Steffen Janssen: Diabolos von Steffen Janssen

Buchvorstellungund Rezension

Steffen Janssen: Diabolos von Steffen Janssen

Originalausgabe erschienen 2013, 392 Seiten.ISBN 3943408124.

»Steffen Janssen: Diabolos« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Das meint Phantastik-Couch.de: „Überzeugende Beiträge mit Ideen und Stimmung“80

Horror-Rezension von Carsten Kuhr

Selten sind sie geworden, die Sammlungen, in denen Autoren der pointierten kurzen Geschichte ihre Referenz erweisen. Die Großverlage haben schon lange die Flügel gestreckt, zu verheerend waren die Verkaufszahlen der wenigen Versuche in diese Richtung. Eine Zeitlang hielten die rührigen Kleinverlage die Fahne hoch, doch auch hier zeigen sich Einbrüche. Nichts desto trotz gibt es noch einige wenige Verleger, die das finanzielle Risiko eingehen und aufstrebenden wie arrivierten Autoren Platz zur Verfügung stellen, ihre Kurzgeschichten einem breiten Publikum zu präsentieren.

Der Luzifer-Verlag startete vor mittlerweile drei Jahren sein Programm mit einer Anthologie – „Styx, Fluss der Toten“ hieß die Anthologie, in der sich die Geschichten um die Grenze zum Hades rankten. Mittlerweile hat der Verlag von Verleger Steffen Janssen eine ganze Reihe weiterer, oft hoch gelobter Bücher vorgelegt und Voodoo und Festa kräftig Konkurrenz gemacht.

Das neueste Werk ist wiederum eine Anthologie mit „Geschichten für Hartgesottene ab 16 Jahren“, wie der Waschzettel zu berichten weiß. Dem Hinweis „ab 16 Jahre“ könnte man entnehmen, dass es nicht immer klinisch rein zugeht, dass Schrecken und Terror auf die Leser wartet. Doch dem ist nicht so. Plakative Gewaltschilderungen, extensive erotische Beschreibungen sucht man hier vergebens. Statt dessen versuchen die Autoren recht erfolgreich, ihre Leser mit Ideen und Stimmung an die Seiten zu bannen.

Äußerlich als großformatiges Paperback in Klappbroschur und aus stabilem Karton gefertigt, liegt das Buch gut in der Hand. Dreizehn Beiträge, teilweise mit einer Originalillustration versehen, erwarten den Leser, in denen bekannte wie unbekannte Autoren ihre Ideen, Erzählungen und Novellen dem Publikum vorstellen. Dass sich unter den Verfassern viele Hausautoren des Luzifer-Verlags tummeln (Michael Dissieux ist als einziger mit zwei Beiträgen vertreten) sei erwähnt, aber nicht weiter wichtig. Wichtig ist statt dessen, dass die Beiträge inhaltlich wie handwerklich zu überzeugen wissen. Und das tun sie.

Den Auftakt macht Vincent Voss mit „Eine kurze Geschichte über den Tod und Untod“, der gut als Blaupause für einen neuen Film von Quentin Tarrantino dienen könnte. Wir begegnen einer Mutter, die zunächst ihre Tochter, dann den Ehemann mit einem Beil erschlägt und das gemeinsame Haus in Flammen setzt. Erst auf dem Weg ins Krematorium erhaschen wir einen ersten Blick auf das, was sie zu ihrer Tat verleitet hat – etwas, das so schrecklich ist, dass ihr die Morde wie der eigene Tod wie eine Erlösung vorkommen ...
Zaghaft, fast unmerklich kippt die zunächst ganz nüchtern gehaltene Erzählung aus der Realität ins Phantastische. Das überraschende, die Taten erläuternde Finale setzt einen würdigen Schlußpunkt zu einem gelungen Auftakt.

C. J. Walkins „Abyssus abyssum incovat“ist eine sehr kurze, stakkatoartig erzählte Zombie-Geschichte, deren Pointe den Leser unvorbereitet dafür um so heftiger trifft.

