der Kulturschock einer züchtigen Dame – Fantasy für Frauen mit einem Schwerpunkt auf große Gefühle

Nach dem Klappentext war ich der Überzeugung endlich einmal einen phantastischen Roman zu lesen zu bekommen, der in einer deutschen Metropole angesiedelt ist. Nach den unzähligen Werken, die im viktorianischen London spielen, hoffte ich, dass sich endlich mehr Autoren literarisch unserer deutschen Hauptstadt annehmen würden – und sah mich getäuscht. Berlin zu Ende des 19. Jahrhunderts ist bei all dem Potential, das dieses Setting bieten würde, nur der kurz abgehandelte Ausgangspunkt für eine Fantasy-Handlung, wie sie uns in ihren Grundzügen altbekannt ist.

Eine Heldin gelangt in eine fremde Welt, um dort mittels ihr übertragenen magischen Kräften ihre Queste zu erfüllen – so kurz und prägnant könnte man die Handlung zusammenfassen, wenn Sabine Wassermann aus dem altbackenen Stoff nicht mehr gemacht hätte.

Einfühlsam und überzeugend schildert sie den Unglauben ihrer Protagonistin angesichts der Versetzung in eine fremde Welt, ihre Konsternierung angesichts total anderer Moralvorstellungen. In einer Gesellschaft aufgewachsen, in der der Anblick eines bestrumpften Knöchels höchst verwerflich war, in der Etikette und strenge Moral selbst im Umgang von Ehepaaren miteinander an der Tagesordnung war, hat sie durchaus nachvollziehbar ihre Probleme mit dem offenen Umgang der Menschen mit Nacktheit und Sexualität.

Hierzu gesellt sich ein zartes Pflänzchen der Romantik. Sie, die in Berlin an einen aufstrebenden, respektablen Forscher verkuppelt wurde, den sie vorab gerade ein-, zweimal überhaupt gesehen hat, entdeckt Gefühle in sich. Da wurde ihr von ihrer Mutter immer gepredigt, dass sich die Liebe erst im Lauf der Beziehung erarbeitet werden müsse, dass es auf wirtschaftliche Absicherung, auf Karrierechancen ankomme, und dann erblüht da in ihr ein zartes Pflänzchen. Mit viel Einfühlungsvermögen hat die Autorin, die in ihren diversen historischen Romanen bereits Meriten sammeln konnte, diese Entwicklung festgehalten. Das ist in seiner Ausgestaltung ganz eindeutig Frauen-Fantasy, ohne dass ich dies jetzt negativ meinen würde. Es geht viel um Gefühle, um Entwicklungen, die vorhandenen Kampfszenen treten eher in den Hintergrund.

Ihre Welt selbst bleibt bis weit über die Hälfte des Romans hinaus recht unklar. Die Autorin beschreibt uns ein Land, das geprägt ist vom Wassermangel, dessen Bewohner, so unterschiedlich die Völker auch sind, im tagtäglichen Kampf ums Überleben, um das notwenige Nass kaum Zeit finden, große kulturelle Errungenschaften zu machen. Das bleibt in seiner Ausgestaltung oft zu sehr an der Oberfläche. Ich hätte hier gerne mehr über die Hintergründe, die Entwicklungen, die immer wieder angedeutet werden, erfahren.

Im furiosen Finale spielt Wassermann nochmals mit der Erwartungshaltung ihrer Leser, öffnet sich der Möglichkeit einer Fortsetzung. Alles in allem ein gelungener Roman für Leser-innen von Sara Douglass, Marion Zimmer-Bradley oder Jennifer Fallon, der Potential offenbart, der aber in Details noch zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Ihre Meinung zu »Sabine Wassermann: Das gläserne Tor«

Zabou1964 zu »Sabine Wassermann: Das gläserne Tor«30.05.2009
Das gläserne Tor ist der erste Ausflug in das Genre Fantasy von Sabine Wassermann, die bisher für historische Romane bekannt war. Der Roman ist nicht das übliche Fantasy-Einerlei mit Elfen, Drachen und Dämonen. Die Autorin hat eine Welt erdacht, die bis auf die Riesenechse Schamindar in der Vergangenheit wirklich so existiert haben könnte.

Grazia, behütetes Gelehrtentöchterchen in Preußen Ende des 19. Jahrhunderts, begegnet bei einem Spaziergang an der Havel einem Mann, der im Wasser in einem seltsamen Licht verschwindet. Sie fällt selbst in den Fluss und kommt in einer Wüste wieder zum Vorschein. Dort trifft sie auf den Krieger Anschar, mit dem sie gemeinsam die Wüste durchquert um in seine Heimatstadt Argadye zu gelangen.
Anschar ist einer der zehn besten Krieger des Landes und wurde von seinem Herrn, dem König Madyur, an dessen Bruder bei einer Wette verloren. Fortan muss der stolze Krieger unter der Herrschaft des brutalen Mallayur leben und ihm dienen.