Mit Arthur Gordon Wolfs „Tal der Toten“ folgt dann eine Novelle, die uns nach Kreta führt. Mit scharfem Blick für die Nickligkeiten einer zu Ende gehenden Beziehung beschreibt der Autor ein amerikanisches Paar, das als letzten Rettungsversuch ihrer Ehe einen gemeinsamen Bildungsurlaub im der Heimat der Minoer verbringt. Satt Fly & Drive steht aber eher Zank und das Pflegen der verletzten Eitelkeiten auf dem Programm – bis die beiden einer scheinbar verlassenen Ziegenherde folgend die Bekanntschaft einer fast vergessenen Göttin und deren Jünger machen...
Gerade die Beschreibung des sich trennenden Paares auf der einen, der realen Seite und demgegenüber dann der Einbruch des Übernatürlichen in Form der Göttin machen die Novelle lesenswert.

Es folgt Dirk Alt mit seinem Beitrag „Die Verschwörung“, in dem er uns einen Studenten vorstellt, der nicht weiß, ob er langsam aber sicher verrückt wird oder von Robotern, die ihn umgeben, ausspioniert wird. Um herauszufinden, was Realität, was Einbildung ist, so seine Überzeugung, muss er einen der Roboter von innen untersuchen – der Kopf seiner Freundin scheint dafür bestens geeignet zu sein ...
Alts Geschichte blieb für meinen Geschmack zu sehr an der Oberfläche – von der Angst ja Verzweiflung, die unser Stuidosus eigentlich verspüren müsste, ist wenig zu bemerken, seine Handlung daher nicht ganz nachvollziehbar.

Mit Thomas Backus´ „Penner“ folgt dann ein Beitrag, der den Leser mehr in die Geschichte, besser gesagt in den Protagonisten zieht. Ein Mann verliert alles, was ihn einst ausgemacht hat. Er und seine Frau hatten nie viel, doch zumindest einander. Nach dem Rausschmiss erwartet ihn das harte Los der Straße. Seine erste Nacht im Kreis der Penner öffnet ihm die Augen – nicht nur, über die Güte, das Miteinander, das unter den Obdachlosen herrscht, auch, dass die Gesellschaft sie zur Jagd freigegeben hat – die Wölfe warten schon hungrig ...
Ein Beitrag, der uns die oft verdrängte Realität derer, die durch das sich ständig weiter öffnende soziale Netz fallen, die zu wenig Ellenbogen ihr eigen nennen und nicht skrupellos ihre Weg gehen, in schonungsloser Offenheit klar macht. Auch wenn das übernatürliche Element vage bleibt, ja kaum von Bedeutung ist, hat mich diese Geschichte betroffen gemacht – und das tun nur wirklich gute Stories.

Michael Dissieux führt uns in „Der Fluch der Hexe“ in eine kleine Ortschaft außerhalb Londons. Vor Jahrhunderten hatten die Bewohner eine alte Frau als vermeintliche Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt – nun sterben alle 34 Jahre Kinder, es wird von einem Fluch gemunkelt. Grund genug für einen Autor des Übersinnlichen, der Gemeinde einen Besuch abzustatten – doch seine Recherche erweist sich als zu erfolgreich ...
Stilistisch beeindruckend erzählt uns der Starautor des Luzifer-Verlages eine stimmungsvolle Hexengeschichte, die sich an alten englischen Vorbildern orientiert und den Leser mit seinem Finale schockiert.

Den Inhalt von Achperosch „Die weiße Stunde“ zusammenzufassen fällt mir, ehrlich gesagt, schwer. Vordergründig geht es um ein Paar, das sich auseinanderlebt. Zusammen betreiben sie eine Werbeagentur, der Auftrag eines großen Konzerns führt ihn in die Stadt, wo er in einem kleinen Gässchen auf ein Uhren-Privatmuseum stößt. In diesem lernt er eine Frau, eine Führerin kennen, die zu seiner Obsession wird – und die ihn die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes vergessen lässt ..
Stilistisch ansprechend erzählt der Autor einfühlsam von der Vereinsamung, der Entfremdung des Mannes aus und in seiner Beziehung und der Obsession zu der unbekannten Führerin durch die Zeit. Dabei verbirgt sich in der Erzählung quasi in zweiter Reihe eine surrealistisch anmutende Geschichte in der die Zeit dehnbar ist, in der sie unwichtig, ja zeitlos wird – keine einfache Geschichte, die sich dem Leser nicht einfach erschließt.

In Torsten Scheibs „Wie die Lemminge“ begegnet uns ein Handelsreisender. Der Vertreter kommt mitten in der Nacht zu einer Raststätte, die bekannt dafür ist, dass Selbstmörder, die in unmittelbarer Nähe zu ihrem letzten Sprung 200 Meter in die Tiefe antreten, hier Rast machen. Als er die Raststätte betritt, trifft er auf eine ganze Anzahl Kollegen, die alle aus demselben Grund hergekommen sind ...
Eine kurze, pointierte Strory, die ganz von dem Aha-Erlebnis am Schluss lebt.

Gefolgt wird dieser kurze Beitrag von Ann-Helena Schlüters „Gegangen“ – einer surrealistischen Vision von einer Unterhaltung mit Gott, der einem Menschen nicht nur die Schmerzen, sondern die Angst nehmen möchte.

Herbert Blaser erzählt uns in „Nachtbesuch“ von einem Inkubus, einem Toggeli, der nach einem neuen Wirt sucht – auch wenn die Seele seines Opfers an seinen Platz treten muss ..
Erneut eine sehr kurze, pointierte Story, in der das Finale den Text bestimmt.

Im zweiten Beitrag von Michael Dissieux. „Das dunkle Vermächtnis“ genannt, kehrt der Autor nach Arc´s Hill zurück. Ein Mann kehrt in seine Heimat zurück, um sein Erbe anzutreten. Als Kind hat er das alte Haus ohne Elektrizität geliebt, dann hat die Furcht vor dem Großvater ihn vertrieben. Seit sein Vater hier seinen Ruhestand verbrachte, hat er den Kontakt einreißen lassen. Nun soll er sein Erbe antreten – hinter einer verschlossenen Tür findet er das Tagebuch seines Opas, das darauf hinweist, dass das Haus ein Tor beherbergt – ein Tor zur Stadt der Toten ..
Nach der Aufarbeitung einer klassischen Hexengeschichte erwartet nun das verfluchte Haus den Leser. Allerdings hat der Autor das Thema ein wenig abgewandelt, verbindet das alte Holzhaus mit wandelnden Leichen und einer morbiden Stimmung, die ein wenig an Lovecraft erinnert.

C. J Walkin widmet sich dann in „Without Innocence – The Cross is only Iron“ der Oper, besser gesagt dem Pariser Opernhaus, in dem SIE auftritt, eine begnadete, was sage ich eine bezaubernde Sängerin, die ihr Publikum im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert. Der Bischof hegt eine Obsession für die Sängerin, eine Beziehung die einen kirchlichen Dämonenjäger auf den Plan ruft ...
Gargoyles, die Gänge unterhalb der Paris Oper, dazu Dämonenjäger und kirchliche Würdenträger – die Versatzstücke sind bekannt, die Zusammensetzung aber wirkt frisch und spannend, die Umsetzung ansprechend.

Den Abschluss bildet Rona Walters „Classico“, in dem wir einem etwas seltsamen englischen Journalisten begegnen. Er hegt eine Obsession für die Sezierung knuddeliger Lebewesen – seines es Kanarienvögel, Hunde oder kleine Mädchen. Bis er nach Argentinien geflohen selbst ins Visier von etwas gerät, das ihn süß und lieblich findet ...
Eine bitterböse Geschichte, die hervorragend erzählt mit einem befriedigenden Schluss endet.

(Carsten Kuhr, März 2013)

Ihre Meinung zu »Steffen Janssen: Diabolos«

Ihr Kommentar zu Steffen Janssen: Diabolos

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.