Grazia sehnt sich nach Anschar und will ihm helfen. Beide Herrscher haben Interesse, sie in ihre Gewalt zu bringen, da sie nach der Begegnung mit dem Mann an der Havel die besondere Gabe besitzt, aus ihrem Körper Wasser fließen lassen zu können. Gleichzeitig plagt die junge Frau aber das Heimweh und sie sucht den Weg zurück in ihre Welt. Bis sie den findet, haben Grazia und Anschar einige Abenteuer zu überstehen und die Liebe kommt dabei auch nicht zu kurz.

Sehr detailliert beschreibt die Autorin Personen, Orte und Handlungen. Dies ermöglichte es mir, in meinem Kopf ein genaues Bild entstehen zu lassen. Leider verursachen diese Beschreibungen aber auch einige Längen in der ansonsten spannenden Geschichte.

Grazia ist zu Anfang des Romans ein etwas zickiges und zimperliches Mädchen, das sich immer nur hilfesuchend an den starken Anschar klammert. Ihre ständige Besorgnis, dass ein Mann auch nur einen kurzen Blick auf ein winziges Stückchen ihres Beines werfen könnte oder das dauernde Gehabe mit ihrem Korsett, fand ich stellenweise etwas nervig. Jedoch entwickelt sich die Figur im Laufe des Romans zu einer selbstbewussten jungen Frau, die mir immer besser gefallen hat.

Anschar ist ein stolzer und starker Krieger. Aber in der Geschichte werden sehr schön auch seine schwachen Seiten gezeigt. Er bricht oft, wie alle Argaden, aus geringem Anlass in Tränen aus und trauert sehr intensiv um einen alten Sklaven, der ihm wie ein Vater war.

Aber nicht nur die Haupt- sondern auch die Nebenfiguren sind gut ausgearbeitet, so dass ich mir von allen Protagonisten ein gutes Bild machen konnte.

Durch die Begegnung von Grazia und Anschar prallen zwei unterschiedlichen Welten aufeinander. Dadurch entstehen viele lustige Situationen. So sorgt z.B. das Korsett für einige Verwirrungen bei Anschar und seinen Landsleuten. Die Sitten und Gebräuche in der Fantasiewelt verwirren wiederum Grazia zutiefst.

Das Trade-Paperback ist mit 683 Seiten sehr umfangreich. Am Anfang des Buches gibt es zwei Landkarten und eine Skizze der „Schwebenden Stadt“, die den Übergang von der Wüste zur Hochebene bildet. Was ich allerdings schmerzlich vermisst habe, war ein Glossar. Das ist für mich bei einem Fantasy-Roman mit vielen exotischen Namen ein absolutes Muss. Da hat der Verlag leider an der falschen Stelle gespart.

Das Ende des Buches lässt auf eine Fortsetzung der Geschichte hoffen. Ich wünsche mir sehr, Grazia und Anschar bei einem weiteren Abenteuer begleiten zu dürfen.

Der zweite Teil ist übrigens im Mai 2009 bei Heyne erschienen und heißt "Die eiserne Welt".
Claudia Hagedorn zu »Sabine Wassermann: Das gläserne Tor«10.02.2008
Was ein herrliches Buch, was ein wunderbarer Schreibstil, meine Entdeckung des Jahres 2008 – es ist zwar noch nicht so alt, das Jahr, aber das hier wird sicher eines der Highlights.

Zur Handlung: Grazia ist eine ganz normale, prüde, etwas steife junge Dame im Berlin des Jahres 1895. Die ausgehende Kaiserzeit wird herrlich geschildert, die Abhängigkeit von den Eltern, der Vater ein Philologe, er hat Grazias Interessen an der Wissenschaft schon früh geweckt. Grazia nun hofft, an der Seite ihres Verlobten Friedrich, ein wenig mehr in diese Wissenschaften abtauchen zu können, denn Friedrich ist Archäologe.

Als Friedrich dann auf der Pfaueninsel ein altes Grab mit gänzlich unbekanntem Schmuck findet, ist Grazia gleich Feuer und Flamme – was Friedrich jedoch nicht gefällt, er stellt sich seine Frau eher als Heimchen am Herd vor… Schmollend steht Grazia an der Havel und bemerkt auf einmal ein merkwürdiges Licht im Fluss… was dann passiert, wie Grazia in eine gänzlich andere Welt kommt und was sie dort erlebt, welche Fähigkeiten sie entwickelt und was sie damit zu tun fähig ist, das solltet Ihr lieber selbst lesen – es ist hinreißend, fantastisch, begeisternd….

Sabine Wassermann ist hier in meinen Augen ein großer Wurf gelungen, ein echter Pageturner, den ich fast schon an einem Tag durchgelesen habe, wenn ich abends nicht so müde gewesen wäre. Die Charaktere entwickeln sich, es passiert laufend etwas Unerwartetes, die ganze Geschichte ist so was von spannend, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte.

Ein Nachfolger erscheint im April 2008. Man, was bin ich jetzt schon gespannt…

Mein Prädikat. Das war spitze!!!
Ihr Kommentar zu Das gläserne Tor

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.